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    Buch mit Leinen-Einband

1989 veröffentlichte Peter Handke den Versuch über die Müdigkeit, ein Jahr danach folgte der Versuch über die Jukebox. Den vorläufigen Abschluß dieser erzählerischen Umkreisungen des Alltags bildete der Versuch über den geglückten Tag. Zwanzig Jahre später legt er einen neuen Versuch vor: Versuch über den Stillen Ort. "Lang lang ist es her, daß ich einen Roman des englischen Schriftstellers A.J. - ,Archibald Joseph', wenn ich mich nicht irre - Cronin gelesen habe, in einer deutschen Übersetzung, mit dem Titel ,Die Sterne blicken herab'. Es war ein ziemlich dickes Buch, aber es liegt nicht an…mehr

Produktbeschreibung
1989 veröffentlichte Peter Handke den Versuch über die Müdigkeit, ein Jahr danach folgte der Versuch über die Jukebox. Den vorläufigen Abschluß dieser erzählerischen Umkreisungen des Alltags bildete der Versuch über den geglückten Tag. Zwanzig Jahre später legt er einen neuen Versuch vor: Versuch über den Stillen Ort. "Lang lang ist es her, daß ich einen Roman des englischen Schriftstellers A.J. - ,Archibald Joseph', wenn ich mich nicht irre - Cronin gelesen habe, in einer deutschen Übersetzung, mit dem Titel ,Die Sterne blicken herab'. Es war ein ziemlich dickes Buch, aber es liegt nicht an dem Autor und seiner Geschichte, die mich damals mitgenommen und begeistert hat, daß ich mich an kaum welche Einzelheiten erinnern kann. Was mir von dem Roman geblieben ist, neben den Sternen, die fortwährend herabblicken: Eine englische Bergwerksgegend und die Chronik einer darbenden Bergleutefamilie, abwechselnd mit jener von betuchten Besitzern (wiederum: ,wenn ich mich nicht irre'). Viel später, angesichts des Films ,Wie grün war mein Tal', von John Ford, gaukelten, im guten Sinn, die Bilder der Gesichter und Landschaften mir vor, daß es sich da, obwohl ich's doch besser wußte, nicht etwa um eine Verfilmung von Richard Llewellyns ,How Green My Valley was', vielmehr von Cronins ,The Stars Are Looking Down' handelte. Dabei habe ich doch von dem Epos der herabblickenden Sterne eine einzige Einzelheit behalten. Aber diese geht mir bis zum heutigen Tag nach, und sie ist es auch, welche den Ausgangspunkt für mein nun fast schon lebenslanges Umkreisen und Einkreisen des Stillen Orts und der stillen Orte bildet, und mit der jetzt hier dementsprechend der Anfang des Versuchs darüber gemacht werden soll."
  • Produktdetails
  • Verlag: Suhrkamp
  • Nachdruck
  • Seitenzahl: 108
  • Erscheinungstermin: 13. Oktober 2012
  • Deutsch
  • Abmessung: 205mm x 126mm x 17mm
  • Gewicht: 222g
  • ISBN-13: 9783518423172
  • ISBN-10: 3518423177
  • Artikelnr.: 35726730
Autorenporträt
Handke, PeterPeter Handke wird am 6. Dezember 1942 in Griffen (Kärnten) geboren. Die Familie mütterlicherseits gehört zur slowenischen Minderheit in Österreich; der Vater, ein Deutscher, war in Folge des Zweiten Weltkriegs nach Kärnten gekommen. Zwischen 1954 und 1959 besucht Handke das Gymnasium in Tanzenberg (Kärnten) und das dazugehörige Internat. Nach dem Abitur im Jahr 1961 studiert er in Graz Jura. Im März 1966, Peter Handke hat sein Studium vor der letzten und abschließenden Prüfung abgebrochen, erscheint sein erster Roman Die Hornissen. Im selben Jahr 1966 erfolgt die Inszenierung seines inzwischen legendären Theaterstücks Publikumsbeschimpfung in Frankfurt am Main in der Regie von Claus Peymann. Seitdem hat er mehr als dreißig Erzählungen und Prosawerke verfaßt, erinnert sei an: Die Angst des Tormanns beim Elfmeter (1970), Wunschloses Unglück (1972), Der kurze Brief zum langen Abschied (1972), Die linkshändige Frau (1976), Das Gewicht der Welt (1977), Langsame Heimkehr(1979), Die Lehre der Sainte-Victoire (1980), Der Chinese des Schmerzes (1983), Die Wiederholung (1986), Versuch über die Müdigkeit (1989), Versuch über die Jukebox (1990), Versuch über den geglückten Tag (1991), Mein Jahr in der Niemandsbucht (1994), Der Bildverlust (2002), Die Morawische Nacht (2008), Der Große Fall (2011), Versuch über den Stillen Ort (2012), Versuch über den Pilznarren (2013). Auf die Publikumsbeschimpfung 1966 folgt 1968, ebenfalls in Frankfurt am Main uraufgeführt, Kaspar. Von hier spannt sich der Bogen weiter über Der Ritt über den Bodensee 1971), Die Unvernünftigen sterben aus (1974), Über die Dörfer (1981), Das Spiel vom Fragen oder Die Reise zum sonoren Land (1990), Die Stunde da wir nichts voneinander wußten (1992), über den Untertagblues (2004) und Bis daß der Tag euch scheidet (2009) über das dramatische Epos Immer noch Sturm (2011) bis zum Sommerdialog Die schönen Tage von Aranjuez (2012) zu Die Unschuldigen, ich und die Unbekannte am Rand der Landstraße (2016). Darüber hinaus hat Peter Handke viele Prosawerke und Stücke von Schriftsteller-Kollegen ins Deutsche übertragen: Aus dem Griechischen Stücke von Aischylos, Sophokles und Euripides, aus dem Französischen Emmanuel Bove (unter anderem Meine Freunde), René Char und Francis Ponge, aus dem Amerikanischen Walker Percy. Sein Werk wurde mit zahlreichen internationalen Preisen ausgezeichnet. Die Formenvielfalt, die Themenwechsel, die Verwendung unterschiedlichster Gattungen (auch als Lyriker, Essayist, Drehbuchautor und Regisseur ist Peter Handke aufgetreten) erklärte er selbst 2007 mit den Worten: »Ein Künstler ist nur dann ein exemplarischer Mensch, wenn man an seinen Werken erkennen kann, wie das Leben verläuft. Er muß durch drei, vier, zeitweise qualvolle Verwandlungen gehen.« 2019 wurde Peter Handke mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet.
Rezensionen

