Stark Wie Zwei - Lindenberg,Udo
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Produktdetails
Autorenporträt
Udo Lindenberg, 1946 in Gronau/Westfalen geboren, Musiker, Schauspieler und Maler. Er startete seine Karriere in den 1970igern erst als Jazzmusiker. Mit seiner Schallpatte "Alles klar auf der Andrea Doria" hatte er 1973 einen ersten Erfolg zu verzeichnen. Er gründete seine Band, das "Panikorchester" und startete seine Karriere als Deutschlands berühmtester Rocker. 1975 schrieb er sein erstes Buch "Albert Alptraum bis Wotan Wahnwitz", 1980 übernimmt er in "Panische Zeiten" seine erste Filmrolle. Mit dem Titel "Sonderzug nach Pamkow" erregte er 1983 nicht nur musikalische sondern auch politische Aufmerksamkeit. Seine Karriere erreicht 2004 seinen Höhepunkt als er sein 30-jähriges Bühnenjubiläum mit der Tournee "Aufmarsch der Giganten" feiert. Lindenberg wurde 1989 das Bundesverdienstkreuz verliehen. 2006 bekam er die EinsLive Krone für sein Lebenswerk.
Trackliste
LP 1
1Ich zieh' meinen Hut00:03:57
2Wenn du durchhängst00:04:19
3Ganz anders00:04:06
4Was hat die Zeit mit uns gemacht00:04:17
LP 2
1Mein Ding00:04:24
2Stark wie zwei00:04:16
3Der Deal00:03:59
4Chubby Checker00:04:14
LP 3
1Der Greis ist heiss00:04:28
2Woddy Woddy Wodka00:05:31
3Nasses Gold00:05:44
4Interview mit Gott00:04:17
5Verbotene Stadt00:05:05
6Der Astronaut muss weiter00:03:17
Rezensionen

Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 29.03.2008

Der Gin des Lebens

Von blanker Hand, direkt ins Herz und mit Seelenanschluss: Udo Lindenberg hat mit etwas Hilfe von seinen Freunden eine rockige und zeitlos gute Platte gemacht.

Es gehört sich eigentlich nicht, groß auf die Waschzettel einzugehen, die PR-Büros den Platten ihrer Klienten beilegen. Was aber die Firma Lanz-Unlimited Communications über die neue Udo-Lindenberg-Platte in Umlauf bringt, bedarf vielleicht doch der Erwähnung. Dieses "Album-Bio" macht sich die aus Großspurigkeit und Unbeholfenheit seltsam stimmig zusammengesetzte Diktion des "Maestro" dermaßen zu eigen (das gilt aber auch für den einen oder anderen Plattenrezensenten, der sich schon zu Wort gemeldet hat!), dass man nicht weiß, was man tun soll: wegschmeißen? Oder dem Lindenberg glauben, dass seine alte Säufer- und Spürnase immer noch, wie er jetzt wieder prahlt, "relativ cool" ist?

Selbst wer das Prinzip "nicht kleckern - klotzen" nicht für grundverkehrt hält, wird zugeben, dass die Vergleiche mit Einsteins Relativitätstheorie und Mozarts Jupiter-Sinfonie, zu denen die PR-Firma hier greift, doch etwas stark sind. Aber dann wird's angenehm poetisch: "Schwebt der Funke des Meisterwerks wie ein goldenes Staubkorn durch den Raum, gewaltig und schwerelos zugleich?" Lindenberg würde sagen: "Eh, Alter, mach dich mal locker!" Denn, und auch da hat man den Meister auf seiner Seite: "Vergiss die Lehrer, die Bedenkenträger tritt in den Arsch."

Der Waschzettel ist vor allem deswegen aufschlussreich, weil er ein Vorurteil über den Sänger bestätigt: "Udo ist gefährlich. Er okkupiert einen, er beherrscht einen", hatte einst der ehemalige Mitautor Horst Königstein behauptet und damit gemeint, dass Lindenberg einerseits die Leute aussaugt, ihnen also Sprüche ablauscht, die er dann imagefördernd verwendet, und dass man aber andererseits dessen typische Art, so betont ungestelzt daherzureden, irgendwann selber übernimmt - so dass man am Ende gar nicht sagen kann, was zuerst da war: die Henne oder das Ei?

Da trifft es sich gut, dass unlängst die 1996 zuerst erschienene Anekdoten-Sammlung "Sax oder nie! Die Bekenntnisse des Johnny Controletti" (Panama Publications) des ehemaligen Lindenberg-Saxophonisten Olaf Kübler in zweiter, überarbeiteter Auflage herausgekommen ist. Dort wird gallenbittere Klage darüber geführt, dass längst in die Umgangssprache eingegangene Lindenberg-Zitate nach Art von "Alles klar auf der Andrea Doria" in Wirklichkeit von jemand ganz anderem stammen, nämlich von Kübler selber, der als Hoflieferant und -narr einen "kreativen Vampirismus" bedient hat: Man saß, meistens an der Theke, zusammen und ließ spontan etwas vom Stapel.

