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Im Sommer tummeln sich wohlhabende Städter auf dem Hochplateau an der polnisch-tschechischen Grenze. Im Winter fliehen die allermeisten Einwohner den windumtosten Ort. An den langen dunklen Tagen widmet sich Janina Duszejko der Astrologie und der Lyrik des von ihr verehrten William Blake. Man hält die ältere Dame für verschroben, wenn nicht gar für verrückt, auch weil sie die Gesellschaft von Tieren der von Menschen vorzieht. Dann gibt es einen Toten. Janinas Nachbar Bigfoot ist grausam erstickt: In seiner Kehle steckt der Knochen eines Rehs. Und es bleibt nicht bei einer Leiche. Janina…mehr

Produktbeschreibung
Im Sommer tummeln sich wohlhabende Städter auf dem Hochplateau an der polnisch-tschechischen Grenze. Im Winter fliehen die allermeisten Einwohner den windumtosten Ort. An den langen dunklen Tagen widmet sich Janina Duszejko der Astrologie und der Lyrik des von ihr verehrten William Blake. Man hält die ältere Dame für verschroben, wenn nicht gar für verrückt, auch weil sie die Gesellschaft von Tieren der von Menschen vorzieht. Dann gibt es einen Toten. Janinas Nachbar Bigfoot ist grausam erstickt: In seiner Kehle steckt der Knochen eines Rehs. Und es bleibt nicht bei einer Leiche. Janina ermittelt auf eigene Faust. Kriminalfall, philosophischer Essay, Fabel, literarisches Spiel - auf ebenso komische wie ergreifende Weise zeigen Olga Tokarczuk und ihre hinreißende Heldin, wie sehr es unserer Gesellschaft an Respekt mangelt, ob der Natur und den Tieren oder jenen Menschen gegenüber, die am Rande stehen.
  • Produktdetails
  • Verlag: Kampa Verlag
  • Seitenzahl: 306
  • Erscheinungstermin: Dezember 2019
  • Deutsch
  • Abmessung: 211mm x 135mm x 30mm
  • Gewicht: 444g
  • ISBN-13: 9783311100225
  • ISBN-10: 3311100220
  • Artikelnr.: 57897944
Autorenporträt
Tokarczuk, Olga
OLGA TOKARCZUK, 1962 im polnischen Sulechów geboren, studierte Psychologie in Warschau und lebt heute in Breslau. Ihr Werk (bislang neun Romane und drei Erzählbände) wurde in 37 Sprachen übersetzt. 2019 wurde sie mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet. Für »Die Jakobsbücher«, in Polen ein Bestseller, wurde sie 2015 (zum zweiten Mal in ihrer Laufbahn) mit dem wichtigsten polnischen Literaturpreis, dem Nike-Preis, geehrt und 2018 mit dem Jan-Michalski-Literaturpreis. Im selben Jahr gewann sie außerdem den Man Booker International Prize für »Unrast«. Zum Schreiben zieht Olga Tokarczuk sich in ein abgeschiedenes Berghäuschen an der polnisch-tschechischen Grenze zurück.
Rezensionen

