Die Ästhetik des Widerstands, 2 MP3-CDs - Weiss, Peter
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Peter Weiss' Opus magnum über das Ringen um Menschen- und Völkerrechte
Wer ist der namenlose junge Mann in Peter Weiss' Jahrhundertroman, der als Jugendlicher Berlin verlässt, Zeuge der antifaschistischen Widerstandskämpfe in der Tschechoslowakei, in Spanien und Paris wird und schließlich in Schweden strandet? Der Autor antwortete darauf: "Ich selbst bin es." Regisseur Karl Bruckmaier teilt diesen monumentalen Erinnerungsmonolog in zwei Perspektiven auf: einen jungen, idealistisch brennenden Erzähler (Robert Stadlober) und dessen älteres, desillusioniertes Alter Ego (Peter Fricke). In…mehr

Produktbeschreibung
Peter Weiss' Opus magnum über das Ringen um
Menschen- und Völkerrechte

Wer ist der namenlose junge Mann in Peter Weiss' Jahrhundertroman, der als Jugendlicher Berlin verlässt, Zeuge der antifaschistischen Widerstandskämpfe in der Tschechoslowakei, in Spanien und Paris wird und schließlich in Schweden strandet? Der Autor antwortete darauf: "Ich selbst bin es." Regisseur Karl Bruckmaier teilt diesen monumentalen Erinnerungsmonolog in zwei Perspektiven auf: einen jungen, idealistisch brennenden Erzähler (Robert Stadlober) und dessen älteres, desillusioniertes Alter Ego (Peter Fricke). In Hörspielszenen, Fragmenten, Traumsequenzen und Kunstreflexionen verbinden sich Vergangenheit und Gegenwart zu einem bewegenden Hörspielkunstwerk.

(2 mp3-CDs, Laufzeit: 10h 31)
  • Produktdetails
  • Verlag: Dhv Der Hörverlag
  • Anzahl: 2 MP3 Audio CDs
  • Gesamtlaufzeit: 630 Min.
  • Erscheinungstermin: 12. September 2016
  • ISBN-13: 9783844523379
  • Artikelnr.: 44947262
Autorenporträt
Weiss, Peter
Peter Weiss erscheint rückblickend als eine zentrale Figur der deutschsprachigen Nachkriegsliteratur. Er wurde am 8.11.1916 in Nowawes bei Berlin geboren und verbrachte seine Jugend in Berlin und Bremen. 1934 emigrierte er mit seinen Eltern nach London, von 1936 bis 1938 besuchte er die Kunstakademie in Prag. 1939 siedelte er mit seinen Eltern nach Schweden über, wo er am 10.5.1982 starb. 1982 erhielt er den Georg-Büchner-Preis.Zu seinen wichtigsten Veröffentlichungen zählen neben der "Ermittlung" (1965) u.a. "Abschied von den Eltern" (1961), "Die Verfolgung und Ermordung des Jean Paul Marat" (1964) sowie die viel beachtete "Ästhetik des Widerstands" (1975).

Stadlober, Robert
Robert Stadlober, geboren 1982, ist einer der gefragtesten jungen deutschsprachigen Schauspieler. Er spielte zum Beispiel in "Sonnenallee", "Crazy", "Krabat" und "Jud Süß - Film ohne Gewissen". Als Hörbuchsprecher liest er u.a. "Die Reifeprüfung" von Charles Webb.

Fricke, Peter
Peter Fricke, 1940 geboren, erhielt seine Schauspielausbildung an der Otto-Falckenberg-Schule in München. Seitdem spielte er an fast allen bekannten Bühnen, u. a. an der Städtischen Bühne der Stadt Frankfurt/Main, dem Kölner Schauspielhaus, dem Residenztheater München, der Berliner Volksbühne sowie dem Schauspielhaus Düsseldorf. Zusätzlich wirkte er in mehr als 120 TV-Produktionen mit und ist in vielen Hörspielen zu hören.