Perlentaucher-Notiz zur ZEIT-Rezension

So abwegig und amüsant sich der "Versuch über den Stillen Ort" auch anhört: Peter Handkes neues Buch fügt sich harmonisch ins Œvre des Autors und ist durchaus nicht ironisch gemeint, beteuert Adam Soboczynski. Schon in seinen früheren "Versuchen" über die Müdigkeit, die Jukebox und den geglückten Tag sei es dem Autor schließlich darum gegangen, das "Alltagsbanale ins Zentrum" zu rücken und dadurch von seiner scheinbaren Banalität zu befreien. Und was gibt es schon Banaleres als die Toilette? Wobei sie hier kaum ihrer ursprünglichen Bestimmung dient, sondern vor allem als Ausweich- und Rückzugsraum fungiert. Richtig so, meint der Rezensent, denn das eigentliche Geschäft verrichtet Handke mit diesem Band metaphorisch selbst - was ist Literatur schließlich anderes als "das Lesen, das Verdauen von Gelesenem und das, pardon, Ausscheiden von eigentümlich Neuem?"

© Perlentaucher Medien GmbH

Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 02.12.2012

Eine Frage des Lichts

Siebzig Jahre Peter Handke: Über durchsichtige Buchstaben, den Briefwechsel mit seinem Verleger und Reisen an die stillsten Orte der Welt

Die Kunst des Beginnens und immer wieder Neu-Beginnens ist vielleicht seine größte Kunst. Auch jetzt wieder, beim Lesen von Peter Handkes bisher letztem Buch, dem "Versuch über den Stillen Ort", hat man das Gefühl, dass es wieder so leicht und neu anfängt, wie ein allererstes Werk. Obwohl er mit so tiefem Greisenatem anhebt, dass man beim einleitenden "Lang lang ist es her" schon an den Beginn von Thomas Manns "Joseph"-Romanen denken kann, kommt doch schon in der dritten Zeile ein schlenkernd selbstbezweifelndes "wenn ich mich nicht irre" dazwischen, und das neue Erzählen beginnt.

