Vernarbte Herzen - Blecher, M.
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Aus der unmittelbaren Unwirklichkeit von M. Blecher (1909-1938) gilt als ein Meilenstein der mitteleuropäischen Moderne. Ernest Wichners Übersetzung - mit Herta Müllers leidenschaftlichem Plädoyer, Blecher zu lesen, als Nachwort - ist als Band 1367 der Bibliothek Suhrkamp erschienen. Nun folgt der 1937, ein Jahr nach der Unmittelbaren Unwirklichkeit, erstmals veröffentlichte autobiographische Roman Vernarbte Herzen. Erzählt wird die Geschichte des 21jährigen Emanuel, eines rumänischen Chemiestudenten in Paris, der an Knochentuberkulose erkrankt und fast ein Jahr in einem französischen…mehr

Produktbeschreibung
Aus der unmittelbaren Unwirklichkeit von M. Blecher (1909-1938) gilt als ein Meilenstein der mitteleuropäischen Moderne. Ernest Wichners Übersetzung - mit Herta Müllers leidenschaftlichem Plädoyer, Blecher zu lesen, als Nachwort - ist als Band 1367 der Bibliothek Suhrkamp erschienen. Nun folgt der 1937, ein Jahr nach der Unmittelbaren Unwirklichkeit, erstmals veröffentlichte autobiographische Roman Vernarbte Herzen. Erzählt wird die Geschichte des 21jährigen Emanuel, eines rumänischen Chemiestudenten in Paris, der an Knochentuberkulose erkrankt und fast ein Jahr in einem französischen Sanatorium am Atlantik verbringt. Er gerät in die Gesellschaft der Kranken, eine faszinierende Welt für sich, aus der sich selbst die Geheilten nur schwer wieder befreien können.

"Das Paradox aller bedeutenden Kunst gilt auch hier, in Blechers wunderbarer Prosa: Das so suggestiv beschriebene Unglück wird zum intellektuellen Glück des Lesers." Harald Hartung, Frankfurter Allgemeine Zeitung
  • Produktdetails
  • Bibliothek Suhrkamp Bd.1399
  • Verlag: Suhrkamp
  • Artikelnr. des Verlages: 22399
  • 4. Aufl.
  • Seitenzahl: 150
  • Erscheinungstermin: 13. März 2006
  • Deutsch
  • Abmessung: 178mm x 120mm x 20mm
  • Gewicht: 274g
  • ISBN-13: 9783518223994
  • ISBN-10: 3518223992
  • Artikelnr.: 20774401
Autorenporträt
Ernest Wichner, geb. 1952 in Guttenbrunn (Rumänien), lebt und arbeitet in Berlin. Nach seinem Studium an der Universität Temeswar übersiedelte er nach Deutschland. Seit 2003 leitet er das Berliner Literaturhaus. Seine Übersetzungen und eigenen Lyrikbände wurden mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet.
Rezensionen
Besprechung von 19.08.2006
Liebe in Gips
Krankheitsweg: Max Blechers hell melancholischer Roman

Gleich zu Beginn dieses kleinen Romans erlebt dessen Held, von dem gerade eine Röntgenaufnahme angefertigt worden ist, "plötzlich einen Augenblick hellster Klarsicht": "Er hatte die klare Gewißheit, schwer krank zu sein." Diese plötzliche Erkenntnis bestätigt sich, als kurz darauf der Arzt mit der Aufnahme den Raum betritt: Knochentuberkulose, ein Rückenwirbel schwer angegriffen, ein mit Eiter gefüllter Abszeß neben der Hüfte.

Emanuel, ein einundzwanzig Jahre alter rumänischer Student, der vor kurzem das Studium der Chemie in Paris aufgenommen hat, ist tatsächlich so schwer krank, daß ihn die Plötzlichkeit, mit der ihn diese Diagnose ereilt, damit rechnen läßt, es sei im Nebenraum die Guillotine für ihn vorbereitet. Aber die Ärzte wollen ihn natürlich heilen und schicken ihn deshalb in das kleine Seebad Berck, wo man sich auf die Behandlung von Fällen wie seinem spezialisiert hat: Dort werde er in Gips gebettet, ansonsten aber "ein völlig normales Leben" führen. An diese Hoffnung klammert sich auch sein Vater: Im Sanatorium werde Emanuel sein "normales Leben" weiterleben, "du merkst gar nicht, daß du krank bist". So reden die Gesunden, die die Guillotine, die sie mit ihren Diagnosen aufgestellt haben, nicht sehen wollen. Emanuels Wahrnehmung aber bleibt fortan von jener "hellsten Klarsicht", mit der er sich die Schwere seiner Erkrankung eingestanden hat; auf ihr - einer unsentimentalen Klarheit des Blicks, die die Situation des Kranken in hellstes Licht taucht - beruht das erzählerische Wunder dieses Romans.

