Dictator / Cicero Bd.3 - Harris, Robert
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Einst konnte Cicero über Caesars Leben walten. Jetzt hat Caesar die Oberhand, während Ciceros Leben in Trümmern liegt. Mit Witz, Geschick und Mut schafft es der legendäre Redner jedoch, aus dem Exil nach Rom in den Senat zurückzukehren. Dort hat sich alles und nichts geändert. Politik ist eben ein Geschäft - mitunter ein blutiges.…mehr

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Produktbeschreibung
Einst konnte Cicero über Caesars Leben walten. Jetzt hat Caesar die Oberhand, während Ciceros Leben in Trümmern liegt. Mit Witz, Geschick und Mut schafft es der legendäre Redner jedoch, aus dem Exil nach Rom in den Senat zurückzukehren. Dort hat sich alles und nichts geändert. Politik ist eben ein Geschäft - mitunter ein blutiges.
  • Produktdetails
  • Heyne Bücher Bd.43866
  • Verlag: Heyne
  • Originaltitel: Dictator
  • Seitenzahl: 524
  • Erscheinungstermin: 9. Januar 2017
  • Deutsch
  • Abmessung: 186mm x 121mm x 46mm
  • Gewicht: 430g
  • ISBN-13: 9783453438668
  • ISBN-10: 3453438663
  • Artikelnr.: 44947319
Autorenporträt
Robert Harris wurde 1957 in Nottingham geboren und studierte in Cambridge. Er war Reporter bei der BBC, Redakteur beim "Observer" und Kolumnist bei der "Sunday Times" und dem "Daily Telegraph". 2003 wurde er als bester Kolumnist mit dem British Press Award ausgezeichnet. Er schrieb mehrere Sachbücher und zahlreiche Romane. Robert Harris lebt mit seiner Familie in Berkshire.
Rezensionen

Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 18.10.2015

Ein Römer

Der Mann, der das Forum zum Beben brachte - mit "Dictator" hat Robert Harris seine Cicero-Trilogie abgeschlossen. Und spannender als die Politikerleben von heute ist sie immer noch

Eine Art "West-Wing-on-the-Tiber" habe ihm vorgeschwebt, sagt Robert Harris, und wenn auch zwischen dem Capitol in Washington und dem in Rom ein paar tausend Kilometer liegen und zwischen dem Weißem Haus und dem Forum Romanum als politischen Schauplätzen fast zweitausend Jahre, dann trifft dieser Vergleich doch ganz gut, was Harris mit seiner Cicero-Trilogie versucht hat: ein großes politisches Intrigenspiel zu inszenieren, ein Panorama der Innen- und Außenpolitik, mit Korruption und Demagogie, Aufstieg und Fall, Machthunger und allem, was dazugehört, seit es so etwas wie Politik gibt.

Der letzte Band, "Dictator", ist jetzt erschienen, zwölf Jahre Arbeit stecken in dem Roman-Projekt, Harris' älteste Tochter hat inzwischen sogar einen Abschluss in Klassischer Altertumskunde gemacht, was auch heißt, dass Cicero nicht nur der Schrecken des Lateinunterrichts sein muss, als den ihn viele in Erinnerung haben. Im Gegenteil, wenn man Harris' Romane liest, ist diese antike Politikervita ungleich spannender als jene, die sich über die überwältigende Mehrheit der heutigen Politiker schreiben ließen. Auch 2048 Jahre nach Ciceros Tod liest man ihn immer noch - aber wer wird sich schon in 48 Jahren freiwillig eine Biographie von, sagen wir, Horst Seehofer antun wollen?