Nach allem, was man so hört, war dies auch die Arbeitsweise, aus der die Platte "Stark wie zwei" hervorgegangen ist: "Wir haben manchmal im Schlafsack im Studio geschlafen, wie in den alten Zeiten eben. Mit ordentlich Whisky oder Sonstigem wie die Hippies. Wir haben auch alle Synthesizer und alle Computer aus dem Fenster geschmissen, alles ging nur von blanker Hand, mit Seelenanschluss, alles live." So klingt die Platte auch.

Lindenberg saß also beispielsweise mit Helge Schneider an der Bar des Hotel Atlantic, in dem er ja seit langem fest wohnt, und die beiden fragten sich witzelnd, ob es nicht unheimlich crazy wäre, mal als Hoteldetektiv unterwegs zu sein, mit Rex, dem Drogenschnüffelhund - fertig war "Chubby Checker", ein sehr lustiges Lied, das von Schneiders Dadaismus mehr profitiert hat als von Lindenbergs doch nun schon etwas ausgelatschten Ganovengamaschen. Ansonsten herrschen ernste Töne vor, mit denen das seit alters her vertraute, aus Hermann-Hesse- und Jerry-Cotton-Lesefrüchten windschief zusammengezimmerte Denk- und Gefühlsgebäude aus Liebe, Suff, Sehnsucht und Erwähltheitsdünkel beschallt wird.

Dabei tut Lindenberg das, was er in seiner besten Zeit auch getan hat: Er hält sentimental Rückschau und stimmt Durchhalteparolen von zärtlicher Kraft an. Da wird denn Freunden Dank für treue Hilfe abgestattet ("Ich zieh meinen Hut") und im Gegenzug welche angeboten ("Wenn du durchhängst"); es wird, im Titelsong, ein Toter betrauert; es wird darüber geklagt, dass nichts mehr ist wie früher ("Was hat die Zeit mit uns gemacht"); es wird sinatrahaft und mit männlichem Stolz die Besonderheit ("Mein Ding"), aber auch die Rätselhaftigkeit ("Ganz anders") des eigenen Charakters beschworen und die Vitalität des Alters gepriesen ("Der Greis ist heiß"); und es wird wieder in die von Lindenberg ja schon reichlich ausgeloteten Untiefen des Alkoholismus geschaut ("Woddy Woddy Wodka", "Nasses Gold").

Das alles kann Udo Lindenberg natürlich nicht alleine. Er kann es nur mit der Hilfe von Leuten, die Ideen beisteuern oder ihn in seinen eigenen guten bestärken und ihm von den weniger guten abraten; Leute, die um sich zu versammeln und auf eine kaum merkliche Art zu manipulieren immer schon seine Stärke war. Dieses Mal sind seine Soulsisters und -brothers, neben Helge Schneider, der Rapper Jan Delay, der Trompeter Till Brönner, die Silbermond-Sängerin Stefanie Kloß und der Juli-Gitarrist Simon Treibel; Annette Humpe, seine alte Kumpelin, war beratend tätig. Es ist also eine bunte, schwer auf einen Nenner zu bringende Truppe, mit der sich Lindenberg kaum dem Verdacht aussetzt, besonders trendgeil zu sein. Die Beiträge sind sauber vermerkt; und dass Lindenberg diese Produktionsverhältnisse, die seiner Arbeit unbedingt guttun, in demokratischer Offenheit nun so oft betont, mag darauf hindeuten, dass er da etwas gutzumachen hat.

Musikalisch ist diese von Andreas Herbig meisterhaft produzierte, mit vierzehn zumeist deftig rockenden Liedern fast überlange Platte einfach zeitlos gut; jedes Riff, jedes Gitarrensolo, jeder Trommelschlag sitzt an der richtigen Stelle. Man wusste offenbar, was man dem an Independent-Rock gewöhnten Publikum schuldet - der früher so roh verputzte Sound ist dichter, auch ein wenig glatter, aber auch druckvoller geworden. Textlich begegnen wir dem alten Charme, der sich gerade aus der Unschärfe ergibt, wobei Lindenberg selbst gespürt haben muss, dass sein ewiges "Alles klar"- und "Alles unter Kontrolle"-Gerede nur noch dosiert zu ertragen ist. Dabei ist es bezeichnend, dass seine Überzeugungskraft nachlässt, sobald er ambitioniert etwas mitteilen will, ohne dabei auf selbsterlebte Wahrheiten zu vertrauen - das "Interview mit Gott" ist ein schlechter Leitartikel, wie er dem mittleren Lindenberg häufiger unterlief.

Um auf die Frage zurückzukommen, ob der Funke des Meisterwerks auch wirklich durch den Raum fliegt: Ja, das tut er, und zwar haargenau wie ein goldenes Staubkorn, gewaltig und schwerelos zugleich. Mehr kann sich ein deutscher Rockhörer vermutlich gar nicht wünschen. Könnten sie's, Grönemeyer und Westernhagen würden sich in den Arsch treten wollen vor Neid.

EDO REENTS

Udo Lindenberg, Stark wie zwei. Starwatch Music 42770421 (Warner)

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