Am kommenden Donnerstag wird Peter Handke siebzig Jahre alt. Die meisten seiner Bücher lesen sich sehr jung und gegenwärtig und leichtgewichtig. Vor allem im Gegensatz zu den Büchern der mehr als zehn Jahre älteren ewigen Platzherren der deutschen Literatur Walser und Grass fällt es auf. Deren Bücher tragen ja immer die Zentnerlasten eines Lebenswerkes auf den Buchstaben. Und ihr Generationsgenosse Enzensberger inszeniert seine immer neue sprunghafte Fliegender-Roberthaftigkeit manchmal etwas überselbstbewusst. Handke inszeniert auch, klar. Handke ist ein Inszenierungskünstler von den Anfängen in Princeton an. Aber seine Bücher lesen sich uninszeniert, ehrlich und direkt. Natürlich ist man als Leser froh, dass die "Jugoslawien-Phase" vorüber ist, weitgehend vorüber, in der er seine radikale Subjektivität kämpferisch gegen eine ganze Welt in Stellung brachte. In diesem aussichtslosen Kampf musste alle Leichtigkeit verlorengehen. Dass er sie wiedergewonnen hat, ist ein Triumph. Und wenn er jetzt im "Versuch über den Stillen Ort" beklagt, dass in einem Reiseführer zu den schönsten Toiletten der Welt ausgerechnet die herrlich-stillen serbischen Toiletten unterschlagen wurden, hört man das Lachen des Autors beim Lesen mit.

Das Buch ist ein Rückzugsbuch, wieder mal. Die meisten Handke-Bücher sind das ja. Blick nach innen, Sehnsucht nach Stille, Weite, echten Wörtern. Man kann das alles jetzt im Briefwechsel mit seinem Verleger Siegfried Unseld nachlesen, der in diesen Tagen erscheint. Seine ganze Poetologie ist darin enthalten, die Geschichte einer Entfaltung. An der Oberfläche wird das Spiel gespielt wie in allen Briefwechseln, die man von Unseld mit seinen Autoren kennt: Der eine (der Dichter Koeppen/Frisch/Bernhard/etc.) fühlt sich verkannt, ungeliebt, missachtet, unter einem Dach mit lauter Trotteln, Nichtskönnern, Aufmerksamkeitssaugern - und der andere (Unseld) leidet, macht alles falsch, lobt falsch, liest falsch, lobt zu spät, zu früh, im falschen Ton, lässt sich beschimpfen, ausnehmen, prügeln, bis es ihm irgendwann einmal reicht. Und zwar, so mein Eindruck - reichte es Unseld bei jedem seiner Autoren, die allesamt ihm gegenüber das Sozialverhalten von ungefähr Fünfjährigen an den Tag legten - genau einmal. Einmal im Leben schimpft er zurück. (Legendär nach der missratenen Geburtstagsfeier zu Frischs 60. in New York: "Ein für alle Mal: ein Verleger ist kein Hund!") Danach ist das Verhältnis zwischen Autor und Verleger meist klarer.

Im Falle Handke dauerte es lange, bis sich eine Art kämpferisches Gleichgewicht einstellte. Der 22-jährige Debütant, der da im Sommer 1965 mit seinem ersten Manuskript, den "Hornissen", vor dem Verleger stand, war doch ein gar zu bleiches, dünnes Bürschchen, als dass der Großkörper Unseld ihn wirklich hätte bemerken können. Handke hat sich später erinnert: "Siegfried Unseld nicht nur im Dastehen mitten im Raum gar übermächtig." Und auch später, wenn ihn der Verleger zu Hause besuchen wird, klagt Handke, dass er keine Sitzgelegenheit habe, die diesem Mann genügend Platz biete. Unseld seinerseits ist von Anfang an bemüht, nicht zu viel Selbstbewusstsein bei dem bleichen Neuling mit der großen Brille aufkommen zu lassen: "Werden Sie bloß nicht übermütig", war seine Botschaft an den Debütanten, der sich über eine freundliche Besprechung seines Erstlingswerkes in der F.A.Z. etwas zu überschwänglich zu freuen drohte. "Werden Sie bloß nicht übermütig" - der Verleger ahnte vielleicht, was da auf ihn zukommen könnte, so mit den Jahren.

