Immer ist alles schön - Weber, Julia
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Anais liebt ihre Mutter, sie liebt ihren Bruder Bruno und insgeheim auch Peter aus der Schule. Die Mutter sagt, das Leben sei eine Wucht, und dass sie gerne noch ein Glas Wein hätte. Denn es hält ihren Sehnsüchten nicht stand, das Leben, und die Männer halten ihrer Liebe nicht stand. Das Tanzen, das sie liebt, ist zum Tanz an der Stange vor den Männern geworden. Es ist nicht einfach, so ein Leben zu leben, sagt die Mutter, darum will sie noch ein Glas. Anais und Bruno versuchen sich und die Mutter zu schützen vor der Außenwelt, die in Gestalt von Mutters Männern mit Haaren auf der Brust in der…mehr

Produktbeschreibung
Anais liebt ihre Mutter, sie liebt ihren Bruder Bruno und insgeheim auch Peter aus der Schule. Die Mutter sagt, das Leben sei eine Wucht, und dass sie gerne noch ein Glas Wein hätte. Denn es hält ihren Sehnsüchten nicht stand, das Leben, und die Männer halten ihrer Liebe nicht stand. Das Tanzen, das sie liebt, ist zum Tanz an der Stange vor den Männern geworden. Es ist nicht einfach, so ein Leben zu leben, sagt die Mutter, darum will sie noch ein Glas. Anais und Bruno versuchen sich und die Mutter zu schützen vor der Außenwelt, die in Gestalt von Mutters Männern mit Haaren auf der Brust in der Küche steht. Oder in der Gestalt von Peter, der ihre Wohnung seltsam findet und nichts anfangen kann mit den tausend, auf der Straße zusammenge-sammelten Dingen. In Gestalt eines Mannes vom Jugendamt, der viele Fragen stellt, sich Notizen macht, der Anais und Bruno betrachtet wie zu erforschendes Material, und in Gestalt einer Nachbarin, die im Treppenhaus lauscht. Je mehr diese Außenwelt in ihre eigene eindringt, desto mehr ziehen sich die Kinder in ihre Fantasie zurück. "Immer ist alles schön" ist ein komisch-trauriger Roman, der mit leisem Humor eine eindrückliche Geschichte erzählt: von scheiternder Lebensfreude in einer geordneten Welt und davon, wie zwei Kinder versuchen, ihre eigene Logik dagegenzusetzen. Mit Anais und Bruno fügt Julia Weber der Literatur ein zutiefst berührendes Geschwisterpaar hinzu.
  • Produktdetails
  • Verlag: Limmat Verlag
  • Seitenzahl: 256
  • Erscheinungstermin: Februar 2017
  • Deutsch
  • Abmessung: 195mm x 123mm x 27mm
  • Gewicht: 334g
  • ISBN-13: 9783857918230
  • ISBN-10: 3857918233
  • Artikelnr.: 47163904
Autorenporträt
Julia Weber wurde 1983 in Moshi (Tansania) geboren. 1985 kehrte sie mit ihrer Familie nach Zürich zurück. Nach Berufslehre und Matura studierte sie 2009 bis 2012 literarisches Schreiben am schweizerischen Literaturinstitut in Biel/Bienne. 2012 hat sie den Literaturdienst gegründet (www.literaturdienst.ch ), und sie ist Mitbegründerin von der Kunstaktionsgruppe "Literatur für das, was passiert" (2015). Julia Weber lebt mit ihrem Mann und ihrem Kind in Zürich.
Rezensionen
Besprechung von 04.04.2017
Der Riese im
Gebirgszimmer
Julia Webers Debütroman
„Immer ist alles schön“
Eine Mutter fährt mit ihren zwei Kindern auf den Campingplatz, mit der Ich-Erzählerin Anais und ihrem kleinen Bruder Bruno. „Ich wünsche mir einen Urlaub mit Feuer und Ferne, und Bruno wünscht sich einen Urlaub ohne Alkohol.“ Die Mutter geht den Schilfweg entlang und sagt, „dass es schön ist“, fantastisch, wunderbar, „ganz, ganz wunderbar“. Und Bruno sagt: „Immer ist alles schön.“ Schon auf der ersten Seite von Julia Webers ungewöhnlichem Debütroman wird der Titel „Alles ist schön“ zitiert. Er ist eine Formel für die absolute Idylle – und die Ankündigung der absoluten Katastrophe, wie jeder Leser ahnt.
