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Zurückgekehrt nach jahrelangem Unterwegssein in die Gegend südwestlich von Paris, drängt es den Helden drei Tage später bereits zu einem erneuten Aufbruch. Im Gegensatz zu vorangegangenen Welterkundungen verfolgt er diesmal ein unumstößliches Ziel: "'Das also ist das Gesicht eines Rächers!', sagte ich zu mir selber, als ich mich an dem bewußten Morgen, bevor ich mich auf den Weg machte, im Spiegel ansah." Rache warum? Für die Mutter, die in einem Zeitungsartikel denunziert worden war, dem Anschluss ihres Landes an Deutschland zugejubelt zu haben. Rache an wem? Eine Journalistin, der Urheberin…mehr

Produktbeschreibung
Zurückgekehrt nach jahrelangem Unterwegssein in die Gegend südwestlich von Paris, drängt es den Helden drei Tage später bereits zu einem erneuten Aufbruch. Im Gegensatz zu vorangegangenen Welterkundungen verfolgt er diesmal ein unumstößliches Ziel: "'Das also ist das Gesicht eines Rächers!', sagte ich zu mir selber, als ich mich an dem bewußten Morgen, bevor ich mich auf den Weg machte, im Spiegel ansah." Rache warum? Für die Mutter, die in einem Zeitungsartikel denunziert worden war, dem Anschluss ihres Landes an Deutschland zugejubelt zu haben. Rache an wem? Eine Journalistin, der Urheberin dieser wahrheitswidrigen Behauptungen, die in Tagesentfernung in den Hügeln um Paris wohnte.

Die Erfahrungen all jener Reisenden, die Peter Handke von zu Hause aufbrechen lässt, bestätigen sich jedoch auch hier: "Ich hatte keinerlei Plan ausgeheckt. Es hatte zu geschehen. Andererseits: Es gab ihn, den einen Plan. Aber dieser Plan ist nicht mein eigener."

Und so mündet der Rachefeldzug in ein Fest, eine bewusste Entscheidung des Erzählers Peter Handke: In die geschriebene Geschichte erhält nur Zutritt, was in der Realgeschichte Bestand hat. Und umgekehrt: Sich vollziehende Geschichte erlangt nur Wirklichkeit, wenn sie des Erzählens wert ist.
  • Produktdetails
  • Verlag: Suhrkamp
  • Seitenzahl: 157
  • Erscheinungstermin: 17. Februar 2020
  • Deutsch
  • Abmessung: 205mm x 121mm x 17mm
  • Gewicht: 220g
  • ISBN-13: 9783518429402
  • ISBN-10: 351842940X
  • Artikelnr.: 58268190
Autorenporträt
Handke, PeterPeter Handke wird am 6. Dezember 1942 in Griffen (Kärnten) geboren. Die Familie mütterlicherseits gehört zur slowenischen Minderheit in Österreich; der Vater, ein Deutscher, war in Folge des Zweiten Weltkriegs nach Kärnten gekommen. Zwischen 1954 und 1959 besucht Handke das Gymnasium in Tanzenberg (Kärnten) und das dazugehörige Internat. Nach dem Abitur im Jahr 1961 studiert er in Graz Jura. Im März 1966, Peter Handke hat sein Studium vor der letzten und abschließenden Prüfung abgebrochen, erscheint sein erster Roman Die Hornissen. Im selben Jahr 1966 erfolgt die Inszenierung seines inzwischen legendären Theaterstücks Publikumsbeschimpfung in Frankfurt am Main in der Regie von Claus Peymann. Seitdem hat er mehr als dreißig Erzählungen und Prosawerke verfaßt, erinnert sei an: Die Angst des Tormanns beim Elfmeter (1970), Wunschloses Unglück (1972), Der kurze Brief zum langen Abschied (1972), Die linkshändige Frau (1976), Das Gewicht der Welt (1977), Langsame Heimkehr(1979), Die Lehre der Sainte-Victoire (1980), Der Chinese des Schmerzes (1983), Die Wiederholung (1986), Versuch über die Müdigkeit (1989), Versuch über die Jukebox (1990), Versuch über den geglückten Tag (1991), Mein Jahr in der Niemandsbucht (1994), Der Bildverlust (2002), Die Morawische Nacht (2008), Der Große Fall (2011), Versuch über den Stillen Ort (2012), Versuch über den Pilznarren (2013). Auf die Publikumsbeschimpfung 1966 folgt 1968, ebenfalls in Frankfurt am Main uraufgeführt, Kaspar. Von hier spannt sich der Bogen weiter über Der Ritt über den Bodensee 1971), Die Unvernünftigen sterben aus (1974), Über die Dörfer (1981), Das Spiel vom Fragen oder Die Reise zum sonoren Land (1990), Die Stunde da wir nichts voneinander wußten (1992), über den Untertagblues (2004) und Bis daß der Tag euch scheidet (2009) über das dramatische Epos Immer noch Sturm (2011) bis zum Sommerdialog Die schönen Tage von Aranjuez (2012) zu Die Unschuldigen, ich und die Unbekannte am Rand der Landstraße (2016). Darüber hinaus hat Peter Handke viele Prosawerke und Stücke von Schriftsteller-Kollegen ins Deutsche übertragen: Aus dem Griechischen Stücke von Aischylos, Sophokles und Euripides, aus dem Französischen Emmanuel Bove (unter anderem Meine Freunde), René Char und Francis Ponge, aus dem Amerikanischen Walker Percy. Sein Werk wurde mit zahlreichen internationalen Preisen ausgezeichnet. Die Formenvielfalt, die Themenwechsel, die Verwendung unterschiedlichster Gattungen (auch als Lyriker, Essayist, Drehbuchautor und Regisseur ist Peter Handke aufgetreten) erklärte er selbst 2007 mit den Worten: »Ein Künstler ist nur dann ein exemplarischer Mensch, wenn man an seinen Werken erkennen kann, wie das Leben verläuft. Er muß durch drei, vier, zeitweise qualvolle Verwandlungen gehen.« 2019 wurde Peter Handke mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet.
Rezensionen

