Der letzte Ort - Fatah, Sherko
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Bewertung von Joschne aus Sittensen

Ein literarischer Thriller über Freundschaft und Verrat. Die Welt um Albert, einen deutschen Aussteiger, ist geschrumpft, seit er im Irak entführt wurde. Sie besteht nur noch …


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1 Kundenbewertung

Ein literarischer Thriller über Freundschaft und Verrat.
Die Welt um Albert, einen deutschen Aussteiger, ist geschrumpft, seit er im Irak entführt wurde. Sie besteht nur noch aus dem, was der Zwischenraum zwischen den roh gezimmerten und doch unüberwindlichen Holzlatten des Verschlags zeigt, in den seine Entführer ihn eingeschlossen haben. Nie hätte er sich ausmalen können, wie sich das anfühlt: die Angst, gefesselt in einem Stall zu verrecken, umschwirrt von Fliegen, getrennt von seinem Übersetzer Osama, seiner Brücke in die fremde Kultur.
Längst ist Osama, ein Einheimischer, der aus
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Produktbeschreibung
Ein literarischer Thriller über Freundschaft und Verrat.

Die Welt um Albert, einen deutschen Aussteiger, ist geschrumpft, seit er im Irak entführt wurde. Sie besteht nur noch aus dem, was der Zwischenraum zwischen den roh gezimmerten und doch unüberwindlichen Holzlatten des Verschlags zeigt, in den seine Entführer ihn eingeschlossen haben. Nie hätte er sich ausmalen können, wie sich das anfühlt: die Angst, gefesselt in einem Stall zu verrecken, umschwirrt von Fliegen, getrennt von seinem Übersetzer Osama, seiner Brücke in die fremde Kultur.

Längst ist Osama, ein Einheimischer, der aus einer liberalen Familie stammt, zum Freund geworden. In der Gefangenschaft, der Willkür ihrer Entführer ausgesetzt, die sie mal getrennt, mal zusammen, von Ort zu Ort schleppen, begannen sie zu reden: über den Hass zwischen den Kulturen, der mit dem Denken beginnt, und über ihre eigenen Leben. Albert wird bewusst, wie wenig Osama, der sein Land im Krieg erlebt hatte und nun als Verräter gefangen gehalten wird, mit seinen Geschichten anfangen kann. Und doch ist das Reden das einzige, was ihnen bleibt am vielleicht letzten Ort ihres Lebens, an dem das Leben der anderen weiter geht, als wäre nichts geschehen.

Sherko Fatah erzählt die Entführung von Albert und Osama als atemberaubenden literarischen Thriller und sensibles Psychogramm beider Figuren. Beide geraten in der aussichtlosen Situation an ihre Grenzen und verlieren sich in ihrer eigenen Angst und im wachsenden Misstrauen gegen den anderen. Als ihnen die Flucht gelingt, ist zwischen ihnen nichts mehr wie zuvor.
  • Produktdetails
  • Verlag: Luchterhand Literaturverlag
  • Seitenzahl: 288
  • Erscheinungstermin: 7. August 2014
  • Deutsch
  • Abmessung: 219mm x 138mm x 26mm
  • Gewicht: 486g
  • ISBN-13: 9783630874173
  • ISBN-10: 3630874177
  • Artikelnr.: 40794680
Autorenporträt
Sherko Fatah, geboren 1964 in Berlin, aufgewachsen in der DDR, 1975 Übersiedlung nach West-Deutschland. Studium der Philosophie und Kunstgeschichte in Berlin. Auszeichnungen: 2001 mit dem aspekte-Literaturpreis und dem Deutschen Kritikerpreis sowie 2015 mit dem Großen Kunstpreis und dem Adelbert-von-Chamisso-Preis der Robert Bosch Stiftung.
Rezensionen
"Sherko Fatah erzählt die spannendsten und spannungsreichsten Geschichten in der deutschen Literatur der Gegenwart." Volker Weidermann / Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung

Perlentaucher-Notiz zur FR-Rezension

Starker Tobak, aber etwas anderes ist bei einem Roman über den Konflikt im Irak wohl nicht zu erwarten - erst recht nicht, wenn er aus der Feder des deutsch-irakischen Schriftstellers Sherko Fatah stammt, meint Christian Thomas. Um zwei von einer Terrormiliz Gefangengenommene geht es, den aus Ost-Berlin stammenden Journalisten Albert und seinen Dolmetscher Osama - das Thema ist so brandaktuell, dass es die gegenwärtige Lage vorwegzunehmen scheint, aber tatsächlich stehen Entführungen und Enthauptungen im Irak bereits seit geraumer Zeit auf der Tagesordnung, weiß der Rezensent. "Radikale Illusionslosigkeit" attestiert Thomas dem Roman, aber auch erzählerische Wucht und bittere Pointiertheit.

© Perlentaucher Medien GmbH

Süddeutsche Zeitung - Rezension
Süddeutsche Zeitung | Besprechung von 29.08.2014

Irakisches Endspiel
Wie man nach Verlust seines Wertekostüms das nackte Leben bewahrt –
Sherko Fatahs hellsichtige Romanchronik einer Entführung
VON FLORIAN KESSLER
Eben noch war es bloß heiß. Zwei Reisende sind aus ihrem klimatisierten Geländewagen gestiegen. Sie stehen am Auto, orientieren sich blinzelnd im grellen Mittagslicht. Im nächsten Augenblick fallen andere Männer über sie her. Den Angreifern geht es vor allem um einen der beiden Passagiere, aber sie attackieren sie beide. Ihnen werden Baumwollsäcke über die Köpfe gezerrt, sie werden weggeschleift und in andere Autos verfrachtet. Sie sind entführt worden.
  Dem Schriftsteller Sherko Fatah genügen zwei beiläufige Absätze, um diesen Urmoment seines Romans in Szene zu setzen. Wie eine Murmel tippt er die Insassen des Geländewagens nur ein einziges Mal an, um sie für immer aus der klimatisierten Komfortzone ihrer Überzeugungen zu stoßen. Auf der Kugelbahn dieses Romans geht es vom Moment der Entführung an immer nur abwärts. In brutaler Eskalation gehen die beiden Männer im Laufe ihrer unterschiedlich verlaufenden Gefangenschaften körperlich zuschanden. In brutaler Eskalation werden aber auch ihre angestammten Gewissheiten zerrüttet. Am kunstvoll offengehaltenen Ende der Handlung stehen darum nicht nur zwei mögliche Todesfälle, sondern große Fragen: Was bleibt vom Menschen übrig, wenn er vollständig entblößt ohne Wertekostüm dasteht? Wie nackt und frei von Überzeugungen kann man eigentlich sein, und was sagt es für alle Kanzelreden vom Dialog der Kulturen, dass zumindest die beiden Gefangenen schließlich auch ganz gut ohne festgefügtes Weltbild auszukommen scheinen, Hauptsache, sie überleben vielleicht?
  „Der letzte Ort“ spielt durchaus an vage einzugrenzenden Orten, nämlich in jenen Gebieten rund um den Nordirak, die in den vergangenen Monaten schlagartig wieder auf der politischen Landkarte auftauchten. Die Entführung und öffentliche Ermordung des US-Journalisten James Foley durch die Terrorgruppe des „Islamischen Staates“ (IS) ist in Fatahs Roman in beklemmender Klarheit vorweggenommen. Man fragt sich beim Lesen fassungslos, wie die westliche Öffentlichkeit derart vom Siegeszug der IS-Dschihadisten überrascht werden konnte, wenn ein Berliner Schriftsteller in den Jahren, da er an seinem Roman schrieb, so detailliert ihre Vorgeschichte entwerfen konnte. Der „Emir“ jener Terrorgruppe jedenfalls, der in Sherko Fatahs Roman die beiden Entführten zum bitteren Ende hin wie nach einem Staffellauf von vorangegangenen Entführergruppen übernimmt, spult mit seinen Vorstellungen eines grenzübergreifend verheerten Mesopotamiens exakt das Programm der IS-Milizen ab. Klipp und klar spricht er nicht lediglich davon, „die Kreuzfahrer, die Amerikaner und Briten“ vernichten zu wollen, sondern ebenso auch Kurden, Christen, Kollaborateure und Schiiten: „Ketzer, die das Antlitz des wahren Glaubens verschandeln.“
