• Gebundenes Buch

Jetzt bewerten

Vor über einer Million Jahre begann eine Linie von Menschenaffen, ihre Jungen gemeinschaftlich aufzuziehen. "Mütter und Andere" erzählt, warum sich aus dieser neuen Form der Fürsorge nicht nur neue Formen sozialen Miteinanders entwickelten, sondern auch unsere Fähigkeit, Gedanken und Absichten der Menschen um uns "lesen" zu können.
Wie wäre es wohl, mit einer Horde Schimpansen in einem Flugzeug zu reisen? Die Passagiere würden in kürzester Zeit handgreiflich werden. Zwar fühlen auch wir Menschen uns in solcher Enge von einem schniefenden Sitznachbarn genervt, im Unterschied zu unseren
…mehr

Produktbeschreibung
Vor über einer Million Jahre begann eine Linie von Menschenaffen, ihre Jungen gemeinschaftlich aufzuziehen. "Mütter und Andere" erzählt, warum sich aus dieser neuen Form der Fürsorge nicht nur neue Formen sozialen Miteinanders entwickelten, sondern auch unsere Fähigkeit, Gedanken und Absichten der Menschen um uns "lesen" zu können.
Wie wäre es wohl, mit einer Horde Schimpansen in einem Flugzeug zu reisen? Die Passagiere würden in kürzester Zeit handgreiflich werden. Zwar fühlen auch wir Menschen uns in solcher Enge von einem schniefenden Sitznachbarn genervt, im Unterschied zu unseren evolutionsgeschichtlichen Vorfahren gehen wir den Störenfrieden jedoch nicht gleich an den Kragen. Warum und wie aber hat sich der Homo sapiens zu einem vergleichsweise umgänglichen" Wesen entwickelt, das in der Lage ist, sich in andere Menschen einzufühlen? Für Hrdy liegt der Ursprung unseres sozialen Verhaltens gerade nicht im Kampf gegen Konkurrenten, wie die klassische Anthropologie lange Zeit angenommen hat, sondern in gemeinschaftlicher Kindererziehung. Angesichts knapper Ressourcen waren steinzeitliche Eltern auf Hilfe anderer angewiesen. Um sich die Aufmerksamkeit und Fürsorge dieser sogenannten Allomütter zu sichern, entwickelten sich Menschenbabys zu wahren Stimmungsexperten, die Emotionen und Gesichtsausdrücke anderer meisterhaft deuten konnten. Daraus ergaben sich wiederum die einzigartigen menschlichen Fähigkeiten zur Empathie und zur Kooperation. Ohne diese wäre der atemberaubende kulturelleund technologische Fortschritt der Menschheit undenkbar gewesen. Hrdy liefert faszinierende Belege aus einem weiten Spektrum an Disziplinen, vor allem aus der Primatenforschung und aus ethnologischen Feldstudien an den letzten Jäger- und Sammler-Gesellschaften. Ihre Erkenntnisse berühren nicht bloß unser Selbstverständnis als Menschen, sondern werfen auch die Frage auf, was eigentlich passiert, wenn wir die evolutionäre Errungenschaft Empathie wieder verkümmern lassen.
  • Produktdetails
  • Verlag: Berlin Verlag
  • Seitenzahl: 544
  • Erscheinungstermin: 23. Februar 2010
  • Deutsch
  • Abmessung: 37mm x 145mm x 221mm
  • Gewicht: 722g
  • ISBN-13: 9783827008855
  • ISBN-10: 3827008859
  • Artikelnr.: 27882609
Autorenporträt
Blaffer Hrdy, Sarah
Sarah Blaffer Hrdy ist emeritierte Professorin für Anthropologie an der University of California und zählt zu den führenden Soziobiologen und Primatenforschern unserer Zeit. Sie ist Mitglied der amerikanischen National Academy of Sciences und veröffentlichte zahllose Beiträge in wissenschaftlichen Zeitschriften. Ihr bahnbrechendes Buch »Mutter Natur. Die weibliche Seite der Evolution« (2002) erhielt etliche Auszeichnungen, u. a. als »Wissenschaftsbuch des Jahres« Hrdy ist selbst Mutter von drei Kindern und betreibt mit ihrem Mann eine Walnussplantage in Nordkalifornien.
Rezensionen