Was wie ein hyperrealistischer Roman beginnt, erweist sich rasch als Parabel im Kammerspielformat. Der Text ist aus zwei Ich-Stimmen komponiert: Die Ich-Erzählung der Tochter Anais wechselt kapitelweise ab mit dem Bericht ihrer Mutter Maria. Anais erzählt in einem beschwörenden Kinder-Präsens, in ihren Kapiteln geschieht alles jetzt. Maria erzählt distanziert im Imperfekt, in ihren Kapiteln scheint alles schon vorbei zu sein: wie sie schwanger wurde und dann „ein Muttertier“, wie sie mit Männern nach Hause ging, die Frank hießen oder Paul. Maria ist schön, sie raucht und trinkt, tanzt in Männerlokalen an der Stange, und manchmal denkt sie, es wäre besser gewesen, sie hätte die Kinder nicht bekommen. „Ich denke daran, was hätte sein können. Und was hätte sein können?, fragt Bruno. Fast alles, sagt Mutter.“ Eines Tages verlässt Maria ihre Kinder. Einfach so.
Nichts wird erklärt in dieser lakonisch gemeißelten Prosa. Wir befinden uns in einer Art Wittgenstein-Territorium, in dem die Welt alles ist, was der Fall ist. „Es ist warm in der Sonne und kalt im Schatten, und das Boot heißt Susanna.“ Mit gnadenlosem Kinderblick schaut Anais auf die Erwachsenen. „Ein Mann mit Doppelkinn starrt Mutters Körper an.“ „Seine Zehennägel haben die Farbe von Ohrenschmalz.“ „Er riecht nach frisch rasiert und auch ein bisschen nach altem Wasser.“
Anais wünscht sich eine Welt „mehr mit Tieren als mit Menschen“. Tiere sind ein sorgfältig inszeniertes Leitmotiv des Romans. Ihren Bruder Bruno nennt Anais einen Wolf, mal ist er ein schöner, mal ein trauriger Wolf. „Meine Tierchen“, nennt Maria ihre Kinder, so wurde sie selbst von ihrer eigenen (ungeliebten) Mutter genannt, die sich „wie eine Füchsin“ durch die Wohnung bewegte. Nach dem Verschwinden der Mutter ziehen sich Anais und Bruno aus der Realität zurück und verwandeln die Wohnung in eine Naturlandschaft. Die Küche wird eine Wüste, das Badezimmer ein Ozean, das Zimmer ein Gebirge mit „ewigem Winter auf seinem Gipfel“. Die Kinder lassen niemanden in ihre Welt. „Einmal noch klopft sie an die Tür. Einmal klopft sie noch und drückt einmal die Klinke. Einmal und noch einmal“, heißt es im schönsten Märchenton, als Frau Wendenburg vom unteren Stock nach dem Rechten schauen will. Den Mann vom Sozialamt nennen die Kinder den „Riesen“: „Ich verstehe nicht, was Sie hier tun, ich bin mir nicht einmal ganz sicher, dass es Sie gibt“, sagt Bruno zum Riesen durch die geschlossene Wohnungstür. Auch Maria zweifelt an der Realität, in ihrer Textwelt geht sie gar noch einen Schritt weiter: „Wir könnten behaupten, dass es uns gibt.“
Ist in diesem Roman irgendetwas wirklich? Wie es sich für ein Märchen gehört, geben die Figuren ihre Gefühle nicht preis, deshalb kommt man ihnen mit Psychologie nicht bei. Anais nimmt wahr und zeichnet auf, als wäre sie ein Aufnahmegerät. Man liest Stillleben aus Worten, und manchmal ist es, als spräche Anais von sich selbst wie in der dritten Person. „Ich kann nicht mehr, sagt Mutter. Ich kann noch viel mehr nicht mehr, sage ich.“ Die Selbst-Entfremdung der Tochter führt zu ungeheuren Sätzen. „Das Gehen fühlt sich an, als hätte ich mich selbst in einer Tüte dabei.“ Maria dagegen ist die reflektierende Stimme. Sie überlegt sich, „was für ein Leben ich lebe und warum“. Die Welt sei ein Baukasten, erklärt sie Anais, „würde man das Prinzip der Bausteine begreifen, könne man alles perfekt und stimmig zusammensetzen“.
