Ruß - Zaimoglu, Feridun
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Liebe, Trauer und Vergeltung im Ruhrpott - eine deutsche Saga Ein Kiosk in Duisburg ist der Ausgangspunkt einer rasanten Geschichte, die ihren Held durch den Ruhrpott, nach Warschau und bis auf die Großglocknerstraße führt - und an die Grenzen seiner Liebes- und Leidensfähigkeit. Mit "Liebesbrand" und "Hinterland" hat Feridun Zaimoglu erfolgreich die Romantik in die deutsche Gegenwartsliteratur zurückgeholt, und nun wendet er sich einer Region zu, die deutscher kaum sein könnte: dem Ruhrpott, Industriebrache im Wandel zur Dienstleistungsregion. Die Gegend ist im Umbruch, und gebrochen ist auch…mehr

Produktbeschreibung
Liebe, Trauer und Vergeltung im Ruhrpott - eine deutsche Saga
Ein Kiosk in Duisburg ist der Ausgangspunkt einer rasanten Geschichte, die ihren Held durch den Ruhrpott, nach Warschau und bis auf die Großglocknerstraße führt - und an die Grenzen seiner Liebes- und Leidensfähigkeit.
Mit "Liebesbrand" und "Hinterland" hat Feridun Zaimoglu erfolgreich die Romantik in die deutsche Gegenwartsliteratur zurückgeholt, und nun wendet er sich einer Region zu, die deutscher kaum sein könnte: dem Ruhrpott, Industriebrache im Wandel zur Dienstleistungsregion. Die Gegend ist im Umbruch, und gebrochen ist auch der Held dieser Geschichte. Renz war Arzt, doch als seine Frau von einem Einbrecher ermordet wurde, zerbrach seine Welt und brach sein Wille. Seit mehreren Jahren hilft er bei seinem Schwiegervater aus, der einen Kiosk mitten in Duisburg führt, kümmert sich um die Alltagssorgen der Trinker und Hänger, trauert um seine Frau und sinnt auf Vergeltung. Sein Leben kommt wieder in Fahrt, als er den Auftrag erhält, einen verstörten jungen Mann aus Warschau zurückzuholen. Wieder in Duisburg verliebt er sich in die Kellnerin Marja, doch dann holt ihn die Vergangenheit ein: Er erfährt von der Haftentlassung des Täters und heftet sich an seine Fersen.
Zaimoglu zeigt das Drama eines Menschen, den kaum noch etwas im Leben hält, vor dem Hintergrund einer Welt, die durch eine lange Tradition geprägt ist und sich gerade neu erfindet. Große deutsche Literatur!
  • Produktdetails
  • Verlag: Kiepenheuer & Witsch
  • 2. Aufl.
  • Seitenzahl: 272
  • Erscheinungstermin: 17. August 2011
  • Deutsch
  • Abmessung: 205mm
  • Gewicht: 400g
  • ISBN-13: 9783462043297
  • ISBN-10: 3462043293
  • Artikelnr.: 33352094
Autorenporträt
Feridun Zaimoglu, geboren 1964 im anatolischen Bolu, lebt seit seinem sechsten Lebensmonat in Deutschland. Er studierte Kunst und Humanmedizin in Kiel und schreibt für Die Welt, die Frankfurter Rundschau, Die Zeit und die FAZ. 2002 erhielt er den Hebbel-Preis, 2003 den Preis der Jury beim Bachmann-Wettbewerb in Klagenfurt und 2005 den Adelbert-von Chamisso-Preis. Im Jahr 2005 war er Stipendiat der Villa Massimo in Rom. Zahlreiche weitere Preise folgten, u.a. der Grimmelshausen-Preis (2007), der Corine-Preis (2008), der Jakob-Wassermann Literaturpreis (2010) sowie der Preis der Literaturhäuser (2012). 2016 erhielt er den Berliner Literaturpreis sowie die Ehrenprofessur des Landes Schleswig-Holstein. Nach »Leyla«, »Liebesbrand« und »Siebentürmeviertel« erschien zuletzt sein großer Luther-Roman »Evangelio«.
Rezensionen
Besprechung von 20.08.2011
Revierverhalten
In seinem kunstvoll-kargen Ruhrpott-Krimi „Ruß“ verbindet Feridun Zaimoglu die Trauerarbeit eines Witwers mit der um eine ganze Region