"Bei der Erforschung von Mutterschaft kann niemand Sarah Hrdy das Wasser reichen" -- MARC D. HAUSER
Besprechung von 16.03.2010
So wichtig ist die Kleinfamilie nicht
Bei den Staffelschwanzküken leben oft vier Männchen mit einem Weibchen zusammen, dennoch werden die meisten Küken von Gruppenfremden gezeugt. Die Biologin Sarah Blaffer Hrdy weiß in ihrem Buch „Mütter und andere”, wie die Evolution uns zu sozialen Wesen gemacht hat Von Cord Riechelmann
Am Anfang war die Freundlichkeit. Zuerst mussten die Primaten, die unsere Vorfahren waren, das Miteinander entdecken, erst dann konnte das Gehirn auf unsere Größe in der Primatenreihe heranwachsen und der Mensch damit zur dominierenden Spezies auf der Welt werden.
Das ist die zentrale evolutionäre These, die Sarah Blaffer Hrdy in ihrem gerade auf Deutsch erschienenen Buch vertritt: „Mütter und andere. Wie die Evolution uns zu sozialen Wesen gemacht hat”. Freundlichkeit ist in diesem Fall aber kein einfacher Grüß-Klaus, der einem im Vorbeigehen zunickt. Freundlichkeit drückt sich in Blaffer Hrdys Geschichte durch die Hilfe von Müttern bei der Aufzucht von Neugeborenen aus. Die Kinder bilden dabei den sozialen Kitt. Um die Kinder herum spannen sich die sozialen Netze.
Wie bitte? Um Kinder und ihre Betreuer sollen sich die Fähigkeiten entfaltet haben, die Menschen zu der alle anderen beherrschenden Spezies gemacht haben? So hört man den strengen Soziobiologen genervt dazwischenfragen. Kinder gibt es doch überall, selbst bei Bären, und die fressen jedes andere Bärenkind, das ihnen über den Weg läuft, sofort und ohne Probleme auf. Männliche Bären sogar die von ihnen selbst gezeugten. Überlegenheit ist immer ein Schwert, und Überleben heißt, darauf zu achten, es nicht selbst zwischen die Rippen zu bekommen, sagt der Mann von der Kampf-ums- Dasein-Front.
Damit rennt der Mann bei Sarah Blaffer Hrdy allerdings offene Türen ein. Denn sie selbst war es, die einst die Soziobiologie in der Primatologie etablierte und den Paradigmenwechsel in der Interpretation von Kindstötungen (Infantiziden) in der eigenen Art einleitete. Hatte man Kindstötungen in der Folge von Konrad Lorenz’ Kindchenschema, das universell fürsorgliches und aggressionshemmendes Verhalten auslösen sollte, als Pathologien mit verschiedensten Ursachen interpretiert, so wurden sie bei Blaffer-Hrdy und anderen Soziobiologen als eine „vernünftige” Strategie männlicher Tiere gedeutet, Platz für die Möglichkeit zu schaffen, eigenen Nachwuchs zu zeugen.
Man muss nur Blaffer Hrdys erstes Buch „The Langurs of Abu” von 1977 aufschlagen, um die Radikalität, mit der sie damals ihre Thesen verfocht, zu sehen. Der Gegenstand des Buches sind die Infantizide, die in Folge von Wechseln eines Haremchefs zu seinem Nachfolger bei indischen Hanumanlanguren auftreten. Im Untertitel hieß das Werk „Female and Male Strategies of Reproduction”. Es ging also um Sex und Reproduktionsstrategien; und zur öffentlichen Beachtung des Buches hatte sicher beigetragen, dass Blaffer Hrdy auf dem Cover als Feministin angezeigt wurde. Hanumanlanguren, die in Indien heilig sind und eine festen Platz in der Hindu-Mythologie haben, waren von kolonialistischen britischen Naturalisten im 19. Jahrhundert wissenschaftlich mit dem Namen eines Boxers aus Vergils „Aeneis” – Entellus – benannt worden. Blaffer Hrdy fand das angemessen. Alle, die heroisch genug seien, ihr Buch zu Ende zu lesen, würden verstehen, warum es angemessen sei, Languren mit Kriegern zu identifizieren, schrieb sie 1977. Für sie befand sich der ganze Prozess der Natur in einem dauernden Konfliktzustand, denn es war die Zeit des genetischen Egoismus, nach dem jede noch so kleine genetische Differenz zwischen Individuen einen Konflikt in die Natur einführte, den es nun methodisch aufzuspüren galt.