Süddeutsche Zeitung - Rezension
Süddeutsche Zeitung | Besprechung von 15.02.2020

Die Kastanienblüte
Nach dem Nobelpreis: Peter Handke erzählt in seinem neuen Buch „Das zweite Schwert“
vom Scheitern eines Rachefeldzugs – und einem Sieg der Literatur
VON LOTHAR MÜLLER
Am Ende dieses schmalen Buches sitzt der Erzähler in einer „Endstationsgaststätte“. Im Netz der Buslinien der Île-de-France um Paris war er den Tag über unterwegs. Feierabendstimmung hat sich über den großen Saal mit den alten Fußbodenbrettern gelegt, in den Feiernden glaubt er Mitreisende zu erkennen. Dann geschieht etwas Seltsames: „In meinem Weinglas eine Kastanienblüte mit der line of beauty and grace. (Ich schluckte sie).“
Es ist da nicht mehr weit bis zu den Worten, mit denen die Geschichte schließt, der Auskunft, wann sie geschrieben wurde: „April-Mai 2019. Île-de-France / Picardie.“ Wäre seitdem einfach nur die Zeit ins Land gegangen, könnte nun gleich die Frage gestellt werden, was es mit dieser in die Endstationsgaststätte hineingewehten Kastanienblüte auf sich hat, was mit der Schönheitslinie, die in sie eingezeichnet ist, und vor allem was mit dem in Klammern gesetzten Verschlucken.
Da es aber nicht so ist, da dem Frühjahr 2019 der Herbst folgte, in dem der Autor Peter Handke den Nobelpreis für Literatur erhielt und im Zentrum einer erregten Debatte über seine Schriften zu den Balkankriegen stand, muss hier zunächst von dem Effekt die Rede sein, der sich einstellt, wenn man die Geschichte aus der Perspektive des „Was danach geschah“ liest. Sie erscheint dann als Vorklang des Furors, mit dem Handke seine Interventionen als poetischen Protest gegen die Sprache des Journalismus verteidigt hat.
Denn es ist die Geschichte eines Rachefeldzuges, zu dem der Erzähler aufbricht, um eine Journalistin zu töten, die geschrieben hatte, „meine Mutter sei eine der Millionen aus der einstigen großen ,Donaumonarchie‘ gewesen, für welche die Einverleibung des kleingewordenen Lands ins ,Deutsche Reich‘ Anlass zu Freudenfesten gewesen war; meine Mutter habe gejubelt, will sagen, sei eine Anhängerin, eine Parteigenossin gewesen“. Schon im ersten Satz der Geschichte blickt dem Erzähler, als er sich im Spiegel betrachtet, das Gesicht eines Rächers entgegen, den Vorschlag, einen „Mietmörder“ anzuheuern, schlägt er wenig später aus.
Was liegt näher, als in diesem Erzähler, der seinen Wohnort bei Paris, seine Abneigung gegen die Zeitungssprache, seine Wanderlust und seine Lektüren mit seinem Autor teilt, den Nobelpreisträger Peter Handke wiederzuerkennen, der alle kritischen Nachfragen mit der schroffen Auskunft abwies, er sei nun einmal Dichter. Mehrfach taucht Homer, mehrfach taucht Tolstoi in dieser Maigeschichte auf. Lassen ihre Namen sich lesen, ohne die Erinnerung an jenen Satz Handkes aus dem Herbst aufzurufen, „ich komme von Tolstoi, ich komme von Homer, ich komme von Cervantes“? Vorerst wohl kaum, und doch geht am Kern dieser Geschichte vorbei, wer sie als Showdown im Duell Handkes mit dem Journalismus liest.