Draußen erwacht der Tag. Tauben und Krähen sitzen auf den Antennen, erster Schnee fällt. Wie jeden Morgen malt Renz Ikonen, meist magere Männer aus Ruß und Pastellkreide, denen er die Gesichter von Bekannten gibt. Er trinkt nicht mehr, er raucht nicht mehr. Doch manchmal reibt er sich Asche auf die Zunge. Es ist die Asche seiner ermordeten Frau, die in einer Urne einfach so bei ihm im Regal steht. Nach ihrem Tod hat er den Arztberuf aufgegeben und ist ins Geschäft seines Schwiegervaters eingestiegen, der einen Kiosk in Duisburg- Ruhrort betreibt. Dort verbringt er seine Tage und hat sich mit der Situation ganz gut arrangiert.
Doch dann erfährt er von einem alten Bekannten, der Mörder seiner Frau werde demnächst aus dem Gefängnis entlassen. Aus undurchsichtigen Gründen will er bei Renz Rachegelüste schüren und bietet ihm einen merkwürdigen Handel an. Er soll sich einige Zeit um seinen irren Halbbruder Josef kümmern. Im Gegenzug werde er dafür sorgen, dass der Mörder ums Leben kommt, ohne dass der Verdacht auf ihn fällt. Ein gewisser Karl werde solange auf die beiden aufpassen. Geld spiele keine Rolle.
Ein Ruhrpott-Krimi also aus der Feder von Feridun Zaimoglu? Warum nicht? Schließlich hat der 1964 in der Türkei geborene Autor, der seit seinem Medizin- und Kunststudium in Kiel lebt und mit einer immer wieder verblüffenden Bandbreite an Themen und Stilen einer der interessantesten und sprachmächtigsten deutschen Schriftsteller ist, auch schon öfter über Orte geschrieben, an denen er nicht zu Hause ist: über Ankara beispielsweise, über Istanbul, Rom, München.
Mit Hilfe des Krimiplots, bei dem Jäger und Gejagter, Mörder und Opfer wie bei einem Taschenspielertrick kaum merklich ihre Plätze tauschen, verknüpft Zaimoglu äußerst geschickt die beiden Erzählstränge seiner Geschichte. Durch die Intervention seines alten Bekannten Heinrich Voss, der niemals sein Freund war, ihm aber vor Jahren dabei half, den Nachlass seiner Frau zu entsorgen, wird Renz mit der eigenen Vergangenheit konfrontiert. Die Ehe zwischen ihm und Stella war bereits zerrüttet, als der Mord dazwischenkam und seine Gefühle für sie wieder anheizte. Stella, nomen est omen, war eine eher kalte Frau, schön und unnahbar, eine Bürgerstochter aus Mönchengladbach, die Spaß daran hatte, den Arbeitersohn tanzen zu lassen und nur deshalb mit einem Arztkollegen flirtete, um die Eifersucht ihres „Trauerträumers“ anzustacheln. Dabei hätte Renz gewarnt sein müssen: Schon seine Mutter war mit einem Mann aus Mönchengladbach durchgebrannt, um alsbald reumütig zum Vater zurückzukehren.
„Ruß“ verschränkt die Trauerarbeit der Hauptfigur mit der Trauer um eine ganze Region und letzten Endes auch um eine Gesellschaftsschicht. Während er den Protagonisten mit seinem perfiden Schutzengel Karl, zunächst auf der Suche nach Josef, dann auf der Jagd nach dem entlassenen Willi Posnick, quer durch Duisburg und durchs Ruhrgebiet und schließlich bis nach Polen und Österreich treibt, entwirft der Roman eine Art Kartographie der sozialen Verwerfung. Mit der Abwicklung ganzer Industrien geraten diejenigen an den Rand, die von körperlicher Arbeit lebten. Und mit der Deklassierung des Proletariats steigt jene neue Schicht aus Künstlern, Kulturschaffenden und Dienstleistern nach oben, die sich abends am Innenhafen auf ein Gläschen Champagner trifft. Die Konkurrenz unter den Ruhrmetropolen, und vor allem die zwischen Ruhr und Rhein, Duisburg und Düsseldorf, inszeniert Zaimoglu genüsslich mit kleinen spitzen Bemerkungen der Figuren.