Süddeutsche Zeitung - Rezension
Süddeutsche Zeitung | Besprechung von 16.12.2011

Die Botschaft der Drahtschlinge
Im polnischen Süden kann es sehr kalt sein: Olga Tokarczuks neuer Roman „Der Gesang der Fledermäuse“
Gegen Ende der Saison macht sich am großen Solinski-Stausee in den Beskiden Entspannung breit. Zwei Fährleute – so etwas wie polnische Hippies, die sich vor Jahrzehnten aus ihrem ersten Berufsleben verabschiedet haben; einer der beiden, der langhaarige, war Polizist – sitzen abends auf der Terrasse ihres Holzhauses mit ein paar ebenfalls etwas älteren Damen und philosophieren. Ob sie immer hier leben? Nein, in ein paar Wochen gehe es zurück, keine Touristen mehr. Wohin? Zu Frau und Kindern. Wo das? Eine vage Bewegung Richtung Norden. Und dann verbringen sie den Winter dort? Nein, meinen die beiden, wenn die Frauen es erlauben, soll es nach Griechenland gehen.
Der Schauplatz von Olga Tokarczuks neuem Roman „Der Gesang der Fledermäuse“ liegt ein paar hundert Kilometer westlich. Statt der ukrainischen ist die tschechische Grenze nah, doch die Atmosphäre im spärlich besiedelten Südpolen wirkt verwandt. Hier lebt, nicht erst seit der Wende, ein guter Teil derer, die sich mit der Konformität schwer tun. Literarisch ist diese Welt durch Andrzej Stasiuk und Olga Tokarczuk, die beiden bekanntesten polnischen Schriftsteller der mittleren Generation, geradezu klassisch verkörpert: der 1960 geborene Hüne Stasiuk abwechselnd feinsinnig poetisch und rau, die zwei Jahre jüngere, zierliche Tokarczuk oft verspielt, märchennah, in sich versponnen.
Olga Tokarczuks letzter, allseits gefeierter Roman „Unrast“ war auch eine spielerische Autobiographie, in Szene gesetzt aus der Sicht eines Kindes. Jetzt lässt die Autorin, die schon seit längerem in Nowa Ruda lebt, eine andere, dieser Region entsprechende Ich-Erzählerin das Wort ergreifen: „Mein Alter und auch mein Zustand erfordern es mittlerweile, dass ich mir vor dem Zubettgehen ordentlich die Füße wasche, für den Fall, dass ich in der Nacht von einem Krankenwagen abgeholt werden muss." So beginnt der Roman. Die Dame war in ihrem ersten Leben Brückenbauingenieurin, jetzt gibt sie einmal wöchentlich Volksschülern der Gegend Englisch-Unterricht, im Winter passt sie auf die Häuser derjenigen auf, die das Hochplateau am Ende des Sommers verlassen, um die „kalte und feuchte Luft“ zu vermeiden, „die uns jeden Winter wieder daran erinnert, dass die Welt nicht für den Menschen geschaffen ist (. . .).“
Deutlich wird Janina Duszejko von Olga Tokarczuk als weiblicher Sonderling vorgestellt. Sie schläft in einem leinenen Sommeranzug, den ein Professorenpaar, auf dessen Haus sie aufpasst, hinterlassen hat, und ihre Hauptinteressen sind der Dichter William Blake, Astrologie und Tiere. Letzteres macht sie in der Gegend nicht beliebt. Hier mag man Tiere, um sie zu schießen. Als Bigfoot, einer der beiden anderen ganzjährigen Einwohner des Ortes, an einem Rehknochen, der ihm im Hals stecken blieb, stirbt, hat Janina Mühe, Beileid zu heucheln: „aber auch ein abscheulicher Mensch wie dieser verdiente den Tod nicht. (. . .) Er wusste, womit man hier gut verdiente, was man wem verkaufen konnte. Pilze, Beeren, gestohlenes Holz, Unterzündholz, Drahtschlingen, die jährliche Rallye mit Geländewagen, die Jagd. Der Wald ernährte diesen Gnom. Er hätte also den Wald respektieren sollen, doch er tat es nicht.“
Olga Tokarczuk ist eine ausgezeichnete Menschenerfinderin, jeder einzelne Charakter prägt sich ein, ob es der Pfarrer ist – selber ein begeisterter Jäger, der sich den halben Magen wegoperieren ließ und jetzt eine leere Papierhaut hat – oder Dyzio, der leidenschaftslose Polizist, mit dem Janina William Blake übersetzt.
Das ist gesünder als die Jagd, denkt man sich nach einer Weile, denn Bigfoot ist nicht der einzige, der sterben muss. Es trifft auch den Kommissar, den Vorstand des Jagdvereins, den reichen Mafioso Wnetrzak. Und immer wieder scheinen Tiere dabei eine Rolle zu spielen. Um den Kommissar herum findet man Rehspuren, Wnetrzak wird Monate nach seinem Verschwinden in einer Drahtschlinge gefunden. Doch die einzige, die glaubt, dass die Tiere etwas mit den Morden zu tun haben, ist die schrullige Ich-Erzählerin selbst. Wiederholt schreibt sie an die Polizei, gibt Hinweise – und wird zunehmend als verrückt angesehen.
An „Unrast“ reicht „Der Gesang der Fledermäuse“ nicht ganz heran, es fehlt die existentielle Intensität des Zugriffs, aber wieder erzählt Tokarczuk eine ganz eigene Geschichte, und sie hat für ihren gelassen-verstiegenen Krimi, der innerhalb der üblichen Spannungsdramaturgie die verzögernden Elemente deutlich bevorzugt, eine originelle Form gefunden. Genauer betrachtet stellt sich Tokarczuk mit ihrer Literarisierung der Tierwelt auch nicht ins Abseits, sondern partizipiert auf ihre Weise an einem der interessanteren Trends der letzten Jahre. Spätestens seit J.M. Coetzee sich in seinen Elizabeth-Costello-Geschichten mit dem Verhältnis des Menschen zu Tieren auseinandergesetzt hat, ist es wieder in die Debatten zurückgekehrt.
Die Tier-Bücher von Jonathan Safran Foer und anderen Kritikern der Schlachthöfe sind aufrüttelnd moralisch gedacht. Tokarczuk gibt dem Thema einen ironischen Touch, indem sie ihre Ich-Erzählerin radikale Ansichten vertreten lässt, den Leser aber durch ihre Abseitigkeit doch für sich einnimmt. Geschickt hält sie ihr Publikum an der langen Leine. Weil immer wieder andere Dinge zur Sprache kommen, scheint es, als seien die Morde nicht wirklich wichtig, aber das hat, wie man gegen Ende sieht, einen besonderen Grund: Janina Duszejko selbst, in deren Bewusstsein sich der Leser befindet, ist es, die tötet. Tiere wie Menschen sind „Lebewesen“, und wenn der Mensch die Tiere mordet, verdient er nichts Besseres.
Man kann sich darüber entrüsten, dass hier eine Mörderin von innen gezeigt wird und straffrei davon kommt, dass sie Tiere so hoch schätzt wie Menschen, aber es wird wenig nützen. Lieber bewundere man Tokarczuks bilderreiche Sprache, ihre Einfälle, Abschweifungen, amüsiere sich über die astrologischen Ideen, so kommt man dem Buch etwas näher. Sehr schön ist die Geschichte der Annäherung zwischen Janina und Boros, dem Scharlachkäferspezialisten, der gerade in der Gegend ist und bei Janina übernachtet: „,Schläfst du?’ fragte er. – ‚Bist du religiös?’ Einmal musste ich ihm diese Frage stellen. ‚Ja’, sagte er stolz, ‚ich bin Atheist.’ Das klang interessant. Ich hob die Decke und bat ihn zu mir ins Bett, aber da ich weder rührselig noch sentimental bin, werde ich mich nicht weiter darüber auslassen.“
HANS-PETER KUNISCH
OLGA TOKARCZUK: Der Gesang der Fledermäuse. Roman. Aus dem Polnischen von Doreen Daume. Verlag Schöffling & Co., Frankfurt am Main. 352 Seiten, 22,95 Euro.
In diesem Roman ist es
gefährlich, wenn man den Wald
und die Tiere nicht respektiert
Oft werden Eigenbrötler vom Adjektiv „harmlos“ begleitet. Die polnische Schriftstellerin Olga Tokarczuk (links) hat in ihrem neuen Roman eine Eigenbrötlerin erfunden, auf die das ganz und gar nicht zutrifft.
Foto: Lebrecht Music Collection/Interfoto
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Eine Dienstleistung der DIZ München GmbH
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Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 23.12.2011