In gewisser Weise gilt das auch für die Figuren dieses Romans. Julia Weber geht mit ihnen um, als wären sie Bausteine. Die 1983 geborene Autorin, die in Zürich aufwuchs und das Schweizer Literaturinstitut in Biel besuchte, hat eine fast unheimliche Kontrolle über ihre ästhetischen Mittel. Jedes Wort sitzt, gemäß den ästhetischen Gesetzen, die dieser Roman sich selbst gibt. Die Autorin gibt uns keine Erklärung für die Katastrophe, in die sie ihre drei Figuren führt, niemand ist schuld, nicht einmal die Gesellschaft. „Vielleicht sollten wir in ein Land gehen, wo das Leben nicht so einfach ist“, sagt Maria. Oder fehlt in einer Gesellschaft, in der immer alles schön ist, das Wesentliche? Diese Geschichte, die so einfach und doch so rätselhaft erzählt wird, müsste zum Himmel schreien, umso mehr, als solche Geschichten in Wirklichkeit öfter vorkommen, als man denken würde.
Doch es ist, als wolle dieser Roman, in all seiner Schönheit, mit der Wirklichkeit nichts zu tun haben.
SIEGLINDE GEISEL
Julia Weber: Immer ist alles schön. Roman. Limmat-Verlag, Zürich 2017. 256 Seiten, 24 Euro. E-Book 19,99 Euro.
„Ich kann nicht mehr, sagt
Mutter. Ich kann noch
viel mehr nicht mehr, sage ich.“
DIZdigital: Alle Rechte vorbehalten – Süddeutsche Zeitung GmbH, München
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"Geplatzte Träume, gescheiterte Hoffnungen - davon spricht dieses Buch, dessen Kosmos klein ist und doch eine Welt umfasst: eine Kindheit, die unauslöschliche Spuren zieht. Von ihr erzählt der Text so leise und gefasst, dass der Atem ins Stocken gerät." [Quelle: Neue Zürcher Zeitung] "Sprachlich erinnert Julia Webers Debütroman in seiner eindringlichen Tier- und Körpermetaphorik an Herta Müller. Ein Roman, den man gern liest und so schnell nicht vergisst." [Quelle: taz] "Eine wunderschön erzählte, sehr ernste Story über Kinder, die früh Verantwortung übernehmen müssen." [Quelle: WDR1live] "Die Autorin gibt uns keine Erklärung für die Katastrophe, in die sie ihre drei Figuren führt, niemand ist schuld, nicht einmal die Gesellschaft." [Quelle: Süddeutsche Zeitung] "Das Werk überzeugt durch seine eigenständige Sprache und seinem virtuosen Rhythmus. Es ist ein höchst erstaunlicher, ein fabelhafter Roman, mit dem Julia Weber debütiert. Bereits in der ersten Zeile schlägt sie einen eigensinnigen, sehr kunstvollen Ton an, und sie hält ihn durch bis zum Schluss. Ein hinreissendes Buch." [Quelle: NZZ am Sonntag] "Hochpräzise. Tieftraurig. Wuchtig." [Quelle: style] "Diese Frau, die es fertigkriegt, Christa Wolfs 'Ich wollte ein Gewebe schaffen, das der Wirklichkeit möglichst nahekommt'-Credo so hart zu erfüllen, dass man nur atemlos davorsitzen und hoffen kann, dass die Geschichte von Anais und Bruno bitte nie, nie ende, so wie man sich wünscht, dass das eigene Leben auch bitte nie, nie ende." [Quelle: TagesWoche] "Julia Weber ist mit 'Immer ist alles schön' eines der wichtigsten Bücher des Frühjahrs gelungen. Trotz vieler Details ist kein Satz zu viel, kein