Bruckmaier, Karl
Karl Bruckmaier, geboren 1956 in Niederbayern, studierte Kommunikations- und Politikwissenschaften und arbeitet seit 1978 für das Radio. Er ist Moderator mehrerer wöchentlicher musikjournalistischer Sendungen beim Bayerischen Rundfunk und war in den 1980er Jahren kurzzeitig als Redakteur für mehrere Sendungen ebenfalls beim BR tätig. Seit 1981 schreibt er außerdem Pop-Kritiken für die Süddeutsche Zeitung. 1989 begann er dann seine Karriere als Hörspielregisseur, für die er mittlerweile mehrfach ausgezeichnet wurde. Seine Hörspielproduktionen "Jackie" von Elfriede Jelinek (BR 2003), "Die Ästhetik des Widerstands" von Peter Weiss (BR/WDR 2007) und "Chronik der Gefühle" von Alexander Kluge (BR 2009) wurden mit dem Deutschen Hörbuchpreis ausgezeichnet. Zuletzt produzierte er "Leben und Ansichten von Tristram Shandy, Genleman" nach dem Roman von Laurence Sterne (BR 2015).
Trackliste
MP3 CD 1
1Die Ästhetik des Widerstands: Der Altar
2Die Ästhetik des Widerstands: Der Altar
3Die Ästhetik des Widerstands: Der Altar
4Die Ästhetik des Widerstands: Der Altar
5Die Ästhetik des Widerstands: Der Altar
6Die Ästhetik des Widerstands: Der Altar
7Die Ästhetik des Widerstands: Der Altar
8Die Ästhetik des Widerstands: Der Altar
9Die Ästhetik des Widerstands: Der Altar
10Die Ästhetik des Widerstands: Der Altar
11Die Ästhetik des Widerstands: Der Altar
12Die Ästhetik des Widerstands: Der Altar
13Die Ästhetik des Widerstands: Der Altar
14Die Ästhetik des Widerstands: Der Traum
15Die Ästhetik des Widerstands: Der Traum
16Die Ästhetik des Widerstands: Der Traum
17Die Ästhetik des Widerstands: Der Traum
18Die Ästhetik des Widerstands: Der Traum
19Die Ästhetik des Widerstands: Der Traum
20Die Ästhetik des Widerstands: Der Traum
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MP3 CD 2
1Die Ästhetik des Widerstands: Der Auftrag
2Die Ästhetik des Widerstands: Der Auftrag
3Die Ästhetik des Widerstands: Der Auftrag
4Die Ästhetik des Widerstands: Der Auftrag
5Die Ästhetik des Widerstands: Der Auftrag
6Die Ästhetik des Widerstands: Der Auftrag
7Die Ästhetik des Widerstands: Der Auftrag
8Die Ästhetik des Widerstands: Der Auftrag
9Die Ästhetik des Widerstands: Der Auftrag
10Die Ästhetik des Widerstands: Der Auftrag
11Die Ästhetik des Widerstands: Der Auftrag
12Die Ästhetik des Widerstands: Brecht
13Die Ästhetik des Widerstands: Brecht
14Die Ästhetik des Widerstands: Brecht
15Die Ästhetik des Widerstands: Brecht
16Die Ästhetik des Widerstands: Brecht
17Die Ästhetik des Widerstands: Brecht
18Die Ästhetik des Widerstands: Brecht
19Die Ästhetik des Widerstands: Brecht
20Die Ästhetik des Widerstands: Brecht
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Rezensionen