Marcus Tullius Ciceros Leben fällt natürlich auch in eine Zeit dramatischer Umbrüche. Und vor allem agiert er in einem politischen Feld ohne Parteien, Bürokratie und Staatsapparat, mit allenfalls rudimentären Formen der Staatlichkeit. Handlungsrahmen und Machtoptionen einzelner Politiker sind größer und zugleich gefährdeter, es gibt Akteure, die sich vor allem der Volksversammlung bedienen zur Durchsetzung ihrer politischen Ziele, solche, die als Volkstribunen agieren, die bewaffnete Banden im Straßenkampf ausrüsten oder ganz traditionell auf die Senatsmehrheit bauen. Kaum zufällig haben die letzten Jahrzehnte der Römischen Republik zahlreiche prominente Politikertypen hervorgebracht, von Caesar und Pompeius über Crassus, Clodius, Cicero oder Marcus Antonius bis zu Octavian, der dann als Princeps Augustus von der Republik nur die Fassade übriglassen sollte. Harris' Schlüsselidee, um Nähe und Distanz zum Porträtierten zu schaffen, ist die Einsetzung von Ciceros Sekretär Tiro als Ich-Erzähler. Den Mann gab es wirklich, er war erst Sklave, wurde dann von Cicero freigelassen, er hat die erste Kurzschrift entwickelt und auch eine Cicero-Biographie lange nach dessen Tod geschrieben, die verlorengegangen ist, wie so viele antike Schriften. Tiro vereint Sympathie für Cicero mit der intellektuellen Fähigkeit zu Analyse und Kritik, durch ihn lässt sich auch leichter von privaten Dingen sprechen und zugleich der Charakter einer trockenen historischen Abhandlung vermeiden, der sich bei wechselnden, um Ausgewogenheit bemühten Erzählperspektiven fast von selbst eingestellt hätte.

Und man darf ja weder bei einem Roman noch einer Abhandlung vergessen, dass Cicero selbst durch die Vielfalt der erhaltenen Schriften der wichtigste "Zeitzeuge" für sein Leben und die ganze Epoche ist. Ihn von außen zu schildern wäre kaum möglich. Die Althistoriker haben über die Jahrhunderte ganz gut gelernt, mit dieser leichten Wahrnehmungsverzerrung hermeneutisch umzugehen. Einem Autor historischer Thriller wie "Vaterland" oder "Intrige" ist das erst recht nicht schwergefallen.

Nachdem Harris in "Imperium" von Ciceros Weg zur Macht und in "Titan" von den großen Jahren als Konsul, Catilina-Bekämpfer und Republik-Retter erzählte, setzt "Dictator" im Jahr 58 v. Chr. an einem Karrieretiefpunkt ein. Der Held muss ins Exil, sein Intimfeind Publius Clodius hat dafür gesorgt, der Caesar hinter sich weiß, den wiederum eine anfällige Allianz namens "Triumvirat" mit den anderen großen Machtspielern Pompeius und Crassus verbindet. Es ist erst eine Tour der Demütigungen, die Cicero bis nach Thessalonica führt, und dann eine beinahe wieder triumphale Rückkehr nach Rom, die er ebenfalls Caesar verdankt. Cicero laviert, während er immer noch glaubt, die Triumvirn gegeneinander ausspielen zu können, er "spürte, dass das Chaos ihm Möglichkeiten eröffnete", er hat noch einmal große Auftritte vor Gericht; dass er ein großes Talent zu politischen Finten und Täuschungsmanövern besitzt, schließt die Möglichkeit der Selbsttäuschung und -überschätzung ein.

Die bisweilen larmoyante Selbststilisierung wenn nicht als letzter Römer, wohl aber als Letzter, der es mit dem mos maiorum und mit den Idealen der Republik noch ernst meint, trübt immer mehr die kühle Situationsanalyse. Noch während er etwa im Jahr 56 v. Chr. glaubt, über Pompeius das Triumvirat beeinflussen zu können, hat dieses sich längst in Luca getroffen und beschlossen, dass Cicero sich gefälligst aus allem heraushalten solle. Solche Fehleinschätzung wird sich wiederholen. Als Caesar den Rubicon überschreitet, flieht Cicero mit Pompeius und der Senatsmehrheit aus Rom, obwohl er deren Strategie für grundfalsch hält. Und nach dem Attentat auf Caesar, in das er vorab nicht eingeweiht wurde, glaubt er, in dem 19-jährigen Octavianus, den Harris als jungen Mann mit Akne und Topfschnitt auftreten lässt, ein willfähriges Instrument zur Verwirklichung seiner Ziele gefunden zu haben. Cicero sieht sich als Mann, der noch einmal alle Fäden in der Hand hält - um schließlich selbst instrumentalisiert zu werden. Nicht nur Glück und Intuition haben ihn da verlassen, auch sein taktisches Kalkül ist nicht mehr, was es einmal war.

