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Bewertung vom 17.04.2017
Die Ästhetik des Widerstands
Weiss, Peter

Die Ästhetik des Widerstands


ausgezeichnet

Ich bin von diesem Buch schlicht und einfach fasziniert. Peter Weiß nimmt uns in Form eines jungen revolutionären Kommunisten der 30er Jahre an die Hand. Dabei taucht man mit diesem jungen Menschen, welcher als Kommunist im Untergrund lebt und seinen ebenso wissbegierigen Freunden Coppi und Heilmann, in eine ungeheure historische und mythologische Assoziationskraft ein. Der erste Teil findet in Berlin statt, im zweiten Teil gehen wir mit unserem Protagonisten nach Spanien, um sich der Revolution gegen den Faschismus und den Kapitalismus anzuschließen. Die mythologische Erzählung um Herakles, welchen die jungen Freunde als ihre Heroe bestimmten, spiegelt immer wieder die Auffassungen der jungen Drei wieder. Von anfänglicher Euphorie und Heldentums, hin zur Einsicht, dass Herakles zwar viele Ungeheuer besiegt, doch niemals die Macht an sich- Zeus und die Götter.
Ein wunderbarer Roman, wenn man den Verlauf des Kommunismus von "innen" heraus kennen lernen möchte. D.h. nicht mit einer geschichtlichen Distanz von Außen, sondern sie mittendrin begleitet. Mich regten die Fragen an : "Warum konnte sich die Einheitsfront gegen den Faschismus nicht bilden und warum zerfielen die Initiativen?" Ich habe das Buch mit relativ wenigen Vorkenntnissen begonnen und ich muss sagen, dass Wikipedia, um sich immer hin und wieder eines Namens oder eines Ereignisses zu vergewissern, für mich unablässig war. Peter Weiß legt in diesen Roman so viel geschichtliches Wissen, doch nicht vordergründig- im Vordergrund steht dieses Grundgefühl von Hoffnung, Mut, Angst, Unsicherheit. Mir hat dieser Roman so viele Einblicke in die Fragen gegeben, wie der Kommunismus zu einem diktatorischen Regime werden konnte, warum Stalin so lange an der Macht getragen wurde, trotz seinen Säuberungen, Deportationen, Ermordungen sowie warum der Faschismus sich überhaupt so stark entwickeln konnte.
Ich habe festgestellt, wie wenig ich in der Schule über die Initiativen gegen das Hitlerregime gelernt habe. Natürlich die Scholl-Geschwister und einzelne Personen, doch weder die spanische Revolution, noch die vielen Gegenoffensiven.
Nach meiner Ansicht legt dieser Roman die vielseitigen Widersprüchlichkeit der Zeit zu Tage, innerhalb der kommunistischen Partei, doch vielmehr in den einzelnen Personen wie in unserem jungen Protagonisten. Die Personen in dem Roman sind alle mehr oder weniger der Realität entnommen, so dass ich beim Lesen viele kommunistische Parteifunktionäre, Literaten, Künstler, Ärzte wie Grieg, Marcauer, Wehner, Münzenberger oder Grieg kennenlernte.
Kurz und knapp, es ist eine Geschichte des Kommunismus, eine Geschichte des Widerstandes, der Auflehnung, des Mutes für eine Idee, die mich gelehrt hat tiefer über die Verwicklungen nachzudenken und meine voreiligen Schlüsse zurückzunehmen und stattdessen ein "Es ist kompliziert." stehen zu lassen.

Für mich ein wunderbarer Roman mit fantastischen Figuren in ihrer Zwiespalt, Unsicherheit, Zerwürfnissen und Angst, die trotz so vielfältiger Gefahren und Hoffnungslosigkeiten nicht aufgeben und sich für ihre großen Ideen der Gegenwart entgegenstellen.

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