Lenke deinen Wagen über die Gebeine der Toten

Von den erbarmungslosen Ritualen der Jagd: "Der Gesang der Fledermäuse" von Olga Tokarczuk ist Tierschützerroman, Krimi und scharfe Zivilisationskritik in einem.

Das Zusammenspiel zwischen Mensch und Natur war für die polnische Autorin Olga Tokarczuk schon immer ein wichtiges Thema. Sie hat es in ihren früheren Romanen bewiesen, aber auch in ihrem schmalen, weniger bekannten Buch "Anna In in den Katakomben", das vor vier Jahren in einer kleinen Reihe über Mythen erschien. Es erzählt die Geschichte der Göttin Inanna, deren Name für die Fruchtbarkeit der Natur und somit für den Ursprung des Lebens steht.

Auch Tokarczuks neueste Figur, die Ich-Erzählerin Janina Duszejko, ist jemand, dem die Natur sehr am Herzen liegt. Ansonsten ist sie eine unauffällige Person, auf den ersten Blick zumindest: Eine ältere, alleinstehende Frau, die früher als Brückenbauingenieurin gearbeitet hat und heute in einem kleinen niederschlesischen Dorf ein unkompliziertes Leben führt. Ihren Beruf hat sie längst an den Nagel gehängt, mit dem Englischunterricht für die Dorfkinder und der winterlichen Betreuung benachbarter Sommerhäuser hat sie aber genug zu tun. Manchmal fühlt sie sich ein wenig einsam, denn "Menschen in meinem Alter haben keine Orte mehr, die sie einmal geliebt haben und wo sie hingehörten".