Männer und Frauen hatten nicht die gleichen Interessen, der Geschlechterkampf war eine notwendige Konsequenz der Reproduktion, und im Ergebnis der Reproduktion, den Kindern, galt es diesen Egoismus besonders der Väter nachzuweisen. Es war die hohe der Vaterschaftstests in der Primatologie. Was das weiseste Gesetzbuch aller Zeiten, der Code Napoleon, wohlweislich verboten hatte, die Suche nach dem biologischen Vater, wurde jetzt von Hinz und Kunz an Katze und Maus durchgeführt. Mit Ergebnissen, die allerdings immer seltener den Erwartungen entsprachen: Was für Soziobiologen undenkbar schien – dass überhaupt nicht verwandte Helfer sich um Nachwuchs kümmerten –, das ist weiter verbreitet als bisher angenommen.
An dieser Stelle setzt Blaffer-Hrdys aktuelle Studie an. Sie nimmt darin nichts von ihren früheren Soziobiologie zurück, sie verschiebt nur ihre Objekte. Wo früher kriegerische Affenmänner und ihre tatsächlichen Vaterschaften standen, sind jetzt kleine südamerikanische Krallenaffen oder australische Prachtstaffelschwänze, kleine, insektenfressende Vögel. Die Vögel bilden Gruppen mit nur einem brütenden Weibchen und ein bis vier Männchen, die bei der Verteidigung des Reviers helfen und seine Küken beschützen und füttern. DNA-Vaterschaftstests australischer Ornithologen haben nun gezeigt, dass die große Mehrzahl (über 75 Prozent) der Staffelschwanzküken von Männchen außerhalb der Gruppe gezeugt worden waren. Man muss sich das gegenwärtig machen: Da lebt ein Weibchen mit vier Männchen zusammen, und die meisten Küken wurden von Männchen gezeugt, die nicht zu dieser Gruppe gehören. An der Qualität der Brutpflege ändert das gar nichts.
Das ist der radikale Ausgangspunkt von Blaffer-Hrdys Aussage in „Mütter und andere”: Hört auf, nach dem genetischen Vater und anderen Verwandtschaften zu suchen; schaut lieber auf die, die den Kindern wirklich helfen. Das ist bei ihr aber eine politische Kampfansage. Die Primatologie in den USA war seit ihrer Entstehung – die zeitlich und institutionell über den Psychologen Robert Yerkes, der als Berater der US Army wirkte, mit dem Eintritt der USA in den Ersten Weltkrieg zusammenfiel – nie nur eine Erzählung biologischer Fakten, sondern immer auch eine Interpretation der menschlichen Gesellschaft. In Amerika hat sich die Primatologie wie in keiner anderen Gesellschaft entfaltet und ist in ihrer Geschichte immer ein Spiegel gesellschaftlicher Tendenzen gewesen. Die Gegner ihrer Studie benennt Blaffer Hrdy im zentralen Kapitel ihres Buches, das „Auf der Suche nach der ‚wahren‘ Pleistozän-Familie” überschrieben ist. Es ist zuerst die sogenannte Kernfamilie. Selbst Wissenschaftler würden, so schreibt sie, monogame Kernfamilien als „biologische Phänomene” betrachten, die in „Organen und physiologischen Strukturen des Tieres Mensch wurzeln”. Für eine soziologische Struktur, die gerade mal etwas mehr als 100 Jahre alt sei, sei das eine erstaunliche Karriere. Studien hätten gezeigt, erklärte Präsident Bush im Jahr 2003, dass es ideal sei, wenn ein Kind in einer Familie mit einem Mann und einer Frau aufwachse, die miteinander verheiratet seien.
