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Wer ist Vernon Subutex? Eine urbane Legende, der letzte Zeuge einer Welt von Sex, Drugs und Rock 'n' Roll. Gerade noch ein Plattenladenbesitzer mit Erfolg und besten Kontakten, steht er jetzt auf der Straße und quartiert sich mithilfe von Facebook und einer Notlüge bei alten Freunden und Weggefährten ein – und er beginnt eine Reise zu den Abgründen einer zutiefst verunsicherten Gesellschaft. Virginie Despentes entwirft in ihrem gefeierten Roman ein grandioses Sittengemälde, das kein gesellschaftliches Thema unberührt lässt, die Islamismusdebatte ebenso wenig wie den Aufstieg der Rechten.…mehr

Produktbeschreibung
Wer ist Vernon Subutex? Eine urbane Legende, der letzte Zeuge einer Welt von Sex, Drugs und Rock 'n' Roll. Gerade noch ein Plattenladenbesitzer mit Erfolg und besten Kontakten, steht er jetzt auf der Straße und quartiert sich mithilfe von Facebook und einer Notlüge bei alten Freunden und Weggefährten ein – und er beginnt eine Reise zu den Abgründen einer zutiefst verunsicherten Gesellschaft. Virginie Despentes entwirft in ihrem gefeierten Roman ein grandioses Sittengemälde, das kein gesellschaftliches Thema unberührt lässt, die Islamismusdebatte ebenso wenig wie den Aufstieg der Rechten. Eindringlich und mitreißend interpretiert Johann von Bülow den ersten Teil der Subutex-Trilogie.
  • Produktdetails
  • Verlag: Der Audio Verlag
  • Gesamtlaufzeit: 659 Min.
  • Erscheinungstermin: 10.11.2017
  • ISBN-13: 9783742405111
  • Artikelnr.: 49838191
Autorenporträt
Virginie Despentes, Virginie Despentes, Jahrgang 1969, hierzulande bekannt als Autorin der »Skandalbücher« »Baise-moi - Fick mich«, »Apokalypse, Baby« und »King Kong Theorie«, hat sich mit den Vernon-Subutex-Romanen in den Olymp der zeitgenössischen französischen Schriftsteller geschrieben. Die Bücher waren in Frankeich Riesenbestseller und wurden als Serie fürs Fernsehen verfilmt. Despentes war mehrfach für den Prix Goncourt nominiert. Seit Anfang 2016 ist sie Mitglied der Jury.
Rezensionen
Besprechung von 20.07.2019
Keine einzige
langweilige Seite
Ein Plattenhändler, der Laden und Wohnung verliert und auf der Straße landet – das klingt nicht nach einem verlockenden Handlungsrahmen. Doch Virginie Despentes entwirft anhand dieser Figur ein großes Gesellschaftsbild – nur dass sie die Gesellschaft nicht vom bildungsbürgerlichen Standpunkt der meisten Schriftsteller her betrachtet, sondern von unten, vom Bordstein her. Sie erzählt den Abstieg ihres Helden als eher heitere Sisyphosaufgabe, Subutex versammelt Penner und Pornodarstellerinnen um sich, Transmenschen und Rechtsradikale. Irgendwann ertappt man sich dabei, dass man diese Menschen und dieses Leben außerhalb der Norm erstaunlich attraktiv findet, dass man sich fragt, wozu man sich das antut, dieses Herumgehetze im Laufrad des Kapitalismus, den die Autorin schon früher als Hauptfeind der Menschheit ausgemacht hat. Und neben dem Getöse, das Despentes durch ihre Beobachtungsschärfe und Sprachmacht erzeugen kann, wird klar, dass sie vor allem eine exzellente Handwerkerin ist. Drei Bände umfasst ihr „Leben des Vernon Subutex“, und kein Kapitel, keine Seite davon langweilt.
DAVID PFEIFER
DIZdigital: Alle Rechte vorbehalten – Süddeutsche Zeitung GmbH, München
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über www.sz-content.de
Besprechung von 13.08.2017
Ganz oben
Ausgerechnet Virginie Despentes, bei uns bekannt als Provokateurin und Pornographin, hat einen ergreifenden Roman über die französische Gesellschaft geschrieben. Eine Begegnung mit der Autorin in Belleville