Dieser Kern wird nur im Blick auf das, „was davor geschah“, sichtbar, auf das bisherige literarische Werk Peter Handkes. Es wird in dieser Maigeschichte unablässig aufgerufen. Sie beginnt mit einer Heimkehr und einem neuerlichen Aufbruch, wie so viele vorangegangenen Geschichten. Wenn hier, in der Schrift, Tolstoi und Homer herbeizitiert werden, dann nicht als einschüchternde Zeugen der eigenen Klassizität, sondern im Zuge eines beiläufigen Einsammelns von Figuren und Motiven, die ins eigene Werk zurückführen.
Beim Aufbruch kommt dem Erzähler ein Satz aus dem „Anton Reiser“ von Karl Philipp Moritz in den Sinn, der in „Der kurze Brief zum langen Abschied“ als Motto diente, John Wayne hat seinen Auftritt, und Eric Burdon ist dabei, der Schmerzensmann unter den Rocksängern, auch er alt geworden, und stimmt „When I Was Young“ an, und der Mordlustige, den der Erzähler in sich entdeckt, hat im Autor der Journale und Aufzeichnungen, etwa in „Das Gewicht der Welt“, einen Vorläufer. Der Hass zwischen den Geschlechtern, das „Einfrauenheer“, an das der Erzähler sich erinnert, sind Wiedergänger.
Sie entstammen der Welt, die lange durch die Legende verdeckt war, Handke, der große Landschafter unter den deutschsprachigen Autoren der Gegenwart, habe sich dem „sanften Gesetz“ Adalbert Stifters unterstellt, und dieses Gesetz weise Katastrophen und Gewaltausbrüche ab. Nein, so war es schon bei Stifter nicht, und der Erzähler Handke lebt von der Witterung für die Katastrophen, die in der scheinbar sanften äußeren und inneren Natur nur scheinbar schlummern, bis sie ausbrechen. In die Reihe dieser Ausbrüche gehört diese Maigeschichte.
Ein Aufbruch ins eigene Werk war schon „Die Obstdiebin“ (2017), in der die durchwanderten Landschaften alte, von Wolfram von Eschenbach vorgezeichnete Abenteuerrouten in sich aufnahmen. Das Projekt eines Erzählens jenseits der Konventionen des modernen Romans, im Bündnis mit Grundmustern vormoderner Epen und Epopöen, nimmt nun wieder die Form einer Reise im Nahbereich an. Mit den literarischen Formen aber hat es seine besondere Bewandtnis. Sie sind nicht einfach Behälter, in die eine Geschichte gegossen wird. Sie geben ihr die Richtung vor, erleichtern oder erschweren ihren Fortgang. Der Erzähler, der im Zeichen von Mord und Totschlag aufbricht, hat einen Widerpart in den alten Geschichten, die sein Autor aufruft. „Das zweite Schwert“ heißt ihr Obertitel, in Anspielung auf die Zeilen aus dem Lukas-Evangelium, die ihr als Motto vorangestellt sind, als „Maigeschichte“ firmiert sie im Untertitel. Bei Lukas übererfüllen die Jünger den Rat Jesu, der sie anweist, ein Schwert zu kaufen, und präsentieren ihm zwei Schwerter. Wenig später wird Jesus einschreiten, als ein Jünger zum Schwert greift und dem Malchus ein Ohr abschlägt.