Nach dem romantisch inspirierten „Liebesbrand“ und dem Experimentierlust und Fabulierfreude verbindenden „Hinterland“, ist „Ruß“ ein Roman von geradezu programmatischer Kargheit. Als Erzähler nimmt sich der Autor so weit wie möglich zurück und gibt jenen eine Stimme, die neben der Hauptfigur die eigentlichen Helden sind: ein paar aufrechte Kerle, die mit der Stilllegung von Zechen überflüssig geworden sind, denen die Solidarität der Grubenarbeiter aber noch in den Knochen sitzt. Hansgerd, Norbert und Kallu, der eigentlich Karl Ludwig heißt (so wie Renz Lorenz), treffen sich jeden Tag an der Bude und bilden zusammen mit dem in einer Kleingartenkolonie lebenden Schwiegervater eine Art Phalanx, die jederzeit zur Stelle ist, um Renz zu helfen – mal bloß schwadronierend wie ein abgetakelter antiker Chor, mal überaus schlagkräftig.
Wie seine dem Slang junger Deutschtürken abgelauschte „Kanak Sprak“, mit der Feridun Zaimoglu berühmt wurde, ist auch das Ruhrdeutsch seines neuen Romans eine effektvoll aus dem Mündlichen ins Schriftliche transponierte Kunstsprache. Die zahlreichen umgangssprachlichen Dialoge werden erstaunlicherweise nie aufdringlich, geben „Ruß“ aber eine eigene Färbung. Wie überhaupt die alles durchdringende Ruppigkeit nicht ausgestellt oder forciert wirkt. Ebenso wenig wie die sagenhafte Sprödigkeit von Marja. Sie ist neben der toten Stella die einzige weibliche Figur mit tragender Rolle. Zwischen ihr und Renz entwickelt sich eine höchst komplizierte Liebesgeschichte mit permanenten Rückzügen und Verletzungen.
Obwohl durch die Eigenarten der beiden Figuren getragen, ist sie zugleich symptomatisch: für die Komplizierung der Verhältnisse zwischen Mann und Frau, die mit der Umstellung der Arbeitsgesellschaft auf die Dienstleistungsgesellschaft einhergeht. Sie führt eben nicht nur im Osten Deutschlands, sondern auch im Westen zur Abwanderung karrierebewusster Frauen. Zurück bleiben verdatterte Männer, die sich voller Selbstmitleid um den Verstand trinken.
So kunstvoll wie immer, aber dieses Mal mit den Mitteln bewusster Verknappung, hat Feridun Zaimoglu einen lebensklugen und spannenden Roman über Deutschlands verwildernden Westen geschrieben. Es ist offensichtlich, dass er auch ein Signal sein soll. Nach zahlreichen Romanen, Erzählbänden und Theaterstücken, dekoriert mit wichtigen Preisen, hat er allmählich genug davon, aufs Immigrantenthema festgelegt zu werden. Bis Deutsche türkischer Herkunft so selbstverständlich zu Deutschland gehören wie die im 19. Jahrhundert ins Ruhrgebiet eingewanderten Polen, wird es wohl noch eine Weile dauern. „Ruß“ gibt dem Klischee vom fabulierfreudigen Osmanen einen kräftigen Tritt vors Schienbein. Das lässt hoffen.
MEIKE FESSMANN
FERIDUN ZAIMOGLU: Ruß. Roman. Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2011. 266 Seiten, 18,99 Euro.
Der Roman ist eine
Hommage an die
Welt der Deklassierten
Mit der Schwerindustrie
sind auch die Frauen
verschwunden
In Duisburg hat Feridun Zaimoglu seinen Roman „Ruß“ angesiedelt, einenAbgesang auf das Proletariat. Von 1996 bis 1999 wurde in Duisburg das Musical „Les Misérables“ nach Victor Hugo gespielt. Fotos (2): Werner Otto, Iko Feese/DRAMA
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Besprechung von 08.10.2011
Und hinterm Wasserhäuschen eine Welt