"Vernarbte Herzen" erzählt von Emanuels Lehrjahr als Kranker. In ihm erfährt er die physische Schwächung als hybride Existenz: Der Kranke ist weitgehend unbeweglich an ein Rollbett gefesselt, der Oberkörper eingepanzert in Gips, "eine seltsame Kombination von Haut und Gips". Obgleich sie aller normalen Bewegungen und des aufrechten Gangs beraubt sind, versuchen die Kranken dennoch in einem Akt verzweifelter Simulation eine Illusion der Normalität aufrechtzuerhalten. Deshalb tragen diese auf ihren Schienbetten aufgebahrten hybriden Skulpturen, wenn sie im Speisesaal ihres Sanatoriums zum Dinner zusammenkommen, elegante Garderobe oder bei der Spazierfahrt ihre Alltagsanzüge mit Kragen und Krawatte, und es ist ebendiese als Normalität verkleidete Aufhebung der Normalität, die Emanuel "zum vollen Verständnis der Krankheit" erwachen läßt: "Im Speisesaal waren die Traumelemente und die Wirklichkeitselemente in eine solche Gleichzeitigkeit geraten, daß Emanuel einige Sekunden lang das Gefühl hatte, sein Bewußtsein sei total zerfallen. Es war außerordentlich durchsichtig und trotzdem unglaublich zerbrechlich und unsicher geworden."

Mit solcher Klarsicht kann über die Krankheit nur aus der Binnenperspektive erzählt werden. Bei Max L. Blecher (1909 bis 1938), geboren als Sohn eines jüdischen Kaufmanns in einem rumänischen Provinzstädtchen, wurde die Knochentuberkulose diagnostiziert, als er neunzehn Jahre alt war; die letzten zehn Jahre seines kurzen Lebens hat er liegend verbracht. Autoren, deren Leben ein langsames Sterben ist (Schiller etwa gehört zu ihnen), sind gegen Sentimentalisierungen und kunstmetaphysische Überhöhungen der Krankheit gefeit. Blecher hat über das physische Leiden in seinen Aufzeichnungen notiert, er erlaube sich, "es für diejenigen, die leiden, für verachtenswert zu halten, für sinnlos, und es nicht auf einen besonderen Rang zu erheben von der Art einer vornehmen und bewundernswürdigen Inspiration für die Kunst, das allein gültige Kunstwerke gebiert. In Ruhe und Überfluß, so glaube ich, wurden unendlich viel mehr bleibende Kunstwerke geschaffen als im Schmerz und unter Zähneknirschen."

Man sieht, wie weit Blechers im Schmerz erzählte Welt trotz weniger thematischer Berührungen von derjenigen des "Zauberbergs" (aber auch von der des späteren "Doktor Faustus") entfernt ist. Der "Fülle des Wohllauts", deren sich dort Hans Castorp am Grammophon zu erfreuen vermag, klingt aus dem Sanatorium, von dem Blecher erzählt, eine Fülle des Unwohllauts entgegen, der die im Gipsbett Liegenden nicht entfliehen können und die ihnen deshalb besondere Qual bereitet: "Das Gebäude verwandelte sich in einen riesigen Betrieb zum Zerkratzen von Grammophonplatten. Verrückt vor Schlaflosigkeit, stopften sich die Kranken die Ohren mit Watte zu, mit Wachs, oder aber sie bedeckten sie mit allem, was sie hatten, wickelten sich Schals um den Kopf."

Emanuel absolviert seine Lehrzeit als Kranker - die plötzliche Verstörung, die grundlegende Veränderung des Blicks auf die Welt, die Neubestimmung des Wichtigen, die Anlegung des Gipses als Eintritt "ins Glied" der "richtigen Kranken" - mit einer Haltung "gelassener Verzweiflung". Es ist diese Gelassenheit, die ihn auf die Welt der Kranken einen ungerührt registrierenden Blick von äußerster Wahrnehmungsschärfe werfen läßt: mitleidslos, weil ohne Selbstmitleid, und deshalb jederzeit offen für Szenen von trauriger Heiterkeit und grotesker Unalltäglichkeit. Denn die hybriden Skulpturen stecken voller Lebensgier, feiern wüste Saufgelage, kosten die Nähe von Eros und Thanatos voll aus, genießen zärtliche Amouren in keuschester Unkeuschheit - "Sie reiben ihren Gips aneinander, mehr können sie nicht tun" -, geben sich gewaltigen Eifersuchtsdramen hin und verzagten Sehnsuchtsträumen, alles wie im gewöhnlichen Leben, nur eben in der fast völligen Immobilität einer Gipsumpanzerung, die den begehrten und begehrenden Körper zu großen Teilen wie in einer Konserve verschließt.