Dieses Gefühl der Entwurzelung resultiert aber nicht allein aus ihrem Alter - schuld daran ist auch der Ort, an dem sie lebt. Das Dorf liegt auf einer Hochebene im Glatzer Kessel, nahe der tschechischen Grenze. Es ist eine einsame Gegend, in der die Zeit ihre eigenen Regeln zu haben scheint. Das Moderne hat hier gleichsam in beschleunigter Form Einzug gehalten, will heißen: Das Internet und die EU-Regeln sind den Bewohnern zwar vertraut, doch gleichzeitig müssen sie oft auf den elementaren Alltagskomfort verzichten. Und die Stille der umliegenden Berge, die Dunkelheit der Wälder, die ihr eigenes Leben haben, und die Fledermäuse, die am Himmel ihren unruhigen Tanz vorführen, sorgen für eine einzigartige Aura.

Janinas Naturverbundenheit äußert sich vor allem in der Liebe zu Tieren. Sie kümmert sich genauso liebevoll um ihre beiden "Mädchen", wie sie zärtlich ihre Hündinnen nennt, wie um alle anderen Tierarten, um die auch ständig ihre Gedanken kreisen. Wenn sie mal einen an die Menschen verschwendet, dann nur, weil sie in ihnen deren Peiniger sieht. "Was hatten sie heute gegessen und was gestern", fragt sie sich bei der Einweihung der Kapelle des heiligen Hubertus, des Schutzpatrons der Jäger, "war der Schinken schon verdaut, waren die Hühner, Hasen und Kälber schon auf dem Weg durch ihre Mägen?" Wenn es Gott wirklich gäbe, meint sie, müsste er jetzt vom Himmel heruntersteigen oder "zumindest seine Stellvertreter, seine flammenden Erzengel herschicken, damit sie ein für alle Mal diese schreckliche Heuchelei beenden".

Tokarczuks Buch ist also ein Tierschützerroman, vor allem aber ist es ein Krimi, oder besser: Es ist beides gleichzeitig, wobei es dem kriminalistischen Plot nicht an Humor mangelt. Janinas größte Feinde sind die Wilderer, denen sie, als ihre Hunde plötzlich erschossen werden, einen offenen Krieg erklärt. Als kurz darauf aber ihr Nachbar an einem Knochen erstickt, ein Polizeibeamter in einem Brunnen ertrinkt und noch drei weitere rätselhafte Todesfälle folgen, entwickelt sie eine eigene, recht gewagte Theorie. Sie behauptet nämlich, bei den Verstorbenen handele es sich um Opfer eines mehrfachen Mordes und bei den Mördern nicht um Menschen, sondern um Tiere.

Um dieser düsteren Vision Nachdruck zu verleihen, greift sie auf ihre zweite Leidenschaft zurück, die Astrologie, und scheut sich auch nicht, die Ergebnisse ihrer Detektivarbeit der Polizei mitzuteilen. "Überprüfen Sie bitte, wo bei allen Opfern der Saturn stand", fordert sie die Ordnungshüter auf, nicht ohne sie darauf hinzuweisen, dass eines der Opfer "im Moment seines Todes den Mars im Transit der Venus hatte, was nach Erkenntnissen der Astrologie viele Analogien zu Pelztieren hat".

Nach dem etwas langatmigen und gattungsmäßig komplizierten "Unrast" hat Tokarczuk ein leichtes, unterhaltsames Buch geschrieben. Mit den Meistern der Kriminalliteratur kann sie es nicht aufnehmen - dazu sind der Plot und die Lösung des Rätsels zu einfach -, doch das hatte sie auch gar nicht vor. Ihr Roman ist ein Pastiche, der mit bekannten Mustern der Gattung spielt und dieses Spiel mit viel Ironie und skurrilem Witz betreibt. Janina richtet sich auch in ihrem Alltag nach dem Stand der Sterne, und wirklich wichtige Entscheidungen trifft sie nur noch mit Hilfe von Astrologie und Zahlensymbolik. Ansonsten unterhält sie sich gern mit ihrer verstorbenen Mutter, zu ihren "Mädchen" knüpft sie auch schnell einen intensiven spirituellen Kontakt, und ihre besten Freunde, ein Insektenforscher, die Besitzerin eines Secondhand-Ladens und ein ehemaliger Schüler, sind ebenfalls Eigenbrötler. Allerdings wäre Tokarczuk nicht sie selbst, würde sie nicht epischen Nerv mit philosophischer Tiefe verbinden. Bei ihrer Betrachtung des modernen Menschen beschränkt sie sich nicht nur auf seinen Umgang mit der Natur. Sie beklagt auch generell den Zustand unserer Welt, in der zunehmend Rücksichtslosigkeit und Mangel an Empathie herrschen. Und sie fragt, wenn auch vom gnostischen Standpunkt aus, nach der Vereinbarkeit des menschlichen Verhaltens mit der Güte und Gerechtigkeit Gottes.