Das Ruhrgebiet als Remix: Feridun Zaimoglu erzählt vom Leben eines Kioskbetreibers und surft auf den Tonspuren einer untergegangenen Welt.

Von Hubert Spiegel

Sein Standort in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur ist nicht leicht zu bestimmen. Unter den Erzählern seiner Generation ist Feridun Zaimoglu gewiss nicht der präziseste. Seine Romane werden nicht auf dem Reißbrett entworfen, ihre Stärke ist nicht die Exaktheit der Konstruktion. Dass seine beiden ersten Bücher, "Kanak Sprak" (1995) und "Koppstoff" (1998), als authentische Zeugnisse aus der Subkultur türkischstämmiger Jugendlicher gelesen wurden, war ein unvermeidlicher Irrtum. Zaimoglu war damals ebenso wenig das Sprachrohr türkischer Jugendlicher in Deutschland, wie er mit seinem 2006 erschienenen Roman "Leyla" zum Sprachrohr türkischer Einwanderinnen der ersten Generation wurde. Er war und ist ein Autor, der ein Ohr für ungewöhnliche Geschichten und Töne hat und sich beides, Geschichten wie Tonfälle, anzuverwandeln weiß, um etwas Eigenes daraus zu machen. Ein unzuverlässiger Protokollant also, aber ein begnadeter Materialsammler, der seine Funde buchstäblich auf der Straße macht.

Recherchiert hat er von Anfang an, aber seine Recherche ist vermutlich weniger penibel als intuitiv. Wenn er reist, und er ist in den letzten Jahren viel gereist für seine Bücher, bringt er aus Krakau, Duisburg oder Salzburg zahllose Details mit und einen Koffer voller Aromen. Die Details setzt er in seinen Büchern zusammen zu Orten, die Krakau, Duisburg oder Salzburg heißen, aber so nicht sind und so nie waren, wie sie hier beschrieben werden. Dass sie dennoch Authentizität beanspruchen dürfen, liegt am Aroma, das Feridun Zaimoglu ihnen verleiht. Es ist ein Aroma, das aus Worten, Tonfällen und Sprachfärbungen hergestellt ist und das Authentizität suggeriert, obwohl es seine Künstlichkeit oft genug deutlich herausstellt.

Ähnlich paradox verhält es sich mit Zaimoglus eigentümlichem Realismus, der schon lange nicht mehr so tut, als sei es ihm um ein sorgfältig hergestelltes Destillat der Wirklichkeit zu tun. Zaimoglus Realismus, wie er in den letzten Romanen dieses wandelbaren Autors sichtbar wurde, ist ein romantischer, ein poetischer Realismus. Vielleicht trifft es die Sache am ehesten, wenn man von einem somnambulen Realismus spricht. Ihm liegt die Wahrnehmungsweise des schlafwandelnden Flaneurs zugrunde, der nach dem Erwachen die Wirklichkeit unter den Traum subsumiert und umgekehrt.

"Hinterland", Zaimoglus vorletzter, vor zwei Jahren erschienener Roman, spielte in Prag und in Budapest, in Krakau und Berlin, auf Föhr und im Märchenwald der deutschen Romantik. Er wurde bevölkert von kleinwüchsigen Zipfelmützenträgern, Kleinganoven, Komponisten, einem Schuhmacher, einem Engelsschnitzer und etlichen anderen. Die Schicksale und Geschichten all dieser Figuren wurden im Roman nicht gebündelt, sondern zuweilen so weit aufgefächert, dass zwischen ihnen Leerräume entstanden, in denen die Figuren kopfüber verschwinden konnten wie in einer Felsklamm. "Hinterland" war in Episoden komponiert und geprägt durch eine multiple Erzählperspektive, die Haken schlug wie ein Hase auf freiem Feld. Man bewunderte die Beweglichkeit, verlor aber rasch die Lust, atemlos hinterherzujagen.

In seinem neuen Roman macht Feridun Zaimoglu die Jagd selbst zum Thema: Renz, ein Mann, der von den Furien seiner Vergangenheit gehetzt wird, erhält die Gelegenheit, sich am Mörder seiner Frau zu rächen, der nach verbüßter Haftstrafe aus dem Gefängnis entlassen wird. Aber Renz muss zur Jagd getragen werden. Denn die Racheaktion ist nicht seine eigene Idee, sondern Teil eines Geschäfts, das ihm ein zwielichtiger alter Bekannter vorschlägt: Renz soll sich um den unberechenbaren Josef kümmern und einige Wochen auf den labilen Mann aufpassen. Als Gegenleistung würden ihm Josef und ein philosophischer Schläger namens Karl den Mörder auf dem Silbertablett präsentieren. Renz willigt ein, widerwillig, misstrauisch, wider besseres Wissen und letztlich aus Pflichtgefühl seiner ermordeten Frau gegenüber.