Stimmungsbild bloss nett arrangiertes Dekor. Das trotz hochkarätiger Parallelveranstaltungen und Mittagszeit vollbesetzte Theater lässt darauf schliessen, dass Julia Webers Können sich bereits herumgesprochen hat. Tant mieux!" [Quelle: Schweizer Buchjahr] "Julia Weber lässt das tapfere Mädchen die tragische Geschichte dieser Familie erzählen, in einer wunderbar zarten, kindlich verspielten Sprache." [Quelle: Radio SRF] "Das Buch entwickelt eine unglaubliche Sogkraft vom Anfang bis zum Schluss und wird immer trauriger, gerade deswegen, weil diese Traurigkeit nie direkt angesprochen wird, sondern immer nur durchdringt zwischen schönen Bildern und Wörtern. Die Wörter 'schön' und 'gut' kommen oft vor, in immer anderen Kontexten, als Wunschträume, als Schöngeredetes, als Augenblicke des Glücks, als Ausreden, als Wiedergutmachungen, als Beleidigungen, als Zeichen der Unsagbarkeit, der Verzweiflung, als Komplimente. 'Immer ist alles schön' ist eine wunderbare Meditation über die einfachen und doch schönsten Wörter, über das Leben und über das, was hätte sein können. Ein schönes Buch." [Quelle: viceversaliteratur.ch] "Wer eintaucht in die Geschichte von Anais, Bruno und ihrer schönen Mutter, findet sich in einem ganz eigenen Kosmos wieder, so schrecklich und leuchtend wie ein Märchen. Und Märchen sind bekanntlich verdichtete Wirklichkeit. Julia Weber ist, obwohl sie Prosa schreibt, eine Dichterin. Sie arbeitet mit Bildern, die in den Köpfen ihrer kindlichen Protagonisten wuchern, und setzt ihnen als Kontrast den scharfkantigen Realismus entgegen, den die Welt der Erwachsenen verlangt." [Quelle: Berner Zeitung] "Mit einer traurigen, aber starken und eigenständigen Stimme lässt Julia Weber ihre kleine Heldin vom Leben erzählen. In ihrem Debüt entlarven die poetisch eindringlichen Sätze die Ohnmacht von Anais und Bruno, die versuchen, mit Fantasie ihre kleine, bedrohte Welt aufrechtzuerhalten. Sätze mit grosser Kraft. Darin liegt der Zauber des Buches." [Quelle: St. Galler Tagblatt] "Der Debütroman beeindruckt durch eine eigenständige, ausdrucksvolle Sprache und ist bewegend; diese Personen vergisst man nicht so schnell." [Quelle: Wochenzeitung] "Mit Julia Weber hat eine neue Stimme in der Deutschschweizer Literatur die Bühne betreten, auf deren nächste Geschichte wohl nicht nur die eigene Tochter wartet." [Quelle: Schweizer] Buchjahr "Ein erfreuliches Debüt einer Autorin, die schon vieles kann." [Quelle: Tages-Anzeiger] "Julias Erstlingswerk, die Melancholie und die Sehnsucht der einsamen Kinder wie auch die Suche ihrer Mutter nach ein bisschen Glück und Geborgenheit erschüttern. Es ist so dicht und eindringlich geschrieben, dass man sich beim Lesen weit weg wünscht, in eine heilere, gesündere, unbeschwertere Welt, wo sie Schwächsten der Gesellschaft nicht unter dem Versagen der Erwachsenen zugrunde gehen. Der Titel führt natürlich in die Irre: Gar nichts ist schön. Aber die Worte, die Julia Weber für das Drama gefunden hat, sind es umso mehr." [Quelle: Style]…mehr