Harris verdichtet dieses politische Auf und Ab, das sich in Ciceros privaten Turbulenzen spiegelt, immer wieder in emblematischen Szenen. Wenn er beschreibt, wie nach einem siegreichen Prozess das Forum unter der jubelnden Menge zu beben scheint oder wie sich aus der Leichenfeier für Caesar eine Massenhysterie entfaltet, hat das nicht nur große Anschaulichkeit, sondern wahrt auch eine bemerkenswerte Balance zwischen Vertrautheit und Fremdheit.

Während Harris, der als politischer Journalist begonnen hat, sich im ersten Band noch einige Zuspitzungen gönnte, findet er manche dieser Parallelen zwischen Antike und Moderne heute "etwas plump". Nur selten hat man jetzt beim Lesen den Eindruck, hier werde Cicero zu nassforsch ein modernes Selbstverständnis zugeschrieben - und wenn, geschieht das nicht ohne ironische Brechung.

Deutlich stärker ist das Motiv, eine vergangene Welt darzustellen, wie sie gewesen sein könnte, ohne dabei die üblichen Wiedererkennungseffekte zu produzieren; zu akzeptieren, wie es die kluge Althistorikerin und "Times"-Bloggerin Mary Beard geschrieben hat, dass die Welt der Römer bei aller Vertrautheit eben doch "completely alien territory" ist. Unser Wissen über das antike Rom ist ja in sehr vielem lückenhaft und fragmentarisch, es steckt darin immer schon ein Appell an unsere Vorstellungskraft, auch wenn Althistoriker das nicht gerne hören. Bei Robert Harris sind Erfundenes und historisch Belegbares so geschickt verknüpft, dass man sich schon sehr gut auskennen muss, um die Nahtstellen überhaupt noch zu erkennen.

PETER KÖRTE

Robert Harris: "Dictator". Roman. Aus dem Englischen von Wolfgang Müller. Heyne, 528 Seiten, 22,99 Euro

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Süddeutsche Zeitung - Rezension
Süddeutsche Zeitung | Besprechung von 25.11.2015