Süddeutsche Zeitung - Rezension
Süddeutsche Zeitung | Besprechung von 08.11.2016

Ein herausgemeißeltes Jahrhundertwerk
Zum 100. Geburtstag von Peter Weiss sind eine Neuausgabe seiner „Ästhetik des Widerstands“,
eine Ausgrabung schwedischer Zeitungsartikel und zwei neue Biografien erschienen
VON HELMUT BÖTTIGER
Drei junge Kommunisten besichtigen zur Zeit von Hitlers Machtergreifung den antiken Pergamonaltar in Berlin und diskutieren intensiv, wie man ihn zu interpretieren habe. Neben dem Ich-Erzähler sind es Hans Coppi und Horst Heilmann. Der Ich-Erzähler rückt jedoch oft an den Rand, und in den langen Satzperioden, die die absatzlosen Seiten des Buches bestimmen, löst er sich mitunter in Dialogen auf und verschwindet hinter anderen Personen, die plötzlich im Vordergrund stehen. So monumental die äußere Gestalt dieser „Ästhetik des Widerstands“ auch ist, so unsicher wirken die unterschiedlichen Bewegungen im Inneren. Das Buch täuscht eine klassische, realistische Erzählweise vor, doch sie wird zwischen den Zeilen und später auch in ihnen selbst erschüttert.
  Das Hauptwerk von Peter Weiss, ein Gipfelpunkt deutscher Prosa nach 1945, hatte in den Jahren seines Erscheinens und noch lange danach Kultstatus. In jeder deutschen Universitätsstadt gab es manchmal ganze Semester lang tagende Lektüregruppen, die sich über seinen gesellschaftspolitischen und ästhetischen Ansatz den Kopf zerbrachen. Weiss hat das Buch 1975, 1978 und 1981 (er starb 1982) in drei aufeinanderfolgenden Bänden veröffentlicht. Ursprünglich war es als ein Buch über den kommunistischen Widerstand in Berlin und Stockholm während des Zweiten Weltkriegs gedacht, doch es wuchs sich aus zu einer weit in die Geschichte ausgreifenden Epopöe, die die Klassengegensätze zwischen unten und oben mit den Widersprüchen zwischen Geist und Macht zusammendenkt. Die Vorstellungen einer besseren Gesellschaft werden in jedem Abschnitt neu konturiert und reflektiert, sie befinden sich in einem ständigen Veränderungsprozess. Das hatte für die damalige Rezeption einen irritierenden, provokativen Effekt.
  Peter Weiss, vor hundert Jahren am
8. November 1916 als Sohn einer bürgerlichen jüdischen Fabrikantenfamilie in Deutschland geboren, erlangte im Exil die schwedische Staatsbürgerschaft und bekannte sich, nach schwierigen Selbstfindungsversuchen, in den Sechzigerjahren radikal zum Sozialismus. Dieser Weg erschien ihm symptomatisch und konsequent. Überall in der „Ästhetik des Widerstands“ finden sich deshalb autobiografische Reflexionen des Autors, die ins Allgemeine und Überpersonale überführt werden.
  Die Kunst erschien Weiss früh als eine Gegenwelt. In den Fünfzigerjahren in Schweden beschäftigte er sich intensiv mit dem Surrealismus, und sein Essay über die visuelle Kunst der Avantgarde bewegte sich auf einer Höhe der Zeit, die in der damaligen Bundesrepublik noch überhaupt nicht vorstellbar war. Der Verbrecher-Verlag legt jetzt unter dem Titel „Dem Unerreichbaren auf der Spur“ einen Band mit bisher noch nicht ins Deutsche übersetzten schwedischen Artikeln vor, die vor allem diese Phase mehr erhellen. Nach zwei Psychoanalysen und einigen sozialkritischen Dokumentarfilmen radikalisierte sich Weiss zusehends. Der Besuch des ersten Frankfurter Auschwitz-Prozesses fungierte dabei als Katalysator.
