Heidelberger Romantik - Ziolkowski, Theodore

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Im Gegensatz zum herrschenden Bild der Heidelberger Romantik, das um die Dichter Arnim, Brentano und Eichendorff kreist, stellt das Buch eine eher geistig orientierte Romantik vor, deren literarhistorische Bedeutung insbesondere in den zentralen Theoremen zum Begriff des Mythos und des Symbols in Geschichte und Religion besteht. Das Drama der Jahre 1804-1808 kulminiert zunächst im Tod der Musen Karoline von Günderode und Sophie Brentano; danach erweckt der fulminante Auftritt Joseph Görres Stadt und Universität zu einer kurzen Blütezeit. Neben den Vorlesungen und Schriften von Görres und…mehr

Produktbeschreibung
Im Gegensatz zum herrschenden Bild der Heidelberger Romantik, das um die Dichter Arnim, Brentano und Eichendorff kreist, stellt das Buch eine eher geistig orientierte Romantik vor, deren literarhistorische Bedeutung insbesondere in den zentralen Theoremen zum Begriff des Mythos und des Symbols in Geschichte und Religion besteht. Das Drama der Jahre 1804-1808 kulminiert zunächst im Tod der Musen Karoline von Günderode und Sophie Brentano; danach erweckt der fulminante Auftritt Joseph Görres Stadt und Universität zu einer kurzen Blütezeit. Neben den Vorlesungen und Schriften von Görres und Friedrich Creuzer werden die poetischen Werke des Isidorus Orientalis und die Satiren Arnims, Brentanos und anderer sowie Des Knaben Wunderhorn und die Zeitung für Einsiedler neu gewertet.
  • Produktdetails
  • Verlag: Universitätsverlag Winter
  • Erscheinungstermin: Juli 2009
  • Deutsch
  • Abmessung: 218mm x 146mm x 22mm
  • Gewicht: 421g
  • ISBN-13: 9783825355760
  • ISBN-10: 3825355764
  • Artikelnr.: 25912265
Autorenporträt
Theodore Ziolkowski, geboren 1932, lehrt deutsche und allgemeine Literaturwissenschaft an der Princeton University und ist seit 1979 Dekan der Graduiertenfakultät an dieser Universität.
Rezensionen
Besprechung von 08.03.2010
„In Wolfshaut will das Böcklein sich verhüllen . . .”
Mit Mythos, Symbol und Grenzverwischung: Theodore Ziolkowski ordnet die Figuren der Heidelberger Romantik neu
Wir haben uns daran gewöhnt, dass unsere Wahrnehmung der Literatur- und Ideengeschichte zunehmend von den Rastern eines Buchmarktes bestimmt wird, der seine Produkte in einem fein abgestimmten Zyklus von Jubiläen und Jahrestagen unter die Leser zu bringen sucht. Hinter uns liegt das Jahr 2009 als Calvin-, Händel-, Schiller-, Poe- und Darwin-Jahr. Mit gleichem Recht ließ sich noch an manch anderes Epochendatum erinnern. So bilden die Jahre 1804 bis 1809 im kulturellen Gedächtnis des deutschen Sprachraums einen zuverlässigen Kern, der für gewöhnlich mit dem Namen einer „Heidelberger Romantik” belegt wird. Der in Princeton lehrende Literaturhistoriker Theodore Ziolkowski hat jetzt im Nachfolgeverlag des Verlags der Heidelberger Romantiker Mohr und Zimmer, im Universitätsverlag Winter, ein kleines Buch erscheinen lassen, das noch einmal die Entwicklung des Phänomens beleuchten soll.
Mit guten Gründen zieht Ziolkowski zunächst die Berechtigung der Rede von einer „Heidelberger Romantik” in Zweifel. Es war Eichendorffs Spätwerk „Halle und Heidelberg” (1857), das die Formel geprägt hat. Niemand unter den großen Literaturhistorikern des 19. Jahrhunderts ist ihm gefolgt. Erst im frühen 20. Jahrhundert erhoben sich vermehrt Stimmen, die die Ereignisse auf den lokalen Begriff zu bringen versuchten. Herbert Levins 1922 erschienene kleine Schrift „Die Heidelberger Romantik” legte den Grund für den jetzt nicht mehr zu tilgenden Mythos.
Es ist methodisch reizvoll, wie Ziolkowski sein Bild der Epoche in Auseinandersetzung vor allem mit demjenigen Autor entwickelt, dessen Zuverlässigkeit er doch gerade in Frage stellt: Eichendorff. In skeptischer Distanz zu dem späten Zeugenbericht des oberschlesischen Reisenden kommentiert der Literarhistoriker den Versuch, organischen Zusammenhang dort zu schaffen, wo das Fragmentarische und Disparate überwiegt. Zu den wenigen unstrittigen Koordinaten zählen zweifellos die in jenen Jahren zu neuer Blüte gelangende badische Landesuniversität und die 1805 von Mohr und Zimmer begründete akademische Buchhandlung.
Das Personal ist schnell benannt: Brentano und Sophie Mereau, von Arnim, Görres, Creuzer und die Günderrode, Voß, der Pädagoge Schwarz, der Theologe Daub. Zwischen ihnen entwickelt sich das bekannte Figurenspiel in rasch wechselnder Anziehung und Abstoßung. Zwei überleben ihr Heidelberger Intermezzo nicht, die Mereau stirbt im Kindbett, die Günderrode entleibt sich am Kieselstrand in Winkel am Rhein.
In Ziolkowskis Perspektive zählt beider Schicksal zum „Vorspiel”. Er liest die bewegten Jahre am Neckar nach dem Muster eines dramatischen Diptychons à la Ibsen und Hauptmann. Zweifel sind erlaubt, ob beide Frauen nicht doch einen genuinen Beitrag zur Verfassung einer Heidelberger Romantik geleistet haben. Günderrodes Einfluss auf Creuzers Symbol- und Mythenforschung ist gut dokumentiert. Wiewohl der Titel des Buches eine fundierte Auseinandersetzung mit Symbol und Mythos verspricht, sind die betreffenden Bemerkungen zum größeren Teil ganz an das Ende der Darstellung, in das Kapitel „Nachspiel” gerückt. Die eigenartige Proportionierung des Buches mag der „chronotopologischen Methode” geschuldet sein, wie sie der Verfasser mit einigem Erfolg seinen Studien zur Jenensischen und Berliner Romantik zugrundegelegt hat: Zur Heidelberger Romantik soll im engeren Sinne nur zählen, was in Heidelberg erdacht und geschrieben ist. Und da rücken die Anfangsgründe wie die Folgen eben an die Ränder des Chronotops.