Im Räderwerk der Macht
Robert Harris erzählt vom Niedergang der Republik und von den letzten fünfzehn Lebensjahren des römischen
Staatsmannes Cicero. Mit „Dictator“ vollendet er eine packende Trilogie über Mechanismen und Gefahren der Politik
VON BERND GRAFF
Kann man Menschen, die vor über 2000 Jahren lebten, überhaupt verstehen, auch wenn ausreichend Zeugnisse aus ihrer Welt überliefert sind? Wenn Menschen nicht nur das Produkt ihrer Gene, sondern auch das ihrer Sozialisation sind, dann wird man nur schwer Empathie und Verständnis für sie aufbringen können, wenn man ihre Gesellschaften und sozialen Netzwerke, ihre Umgangsformen und umgangsförmlichen Verbindlichkeiten, das also, was ihren Alltag regelte und was ihnen selbstverständlich war, nicht kennt. Reagierten sie wie wir auf die Zumutungen, die das Leben für sie bereit hielt? Oder anders: Warum sollte uns die Mentalität von Menschen, die vor 2000 Jahren in Europa lebten, näher sein als die der autochthonen Völker, die heute auf einem fernen Kontinent leben – auch wenn wir ihre Sprache und die Dokumente, die sie uns hinterlassen haben, dem Wortsinn nach verstehen?
  Man kann diese Fragen für unbeantwortbar halten. Dann muss man verstummen. Man kann aber, wenn man Menschen prinzipiell für verstehbar hält, auch den Tigersprung wagen und schauen, wie weit man kommt. Im Fall von Robert Harris: sehr, sehr weit!
  Der britische Journalist und (inzwischen) Erfolgsschriftsteller hat gerade seine Cicero-Trilogie abgeschlossen, die ihn zwölf Jahre lang beschäftigte. „Wir sind zusammen alt geworden“, schreibt Harris. „Dictator“ ist dieser letzte Teil – nach „Imperium“ und „Titan“ – betitelt. Harris leitet ihn beherzt mit einem Zitat von Gustave Flaubert ein, um die mentale Differenz zwischen einst und heute zugleich zu belegen und zu überwinden: „Gerade, als die Götter schon nicht mehr da waren und Christus noch nicht gekommen, gab es diesen einzigartigen Augenblick in der Geschichte, von Cicero bis Mark Aurel, da stand der Mensch allein. Nirgends sonst finde ich diese besondere Majestät.“
  Cicero also ist für Harris ein Mann der transzendentalen Obdachlosigkeit, ein Mann der Tat gleichwohl, der sein Schicksal selbst in die Hand nimmt. Und hier sieht Harris auch den plausiblen Zugang für einen Brückenschlag: Die Zeit, in der Cicero so selbstbewusst (und -verloren) wirkte, ähnelt unserer Zeit.
  Denn wir befinden uns in der Zeit einer mit Luxus und Geld überausgestatteten Dekadenz, der Endphase einer Republik im Niedergang, der nur deswegen nicht sofort auffällt, weil sie in dieser Zeit, jedenfalls aus römischer Sicht, so unfassbar erfolgreich ist. Im römischen Imperium geht die Sonne (fast) nicht unter, und reichlich Geld und Gold aus siegreichen Feldzügen strömt in die Kassen. Und doch ist das Imperium nie groß genug. Globalisierung auf römisch heißt um 50 vor Christus , dass nahezu alles römisch dominiert ist. Der rücksichtslose Egomane Caesar hat eigenmächtig fast die gesamte europäische Nordhalbkugel unterworfen. Er hat Gallien besetzt, den Rhein auf einer provisorischen Brücke überschritten, Germanen massakriert, er selber spricht von 430 000 Niedergemetzelten.
  Dann ging es zurück, die eigene Brücke wurde wieder eingerissen. Er setzte nach Britannien über, massakrierte auch hier, wieder zurück in Gallien ließ er jedem einzelnen Kämpfer der letzten aufständischen gallischen Garnisonen nach deren Kapitulation die Hände abhacken. Alles dies geschah unabgesprochen und selbstherrlich, der Mann hielt sich schließlich für einen Nachfahren der Göttin Venus. In Rom war man entsetzt: Cato, einer der hartnäckigsten Widersacher Caesars und der Mann, der sich später die eigenen Eingeweide aus dem Leib reißen wird, um nicht von Caesar gefangen genommen zu werden, beantragte im Senat, den zweifellos siegreichen Feldherrn doch an die Germanen auszuliefern.
  Er konnte immerhin die Einsetzung einer Untersuchungskommission durchsetzen. Caesars Eigenmächtigkeit ist das prominenteste innenpolitische Thema. Auch Caesar weiß das. Und schert sich nicht drum. Jedenfalls solange seine Widersacher nicht mächtig und einig genug sind, um gegen ihn zu bestehen.