  In der „Ästhetik des Widerstands“ lässt Weiss die Bindung an ein bürgerlich-subjektives Ich hinter sich und entwirft eine „Wunschautobiografie“, wie er es in einem Interview anfangs unvorsichtig nannte. Die Ich-Figur des Romans verbindet tatsächlich Weiss’ konkrete Lebensorte mit dem Weg eines kommunistischen Arbeitersohns. Im Mittelpunkt stehen dabei keine individuellen Gefühlswelten, sondern die zeitgenössischen politischen und ästhetischen Diskurse, die durch das Ich hindurchgehen und es zu einem agierenden wie getriebenen Teil der Zeitgeschichte machen. Spannende und dramatische Szenen, etwa im Spanischen Bürgerkrieg oder im Berliner Untergrund der Vierzigerjahre, gehen über in differenzierte Auseinandersetzungen über Brecht oder den Dadaismus, über Dante oder über Kafka – wodurch auch die Obsessionen des Autors Peter Weiss auf einer höheren Ebene wieder neu verhandelt werden.
  Charakteristisch für diesen sperrigen, mehrdeutigen und überbordenden Roman ist, wie sich die Debatten über den Pergamonaltar durch die drei Bände ziehen. Immer wieder werden neue Perspektiven entwickelt, aus denen man ihn betrachten kann. Das vorläufige Schlusswort wird wie nebenbei gesprochen: „Weniger das Abgeschlossne als das im Entstehn Begriffne bestimme unser Leben, sagte Heilmann“ – und das ist auch ein Schlüssel für die Interpretation der „Ästhetik des Widerstands“ überhaupt. Es geht um etwas noch Unbestimmtes, um einen Prozesscharakter. Das forderte damals dogmatische linke Weltverenger heraus und ist heute umso mehr eine Herausforderung für Lesegewohnheiten, die Zwischenräume aussparen, auf Eindeutigkeit setzen und allzu Schwieriges als „unklar“, „schwammig“ oder „raunend“ ablehnen. Die „Ästhetik des Widerstands“ ragt in die heutige Literaturlandschaft wie ein Fremdkörper herüber, ein verwitterter Monolith.
  Aus Anlass des hundertsten Geburtstags von Peter Weiss sind zwei höchst unterschiedliche Biografien erschienen. Birgit Lahanns Buch ist von der momentan grassierenden Mode historischer Reportage gezeichnet. Die Autorin vermittelt den Eindruck, unmittelbar dabei gewesen zu sein, ohne zeitliche Distanz, mit den Mitteln von Home-Story und Spaziergängen mit Prominenten. Hauptquelle sind Gespräche mit der Witwe von Weiss. Wegen der beabsichtigen Wirkung gehen Interview-Dialoge ohne Zitatzeichen, wenn auch mit Zeilensprung, in den Text ein: „Was war bei dieser ersten Begegnung das Interessante an ihm? / Er hatte eine Ausstrahlung, das muss ich sagen. Die hatte er. / Und Sie waren eine intelligente und sehr schöne Frau. / Schön? Das hab ich selbst nie so gesehen. / Aber er wird es gesehen haben.“ Als prägendes Trauma in Weiss’ Leben erscheint dann gleich im ersten Kapitel der Unfalltod seiner erst zwölfjährigen Schwester Margit 1934, der durchaus Spuren in seinem Werk hinterließ, bei Lahann aber eine zusätzliche melodramatische Note bekommt.