"In meinem Beruf als Kranker habe ich den Dilettantismus überwunden. Ich bin ein wahrhaft Professioneller geworden", so läßt Blecher einen von Emanuels neuen Freunden sagen, der gerne Pornofotos zeigt, deren wichtigster Akteur er selbst ist. Mit der Sachlichkeit einer illusionslosen Professionalität des Krankseins erzählt Blecher von der "heißen und trockenen Qual" der Liebe im Gips. Emanuel legt sich schon bald eine Zweckgeliebte für die Bedürfnisse seines nicht eingegipsten Unterleibs zu und beutet deren Opferwillen in Kopulationen von rührend-drastischer Umständlichkeit aus. Als er ihrer überdrüssig wird, entledigt er sich ihrer ziemlich kaltherzig unter selbstzufriedener Ausnutzung der Tatsache seines Krankseins; da hat also auch er in seinem Beruf als Kranker den Dilettantismus überwunden, um im Gips ein Macho bleiben zu können. (In der Art freilich, in der er Emanuels Geliebte Solange mit Tieren zu vergleichen liebt, stellt der Roman doch auch eine irritierende Zeitgebundenheit unter Beweis.) Aber unter dem Gips schreit die Haut nun einmal danach, berührt zu werden, und so läßt sich denn Emanuel, kaum ist sein Jahr im Gips zu Ende, sofort auf die erste verfügbare Dame fallen - tatsächlich fallen, denn zu stehen und zu gehen muß er ja erst wieder lernen. Die Komik ist die andere Seite der Kühle, mit der Blecher seinen Helden und dieser seine Welt, die Welt der Kranken, betrachtet.

In Blechers Roman wird auf elende Weise gestorben, und doch ist seine Sprache immer von hoher Schönheit. Am Ende stirbt die bildhübsche junge Isa; sie hatte Tänzerin werden wollen und verfault statt dessen bei lebendigem Leib, bis ihr ein Bein abgenommen wird, was aber den Tod nur für wenige Tage aufhalten kann. Am Tag, als Emanuel das Sanatorium in Berck verläßt, trifft er Isas Pflegerin: "Sie sprachen über Isa, erinnerten sich derart gelassen und rein an sie, daß ihre Melancholie wie etwas Helles, Verschwiegenes und Ruhiges im puren Schweigen des Nachmittags stand; eine zusätzliche Aufhellung, eine würdige Illumination der Herzen." So wird dieser Roman erzählt: gelassen und rein, mit klarster Präzision und heller Melancholie. Ernest Wichner, dem wir bereits die Übersetzung von Blechers erstem Roman "Aus der unmittelbaren Unwirklichkeit" verdanken, hat ihn stilsicher übertragen. Es ist dies ein Buch, von dem man sich nach der Lektüre nicht vorstellen kann, es jemals nicht gekannt zu haben.

M. Blecher: "Vernarbte Herzen". Roman. Aus dem Rumänischen übersetzt und mit einem Nachwort von Ernest Wichner. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2006. 222 S., geb., 14,80 [Euro].