  Marcus Tullius Cicero, der klügste Verächter Caesars, agiert bei Robert Harris in den Zwischenräumen dieses gigantischen Räderwerks der römischen Macht. Er ist genauso ehrgeizig und eitel wie Caesar, aber er ist kein Macht-, schon gar kein Kriegs-, sondern ein vor Intelligenz strotzender Tugendmensch. Ein Stoiker, ein Melancholiker auch. Er glaubt an die Republik und ihr Recht, ist selber Anwalt, Schriftsteller und Philosoph. Vor allem aber ist er ein begnadeter Redner und Feingeist, ein Idealist, dem die Republik als ein vom Senat regierter römischer Idealstaat vorschwebt. Dafür, dass er fast seine gesamte Amtszeit als Konsul im Jahr 63 v. Chr. damit zugebracht hatte, Sergius Catilina, der einen Staatsstreich plante, ins Exil zu befördern, wurde er mit dem Titel pater patriae (Vater des Vaterlandes) ausgezeichnet. Ein Vaterlandsvater also ist er, Übervater der Republik will er sein, der jedoch über Caesar sagen muss: „Er ist die Liebenswürdigkeit in Person. Er hat mir aber keine tieferen Einblicke in seinen monströsen Charakter gewährt. Ich habe nichts als die glatte, glitzernde Oberfläche gesehen.“
  Mit seiner stets offen artikulierten Verachtung für die Feinde der Republik macht sich Cicero angreifbar – und er wird angegriffen. Wie nahezu alle politischen Akteure seiner Ära geht er Bündnisse auf Zeit ein. Cicero ist dabei der quirligste aller Wanderer zwischen den bis aufs Blut verfeindeten politischen Welten, in denen er abwechselnd sein Lager aufschlägt. Immer, wenn es ihm opportun scheint. Auch Caesar huldigt er irgendwann ausdrücklich. Alles in allem also ist Cicero der Gegenentwurf zum eiskalten Raubein Caesar. Doch wie dieser, wie eigentlich alle, agiert er allein und völlig auf eigene Faust. Denn die Politik der Republik wird von Tag zu Tag auf dem Forum ausgemacht, wobei der polierte politische Diskurs, wie ihn Cicero und Cato pflegen, nur eine Form der Willensbildung ist. Einer der schärfsten Widersacher Ciceros, Publius Clodius Pulcher, setzt dagegen ganz auf den Plebs und marodierende Banden, die vor tätlichen Angriffen und Brandanschlägen nicht zurückschrecken. Clodius erreichte etwa mit dem Zorn des aufgestachelten Plebs (und Caesars Hilfe) im Jahr 58 v. Chr. die Verbannung Ciceros, dessen Besitz konfisziert und dessen Haus niedergebrannt wurde.
  Mit Ciceros überstürztem nächtlichen Aufbruch und seiner irrlichternden Reise ins Exil, die ihn getrennt von Frau und Familie, aber begleitet von seinem treu ergebenen Sekretär, dem Sklaven Tiro, nach Thessaloniki führen wird, beginnt der letzte Teil in Harris’ Trilogie: Cicero wird ab da nur noch 15 Jahre zu leben haben. Er wird, nur 20 Monate nach Caesars Ermordung, inzwischen begnadigt und wieder heimgekehrt, in der Hafenstadt Formia von gedungenen Mördern umgebracht werden. Als Vogelfreier. Denn auch mit den neuen Machthabern hatte er sich in 14 Philippischen Reden angelegt, wollte die Republik auch nach Caesars Ermordung verteidigen und war deswegen auf der Todesliste des Antonius ganz oben gelandet.
  Diese 15 Jahre des Niedergangs der Republik und der Skrupellosigkeit im Zentrum der Macht schildert Robert Harris, als ob er den Stoff für eine TV-Staffel des in die Antike versetzten „House of Cards“ zusammengetragen hätte: Er tut es weder in einem Sandalen und wippenden Helmbusch tragenden hohen Ton noch in einer sich an unsere Gegenwart anbiedernden falschen Zeitgenossenschaft. Er schreibt modern, ohne die Geschichtlichkeit der Geschichte zu denunzieren.
  Das gelingt, weil er die Geschichte Ciceros von seinem Sekretär Tiro erzählen lässt. Das sorgt einerseits dafür, dass Harris auch einen privaten Cicero in seinen Ängsten und Reflexionen schildern kann, ohne ihn subjektivistisch zu personifizieren. Dieser Abschlussband von Harris’ Trilogie, den man lesen kann, ohne die beiden ersten Teile zu kennen, ist ein packendes Lese-Spektakel.
Der begnadete Redner und
Feingeist glaubte an
das Ideal der Republik
Cicero ist der quirligste
aller Wanderer zwischen den
politischen Welten und Lagern
Harris lässt weder
Helmbüsche wippen, noch biedert
er sich der Gegenwart an
  