Sie hat es geschafft. Überall in den Buchhandlungen in Paris liegt ihre Trilogie "Vernon Subutex" auf den Tischen, deren dritter Band in Frankreich gerade erschienen ist. Im vergangenen Jahr wurde sie als Nachfolgerin von Régis Debray in die Académie Goncourt gewählt. Neuerdings wird sie sogar mit Balzac verglichen. Niemand spricht ihr mehr ab, zu den wichtigsten Stimmen der französischen Gegenwartsliteratur zu gehören. Und wenn man sie fragt, wie das sei, zum Establishment zu zählen, nach all den Jahren, in denen ihre Bücher eher als Punk galten, lächelt die nach außen eher abweisend wirkende Virginie Despentes ihr verhaltenes und sehr freundliches Virginie-Despentes-Lächeln und sagt: "Es fühlt sich gut an. Ich finde es sehr angenehm."

Vierundzwanzig Jahre ist es her, dass Despentes mit ihrem Roman "Baise-moi" und dem ein Jahr später folgenden Film, bei dem sie Regie führte, bekannt oder besser: berühmt wurde, weil der Film, der gleich zu Beginn eine Vergewaltigung in Großaufnahme zeigte, ein Skandal und zeitweilig verboten war. Da war sie Mitte zwanzig. Seither hat sie immer weiter geschrieben. In Deutschland feierte sie mit ihrem Buch "King Kong Theorie" vor zehn Jahren einen kleinen Erfolg; ein Buch, das keine Theorie war, sondern ihre Lebensgeschichte und ein Bekenntnis: Mit siebzehn Jahren wurde Virginie Despentes vergewaltigt, als sie zusammen mit einer Freundin von London nach Hause trampte - eine Erfahrung, aus der sich ihr ganzer Furor speist. Nach der Schule arbeitete sie in Plattenläden, was viel Arbeit und sehr wenig Geld bedeutete, weswegen sie sich zu Hause in Lyon vor dem Minitel-Gerät fragte, ob man sich eigentlich auch als Quereinsteigerin prostituieren könnte, was sie dann tat. Bis heute verteidigt sie die Legalisierung der Prostitution und darüber hinaus das Genre des Pornofilms: "Im Pornofilm weiß man genau, dass die Leute ,es' tun werden, um diesen sicheren Ausgang der Geschichte braucht man sich keine Sorgen zu machen." Man könne nicht in einer Spektakelgesellschaft leben, in der einem an jeder Ecke Anmache, Flirt und Sex entgegenspringen, und nicht kapieren, dass Porno ein Ort der Sicherheit sei.

Um Sex ging es allerdings kaum noch, als sie ihren Roman "Apokalypse Baby" schrieb. Und auch in "Das Leben des Vernon Subutex", wie der Titel des ersten Bandes ihrer Trilogie heißt, der in diesen Tagen auf Deutsch erscheint, sind Sex, Prostitution oder Pornographie keine bestimmenden Themen. Hier geht es um den sozialen Abstieg und das Prekariat in Frankreich. Um einen, der eben noch ein ganz normales Leben führte und mit einem Mal nichts mehr hat, also ganz auf die Hilfe derer angewiesen ist, die in seinem Leben einmal eine Rolle gespielt haben. Es sind Menschen, die sich in ihrer Lebensweise so sehr voneinander unterscheiden wie in ihren politischen Ansichten. Virginie Despentes erfasst mit ihnen die verschiedensten Facetten der französischen Gesellschaft (deshalb der Vergleich mit den Gesellschaftsromanen Honoré de Balzacs). Und sie tut dies in einem die Dinge klar benennenden, niemals verschnörkelten Ton, für den man sie nur bewundern kann; eine Sprache - das jedenfalls ist der Eindruck beim Lesen -, zu der sie mit dem "Vernon Subutex"-Projekt überhaupt erst gefunden hat.

Wir sollten uns in der "Bar les Buttes Chaumont" an der Avenue Simon Bolivar treffen, die auf den Park in Belleville zuläuft, hatte sie ausrichten lassen. Virginie Despentes wohnt hier gleich um die Ecke, und die Bar mit dem Namen des schönen Parks ist (das passt zu ihr) kein besonders schönes, sondern ein ganz normales Café, wie man es in Paris an jeder dritten Ecke findet, mit der üblichen Stammkundschaft, den Nachbarn, die beim Nach-Hause-Kommen kurz mit dem Fahrrad anhalten, um mit dem Barbesitzer Neuigkeiten auszutauschen; mit dreckigen Toiletten und viel zu lauter Achtziger-Jahre-Musik, die der Barmann, wenn Stéphanie von Monacos "Irresistable" gespielt wird, so laut aufdreht, dass wir - he's a maker of fashion, he's a faker of passion - lachen und kurz aufhören müssen zu reden.