Es ist unausweichlich, dass sich in einer Rachegeschichte die Erinnerung an das Alte Testament über die Szene aus dem Neuen legt. Und so hört der Erzähler, erpicht darauf, für seinen Rachefeldzug einen Auftrag zu erhalten, aus dem „zarten Geraspel“ eines Rotkehlchens die leise säuselnde Stimme heraus, mit der Gott dem Propheten Elia in der Wüste aufträgt, sein Volk zu rächen. Ob der Erzähler hier bibelfest ist, sei dahingestellt. Seine Geschichte aber nimmt eine eindeutige Wendung. Sie führt vom scheinbar gewaltgetränkten Titel „Das zweite Schwert“ auf den Untertitel zu, auf die Glücksversprechen des Wonnemonats Mai. In jedem Erzählen steckt die Chance der Entfernung von der Gewalt des Dreinschlagens, so enthält das Wort „Maigeschichte“ ein Versprechen, den Ausblick auf das Ende der Gewalt. An einem der Mauersteine, an der Ufermauer einer Lichtung am landgewordenen Rest eines Weihers entdeckt der Erzähler eine Inschrift, die den 8. Mai 1945 feiert, das Läuten der Glocken der Sieges, das Ende des Dritten Reichs.
Im Kalender der Zeitgeschichte ist der Mai Friedensmonat. Die Inschrift, die darauf verweist, findet sich in der Nähe des wichtigsten Schauplatzes dieser Erzählung, Port-Royal de Champs in der Nähe von Versailles, mit den Überresten des Klosters, in dem Blaise Pascal und Jean Racine ihre Schulkinderzeit verbrachten. Es ist nicht zum ersten Mal, dass ein Text Handkes hier Station macht. Aber noch nie war das Pascalsche „Nous sommes embarqués!“ so sehr der Wendepunkt des Erzählens, als Mahnung an das Eingeschifftsein ins Leben bei offenem, ungewissem Ziel.
Von Port Royal aus nimmt die Maigeschichte Kurs auf das Scheitern des Rachefeldzugs. Der Held, tatendurstig und komisch zugleich wie Don Quijote, erfährt, dass das Erzählen das letzte Wort hat, nicht die Tat. Und damit kommen wir zur verschluckten Kastanienblüte zurück. Die „line of beauty and grace“ verbindet sie mit Handkes „Versuch über den geglückten Tag“. Er hatte sie sich dort von William Hogarth, dem Maler des 18. Jahrhunderts, geborgt. Und hinzugefügt, dass die früher sanftgeschwungene Kurve heute „immer wieder abbricht, ins Stottern, Stammeln, Verstummen und ins Schweigen kommt, neu ansetzt, Seitenstrecken nimmt“.
So schreitet die Prosa dieser Geschichte voran. Bis die Geschichte zu Ende ist, ohne dass sie sich der „Übeltäterin“, dem Ziel der Rache, genähert hätte: „Es war darin kein Platz für sie. Und das war meine Rache. Und das genügte als Rache.“ Das zweite Schwert ist nicht aus Stahl, sondern das Erzählen selbst. Eine fromme Legende? Mag sein. Aber ein Sieg der Literatur.
Peter Handke: Das zweite Schwert. Eine Maigeschichte. Suhrkamp Verlag, Berlin 2020. 160 Seiten, 20 Euro.
Dieser Erzähler
lebt von der Witterung für
Katastrophen
Die Linie von Schönheit
und Anmut bricht heutzutage
immer wieder ab
Wendepunkt in Peter Handkes Erzählung: Port-Royal de Champs, hier das Museum zur Geschichte des Klosters.
Foto: DOUGLAS picture alliance/akg
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Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 18.02.2020