  
  
  
Robert Harris: Dictator. Roman. Aus dem Englischen von Wolfgang Müller. Heyne Verlag, München 2015.
528 Seiten, 22,99 Euro. E-Book 18,99 Euro.
Wie steht, wie blickt, wie verschränkt ein großer Redner seine Arme? Gottfried John als Cicero in weißer Toga in dem Fernsehfilm „Imperium – Augustus“ (deutscher Titel „Mein Vater, der Kaiser“) aus dem Jahr 2003.
Foto: EMS GmbH
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"Frank Arnold hat den komplexen Stoff einfühlsam und mit hervorragendem Gespür für Rhythmus eingesprochen." Nürnberger Zeitung
Ein Römer

Der Mann, der das Forum zum Beben brachte - mit "Dictator" hat Robert Harris seine Cicero-Trilogie abgeschlossen. Und spannender als die Politikerleben von heute ist sie immer noch

Eine Art "West-Wing-on-the-Tiber" habe ihm vorgeschwebt, sagt Robert Harris, und wenn auch zwischen dem Capitol in Washington und dem in Rom ein paar tausend Kilometer liegen und zwischen dem Weißem Haus und dem Forum Romanum als politischen Schauplätzen fast zweitausend Jahre, dann trifft dieser Vergleich doch ganz gut, was Harris mit seiner Cicero-Trilogie versucht hat: ein großes politisches Intrigenspiel zu inszenieren, ein Panorama der Innen- und Außenpolitik, mit Korruption und Demagogie, Aufstieg und Fall, Machthunger und allem, was dazugehört, seit es so etwas wie Politik gibt.

Der letzte Band, "Dictator", ist jetzt erschienen, zwölf Jahre Arbeit stecken in dem Roman-Projekt, Harris' älteste Tochter hat inzwischen sogar einen Abschluss in Klassischer Altertumskunde gemacht, was auch heißt, dass Cicero nicht nur der Schrecken des Lateinunterrichts sein muss, als den ihn viele in Erinnerung haben. Im Gegenteil, wenn man Harris' Romane liest, ist diese antike Politikervita ungleich spannender als jene, die sich über die überwältigende Mehrheit der heutigen Politiker schreiben ließen. Auch 2048 Jahre nach Ciceros Tod liest man ihn immer noch - aber wer wird sich schon in 48 Jahren freiwillig eine Biographie von, sagen wir, Horst Seehofer antun wollen?

Marcus Tullius Ciceros Leben fällt natürlich auch in eine Zeit dramatischer Umbrüche. Und vor allem agiert er in einem politischen Feld ohne Parteien, Bürokratie und Staatsapparat, mit allenfalls rudimentären Formen der Staatlichkeit. Handlungsrahmen und Machtoptionen einzelner Politiker sind größer und zugleich gefährdeter, es gibt Akteure, die sich vor allem der Volksversammlung bedienen zur Durchsetzung ihrer politischen Ziele, solche, die als Volkstribunen agieren, die bewaffnete Banden im Straßenkampf ausrüsten oder ganz traditionell auf die Senatsmehrheit bauen. Kaum zufällig haben die letzten Jahrzehnte der Römischen Republik zahlreiche prominente Politikertypen hervorgebracht, von Caesar und Pompeius über Crassus, Clodius, Cicero oder Marcus Antonius bis zu Octavian, der dann als Princeps Augustus von der Republik nur die Fassade übriglassen sollte. Harris' Schlüsselidee, um Nähe und Distanz zum Porträtierten zu schaffen, ist die Einsetzung von Ciceros Sekretär Tiro als Ich-Erzähler. Den Mann gab es wirklich, er war erst Sklave, wurde dann von Cicero freigelassen, er hat die erste Kurzschrift entwickelt und auch eine Cicero-Biographie lange nach dessen Tod geschrieben, die verlorengegangen ist, wie so viele antike Schriften. Tiro vereint Sympathie für Cicero mit der intellektuellen Fähigkeit zu Analyse und Kritik, durch ihn lässt sich auch leichter von privaten Dingen sprechen und zugleich der Charakter einer trockenen historischen Abhandlung vermeiden, der sich bei wechselnden, um Ausgewogenheit bemühten Erzählperspektiven fast von selbst eingestellt hätte.

Und man darf ja weder bei einem Roman noch einer Abhandlung vergessen, dass Cicero selbst durch die Vielfalt der erhaltenen Schriften der wichtigste "Zeitzeuge" für sein Leben und die ganze Epoche ist. Ihn von außen zu schildern wäre kaum möglich. Die Althistoriker haben über die Jahrhunderte ganz gut gelernt, mit dieser leichten Wahrnehmungsverzerrung hermeneutisch umzugehen. Einem Autor historischer Thriller wie "Vaterland" oder "Intrige" ist das erst recht nicht schwergefallen.