Der Parc des Buttes-Chaumont gehört aber auch zu den Gegenden, in denen viele Szenen ihres Buchs spielen, weshalb es gut ist, hier zu sein. Die Straßen und Orte eines Romans abzulaufen, den man gerade gelesen hat, ist die schönste Weise, ihn noch einmal neu und anders zu verstehen. "Wissen Sie, was Subutex ist?", fragt Virginie Despentes. Der Name klingt kompliziert und nach Zukunft, weshalb man "Vernon Subutex" auch für einen Science-Fiction-Roman halten könnte. "Das Gegenteil ist eher der Fall", sagt sie. "Subutex" ist ein Ersatzmittel für Heroinabhängige, das viele in den achtziger und neunziger Jahren genommen haben. Das sei die Zeit, in der Vernon Subutex, wie sie ihren Protagonisten genannt habe, im Buch einen der bekanntesten Plattenläden in Paris besitze. Alle kennen ihn, alle rennen zu ihm hin. Am Anfang habe eigentlich die Idee gestanden, einen Roman über Rockmusik zu schreiben. Als immer weniger Platten verkauft werden, muss Vernon Subutex seinen Laden schließen. Er lebt von Sozialhilfe und vermeidet, überhaupt vor die Tür zu gehen, verbringt seine Tage im Internet.

Mit dem Ende des Plattenladens "Revolver" im Jahr 2006 beginnt der Roman. "Das Leben ist oft ein Spiel in zwei Sätzen: Im ersten schläfert es dich ein und lässt dich glauben, dass du führst, und im zweiten, wenn du entspannt und wehrlos bist, serviert es dir seine Schmetterbälle und macht dich alle", heißt es auf einer der ersten Seiten. Virginie Despentes erzählt vom ersten Satz des Lebens nur in Erinnerungen. Mit den Schmetterbällen des zweiten Satzes legt sie los: Der Plattenladen ist weg und damit auch die Mädchen, die eben noch wie von selbst zur Tür hereinmarschierten, ohne dass Vernon sich auf irgendeine Weise abstrampeln musste. Dann fehlt das Geld, was seinen Hang zur Isolierung verschärft. Dass er keine Flasche Wein mitbringen kann, wenn er zu jemandem zum Essen geht, hält ihn davon ab, Einladungen anzunehmen. Also bleibt er zu Hause, bis er ein ungewohntes Geräusch im Schloss seiner Wohnungstür hört und schnell begreift, dass der Gerichtsvollzieher vor der Tür steht.

Virginie Despentes zeichnet Schritt für Schritt nach, was es bedeutet, eine Stadt wie Paris ohne Geld zu erleben: "Kinos, Klamottenläden, Kneipen, Museen - es gibt wenige Orte, wo man im Warmen sitzen kann, ohne zu zahlen. Bleiben nur Bahnhöfe, Metro, Bibliotheken und Kirchen, hier und da eine Bank, die meisten wurden schon entfernt, damit sich Leute wie er nicht allzu lange niederlassen." Sie gibt Vernon dabei aber auch etwas in die Hand, was sein Kapital ist durch diesen ganzen Roman hindurch: Als er vor den Augen des Gerichtsvollziehers entscheiden muss, was aus seiner Wohnung er mitnimmt, steckt er die Videokassetten seines Freundes Alexandre Bleach ein, der gerade tot in einem Hotel in der Badewanne gefunden worden war. Alexandre war ein bekannter Rockstar, der sich bei ihm mit der Kamera einmal selbst interviewt hatte. "Das ist mein Testament, Junge, checkst du das? Ich überlasse es dir. Ich vertraue dir absolut." Vernon weiß nicht, wo er hinsoll - aber er hat diese Kassetten, die er an die Medien verkaufen könnte.