Von einem, der auszog, um Rache zu nehmen
Wenn die Widerworte leiser werden: Peter Handkes metafiktionale Maigeschichte "Das zweite Schwert"

Ein Mann betrachtet sich im Spiegel. "Das Gesicht eines Rächers", findet er, was zu seinem Vorhaben passt, das auszuführen er gerade sein Haus verlässt. Zugleich beobachtet er, wie diese Einschätzung "vollkommen lautlos aus mir" kam, in einem jener tagelangen, stummen Selbstgespräche, in denen der Mann seit Jahren geübt ist. Dieses aber ist anders. Denn mit dem Gespräch erscheint "ein menschliches Wesen, welches dabei war, nach vielen Jahren des Zögerns, des Aufschiebens, in den Zwischenzeiten auch des Vergessens, aus dem Haus zu gehen und die längst fällige Rache zu exekutieren" - es "erscheint" also ein Wesen, das dem Erzähler zu eigen ist, aber nicht völlig kongruent, so dominant in diesem Moment wie es zuvor verborgen gewesen ist. Und dieses Spannungsverhältnis prägt Peter Handkes schmalen Roman "Das zweite Schwert", der dieser Tage erscheint, vom ersten Absatz an.

Der Anlass für den plötzlich so übermächtigen Rachewunsch liefert ein lang zurückliegender Zeitungsartikel, der für den Erzähler gleichwohl immer präsent geblieben ist. In dem Text, der sich mit dem Erzähler beschäftigt, hatte die Journalistin auch kurz seine Mutter erwähnt, die mit den Nationalsozialisten sympathisiert habe. Belegt worden sei das, so der Erzähler, mit einem gefälschten Foto der beim Einmarsch der Faschisten jubelnden Mutter. Jedenfalls nehme er die "öffentliche" und "ohne Anrempelworte daherkommende Schriftsprache, verkürzt gesagt, der Zeitungen" als "Gewaltakte" wahr, die "wehrlosen Opfern nie wiedergutzumachendes Unrecht zufügte".

Das klingt durchaus nach Peter Handke, der auch sonst mit dem Erzähler des Romans einiges Biographische teilt, darunter den Wohnort in der Nähe von Paris. Von dort bricht nun der Erzähler auf, um Rache zu nehmen, denn jene Journalistin wohnt ebenfalls in der Region Île de France. Der Weg führt ihn zu Fuß zur Tram, die hier zur Untergrundbahn wird, mit Bus und Taxi zum ehemaligen Kloster Port Royal des Champs und schließlich nach einer wahren Irrfahrt mit einem Ersatzbus zu einer Bahnhofsgaststätte, in der er den Abend ausklingen lässt.

Was es mit der schönen Gattungsbezeichnung der "Maigeschichte" auf sich hat, erschließt sich rasch von der Oberfläche her und von der, davon nicht zu trennenden, heilsgeschichtlichen Grundierung. Handkes Erzähler entwirft eine mitunter beinahe anmutige Frühlingslandschaft, ohne die Spuren des Menschen zu vertuschen, im Gegenteil, er vergleicht die erinnerte, weniger berührte Gestalt eines Seitentals mit dem Ergebnis des Trambahnbaus an dieser Stelle und macht seinen Frieden. Er hat ein waches Ohr und Auge für die Vögel bis hin zur Deutung ihrer Rufe oder registriert ein Schmetterlingspaar, das einander schwebend umkreist. Tatsächlich ist der Roman wie durchwebt mit Bildern von Paaren und kontrastierend von überraschenden Einzelgängern - ein ganzer Absatz ist Sportlern gewidmet, vom Basketballer bis zum Boulespieler, die ihr Werk allein ausüben.

Kein Zufall, natürlich nicht, und dieser Riss bildet sich auch in der Sprache des Erzählers ab. Immer wieder tastet er sich vor und nimmt das eben Gesagte zurück, oder aber eine zweite Stimme fällt ein, sagt "Unsinn" oder beginnt eine Widerlegung mit "Andererseits", mahnt dann wiederum "Nur nicht spitzfindig werden!", gefolgt von "Das ist keine Spitzfindigkeit!", so dass man mitunter seitenweise einem Dialog zu lauschen meint.