Nachdem Harris in "Imperium" von Ciceros Weg zur Macht und in "Titan" von den großen Jahren als Konsul, Catilina-Bekämpfer und Republik-Retter erzählte, setzt "Dictator" im Jahr 58 v. Chr. an einem Karrieretiefpunkt ein. Der Held muss ins Exil, sein Intimfeind Publius Clodius hat dafür gesorgt, der Caesar hinter sich weiß, den wiederum eine anfällige Allianz namens "Triumvirat" mit den anderen großen Machtspielern Pompeius und Crassus verbindet. Es ist erst eine Tour der Demütigungen, die Cicero bis nach Thessalonica führt, und dann eine beinahe wieder triumphale Rückkehr nach Rom, die er ebenfalls Caesar verdankt. Cicero laviert, während er immer noch glaubt, die Triumvirn gegeneinander ausspielen zu können, er "spürte, dass das Chaos ihm Möglichkeiten eröffnete", er hat noch einmal große Auftritte vor Gericht; dass er ein großes Talent zu politischen Finten und Täuschungsmanövern besitzt, schließt die Möglichkeit der Selbsttäuschung und -überschätzung ein.

Die bisweilen larmoyante Selbststilisierung wenn nicht als letzter Römer, wohl aber als Letzter, der es mit dem mos maiorum und mit den Idealen der Republik noch ernst meint, trübt immer mehr die kühle Situationsanalyse. Noch während er etwa im Jahr 56 v. Chr. glaubt, über Pompeius das Triumvirat beeinflussen zu können, hat dieses sich längst in Luca getroffen und beschlossen, dass Cicero sich gefälligst aus allem heraushalten solle. Solche Fehleinschätzung wird sich wiederholen. Als Caesar den Rubicon überschreitet, flieht Cicero mit Pompeius und der Senatsmehrheit aus Rom, obwohl er deren Strategie für grundfalsch hält. Und nach dem Attentat auf Caesar, in das er vorab nicht eingeweiht wurde, glaubt er, in dem 19-jährigen Octavianus, den Harris als jungen Mann mit Akne und Topfschnitt auftreten lässt, ein willfähriges Instrument zur Verwirklichung seiner Ziele gefunden zu haben. Cicero sieht sich als Mann, der noch einmal alle Fäden in der Hand hält - um schließlich selbst instrumentalisiert zu werden. Nicht nur Glück und Intuition haben ihn da verlassen, auch sein taktisches Kalkül ist nicht mehr, was es einmal war.

Harris verdichtet dieses politische Auf und Ab, das sich in Ciceros privaten Turbulenzen spiegelt, immer wieder in emblematischen Szenen. Wenn er beschreibt, wie nach einem siegreichen Prozess das Forum unter der jubelnden Menge zu beben scheint oder wie sich aus der Leichenfeier für Caesar eine Massenhysterie entfaltet, hat das nicht nur große Anschaulichkeit, sondern wahrt auch eine bemerkenswerte Balance zwischen Vertrautheit und Fremdheit.

Während Harris, der als politischer Journalist begonnen hat, sich im ersten Band noch einige Zuspitzungen gönnte, findet er manche dieser Parallelen zwischen Antike und Moderne heute "etwas plump". Nur selten hat man jetzt beim Lesen den Eindruck, hier werde Cicero zu nassforsch ein modernes Selbstverständnis zugeschrieben - und wenn, geschieht das nicht ohne ironische Brechung.

Deutlich stärker ist das Motiv, eine vergangene Welt darzustellen, wie sie gewesen sein könnte, ohne dabei die üblichen Wiedererkennungseffekte zu produzieren; zu akzeptieren, wie es die kluge Althistorikerin und "Times"-Bloggerin Mary Beard geschrieben hat, dass die Welt der Römer bei aller Vertrautheit eben doch "completely alien territory" ist. Unser Wissen über das antike Rom ist ja in sehr vielem lückenhaft und fragmentarisch, es steckt darin immer schon ein Appell an unsere Vorstellungskraft, auch wenn Althistoriker das nicht gerne hören. Bei Robert Harris sind Erfundenes und historisch Belegbares so geschickt verknüpft, dass man sich schon sehr gut auskennen muss, um die Nahtstellen überhaupt noch zu erkennen.

PETER KÖRTE

Robert Harris: "Dictator". Roman. Aus dem Englischen von Wolfgang Müller. Heyne, 528 Seiten, 22,99 Euro

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