Übermut wird in allen Spielarten an der Verlegerperson ausprobiert. Kein Vorwurf ist zu absurd, um nicht vorgebracht zu werden. Die Startauflage seiner Bücher ist entweder zu hoch oder zu niedrig, Anzeigen werden zu viele oder zu wenige geschaltet, am Anfang beklagt sich Handke, seine Bücher seien zu teuer, am Ende sind sie zu billig, die Umschläge des legendären Buchgestalters Willy Fleckhaus sind immer falsch. (Unseld versucht es da einmal mit einer ebenfalls übermütigen Replik: "Ja, der Fleckhaus-Umschlag ist vielleicht zu perfekt.") Aber Übermut ist hier nur einem gestattet.

Also Peter Handke probiert an Demütigungsideen so ziemlich alles aus, was das Autor-Verleger-Verhältnis bietet. Aber er ist da keineswegs bösartiger und quälfreudiger als zum Beispiel Thomas Bernhard. Dessen erstes Buch Handke noch atemlos und begeistert gelesen hatte, den er aber schon bald als geistlosen, literaturfeindlichen und uninteressanten (dabei vor allem zu sehr von Unseld geliebten) Zeitgenossen abtat und das auch gerne öffentlich erklärte, wohl wissend, in welch neue Nöte das den gemeinsamen Verleger wieder bringen würde. Das ist ja das Lieblingsspiel aller Suhrkamp-Autoren: vom Verleger ein für alle Mal zu erfahren, wer ihm der wichtigste ist. Peter Handke musste etwa dreißig Jahre warten, bis ihm Unseld das erlösende: "Sie sind der wichtigste Autor des Verlages" schreibt. (Ein Superlativ, der nicht gerade dazu angetan war, den Übermut des Autors einzudämmen.)

Einmal, im Frühjahr 1974, sitzen sie zusammen mit Jeanne Moreau und Gérard Depardieu in einem Restaurant in Paris. Die beiden hatten mit großem Erfolg in der Inszenierung von Handkes "Linkshändiger Frau" gespielt. Unseld staunt über den bezaubernden, locker Französisch parlierenden, über alle Maßen charmanten Peter Handke. Dann macht er den Fehler, ein Gastspiel des Stückes in Wiesbaden vorzuschlagen, beziehungsweise er teilt mit, dass es dafür schon Pläne gäbe. Jeanne Moreau gerät außer sich, was er sich einbilde, sie habe keine Zeit, wurde nicht gefragt und so weiter. Unselds Französisch ist schlecht, er lässt sich beschimpfen, versteht nur die Hälfte. Handke, so notiert er in seinem Journal, schweigt. Unseld versucht zu beruhigen, schlägt eine Fernsehaufzeichnung des Stückes vor, was nun erst recht zu einer Moreau-Explosion führt. Warum er sich nicht schon längst darum gekümmert habe, jetzt sei es dafür zu spät und eine Schande und so weiter. Handke: schwieg weiter. Unseld ist schuld, wie immer. Am Ende sind die Schauspieler weg, Verleger und Autor sitzen da. Unseld schreibt: "Wir saßen noch lang nach Mitternacht da und dachten über den Zorn der Jeanne Moreau nach."

So haben sie oft beisammen gesessen. Oft geschwiegen. Unseld beschwert sich manchmal in seinem Journal, dass Handke nichts frage, dass es so viele Gesprächspausen gäbe. Handke erinnert sich später, dass er oft und gerne mit Unseld geschwiegen habe. Schon früh, als Unseld ihm die Nachricht vom Selbstmord seiner Mutter überbringen musste. Handke lebte im Taunus, ohne Telefon. "Belebend: Zum erstenmal durch diesen besonderen Menschen sich angeschaut zu spüren, skeptisch, dabei mit großen Augen, ohne Sprechen. Was vorher ein Hindernis war, war ja immer diese Verlegersprache, die Sprechsprache."