Sie habe, erzählt Virginie Despentes, als sie an dem Roman gearbeitet habe, die ganze Zeit Fernsehserien geguckt und sei fest davon überzeugt, dass das Strukturprinzip der Serie ihr Schreiben sehr beeinflusst habe, wie sie auch glaube, dass Facebook Einfluss auf die Art und Weise nehme, wie sie Figuren zeichne. All diese Medien hinterlassen unaufhaltsam ihre Spuren. In "Vernon Subutex", das in Frankreich gerade tatsächlich als Serie verfilmt wird, steht in jeder Folge eine neue Figur, die Vernon in seiner Verzweiflung aufsucht, im Mittelpunkt. Es ist die inzwischen dick gewordene Exfreundin, es sind Weggefährten aus der Jugend, es ist der rassistische und antisemitische Familienvater Xavier, der beim Film arbeitet; Céleste, die Tochter eines ehemaligen Stammkunden im Plattenladen. Ihnen allen begegnet der Roman mit Empathie. Ist ihr das leichtgefallen?

"Im Grunde schon. Ich habe ihre Nähe gesucht, und das ist, auch da, wo es um Rechtsradikale geht, sehr einfach, dafür muss man in Frankreich nicht aufwendig recherchieren", sagt Virginie Despentes. Jetzt seien alle erleichtert, weil Macron gewählt worden sei. "Der Front National ist gescheitert, das ist gut. Aber ich könnte mir vorstellen, dass irgendwann ein Führer kommt, der charismatischer ist als Marine Le Pen." Es gebe sie ja immer noch, all die wütenden Leute, die seien nicht weg und hätten immer noch dieselbe negative Energie, die sie mit sich rumtrügen.

Durch das Geflecht der Figuren hindurch ist der Abstieg von Vernon Subutex im Roman unaufhaltsam. Er landet als Penner auf der Straße und ahnt dabei nicht, dass er woanders, nämlich im Internet, längst ein Star ist, weil sich die Nachricht, dass er die Video-Interviews von Alexandre Bleach besitze, in den sozialen Medien verbreitet hat. Die Interviews sind der Cliffhanger zum zweiten Band in Virginie Despentes' Trilogie, deren andere Bände hoffentlich auch bald übersetzt werden. "Im ersten Band bleiben alle zu Hause vor ihrem Bildschirm, im zweiten kommen sie zusammen, bilden eine Gruppe, und im dritten, in dem auch der Terroranschlag vom 13. November 2015 im ,Bataclan' in Paris eine Rolle spielt, verlassen sie die Stadt", erzählt Virginie Despentes. Das sei auch ein Einfluss der Serien gewesen, dass sie beim Weiterschreiben sich der Art und Weise, wie die realen Ereignisse die Stadt und die Menschen veränderten, auch im Roman nicht habe verschließen können.

Wie sie schreibend mit dieser Stadt und den Menschen verschmilzt und sie auf diese Weise begreifbar macht, das ist in "Vernon Subutex" einmalig und endet in diesem ersten Band mit einer Passage, die man auch als Gedicht lesen kann: "Ich bin eine junge Geigenvirtuosin. Ich bin die arrogante, überempfindliche Nutte, ich bin der mit seinem Rollstuhl solidarische Junge, ich bin die junge Frau, die mit ihrem Vater isst, den sie liebt und der stolz auf sie ist, ich bin der Flüchtling, der den Stacheldraht von Melilla überwunden hat, ich gehe die Champs-Élysées hinauf und weiß, dass mir diese Stadt geben wird, weshalb ich hergekommen bin." Seitenlang geht das so. Virginie Despentes, die Große, ist sie alle.

JULIA ENCKE

Virginie Despentes: "Das Leben des Vernon Subutex". Roman. Aus dem Französischen von Claudia Steinitz. Kiepenheuer & Witsch, 400 Seiten, 22 Euro

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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"Ein großes Gesellschaftspanorama und [...] ein großes Panoptikum der Loser. Der Gesellschaftsroman unserer Zeit. [...] Man ist überwältigt durch die Psychologie aber eben auch durch die Analyse." Volker Weidermann Das Literarische Quartett 20170811

Perlentaucher-Notiz zur WELT-Rezension

Prall gefüllt mit Leben, Mitleid und gesellschaftlichen und menschlichen Abgründen ist Virginie Despentes' "Leben des Vernon Subutex" laut Rezensentin Hannah Lühmann, die sich dem Drive und der Schroffheit des Romans nicht entziehen kann. Warum? Weil die französische Punkrockerin, ehemalige Prostituierte und Schriftstellerin weiß, wovon sie spricht, wenn sie den sozialen Abstieg des verstörten Punkrockers Vernon und seiner Freunde erzählt, versichert die Kritikerin, die hier ein psychologisch intelligentes Sittengemälde der französischen Gesellschaft gelesen hat. Den Balzac-Vergleich braucht Despentes gar nicht, meint Lühmann.

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