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Besprechung von 25.07.2006
Die eingegipste Mumie
In „Vernarbte Herzen” erzählt M. Blecher von Knochen-Tbc
Anfangs gefällt es dem Patienten ganz gut in dem Zimmer, das er betritt: ein Marmortisch, ein paar „würdige Sessel”, doch dann entdeckt er die seltsame Maschine in einer Ecke, „eine Truhe mit Beschlägen und Schrauben (. . .), die offensichtlich mitunter als Kanapee diente”. Der Patient muss sich auf die Oberfläche der Maschine, eine Art Blechtisch, legen, in dem eine Platte steckt.
„Die Platte ist in Ordnung”, sagt der Arzt, das heißt, er kann sie lesen. Aber was er nach der „Radiographie” der Wirbelsäule entziffert, ist nicht schön. Emanuel, der Patient, ein Rumäne, gerade zum Chemie-Studium nach Paris gekommen, ist wie benommen. „Fehlte ihm an der Wirbelsäule ein Stück Knochen? Und wie konnte das von dort verschwinden?” Es sei „zernagt worden”, sagt der Arzt, „von Mikroben weggenagt, antwortete das dunkelhäutige Männlein.”
Die Technik in diesem Roman ist viele Jahre alt. Vielleicht ist es das, was sie so beunruhigend macht: ihre Museumsreife, ergänzt durch ihre offensichtliche Präzision.
Ein ähnlicher Widerspruch prägt den Stil des Textes. Seine Maschine, das ist sein schwärmerischer, von Expressionismus und Romantik angetriebener Surrealismus, der exzentrisch wirkt - und die intensivere Wirklichkeit einer verfeinerten Wahrnehmung in die Sprache holt.
Die Präzision, die der Stilwahl zur Seite steht, entsteht dank Kenntnis aus nächster Nähe. Der 1909 im rumänischen Provinznest Botosani als Sohn eines Porzellanfabrikanten geborene M. Blecher, der sich auch Max L. oder Marcel nannte, erzählt in „Vernarbte Herzen” zuallererst auch von sich. Er war nicht als Chemie-, aber als Medizin-Student nach Paris gekommen, als ihn die Diagnose Knochentuberkulose traf. Nach dem Befund noch zehn Jahre am Leben, starb er 1938, 29 Jahre alt. Zu Lebzeiten wurden drei Bücher veröffentlicht, von Eugène Ionesco begeistert gelobt. Doch bald danach geriet Blecher für Jahrzehnte in Vergessenheit, passte als „dekadenter Jude” nicht in die vitalistischen Ideologien der rumänischen Faschismus- und Kommunismus-Varianten.
Im deutschen Sprachraum sorgt jetzt sein Übersetzer Ernest Wichner für den späten Ruhm. Er hat schon Blechers Erstling „Aus der unmittelbaren Unwirklichkeit” ins Deutsche übertragen, ein Jugenderinnerungs-Buch, dessen schöne, metapherndichte Sprache in „Vernarbte Herzen” weitergeführt, aber vom Krankheits-Thema auch auf makabre Weise geerdet wird. Etwa wenn das Prozedere der Vergipsung Emanuels beschrieben wird: „Der Doktor arbeitete mit der Geschwindigkeit des Maurers.” Am Ende ist der Patient unbeweglich, für den Rest seines Lebens.
Die Welt nur noch im Spiegel
Eine explosive Mischung aus Unwirklichkeit und Brutalität bestimmt die Welt der Kranken. Als er das Sanatorium in Berck, an der französischen Kanalküste, erreicht, sieht Emanuel sie auf hohen Liegewagen, die von Pflegern geschoben werden. Sie leben wie Normale, sie fahren aus, wie andere spazieren gehen. Sie kaufen sich, im Liegen, Zeitungen, lesen, während sie liegend durch die Stadt gezogen werden. Im kargen Speisesaal essen sie liegend, ein römisches Gelage, wären da nicht die apathischen Gesichter. Manchmal genügt eine winzige Beobachtung: Die Frau neben Emanuel kann ihren Kopf kaum mehr aufrichten, sie nimmt die Welt über einen über ihren Augen platzierten Spiegel wahr.
Blechers 1937 erschienener Roman wurde in Rumänien wegen der Oberflächenähnlichkeit mit Thomas Manns „Zauberberg” verglichen. Schon die Ausgangslage ist verschieden. Thomas Mann war kein Opfer, Lungen-Tbc war für ihn ein Vehikel der Zeitdiagnostik. Blecher will kaum je überindividuell wirken, er bleibt bei Emanuel und den anderen Kranken, gibt keine sinnstiftende Epochendeutung. Kafka und Robert Walser liegen da näher. Blechers Stärken sind die sinnliche Genauigkeit, die verzweifelte Verrücktheit, die er bei der Beschreibung der Berck’schen Welt entwickelt.
Und Knochen-Tbc geht schneller aufs Ganze. Schlimm sind die Erfahrungen in der Liebe. Hilflos zappelt die Mumie Emanuel über dem „perfekten” Körper von Solange, einer ehemaligen Patientin, die von Berck nicht losgekommen ist. Allmählich lernt Emanuel, sich in seinem Panzer ein wenig zu bewegen, Solange und er verleben einen wunderbaren Sommer, bis Emanuel von der Ausweglosigkeit seiner Situation eingeholt wird. Er beginnt, Solanges nach Lavendel duftende, glatte Haut zu hassen, flieht vor ihr in eine abgelegene Villa in den Dünen, die einer Amerikanerin gehört, deren Mann an Emanuels Krankheit gestorben ist.
Die Schlaflosigkeit des Lebens
Immer mehr Einzelporträts kommen zusammen. Quitonce, ein östlicher Bajazzo, der für die ersten pornografischen Fotografien posiert hat, faulen jetzt die Knochen weg. Solanges Rolle wird von Isa übernommen, die, wenn sie geheilt ist, Tänzerin werden will. Sie macht Emanuel auf Lautréamont aufmerksam, eine Zeile aus „Maldoror” packt ihn: „meine von der ewigen Schlaflosigkeit des Lebens schmerzenden Augen.” Wen die Krankheit Tod erfasst hat, der kann sich nicht beruhigen. Emanuel entdeckt die Welt der Wörter, Isa warnt ihn: „Ah, ich mag keine Bücher. Ein Buch ist nichts, kein Gegenstand (. . .). Es ist etwas Totes, das lebendige Dinge enthält. (. . .) Etwas wie ein in Fäulnis begriffener Kadaver, in dem Tausende und Abertausende Maden wuseln.” Doch ganz leise sagt sie auch: „Ich schäme mich, dass ich das Leben nur aus Büchern kennen lernen konnte.”
In anderen Romanen wären solche Sätze Koketterie. Blecher, dem es erging wie Isa, wusste, was „verpasstes Leben” ist. Und muss erkannt haben, dass sein „halbes Leben” das war, von dem er zu erzählen hatte. Eine x-beliebige „Geschichte” zu erfinden, dafür fehlte ihm die Zeit. „Weißt du”, fragt ihn Isa, „was man in der Medizin ein ‚vernarbtes Gewebe‘ nennt? Es ist diese dunkelviolette, runzlige Haut, die sich auf verheilten Wunden bildet. Fast eine normale Haut, bloß, dass sie unempfindlich ist gegen Kälte, gegen Wärme oder für Berührungen.”
Das klingt böse genug. Doch Isas Ende ist um einiges schlimmer. Die Pflegerin schildert die Wunde, die bleibt, als Isa das Bein abgetrennt werden muss, der „Kopf eines Kleinkindes” würde hineinpassen in ihr „zerfetztes und eiterndes Fleisch”. Und weil die verwirrte Pflegerin Isa lieb gewonnen hatte, wollte sie das Bein „in Alkohol aufbewahren”. Gott sei Dank, sagt sie danach, haben die anderen es vor ihren Augen ins Keller-Krematorium gebracht.
Es ist keine hübsche Geschichte. Sie ist entsetzlich geradlinig und manchmal verzweifelt lustig. Blecher gibt sie weiter, ohne je auf seine Empfindsamkeit zu verzichten. Seine ebenso poetische wie direkte Sprache verhilft diesem Buch zu einer Schönheit, die es mit der Wirklichkeit auf eigene Weise aufzunehmen versucht.HANS-PETER KUNISCH
M. BLECHER: Vernarbte Herzen. Aus dem Rumänischen und mit einem Nachwort von Ernest Wichner. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2006. 222 Seiten, 14,80 Euro.
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Perlentaucher-Notiz zur NZZ-Rezension