  Werner Schmidt hingegen beginnt seine Biografie exemplarisch mit der großen Lebenskrise, die Weiss um 1960 hatte – er war 43 Jahre alt, als bildender Künstler wie als Filmemacher erfolglos geblieben und schien als schwedisch schreibender wie als deutschsprachiger Autor gescheitert zu sein. Zeitgleich kam es zur vorübergehenden Trennung von seiner langjährigen Partnerin und späteren Ehefrau Gunilla Palmstierna. Damit trifft Schmidt einen Nerv. Als emeritierter Professor für Neuere Geschichte in Stockholm interessieren ihn allerdings vornehmlich gesellschaftspolitische Aspekte. Deshalb ist seine Biografie auch weniger eine klassische Lebensbeschreibung als eine Folge instruktiver Essays über die einzelnen werkgeschichtlichen Phasen. Das Privatleben von Weiss bleibt nahezu ausgeklammert. Interessant sind Schmidts Ausführungen über die politische Haltung des Autors, der von Stockholm aus BRD und DDR als ihm gleichermaßen nahe und fremde deutschsprachige Staaten ansah und in seiner radikalsten politischen Phase sich eindeutig zur DDR bekannte. Ästhetische Fragen treten aber fast völlig in den Hintergrund, sodass auch diese Biografie nur Teile des Gegenstands adäquat erfasst.
  Die zentrale Neuerscheinung zum 100. Geburtstag von Peter Weiss ist zweifellos die „Neue Berliner Ausgabe“ der „Ästhetik des Widerstands“, die sich tatsächlich von den legendären drei grauen Kartonbänden der Originalausgabe unterscheidet. Weiss war mit dem Lektorat vornehmlich des dritten Bandes damals überhaupt nicht einverstanden. Die Lektorin Elisabeth Borchers monierte Skandinavismen in Weiss’ Sprache und hatte den Verdacht, der Autor habe sich in seinem jahrzehntelangen Exil von der deutschen Umgangssprache zunehmend entfernt. Sie wollte vor allem Partizipialkonstruktionen auflösen und „die Begriffe schärfen“, außerdem „Subjekt und Verb einander näher“ bringen. Für Weiss spielte jedoch die Musikalität der Sprache eine entscheidende Rolle, markant sind etwa seine herausgemeißelten Endungen bei den Verben: „sehn“, „haun“, „vorziehn“. Die DDR-Ausgabe, die von 1983 an erschien, ging dann eher auf diese Intentionen des Autors ein. Sie war ihm also nicht aus politischen Gründen näher, wie später gemutmaßt wurde. Die Neuausgabe berücksichtigt jetzt sämtliche erhaltenen Skripte und Angaben des Autors und ist daher wirklich von „letzter Hand“ – ein Jahrhundertwerk mit Ecken und Kanten.
Peter Weiss: Die Ästhetik des Widerstands. Roman. Hrsg. und mit einem editorischen Nachwort von Jürgen Schutte. Suhrkamp Verlag, Berlin 2016. 1199 Seiten, 38 Euro.
Werner Schmidt: Peter Weiss. Leben eines kritischen Intellektuellen. Suhrkamp Verlag, Berlin 2016. 461 Seiten, 34 Euro. E-Book 29,99 Euro.
Birgit Lahann: Peter Weiss. Der heimatlose Weltbürger. Verlag J.H.W. Dietz, Bonn 2016. 336 Seiten, 24,90 Euro.
Peter Weiss: Dem Unerreichbaren auf der Spur. Schwedische Essays und Interviews 1950 – 1980. Hrsg. und übersetzt von Gustav Landgren. Verbrecher Verlag, Berlin 2016. 304 Seiten,24 Euro.
Nach einer schwierigen Phase
der Selbstfindung bekannte Weiss
sich radikal zum Sozialismus
Die zentrale Neuerscheinung
ist die „Neue Berliner Ausgabe“
seines Monumentalromans
Die Reaktionen auf den Film waren vernichtend: ein „Skandal“ in „Inhalt und Ausführung, hieß es. Peter Weiss distanzierte sich danach öffentlich von seinem Werk.
Dieser Film sollte ein kommerzieller Erfolg werden: Peter Weiss bei den Dreharbeiten zu „Schwedinnen in Paris“ (1960 / 61)
Fotos: Christer Strömholm
DIZdigital: Alle Rechte vorbehalten – Süddeutsche Zeitung GmbH, München
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über www.sz-content.de
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Perlentaucher-Notiz zur Süddeutsche Zeitung-Rezension