Geistiger Pate ihrer pessimistischen Weltdiagnose ist der englische Dichter und Mystiker William Blake, den Janina zusammen mit ihrem ehemaligen Schüler übersetzt und der in der polnischen Literatur bisher vor allem dank Czeslaw Milosz existierte: In seinem essayistischen Hauptwerk "Das Land Ulro" wollte Milosz nach eigenen Worten "die Erosion der religiösen Imagination in unserer Epoche aufzeigen" und griff dazu auf einen von Blakes Texten zurück. Diesem entnahm er auch den Titel des Bandes: Er bezeichnet einen Ort der geistigen Heimatlosigkeit, eine Welt, in der die Menschen zu statistischen Einheiten werden.

Nun greift Olga Tokarczuk auf den englischen Mystiker zurück, um scharfe Zivilisationskritik zu üben. Jedem Kapitel ihres Romans steht ein Blake-Zitat als Motto voran, einer seiner Briefe beschäftigt die beiden Hobby-Übersetzer ein ganzes Wochenende lang, und der Titel des polnischen Originals ist ebenfalls seiner Dichtung entnommen: "Lenke deinen Wagen und Pflug über die Gebeine der Toten" - ein Satz, der Janina auf einen Gedanken in Bezug auf die Jagdrituale bringt: "Plötzlich war mir klar, warum die Hochsitze, die doch mehr an die Wachtürme eines Konzentrationslagers erinnern, Kanzeln genannt werden. Auf einer Kanzel stellt sich ein Mensch über die anderen Lebewesen und erteilt sich selbst die Macht über ihr Leben und ihren Tod." Eine kühne Assoziation, die den gedanklichen Ansatz des Romans eindrucksvoll verdeutlicht.

Ihr Talent, einen philosophisch ambitionierten Stoff in eine leichte literarische Form zu verpacken, hat Olga Tokarczuk schon mehrmals den Vergleich mit Umberto Eco eingebracht, und, wie es scheint, hat er auch in diesem Fall seine Berechtigung. Ebenso wie der mit Gabriel García Márquez, mit dem sie die Fähigkeit verbindet, eine in sich geschlossene Welt zu erschaffen und eine alltägliche Situation in eine Katastrophe respektive ein Geheimnis münden zu lassen. Kurz, sie zeigt erneut ihr ganzes stilistisches Können, zu dem noch einiges mehr gehört: die Kraft und Präzision der Sprache, die Genauigkeit der Beschreibung, die jedes noch so kleine Detail greifbar macht, die Zeichnung der Figuren, die bei aller Skurrilität etwas seltsam Anziehendes an sich haben. Ein Roman müsse vor allem Spaß machen, sagt sie manchmal in ihren Interviews. Dass dies auch ihre eigene Devise ist, kann man diesmal besonders deutlich spüren.

MARTA KIJOWSKA

Olga Tokarczuk: "Der Gesang der Fledermäuse". Roman.

Aus dem Polnischen von Doreen Daume. Schöffling Verlag, Frankfurt am Main 2011. 352 S., geb., 22,95 [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Perlentaucher-Notiz zur Süddeutsche Zeitung-Rezension

Hans-Peter Kunisch mag Olga Tokarczuk und ihren märchenhaften, etwas versponnenen Stil. Und auch ihren neuen Roman "Der Gesang der Fledermäuse" hat er gern gelesen, auch wenn er nicht ganz die "existenzielle Intensität" ihres Meisterwerks "Unrast" biete. Trotzdem schlägt ihn die polnische Autorin wieder als "ausgezeichnete Menschenerfinderin" in den Bann. Sie erzählt von einer in die Jahre gekommenen Bergbauingenieurin, die sich in die südpolnischen Berge zurückgezogen, wo sie ihrer Liebe zu Tieren und William Blake frönt. Von Idylle kann hier aber keine Rede sein, Morde geschehen. Ganz überzeugt ist Kunisch offenbar nicht von der Geschichte, aber er betont, dass Tokarczuk auch hier eine bewundernswert bildreiche Sprache pflegt und das sie mit der "Literarisierung der Tierwelt" nicht im Abseits steht, sondern in der Nähe von J.M. Coetzee und Jonathan Safran Foer.

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