Tatsächlich ist es dieses im Grunde simple, hier jedoch ganz vorzüglich eingesetzte Stilmittel, das dem Text eine untergründige Spannung verleiht und diesen anfangs so bestimmt auftretenden Protagonisten als durchaus zweifelnd entlarvt, mehr noch, geradezu entlarven soll. Was anfangs daherkommt wie zwei innere Instanzen, die einander relativieren, kann man allerdings genau so gut als Abbild des Verhältnisses ansehen, das der Erzähler zu seiner Umgebung pflegt, die ihn, so scheint er es zu sehen, maßregelt und korrigiert: Als er in einer beschreibenden Passage das Wort "dabei" verwendet und sich selbst zurechtweist mit den Worten "Wieder sagst du ,dabei'", und der unterbrochene Sprecher nimmt ungerührt den Faden wieder auf, das Wort "dabei" ruhig und selbstbewusst ein weiteres Mal wiederholend. Ich rede hier, so kann man sich das deuten, unterbrich und kritisiere mich ruhig, es wird an meiner Rede nichts ändern und auch nichts daran, wie ich die Welt erlebe.

Das ist ein zentraler Moment für das, was in der "Maigeschichte" geschildert wird, deren Titel sich einer Stelle im Lukasevangelium verdankt. Nach dem letzten Abendmahl und vor dem Gang nach Gethsemane bereitet Jesus die Jünger auf das vor, was kommen wird, und fordert sie auf, sich dafür Schwerter zu verschaffen. Als dann im Garten die Häscher kommen, fragen die Jünger, die zwei Schwerter mit sich führen, ob sie diese nun benutzen sollen, und führen sie dann auch gegen einen der Knechte, der ein Ohr einbüßt. Jesus heilt die Wunde und hinterlässt den Jüngern das Rätsel, wofür denn die Schwerter eingesetzt werden sollten, wenn nicht um ihn zu schützen.

Handkes Geschichte ist in zwei Abschnitte geteilt, die "Späte Rache" und "Das zweite Schwert" heißen, und neben die Gewaltphantasie tritt bald etwas anderes, das diese Geschichte auch von vielen eher solipsistischen Werken des Autors abhebt. Es ist die Neugier des Erzählers auf die anderen, die ihm begegnen, etwa an der Endhaltestelle der Tram, als es ums Umsteigen in einen der Busse geht, und die Frage auftaucht, wohin es die jeweils Beobachteten ziehe - "es waren viele, denen auf den Fersen zu bleiben es mich drängte, und von diesen vielen nahm ein jeder den Weg in eine andere Plateaurichtung."

Dieses Interesse, so scheint es, wächst im Laufe des Textes, und geht einher mit dem Verstummen der anderen, zweifelnden, relativierenden Stimme - wozu sollte die sich auch melden, während er so ersichtlich eins mit sich geworden ist? In der Bahnhofsgaststätte, in der er sich niederlässt, trifft er auf "nicht wenige derer, die mir tagsüber begegnet waren", und dass sie das "in anderer Gestalt, und trotzdem dieselben" tun, ist das Werk seiner Perspektive. Es ist ein geglückter Tag, der an sein Ende kommt, der vielleicht sogar einzig im Licht dieses Endes geglückt genannt werden kann, und das verdankt sich dem Willen des Erzählers, wie er in diesem Moment auf die Welt schaut: "Mir kam der Gedanke, ja die Erkenntnis, daß ich es all die Zeit mit keinem einzigen bösen oder schlechten Menschen zu tun gehabt hatte, und das nicht bloß an diesem einen Tag, sondern schon seit Monaten, seit Jahren! War ich überhaupt je mit einem Bösewicht, mit jemand Grundschlechten in Person zusammengeraten? Nicht in Person, nie in Fleisch und Blut."

Das letzte, die Unterscheidung zwischen gedachten und tatsächlichen Kontrahenten, gibt dann auch die Richtung vor, wie künftig die Notwendigkeit einer Rache vermieden werden kann. Als ein Friedensangebot kann man das verstehen, aber als eines an die Welt an sich: unter Umgehung derjenigen ihrer Bewohner, die nicht unter der milden Abendsonne verklärt werden, sondern mit ihren Fragen und Einwänden auch weiterhin gehört werden wollen.

TILMAN SPRECKELSEN

Peter Handke: "Das zweite Schwert". Eine Maigeschichte. Suhrkamp Verlag, Berlin 2020. 158 S., br., 20,- [Euro].

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"Handkes Maigeschichte, ein literarisch virtuoser, staunenswert irritierender Selbsterkundungs-Text ..."
Ulrich Kühn, NDR Kultur 14.02.2020