Das ist jetzt keineswegs so böse gemeint, wie es vielleicht klingt. Es war für beide ein langer Lernprozess, vor allem für Unseld. Diese sonderbare Handkesche Wörtermagie, Sprechmagie und Schreibmagie, der musste er sich langsam und behutsam annähern. Wie oft beschwert sich Handke, dass er seine Bücher nicht "wirklich" gelesen habe, dass er nicht "wirklich" gelobt habe, dass er bei einem Gespräch nicht "wirklich" anwesend gewesen sei. Handke hat Unseld einmal "das verkörperte Prinzip Wirklichkeit" genannt. Tatsächlich war aber immer er, Handke, der Wirklichkeitsüberprüfer. Er spürt sofort, wenn Unseld nicht ehrlich ist. Wenn er nur scheinbar lobt. Peter Handke hat ein untrügliches Gespür für Ehrlichkeit, hat man das Gefühl beim Lesen dieser Briefe. Denn Unseld war natürlich ein großer Verstellungsmeister. Er wusste, es kam darauf an, die Bücher seiner liebebedürftigen Autoren allesamt so emphatisch wie möglich zu loben. Handke hörte jeden falschen Zwischenton heraus. Und die waren manchmal gut versteckt. Nicht so schlecht wie in diesem Fall: "Das Buch wird seine Leser finden", hatte Unseld zu einem Werk geschrieben. Das hätte er besser nicht getan. Für diesen fatalen, lieblosen Satz will Handke augenblicklich den Verlag verlassen. Wie viel Mühe, wie viel ehrliche Verehrungsworte kostet es Unseld, den so Beleidigten zu besänftigen!

Handke hat unglaublich empfindliche Wahrnehmungsorgane. Das liest sich in diesen Briefen, wenn es fast ausschließlich um ihn und seine Empfindlichkeiten geht, meist lustig übertrieben. Es führt aber doch zum Kern von Handkes Wahrnehmungs- und also Schreibkunst. Sein Gehör, seine Sehkraft, Empfindlichkeit für falsche Töne, falsche Farben, Unehrlichkeit. Eine Genauigkeit, die er oft ins Schreiben zu übertragen vermag. Im März 1969, er schreibt gerade an der Erzählung "Die Angst des Tormanns beim Elfmeter", schreibt er an Unseld: "Nach den Erfahrungen, die ich bis jetzt mit Sätzen gemacht habe, glaube ich, so durchsichtig schreiben zu können, daß ich auch wieder eine richtige Geschichte schreiben kann." ,Durchsichtig schreiben' - das kann man zum Beispiel einfach Quatsch nennen oder eine schöne Beschreibung für die Leichtigkeit und Durchlässigkeit, die Handkes Sprache in den besten Momenten auszeichnet. Man kann durch die Wörter hindurchsehen, wie durch eine Brille. Eine Sehhilfe für eine andere Sicht auf die Welt.

Vielleicht werden auch deshalb die Bücher Peter Handkes nicht langweilig, obwohl doch der immerselbe Mensch von der immerselben Welt erzählt. Die Verwandlungen, die der Erzähler erfährt, erfährt der Leser gleich mit ihm. Ohne dass es ein flaches autobiographisches Erzählen wäre. Es ist, um es mal maximal groß zusammenzufassen: Selbsterkenntnis als Welterkenntnis. Oder wie er im September 1977 an Unseld schrieb: "Nun hoffe ich wieder Ruhe zu finden zum Selbsterkennen, woraus dann die Formen fürs Schreiben kommen."

Einmal war Peter Handke dem Tode nahe. Im April 1976 erlitt er eine Herzattacke, lag mehrere Tage im Krankenhaus. Als er entlassen wurde, schrieb er in ein Notizbuch: "An diesem schönstmöglichen Tag der Welt gehe ich, aus dem Krankenhaus entlassen, umher mit dem Gefühl, ich hätte nichts versäumt, wenn ich jetzt tot wäre." Und weiter: "Ich muss, hier draußen, in der Stadt, herausfinden, wer ich bin, wer ich geworden bin." Seinem Verleger erzählt er, dass ihn die Lektüre von Goethes "Wahlverwandtschaften" geheilt habe. "Weißt Du, dass Bücher Medizin sein können?", fragt er Unseld unschuldig. Der kommentiert in seinem Journal: "Eine merkwürdige Frage von Peter Handke."