  Sherko Fatah wurde 1964 als Sohn einer deutschen Mutter und eines kurdischen Vaters in Ostberlin geboren. Von klein auf war er viele Male zu Besuch im Irak. Er hat dort auch heute noch Familie und er hat dort für viele seiner Bücher aufwendige Recherchen betrieben. Die Idee seines Schreibens aber geht über bloßes Dokumentieren weit hinaus. Fatah versucht, anhand der Projektionen der Kulturen aufeinander von diesen Kulturen zu erzählen, wozu er in seinen Romanen immer wieder in neuen Konstellationen Menschen von der arabischen Welt in den Westen oder in umgekehrte Richtung losschickt. Es hat bisher noch zu wenige Leser gefunden, wie er beispielsweise in „Das dunkle Schiff“ (2008) einen Gotteskrieger als illegalen Migranten über das Meer in wahrhaftig empfundene Islamgläubigkeit versetzte, oder wie er in „Ein weißes Land“ (2012) aus der Perspektive Bagdads ein ganzes Weltkriegskapitel deutsch-irakischer Beziehungen neu erzählte.
  Derartigen perspektivischen Experimenten werden diesmal die beiden entführten Reisenden auf unterschiedliche Weise ausgesetzt. Da ist zum einen Albert, ein Deutscher, seiner eigenen Anfangsüberzeugung nach zur Bewahrung des kulturellen Erbes in den Irak gekommen, in Wahrheit aber wohl eher vor den eigenen Altlasten seiner noch immer vom Untergang der DDR gezeichneten Nomenklatura-Familie geflohen. Und da ist zum anderen Alberts irakischer Übersetzer Osama, der aus einer ungleich liberaleren sunnitischen Familie stammt. Er erhofft sich seinen Anfangsgewissheiten zufolge Eintritt in die Luxuswerte-Gemeinschaft des Westens und war vor der Entführung gerne dazu bereit, mit Albert antike Grabfunde vor Plünderern zu retten.
  Kurz davor allerdings hatte Osama noch selbst die kulturellen Erbstücke seines Landes geraubt, zerstört und gehandelt. Der Hehler, mit dem er damals gemeinsame Sache machte, benutzte eine Krawattennadel, um mit ihr auf die ungreifbaren Figuren auf den antiken Stücken zu deuten. Auch über den beiden dem Geschehen preisgegebenen, von wechselnden ideologischen Einflüsterungen bestimmten Nichthelden Albert und Osama scheint manchmal eine solche unsichtbare Krawattennadel des Erzählers zu schweben, wenn sie mit jedem Kerkerverschlag und jeder Übergabe sanft immer tiefer in ihren Verfall gestupst werden. Der Roman ist nichts als die kalte Chronologie ihrer Gefangenschaft, dabei jedoch über viele Seiten hinweg weich ausgepolstert mit ihrer befremdeten Gefangenenkonversation. Tückisch kultiviert und darin nur bisweilen allzu behaglich erscheint der Tonfall Fatahs, wenn etwa der verdurstende Albert im Angesicht eines Schiffswracks im Salzwasser des Meeres immer noch von der „Wohltat seiner Lähmung im Angesicht des Riesenhaften“ parlieren kann.
  Fatahs distinguiertes Erzählen steht in meist durchaus reizvollem Kontrast zur puren Panik der Entführungssituation. Die harte Handlungslogik aber ist bisweilen zu weich und wohlmeinend hergestellt, wenn etwa der extremistische „Emir“ am Ende zufällig ein alter Bekannter Osamas sein muss, bloß um noch einmal eine weitere Geschichte kulturellen Überzeugungstumults einschieben zu können. Die Idee des becketthaften Endspiels zwischen zwei Männern in einer nackten Zelle steht dann in schiefem Kontrast zum Anspruch, zugleich wie in einem guten Thriller möglichst viel Lebenswelt vorführen zu wollen. Immerhin aber lässt sich bei Sherko Fatah versuchsweise beides finden: Ein universelles Drama zweier Menschen ohne Wertekompass, und eine Realtragödie der Grundkonflikte unserer Zeit, durchprobiert an zwei Männern, die nichts anderes taten, als ein einziges Mal aus ihrem klimatisierten Geländewagen zu steigen.
Der Terrror des IS, die Ermordung
von James Foley – der Roman hat
sie offenbar vorweggenommen
Zerstörte Städte, leere Landschaften – in den vergangenen Monaten ist der Irak wieder auf der politischen Landkarte aufgetaucht. Sherko Fatah ist in Ostberlin geboren, hat aber oft das Land seines Vaters besucht.
Foto: AP/Hadi Mizban
  