Rezensent Helmut Böttiger liest für eine Sammelbesprechung Bücher von und über Peter Weiss. Das wichtigste der zum 100. Geburtstag des Autors erschienen Bücher ist für ihn eindeutig die Neuausgabe der "Ästhetik des Widerstands". Der Mitte der Siebziger bis Anfang der Achtziger in drei Bänden erschienene Roman steht für Böttiger heute wie ein wuchtiger, scharfkantiger Felsbrocken im Kieselstrand der heutigen Literatur. Es geht um alles in diesem Roman: Er ist autobiografisch, so Böttiger, auch wenn sich der als Sohn eines jüdischen Fabrikanten ab 1939 im schwedischen Exil lebende Autor eine neue Biografie als kommunistischer Arbeitersohn und Widerstandskämpfer erfand. Politische Diskurse, die auf eine sich ständig verändernde Gesellschaft reagieren, nehmen großen Raum ein ebenso wie ästhetische. Das man die "Ästhetik" in seiner ganzen, von Weiss autorisierten Version lesen kann, ist erst mit dieser Ausgabe möglich. Ein "Jahrhundertwerk", versichert der Rezensent.

© Perlentaucher Medien GmbH
"Geisterbeschwörung und Geschichtsroman zugleich ... In seinem grandiosen Epitaph gegen das Vergessen lässt Peter Weiss auf den Untergang der realen Utopie ihre imaginäre Auferstehung folgen: Die Toten leben noch."
Kurt Darsow, WDR 08.11.2016

Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 01.10.2004

Ganz unten
Heimschläfer auf Höllenfahrt: Die Belletristik in diesem Herbst

Kurz und Gut steht jeden Morgen an der Ecke und erzählt. Man nennt ihn Kurz und Gut, weil er, ständig hustend und lungenkrank, nicht mehr ausreichend Luft für eine ausführliche Erzählung hat. "Also kurz und gut, sagte er dann: Viele kurze Geschichten ergeben auch eine lange, ist vielleicht auch interessanter." So rezitiert er wörtlich den Beginn von Dostojewskis "Idiot" und erzählt dann, kurz und gut, dessen Quintessenz in einem einzigen Satz. Dieser Kurz und Gut ist nur eine der unvergeßlichen Figuren in Dieter Fortes neuem Roman "Auf der anderen Seite der Welt" (S. Fischer), eine Gestalt wie ein orientalischer Geschichtenerzähler, der sich ins Nachkriegs-Düsseldorf verirrt hat. Wie alle diese Figuren ist er ein Führer in die Unterwelt. Zu Beginn des Romans reist der Erzähler, das Kind aus Fortes autobiographischer Trilogie "Das Haus auf meinen Schultern", ans Meer, in ein Lungensanatorium, eine Hadesfahrt ohne Wiederkehr. Fortes Buch ist eines der düstersten dieses Herbstes und zugleich eines der reichsten, eine postapokalyptische Version des "Zauberbergs", die die "Stunde Null" nicht als Tor zu hellen Wirtschaftswundertagen versteht, sondern als schwarzes Loch, das Vergangenheit wie Zukunft in seinen Sog reißt.

Höllenwanderungen, Schattenreiche, Grubenfahrten in die Stollen der Erinnerung - in diesem Herbst, in dem die Deutschen im Kino mit dem Führerbunker das dunkelste Verlies ihrer Geschichte betreten, ist auch die Belletristik voller Abstiege ins Inferno, allerorten Erkundungen dunkler Geschichtsflecken. Es ist kein Zufall, daß eine der interessantesten literaturwissenschaftlichen Neuerscheinungen, "Höllenfahrten" von Isabel Platthaus (Wilhelm Fink), die "Unterwelten der Moderne" von Joyce bis Pynchon ausmißt. Der Abstieg in die Unterwelt ist stets auch ein Blick in die Tiefe der eigenen Seele und die Untiefen der Vergangenheit.