Rezensent Andreas Breitenstein ist ausgesprochen fasziniert von diesem Roman, weil Max L. Blecher darin dem Tod so "zärtlich-brutal" ins Auge blickt, wie kaum ein Autor zuvor. Im Protagonisten steckt Breitenstein zufolge viel von Blecher selbst, der jung an Knochentuberkulose erkrankt war und sein Leben fortan in Sanatorien verbrachte. Und zwar im Wesentlichen zur Bewegungslosigkeit verdammt. Vergleiche mit Thomas Manns "Zauberberg" hält der Rezensent trotz gewisser Verwandtschaften für nicht besonders produktiv, da Blecher die Krankheit stets eng ans Körperliche binde, Mann sie hingegen an scharf ans Metaphysische grenzen lasse. Gerade in der Bindung der Krankheit ans Körperliche jedoch besteht für den Rezensenten die große Qualität dieses Romans, dessen Autor er zur osteuropäischen Vorkriegsmoderne zählt. Im Übrigen fesselt Breitenstein die Dialektik von körperlichem Verfall und messerscharfer Wahrnehmungskraft, Blechers Verharren im Widerspruch, der sich für seinen Protagonisten aus der Tatsache ergibt "zu existieren und doch nicht mehr lebendig zu sein", ein Zustand, der sich Breitenstein zufolge in "Exzessen des Denkens und Sehens" niederschlägt. Ernst Wichner wird außerdem sehr für seine "souveräne" Übersetzung gelobt.

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