  
  
  
Sherko Fatah:
Der letzte Ort. Roman.
Luchterhand Literatur-
verlag, München 2014.
288 Seiten, 19,99 Euro, E-Book 15,99 Euro.
DIZdigital: Alle Rechte vorbehalten – Süddeutsche Zeitung GmbH, München
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über www.sz-content.de
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Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 24.09.2014

In der Hand von bewaffneten Kindern

Stell dir vor, du wirst entführt: Was gibt dir Kraft, woran hältst du dich fest, wer bist du dann? Sherko Fatahs neuer Roman "Der letzte Ort" erzählt von einer dramatischen Sinnsuche im Irak.

Einer der letzten Orte, an den man dieser Tage geraten wollte, ist sicherlich der Irak - und doch verschlägt es die Helden des deutschen Schriftstellers Sherko Fatah, 1964 in Ost-Berlin geboren, immer wieder dorthin, denn der Irak ist das Herkunftsland von Fatahs kurdischem Vater. Trotzdem wäre es unsinnig, ihn einen irakischen oder irakisch-kurdischen Schriftsteller zu nennen. Die meisten seiner Bücher spielen zwar dort, aber sein Blick auf dieses fremde und geschundene Land ist einer, den man nur von außen einnehmen kann - wenngleich einer mit intimsten Landeskenntnissen.

Albert, "ein trauriger Abenteurer", wird zusammen mit seinem irakischen Übersetzer Osama entführt. Die Gruppe übernachtet in der Wüste, und Albert bitte seine Entführer, pinkeln gehen zu dürfen. Es folgt eine Szene, ein kleiner clash of cultures, wie sie in der deutschen Literatur nur einer wie Fatah schreiben kann, der hier wie dort gleichermaßen zu Hause ist. "Albert hatte noch nicht angefangen, als er laute Rufe hinter sich hörte. ,Nicht im Stehen! Hier gilt es als unanständig, dabei zu stehen.' ,Ohoo, da will ich natürlich nicht die edlen Gefühle der Einheimischen verletzen. Im Stehen pissen ist unanständig, aber Leute entführen, das ist okay.'" Es gibt viele solche, im Lauf des Buchs immer aggressiver ausfallende Kabbeleien zwischen den auf Gedeih und Verderb aneinander gefesselten Kollegen.

Es ist eine große deutsche Nachmauerfall-Orientierungslosigkeit, die Albert, den Sohn eines überzeugten Kommunisten, auf der Suche nach einer eigenen Geschichte in den Irak verschlägt. Bis dahin nur eine Metapher in Alberts Leben, wird diese Orientierungslosigkeit ausgerechnet im Irak konkret. Man fährt auf endlosen Landstraßen durch gestaltlose Wüsten, versteckt sich in zerstörten Stadträndern, in armseligen Dörfern, ist eingesperrt auf den Ladeflächen von Autos oder in Kellerlöchern. Weder die Leser noch Albert und Osama wissen, wohin sie von ihren Entführern jeweils gebracht werden. Einmal kann Albert fliehen und gelangt an einen trostlosen Strand, das einzige Schiff, das er sieht, ist ein Wrack, bald wird er eingefangen. Sherko Fatahs "letzter Ort" Irak ist eine arg versehrte Seelenlandschaft, ein in Geographie übersetztes Psychogramm mit vielen offenen und versteckten Anspielungen auf die Literatur, von Gilgamesch bis zu Stevenson, Dostojewski und Kafka.