Schreiben ist eine existentielle Erfahrung und Lesen auch. Das bedeutet auf der anderen Seite auch, dass er - als das Original seines Manuskripts der "Wiederholung" auf dem Postweg verlorenging, dem Verleger ganz unaufgeregt und kühl und ernsthaft schreibt, dass er sich, wenn es keine Kopie des Manuskriptes gegeben hätte, im Falle des endgültigen Verlustes umgebracht hätte. Kein anderer Autor der Gegenwart hat so viele Autoren gefördert, gefordert und übersetzt. Sich immer wieder für andere Autoren, unbekannte vor allem, eingesetzt, wie gerade erst wieder in dem Text über Wolfgang Welt, den wir in unserem Feuilleton abgedruckt haben. Worin er schreibt, über ihn, über sich: "Was er so bezeichnet: das Leben jenseits der Historie und der Aktualitäten, und was für ein Leben! - so einmalig, wie eben der Wolfgang Welt einmalig, ein Fall, ist, und so universell, wie eben ich, der Leser, mit ihm, seinen Sekunden, seinen Bruchteilsekundensätzen mitstreune, mitirre, mithaspele, mitstolpere, mittapere." Das ist der Leser Handke, und so sind seine Leser, die Glücklichen, auch. Mittapernd. Mitirrend. Noch viele Bücher weit.

VOLKER WEIDERMANN

Peter Handke, Siegfried Unseld: "Der Briefwechsel". Hrsg. von Raimund Fellinger und Katharina Pektor. Suhrkamp, 700 Seiten, 39,95 Euro

Peter Handke: "Versuch über den Stillen Ort". Suhrkamp, 110 Seiten, 17,95 Euro

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Süddeutsche Zeitung - Rezension
Süddeutsche Zeitung | Besprechung von 09.10.2012