"Da geht's gleich richtig in den Schacht", nennt das Lutz Schaper, eine der Hauptfiguren in Antje Rávic Strubels Roman "Tupolew 134", der auf einem authentischen Fall beruht: 1978 entführten zwei DDR-Bürger eine polnische Linienmaschine auf dem Rückflug nach Schönefeld und zwangen sie zur Landung in Tegel. Wie Strubel die bleierne Atmosphäre jener Jahre sinnlich heraufbeschwört und zugleich die Unmöglichkeit einer authentischen Rekonstruktion der Vergangenheit demonstriert, ist virtuos. Der "Schacht" wird dabei zur zentralen Metapher der Erinnerung, immer wieder geht es nach "ganz unten", wo die Grenzen der Dinge und alle Gewißheiten verschwimmen.

Nicht nur für DDR-Bürger war West-Berlin ein Sehnsuchtsort. Auch mancher bundesrepublikanischer Wehrpflichtiger entzog sich so der Einberufung. Der zweite Roman von Sven Regener "Neue Vahr Süd" (Eichborn) liefert die Vorgeschichte seines Herrn Lehmann nach, der in den frühen Achtzigern nahe bei Bremen zum Bund muß. "Die ihr antretet, laßt alle Hoffnung fahren" könnte hier über dem Kasernentor stehen. Regener liefert die burleske Variante der Höllenfahrt, die immer pünktlich am Wochenende unterbrochen wird. Doch als Heimschläfer kann er nicht sicher sein, ob seine versifftes WG-Zimmer nicht in Wahrheit der allerunterste Kreis der Hölle ist.

Das gleiche gilt für jenen diabolischen Sexclub namens "Klapsmühle", den Abel Nema in Terézia Moras erstem Roman "Alle Tage" (Luchterhand) betritt und nur nackt und zerschunden wieder verläßt. Schlagender als durch Moras grandioses Panorama unserer Epoche der Fluchten und Vertreibungen mit seiner Vielzahl faszinierender Figuren und Geschichten läßt sich das Motto von Kurz und Gut nicht beweisen. Eine ähnliche Stoffülle bietet Thomas Brussig in "Wie es leuchtet" (S. Fischer) auf. Doch der vermeintlich ultimative Wenderoman demonstriert, daß allein die Addition von Episoden noch lange kein Zeitpanorama macht.

Die "Ästhetik des Widerstands" von Peter Weiss ging ja aus dem Plan hervor, Dantes "Commedia" für das zwanzigste Jahrhundert zu schreiben. Der dunkelste Schreckensort war hier Plötzensee, die Schlachtstätte der Hitler-Attentäter. F. C. Delius erinnert in "Mein Jahr als Mörder" (Rowohlt Berlin) an das Schicksal des Widerständlers Georg Groscurth, der im Mai 1944 mit dem Fallbeil hingerichtet wurde und dessen Sohn ein Kindheitsfreund des Autors war. Als 1968 der NS-Richter freigesprochen wird, faßt der Erzähler den Entschluß zur Selbstjustiz. An '68 arbeiten sich gleich mehrere Generationen ab: Gerhard Seyfried, Jahrgang 1948, stellt sich noch einmal unter den "Schwarzen Stern der Tupamaros" (Eichborn), Sophie Dannenberg, geboren 1971, klagt im Namen der unter Spätfolgen leidenden Kinder "Das bleiche Herz der Revolution" an (DVA), und Peter Rühmkorf (1929) veröffentlicht seine Tagebücher 1971/72 (Rowohlt).