Die Entführung ist bei Beginn des Romans schon eine Tatsache, und sie bleibt es bis zum offenen Schluss. Es gibt ein paar Szenen, in denen der Autor mit der Versuchung kämpft, aus dem Buch einen Thriller zu machen. Aber der Roman reißt vor allem dann mit, wenn er sich auf sein ursprüngliches Szenario verlässt, die innere Selbsterforschung der beiden Entführten. In dieser Innenwelt, nicht im irakischen Niemandsland gewinnt das Buch Weite und Tiefe, schlägt Wurzeln in Gestalt der Erinnerung der Entführten, die von der Todesangst zu sich selbst geführt werden, in ihre persönlichen Geschichten und Wahrheiten.

Das Buch verästelt sich auf diesem Weg in die Geschichte einer Familie und die mentalen Versehrungen, die der Zerfall der DDR hinterlassen hat. Wenn der Vater auf die Dekadenz der Jugend schimpft, gerät er damit in verblüffende Nähe zur Kritik am Westen aus dem Mund der fundamentalistischen Entführer. "Sie dürfen Tiere heiraten, Hunde und Schweine", sagen sie einmal über die Europäer. "Hauptsache, hirnlos", denkt Alberts Vater über die herumlungernden Jugendlichen in ihren "Protestkostümen", zu denen auch Alberts magersüchtige, psychisch instabile Schwester Mila zählt, die sich im Laufe der inneren Suche jedoch als einzige positive Bezugsperson für Albert herausstellt, während Osamas Lebensgeister durch die Nachricht geweckt werden, seine Frau sei schwanger.

Die beiden sind einander zugleich Freunde und Gegner, kämpfen jeder für sich ums Überleben und sind in der Todesgefahr auf tragische Weise unfähig, ihre kulturelle Prägung zu überwinden. "Wir sind in Gottes Hand", sagt Osama einmal. Woraufhin Albert entgegnet: "Ich will deine religiösen Gefühle nicht verletzen, aber wir sind in der Hand von bewaffneten Kindern, deren Erziehungsberechtigte Bomben basteln."

Ist Albert in den Irak gekommen, um beim Wiederaufbau des seiner mesopotamischen Schätze beraubten irakischen Nationalmuseums zu helfen - was seine Entführer nicht verstehen und ihn daher als Agenten verdächtigen -, so erweist sich, dass sein Übersetzer Osama einst mit diesem Diebesgut gehandelt hat. Und als sollte nicht nur Albert, sondern auch Osama von seiner Vergangenheit eingeholt werden, geraten beide in die Hände eines nun zum Milizenchef aufgestiegenen ehemaligen Komplizen Osamas. Unter der Oberfläche dieses aus den Nachrichtenbildern scheinbar bekannten Irak bringt Sherko Fatah seine Figuren in fast mythische archetypische Konstellationen - als sollten die Fragmente der aus dem Museum geplünderten dreitausend Jahre alten Tontafeln in Gestalt dieses Buchs zu einem neuen Bild zusammengesetzt werden.

Gleichwohl bleibt dieser Eindruck atmosphärisch, bildet letztlich nur den Echoraum für die zentrale Frage, mit der Fatah seine Leser konfrontiert: Stell dir vor, du bist entführt, aus allem herausgerissen: Wie und woran hältst du dich fest, was macht dich aus, wer bist du dann? Osama, der zu seiner Frau zurück möchte, weiß es, und das gibt ihm den Lebenswillen und die Energie, seine Wächter für sich einzunehmen. Albert schwankt; ob er überlebt, bleibt offen. Weiß der Westen noch, wofür zu kämpfen sich lohnt? "Der letzte Ort", wo auch immer er liegt, ist am Ende nichts als diese Frage.

STEFAN WEIDNER.

Sherko Fatah: "Der letzte Ort". Roman.

Luchterhand Verlag, München 2014. 286 S., geb., 19,99 [Euro].

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