Statt Kinderbetreuungsprogramme zu finanzieren, wurden daher 1,6 Milliarden Dollar für Programme zur Eheförderung bereitgestellt, die Menschen beraten sollen, wie sie eine langfristige monogame Beziehung aufrechterhalten. Konkreter: In Kalifornien wird 2005 ein vierzehnjähriges Mädchen von einer christlichen Schule verwiesen, nicht weil sie etwas verbrochen hat, sondern weil ihre Eltern beide Frauen waren. Im selben Jahr lässt der Oberste Gerichtshof ein Gesetz des Bundesstaates Florida passieren, das die Adoption von Kindern durch zwei schwule Männer verbietet. Dagegen argumentiert Blaffer Hrdy, wenn sie die Geschichte der Betreuungssysteme von Tieren in ein Verhältnis zum Menschen setzt. In den USA werden eben auf der Bühne der Primaten die gesellschaftlichen Kämpfe ausgetragen, und man versteht die Tragweite der Argumentation besser, wenn man das im Auge behält. Blaffer Hrdy verwirft nämlich nicht nur die Kern- oder Kleinfamilie als optimales Betreuungssystem; sie greift auch die akademische Lehrpraxis von Universitäten wie Harvard an, an der sie selbst promoviert wurde. Was ihr insofern leicht fällt, als sie 1996 im Alter von fünfzig Jahren ihre akademische Karriere beendete, um mit ihrem Mann eine Walnussfarm zu gründen und als freie Autorin zu arbeiten.
Wissenschaftlich ungenau ist ihr Buch dadurch aber nicht geworden, wovon schon die 116 Seiten Fußnoten und Quellennachweise zeugen. Und naiv auch nicht. Die Autorin betont immer wieder, dass aggressiv-kriegerische Gesellschaften die friedfertigen in der direkten Auseinandersetzung verdrängen werden. Nur ist für sie die Entwicklung zur menschlichen Gesellschaft ohne ein Helfersystem nicht denkbar. Ein Helfersystem, das nicht auf Verwandtschaft und auch nicht auf einem beschützenden starken Vater basiert.
Für diese These sucht sie in der aktuellen Biologie wie Anthropologie nach Hinweisen, die sie etwa bei den südamerikanischen Liszt-, Löwen- und Weißbüschelaffen findet. Das sind kleine Affen, bei denen die Männchen der Gruppe die Neugeborenen weitaus länger und häufiger tragen als die Mütter, die die Babys meist nur zum Säugen übernehmen. Bei diesen Affen entdeckte man, das im Blut der Männchen vermehrt Prolaktin zirkuliert. Bis dahin galt Prolaktin als weibliches Hormon, das unter anderem den Milchfluss reguliert. Mittlerweile fand man ein ähnliches Phänomen bei Menschenmännern: Ihr Prolaktinspiegel stieg manchmal schon, wenn sie mit einer Hochschwangeren zusammenlebten. Das korrespondierte nicht selten mit einem abnehmenden Testosteronspiegel. Für Blaffer-Hrdy folgt daraus nicht weniger als die Feststellung, dass Gesellschaften, in denen sich die Männer auch um die Kinder kümmern, friedlicher sind als solche, in denen sie es nicht tun. Aus der Konkurrenzsoziobiologin ist eine Apologetin von Kooperation und hormoneller Plastizität in der Geschlechterkonstellation geworden. Eine Wandlung, die in diesem Buch argumentativ klar mit plastischen Beispielen plausibel gemacht wird.
Sarah Blaffer Hrdy
Mütter und andere. Wie die
Evolution uns zu sozialen Wesen
gemacht hat
Aus dem Englischen von Thorsten Schmidt. Berlin Verlag, Berlin 2010. 480 Seiten, 28 Euro.
In den USA ist die Erforschung der Primaten immer einer Bühne der gesellschaftlichen Kämpfe
Auch bei Menschenmännern steigt der Prolaktinspiegel, wenn sie mit Schwangeren leben
Lange hat man geglaubt, dass unser soziales Verhalten im Kampf wurzele oder den jagenden Vater voraussetze – das stimmt so wohl nicht. Soziale Wesen werden wir durch gemeinsame Kindererziehung. Foto: Regina Schmeken
SZdigital: Alle Rechte vorbehalten - Süddeutsche Zeitung GmbH, München
Jegliche Veröffentlichung exklusiv über www.sz-content.de
…mehr
Besprechung von 17.03.2010
Was wäre Mama ohne ihre Nanny?