Aus diesem schlichten Krimiplot entwickelt Zaimoglu einen Roman, der seine Spannungsmomente nicht aus Gewalt, Rachedurst oder Verfolgungsjagden entwickelt, sondern vor allem aus dem Milieu, in dem seine Figuren angesiedelt sind: Renz ist ein "Budenmann", also einer, der in seinem Kiosk im Kohlenpott hinter dem Schalter steht und Zigaretten, Schnaps und Bratheringe verkauft. Der ehemalige Arzt hat nach dem Tod seiner Frau mit dem Leben abgeschlossen und führt eine bedürfnislose Existenz am Rande der Apathie. Ein Scheinlebendiger, der auf ein Ereignis wartet, das ihn zum Tode erweckt.

Zum Glück ist Renz eine eigensinnige, widersprüchliche und überaus zähe Figur. Sonst müsste der Mann zusammenbrechen unter der Last der Bedeutung, die ihm sein Autor aufgebürdet hat. Denn Renz, das Duisburger Arbeiterkind mit abgeschlossenem Medizinstudium, hat nicht nur ein bitteres individuelles Schicksal, sondern Renz verkörpert überdies noch den Niedergang des Ruhrgebiets und seiner Arbeiterkultur. Der Strukturwandel, den das Ruhrgebiet seit der Mitte der siebziger Jahre durchaus nicht ohne Erfolg betrieben hat, stößt bei Renz an seine Grenzen: "Bildung hat ihn nicht zum Bürger gemacht", heißt es einmal über den verschlossenen Kioskverkäufer, der das Büdchen zusammen mit seinem Schwiegervater betreibt. Gemeinsam mit einer Handvoll pittoresk verwittert-verwahrloster Freunde und Stammkunden trauern sie wortkarg vergangenen Zeiten nach: aufrechte Helden des Untergangs, mutlos Liebende, Verlierer von echtem Schrot und Korn.

Was weiß Zaimoglu, der 1964 im anatolischen Bolu geboren wurde, seit 35 Jahren in Deutschland lebt und seit langem in Kiel wohnt, vom Ruhrgebiet? Vermutlich nicht sehr viel, aber das kümmert ihn nicht, und seine Leser muss es auch nicht weiter stören. Denn Zaimoglu beschreibt ja nicht den Kohlenpott von heute. Sein Blick ist nicht auf das Existierende gerichtet, sondern auf das bereits Verschwundene. In die Lücken, die es hinterlassen hat, stößt Zaimoglu mit seiner Phantasie, seinem Einfühlungsvermögen, seinem mimetischen Sprachgefühl, seiner Menschenliebe und mit der ganzen schillernden Pracht des für ihn so typischen, schrägen, diesmal expressionistisch aufgerauhten Pathos. So entsteht in "Ruß" dann doch ein Abbild des Ruhrgebiets - als Remix, dessen Autor auf den alten Tonspuren surft, wie es ihm gefällt.

Feridun Zaimoglu: "Ruß". Roman.

Kiepenheuer & Witsch, Köln 2011. 267 S., geb., 18,99 [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Perlentaucher-Notiz zur Süddeutsche Zeitung-Rezension

Aufs Neue erweist sich, lobt eine ziemlich begeisterte Meike Fessmann, Feridun Zaimoglu mit seinem jüngsten Roman als Meister der literarischen Verwandlung. Von allen Immigrantenthemen, auf die ihn mancher gern festlegen würde, entferne er sich mit diesem "kunstvoll-kargen" Ruhrpott-Kriminalroman. Erzählt wird die Geschichte eines Mannes, der den Mörder seiner Frau jagen kann, will oder soll - und zwar vom Ruhrgebiet aus nach Österreich, Polen und anderswohin -, nur dass es dabei unversehens zu einer Vertauschung der Rollen zu kommen beginnt. Nicht weniger als eine "Kartographie der sozialen Verwerfung" gelinge, so Fessmann, dem Autor. Und das alles in einer Sprache, die aus dem Ruhrpott-Dialekt in ganz und gar überzeugender Manier ein Kunstidiom zu machen verstehe.

© Perlentaucher Medien GmbH
"Zaimoglu beherrscht das Erzählen meisterlich, und mit jedem Buch erfindet er sich neu; er entdeckt Worte für Dinge, die anderen nicht einmal einen Blick wert wären." -- Frankfurter Rundschau
»[...] ein Autor, der ein Ohr für ungewöhnliche Geschichten und Töne hat und sich beides [...] anzuverwandeln weiß, um etwas Eigenes daraus zu machen.«