Wer hierzulande familiengeschichtliche Grabungen anstellt, stößt irgendwann immer auf eine Kammer des Schreckens. Martin Pollack forscht seinem Vater nach, einem später wohl von Partisanen 1947 ermordeten SS-Offizier und Kriegsverbrecher ("Der Tote im Bunker", Zsolnay). Jakob Hein dagegen erinnert sich anrührend an seine verstorbene Mutter und erkundet dabei die jüdischen Wurzeln der Familie im Dritten Reich ("Vielleicht ist es sogar schön", Piper). Auch einige der wichtigsten Übersetzungen sind Familienromane, doch wer hier angesichts der Titel Erbaulicheres erwartet, täuscht sich: Über der "Liebe" in Toni Morissons gleichnamigem Roman (Rowohlt) scheint ein Fluch zu liegen; in Amoz Oz' gewaltiger "Geschichte von Liebe und Finsternis" (Suhrkamp) droht den knapp den europäischen Schrecken entronnenen Juden in Palästina erneut die Vernichtung. Daß der Amerikaner Denis Johnson nicht allzu optimistisch in die Welt blickt, ist aus seiner Novelle "Train Dreams" (Mare) in aller Konzentration abermals zu erfahren. Endlich übersetzt wurde "Der Besen im System", der hintersinnig-irrsinnige Debütroman des genialischen David Foster Wallace (Kiepenheuer & Witsch). Im Osten Europas taugt der Fortschritt schon lange nur noch als Groteskenstoff. Der Tscheche Péter Zilahy blickt in seinem verspielten "Revolutions-Alphabet" "Die letzte Fenstergiraffe" (Eichborn) mit Kinderblick auf das ehemalige Jugoslawien. Viktor Pelewin stellt in "Die Dialektik der Übergangsepoche von Nirgendwoher nach Nirgendwohin" (Luchterhand) den ganzen postkommunistischen Aberwitz Rußlands bloß. "Das jetzige System nannte sich Fortschritt, drehte sich aber Schritt für Schritt nur im Kreis, was natürlich keiner bemerkte, es ging ja immer so schön geradeaus", so heißt es bei Forte.

Nicht nur die deutsche Literatur also hat jeden Glauben an Fortschritt und Vervollkommnung längst aufgegeben. Das bevorstehende Schiller-Jahr dürfte spannend werden: Zwar ist Schiller ja selbst vor allem in seinen Briefen "Über die ästhetische Erziehung" der schärfste Fortschrittskritiker gewesen, hatte aber doch mit allem Pathos die Kunst als Remedium inthronisiert. Vielleicht ist ja der "ästhetische Zustand", als Harmonie von Sinnlichkeit und Vernunft, gar nicht so weit weg von Pelewins buddhistischer Weltentrücktheit. Neben neuen Werkausgaben erscheinen zwei Biographien: Während Sigrid Damm (Insel) eher das Private erkundet, nimmt Rüdiger Safranski (Hanser) eine ambitionierte Rekonstruktion des Schillerschen Idealismus vor.

Und wo versteckt sich in der Gegenwart das Positive? Natürlich in der literarischen Form - und in der Liebe, die ja auch nur eine Funktion der Sprache ist. Marion Poschmanns Buch "Grund zu Schafen" (Frankfurter Verlagsanstalt) ist einer der wichtigsten Gedichtbände der letzten Zeit und markiert die Rückkehr einer Naturlyrik auf höchstem Sprach- und Reflexionsniveau. Diese in wunderbaren, manchmal zunächst dunklen, dann blitzartig klaren Sprachbildern eingefangene Natur erobert sich auch hier die resignierende industrielle Zivilisation zurück. Und wo die Biologie kein Rätsel mehr offenläßt, muß die Sprache die Welt ins Wundersame und Märchenhafte überführen.

Ein Programm, das auch die große Naturerzählerin Brigitte Kronauer unterschreiben würde. Sie hat mit "Verlangen nach Musik und Gebirge" (Klett-Cotta) einen ausgelassenen, entrückten Liebesverwirrungsroman geschrieben. Wie bei Forte beginnt das Buch mit einer seltsamen Reise ans Meer, nach Oostende. Und wenn man diese beiden Zugfahrten nacheinander liest, dann hat man fast schon das ganze Spektrum dieses Herbstes aufgefächert.

RICHARD KÄMMERLINGS

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