Tagesmütter als evolutionärer Glücksfall: Zuerst kam die Fürsorge, dann die Intelligenz. Sarah Blaffer Hrdy fragt, wie wir zu sozialen Wesen wurden.

Von Joachim Müller-Jung

Über Mütter und ihre Kinder handelt dieses Buch, aber mehr noch über "die anderen". Denn die anderen, das sind die Großmütter, Schwestern und Großtanten, auch die unverwandten Tagesmütter, Kinderfrauen und Nannies, sie alle sind für Sarah Blaffer Hrdy die verkannten Helden der Menschheitsgeschichte. "Allomütter" nennt sie diese fremden Mütter, jene, die für das Kindeswohl nach ihrer Überzeugung mithin wichtiger sein können als das gelegentlich durchaus "ambivalente" klassische Mutter-Kind-Verhältnis.

Man spürt sofort, dass hier eine Autorin angetreten ist, an Konventionen und Klischees zu rütteln. Tatsächlich sind wir heute mehrheitlich immer noch so stark von der klassischen Bindungstheorie und dem Gedanken geprägt, der Mutterinstinkt bewirke die Erfüllung der Fürsorgepflichten quasi von selbst, dass mancher dieses Buch wirklich als Degradierung der Mutter in unserem sozialen Kosmos liest. Genau die Absicht darf man der Autorin jedoch nicht unterstellen. Die Mutter bleibt das Zentralgestirn der Familie, was spätestens dann klar wird, wenn es um die demographischen Entwicklungen der Neuzeit geht.

Vor etwas mehr als zehn Jahren, als sie ihr damals vielbeachtetes Buch "Mutter Natur. Die weibliche Seite der Evolution" veröffentlichte, hatte die kalifornische Anthropologin und Primatenforscherin, selbst Mutter von drei Kindern, die Idee entwickelt, dass der Mensch ähnlich wie viele Säugetier- und auch Vogelarten dazu übergegangen sein muss, seine Nachkommen kooperativ aufzuziehen. Hrdy war in den siebziger Jahren in Harvard tätig und damit im Dunstkreis prominenter Soziobiologen wie Robert Trivers und Edward O. Wilson. Ihre These von der kooperativen Jungenaufzucht war, so gesehen, keine Revolution. Doch das Postulat der Bindungstheoretiker und die Befunde der Primatenforscher waren erdrückend. Zwar hatte man bei der der Hälfte der Primaten Hilfsbereitschaft in der Jungenaufzucht finden können, aber bei keinem unserer nächsten Menschenaffenverwandten. Die meisten - auch die Soziobiologen - glaubten, die frühen Hominini würden ihre Kinder so großziehen wie unsere nächsten Verwandten.

Hrdy ließ sich von anderen Beobachtungen beeindrucken. Etwa den Studien der Anthropologen auf dem Ifaluk-Atoll und bei den Jäger-Sammler-Gemeinschaften in Tansania. Sie alle und ihre eigenen Freilandstudien an Languren-Affen brachten ein für sie eindeutiges Ergebnis: Überall dort, wo Großmütter, Tanten und hilfsbereite Frauen im Dorf ein soziales Klima der Sicherheit erzeugen, wo sie bei der Aufzucht mithelfen und wo die Mütter Unterstützung und Beistand erfahren, sind die Sprösslinge nicht nur besser ernährt und gesünder - ihre Überlebenschancen sind klar größer. Und die Väter? Ihnen gesteht die Autorin ein "in der DNA codiertes Fürsorgepotential" durchaus zu, doch der Mann war und ist für sie der Beschützer der Sippe, weniger der hingebungsvolle Ernährer und Erzieher. Kooperation und Kindeswohl kann für Hrdy unmöglich das Ergebnis von Konflikten und Kriegen gewesen sein, die frühe Homininigruppen zusammenschweißten, sondern von einem bereits bei Säuglingen angelegten Einfühlungsvermögen .