Dieses unterteilt der Verfasser in die Jahre des Auftakts (1804/06) und die Jahre gesteigerter schriftstellerischer Produktivität (1806/08). In der Tat entstanden nach dem Tode der „Musen des Todes” eine ganze Reihe von Texten unterschiedlichsten Genres. Es ist ein Verdienst des vorliegenden Buches, dass es an das kuriose Treiben mancher heute vergessenen Figuren der Neckarromantik erinnert.
Indem die verfälschende Erinnerung Eichendorffs nach dessen eigenen früheren Aufzeichnungen und denen des westfälischen Theologiestudenten Wilhelm Budde in manchen Punkte berichtigt werden kann, kommen die Mitglieder des „Eleusischen Bundes” und der merkwürdige sächsische Graf Otto Heinrich von Loeben, der sich selbst Isidorus Orientalis nannte, zu ihrem späten Recht. Erhellende Blicke fallen auf die Heidelberger Dozentenjahre des Privatgelehrten Görres, auf die Frühgeschichte der „Heidelberger Jahrbücher” und ihr „literarisches Gegenstück”, die „Zeitung für Einsiedler”. Anregend auch, dass der „Romantikerstreit” einmal nicht als der zwischen Voß und Creuzer entbrannte intellektuelle Disput um des letzteren „Symbolik” erzählt wird; erinnert wird vielmehr an den „Sonettenkrieg”, der 1808 die um Voß sich versammelnden Aufklärer und Heidelbergs Romantiker entzweite.
Gelehrsamkeit und Parodie
Im Zentrum der Auseinandersetzung standen die anonym erschienenen virtuosen Parodien aus der Feder Görres’ und Brentanos. Letztere verneigt sich mit witziger Anspielung auf die an Friedrich August Wolfs Gelehrsamkeit erinnernde Pose des Neuheidelberger Romantikers Böckh vor ihrem „literarischen Vorbild”, Böckhs bereits 1806 in Umlauf gebrachtem „Griechischen Sonett”: „In Wolfshaut will das Böcklein sich verhüllen ...”.
Über der Freude an der akribischen Rekonstruktion der Freundschaftsbünde und Fehden jener Tage kommt die stringente Auswertung der Skizzen für das erklärte literaturhistorische „quod est demonstrandum” der Studie zu kurz. Schon die hier vorausgesetzte Unterscheidung einer akademischen und einer literarischen Schriftstellerei ignoriert ein charakteristisches Merkmal der romantischen Bewegung. Die Frühromantik hatte mit Erfolg an der vorübergehenden Auflösung der Genregrenzen gearbeitet und gerade in den subversiven Medien des Aphorismus, des Sinnspruchs, der Gedankenlyrik, des Essays und des Romanfragments szientifische Einsichten von bedeutender Schärfe formuliert. Der innerakademische Diskurs hatte dem wenig entgegenzusetzen.
Auch in Heidelberg konnte die scharfe Abgrenzung des universitären Lagers vom Treiben der Romantiker die alte Hierarchie der Gattungen nicht wiederherstellen. Wenig überraschend muss auch die Frage nach der intellektuellen Kontur jener Epoche ungelöst bleiben. Den Weg zu einer differenzierteren Diagnose versperrt sich der Autor gleich im Anfang seines Buches, wenn er – mit pointierter Absetzung von der Jenensischen und Berliner Romantik – das Ergebnis seiner kenntnisreichen Bemühungen wie folgt vorwegnimmt: dass nämlich „die bedeutenden literarischen Erzeugnisse dieser Jahre nicht dichterischer, sondern universitärer Gestalt waren, nicht geschichtlichen, sondern religiösen Gehalts, und nicht individuellen, sondern kollektiven Geists”. Wenn wir dies auf Görres‘ „Mythengeschichte” und Creuzers „Symbolik” beziehen sollen, dann muss die Frage erlaubt sein, ob das Raster der Untersuchung nicht zu grob gewählt ist. Es scheint vielmehr, dass beide Werke nicht nur die bereits thematisierte Opposition von Literatur und Akademie, sondern auch von „Glauben und Wissen” (so der Titel von Görres’ Frühschrift), individuellem und kollektivem Geist gründlich in Frage stellen. Beide Systementwürfe wurzeln ebensosehr in frühromantischer Theorie- und Spekulationsfreude, wie sie andererseits auf die religiös-mystische Wendung der späten Romantik vorausweisen. Anders wäre die überragende gesamteuropäische Rezeption vor allem der „Symbolik” wohl nicht zu verstehen.
Unzweifelhaft liefern Mythos und Symbol die Signatur der Epoche. Es ist gut, dass Ziolkowski nachdrücklich an diesen Aspekt erinnert. Seine leicht lesbare, von sprachlichen Fehlern nicht freie Darstellung wird die „Geister”, die sie in Einleitung und Vorspiel ruft, zuletzt nicht mehr los. Ihnen nachzugehen wäre wohl eine Frage der Wissenschaftstheorie oder – der spekulativen Geschichtsphilosophie. Eine romantische Frage eben. JÜRGEN PAUL SCHWINDT
THEODORE ZIOLKOWSKI: Heidelberger Romantik. Mythos und Symbol. Universitätsverlag Winter, Heidelberg 2009. 241 Seiten, 24 Euro.
William Turner: Heidelberg mit einem Regenbogen, um 1841. Abb.: akg-images
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Besprechung von 24.06.2010
Zündhemmung