Ideal
Standard
Des Dichters Feuchtgebiete: Peter Handke meditiert
ironiefrei über die Toilette als utopischen Ab-Ort
VON CHRISTOPHER SCHMIDT
Man könnte es für einen Scherz der Titanic -Redaktion halten: Wenn Peter Handke, der Pilz- und Sinnsucher der deutschen Literatur, dieser Sensibilissimus und Sonderling, Schamane und Schmerzensmann, nun ein Buch über den stillen Ort vorlegt, liegt der Verdacht nahe, es handle sich dabei um Satire. Denn Handke, der ob der weihevollen Esoterik, mit der er die Epiphanien des Alltags beschwört, seinen Spöttern noch stets eine offene Flanke bot, versteht diesen stillen Ort nicht etwa im übertragenen Sinne – das auch –, sondern es geht ganz indiskret um die Toilette, wenn auch vom Gestank ausdrücklich „keine Rede“ sein soll.
  Peter Handke ist also seinen Parodisten zuvorgekommen mit diesem Bändchen, das zwanzig Jahre nach dem vorläufigen Ende seiner kleinen Reihe wieder anknüpft an das Genre der erzählerischen Hommage, diesmal mit einer Hommage an einen denkbar profanen Gegenstand. Begonnen hatte es 1989 mit dem „Versuch über die Müdigkeit“, war ein Jahr später fortgesetzt worden mit dem „Versuch über die Jukebox“, bevor der „Versuch über den geglückten Tag“ 1992 die Trilogie abschloss. Obwohl schon die jüngsten Bücher Handkes von einer neuen Entspanntheitzeugten, ist es ihm nun nicht darum zu tun, seinen Hang zum Pathos das Bächlein inkontinenter Selbstverspottung hinunter gehen zu lassen. „Schluss jetzt mit der Ironie“, heißt es da, „nicht zum ersten Mal erkenne ich, daß die, zumindest im Schriftlichen, nicht meine Sache ist“.
  Wohl wahr, aber überraschender als diese Einsicht ist die Offenheit, mit der sie geäußert wird. Und es gibt einige überraschend deutliche Selbstauskünfte mehr in dem schmalen Bändchen. So etwa erzählt Handke, dass seine erste große Wanderung eben nicht die nach Jugoslawien war, die für ihn und die Nachkriegsliteratur so wichtig wurde. Vielmehr endetet der Aufbruch zunächst kläglich, als er, nach dem Ende der Schulzeit in Kärnten, allein sich aufmachte. Die dritte Nacht brachte er in einem Bahnhofsklo zu, „in einem Halbkreis um die Klosettmuschel geringelt“, um am nächsten Morgen zu beschließen: „nichts wie heim“. In seiner Erzählung „Die Wiederholung“ hat er dieses Erlebnis dann ins Heroische abgewandelt .
  Man erfährt neben solchen Korrekturen an Leben und Werk, dass Handke, der Autor der Innerlichkeit, von dem man meinte, er schöpfe seinen Stoff einzig aus sich selbst, durchaus recherchiert. Nur hat er die „nicht wenigen“ Bücher „zum Bedeutungswandel der Notdurftverrichtung“, die er konsultierte, dann doch wieder beiseite gelegt, weil sie ihm bei seinem Thema nicht weiterhalfen. Statt dessen orientiert sich die Reise durch die Welt der Feuchtgebiete an den selbsterlebten stillen Orte, vom bäuerlichen Plumpsklo des Großvaters bis zum japanischen Friedhofs- oder Tempelklo. Denn das Erkenntnisinteresse dieses „seltsamen Forschers“ besteht darin, die „Stillen Orte“ wörtlich zu nehmen und groß zu schreiben, als „Zuflucht, Asyl, Verstecke, Rückzugsgebiete, Abschirmungen, Einsiedeleien“, als Orte, „wo der Geist im wahrsten Sinne Ruhe findet“, ja als utopische „Ab-Orte“ innerer Einkehr.
  Auch hier zeigt sich Handke ungewohnt selbstkritisch, wenn er sich fragt, ob sein jäher Drang, den stillen Ort aufzusuchen, nicht einer Gesellschaftsflucht gleichkomme, Ausdruck von „Gesellschaftswiderwillen“ sei, von „Geselligkeitsüberschuss“, „ein asozialer – ein antisozialer Akt?“ im Grunde. Dabei ist er „versucht, ,Ideal Standard‘ – nicht die Warenmarke, sondern das Wort – auf mein Problem anzuwenden“, dieses dringende Bedürfnis, sich abzusondern. Ein Schlüsselerlebnis ist da die Episode, wie Handke als Neuling im Internat nicht die Toilette findet oder sich nicht traut, danach zu fragen, so dass er gleich zum verspotteten Einzelgänger wird, als sich im Speisesaal ein verräterisches Rinnsal unter seinen Füßen bildet. Es geht aber jenseits der Notdurft um „eine ganz andere Not“, die Langeweile „als die andere; die umgekehrte Zeitnot“, vor allem jedoch um die Sprachnot. Zum Schweigen gebracht „durch die Worte wie Wörter der anderen“, entzieht er sich mit einem „ich muss kurz verschwinden!“. Und erlebt: „die Sprach- und Wörterquelle springt frisch auf“, zurückkehrend ins „Grölen, Gellen, Toben und Kreischen“, ist er wieder „vielsilbig, voll von der Redelust“.
  Dass der große Dichter Peter Handke ausgerechnet zu sich selber kommt, wenn er mal für kleine Jungs muss, hätte seine Leser-Gemeinde vielleicht so nicht erwartet. Dass er aber selbst diesem heiklen Sujeteinen wunderbaren Essay abgewinnt, macht ihm keiner nach. Diese wahrscheinlich stillste Neuerscheinung mag eine Beckenranderscheinung des Bücherherbstes sein, sie dürfte jedoch für Gesprächsstoff sorgen, zumindest an den stillen Orten der Frankfurter Buchmesse.
  
  
  
  
  
  
Peter Handke: Versuch
über den Stillen Ort.
Suhrkamp Verlag, Berlin 2012. 109 Seiten, 17,95 Euro.
„Herr Pfarrer, ich soll sie grüßen von meinen Eltern, mit diesen Birnen vom Scheißhausbaum!“
FOTO: PLAINPICTURE/MASKOT
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"Wer sich zu Beginn noch gewundert hätte, dass solcher Stoff überhaupt hinreichen könnte, etwas vom Befinden des Dichters fasslich zu machen, sieht sich im Fortgang des Texts eines Besseren belehrt. Handke ist ein unauffälliger Virtuose der Perzeption - einer Flähigkeit, Gegebenes bis in die winzigsten Formen seines Erscheinens zu bemerken und in Sprache zu gestalten."
Martin Meyer, Neue Zürcher Zeitung 06.10.2012