Dass soziale "Instinkte" das evolutionäre Schicksal des Menschen entscheidend gelenkt haben könnten und nicht etwa nur eine Art Nebenprodukt unserer kulturellen Entwicklung sind, hat Hrdy konsequent recherchiert. Sie hat Berge wissenschaftlicher Indizien angehäuft, von der Paläanthropologie bis zur Psychologie und Hirnforschung. Ihre umfassende Darstellung empirischer Befunde lässt wenig Raum für Erzählkunst. Was sich am Ende in einem fast schon erdrückenden, mehr als hundert Seiten starken Anhang mit Anmerkungen und Literaturverweisen niederschlägt. Für die Soziobiologin steht fest: Zuerst kam die Fürsorge, dann die Intelligenz. Mit anderen Worten: Lange bevor der anatomisch moderne Mensch überhaupt auftrat, vor Millionen Jahren also, waren die biologischen Grundlagen für Empathie und Kooperationsbereitschaft längst gelegt.

Was da aufleuchtet, ist wieder der alte Konflikt um Darwins Idee vom Überleben der Stärkeren. Anders als andere Autoren formuliert die kalifornische Soziobiologin in dieser Hinsicht allerdings vorsichtig. Sie glaubt, dass sich unsere soziale Intelligenz nicht gegen die natürliche Selektion ausgebreitet hat, sondern durch diese erst möglich wurde. Die Auslese der Altruisten war sozusagen unser großes Glück, sie brachte die Geburt der Großfamilien und den Erfolg der Gemeinschaft. Was daraus freilich werden wird in unserem heutigen Trend der Vereinzelung und digitalen Isolation, das stimmt auch die Autorin nicht unbedingt optimistisch.

Sarah Blaffer Hrdy: "Mütter und andere". Wie die Evolution uns zu sozialen Wesen gemacht hat. Aus dem Amerikanischen von Thorsten Schmidt. Berlin Verlag, Berlin 2010. 537 S., br., 28,- [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
…mehr

Perlentaucher-Notiz zur Süddeutsche Zeitung-Rezension

Rezensent Cord Riechelmann schätzt dieses Buch über die Evolution unseres sozialen Verhaltens, das die Anthropologin Sarah Blaffer Hrdy vorgelegt hat. Zustimmend äußert er sich über die Hauptthese der Autorin, wonach wir erst durch Kooperation, Freundlichkeit und gemeinsame Kindererziehung zu sozialen Wesen und zur dominierenden Spezies auf der Erde wurden. Hrdy führt für ihn anhand von zahlreichen Hinweisen aus Biologie und Anthropologie vor Augen, dass die Entwicklung zur menschlichen Gesellschaft ohne ein Helfersystem nicht denkbar ist. Das Buch hat für ihn auch eine politische Dimension, insofern als die Erforschung der Primaten in den USA seit jeher nicht nur eine Erzählung biologischer Fakten darstellt, sondern immer auch auf eine Interpretation der menschlichen Gesellschaft hinausläuft. So setze Hdry die Geschichte des Betreuungssystems von Tieren zu dem von Menschen in Beziehung, um die Ansicht zu erschüttern, die klassische Kleinfamilie sei quasi von Natur aus das optimale Betreuungssystem für Kinder. Riechelmann konstatiert bei Hrdy im Vergleich zu früheren Arbeiten eine Wandlung von der Konkurrenzsoziobiologin zu einer "Apologetin von Kooperation". Diese Wandlung findet er im vorliegenden Buch "argumentativ klar mit plastischen Beispielen plausibel gemacht".

© Perlentaucher Medien GmbH