"Chronotopologie" nennt der Princetoner Germanist Theodore Ziolkowski seine historische Methode, synchrone Literatur- und Kulturereignisse an einem einzigen Ort mikroskopisch zu beschreiben. Voller Esprit erfasste er so im "Amt der Poeten" (1992) die Romantik als Spiegel von fünf Institutionen: Bergwerk, Recht, Irrenanstalt, Universität, Museum. Und auch für das "Wunderjahr in Jena" 1794/95 (1998) und die Kulturmetropole "Berlin" um 1810 (2002) entfaltete die Idee erstaunliche Schwungkraft. Für die "Heidelberger Romantik" will sie indes weniger gut zünden. Zum einen verdankt sich das Phänomen wesentlich Eichendorffs fiktiver Konstruktion als einer literarischen Sternstunde. Zum anderen mangelt es etwas an kritischer Masse für eine veritable Explosion. Brentano und Arnim kompilieren hier 1804/05 "Des Knaben Wunderhorn", mit den Brüdern Wilhelm und Joseph von Eichendorff, die 1807 kamen, gab es keine Überschneidung. Der Selbstmord der Günderode und Sophie Brentanos Tod im Kindbett 1806 sind die spektakulärsten Ereignisse. Mit dem klassischen Philologen Friedrich Creuzer und dem prophetisch dunkel dozierenden Privatdozenten Joseph Görres rückt Ziolkowski mit gutem Grund zwei Figuren ins Zentrum, deren Beiträge zur Romantik noch unterschätzt werden. Mythos und Symbol gelten ihnen als wichtigste Zugänge zu Religion und Geschichte. (Theodore Ziolkowski: "Heidelberger Romantik". Mythos und Symbol. Universitätsverlag Winter, Heidelberg 2009. 241 S., geb., 24,- [Euro].) kos

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Perlentaucher-Notiz zur Süddeutsche Zeitung-Rezension

Mit Respekt nähert sich Rezensent Jürgen Paul Schwindt diesem "leicht lesbaren" Buch über die sogenannte Heidelberger Romantik. Methodisch reizvoll findet er, wie Theodore Ziolkowski die Entwicklung des Phänomens zunächst über Eichendorffs Formel von der Heidelberger Romantik angeht, obgleich er Eichendorffs Zuverlässigkeit doch anzweifelt. Dass allerdings die versprochene, laut Schwindt für ein differenziertes Epochenbild wichtige Auseinandersetzung mit Symbol und Mythos quasi nur am Rande geschieht, weil des Autors chronotopologischer Ansatz vor allem aus Heidelberg Kommendes (Gedachtes, Geschriebenes) in den Mittelpunkt stellt, enttäuscht den Rezensenten. Seine Freude angesichts fast vergessener und nun bei Schwindt wieder auftauchender Figuren der Neckarromantik oder neuer Sichtweisen auf den "Romantikerstreit" scheint dadurch merklich getrübt.

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