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In seinem neuen Stück erzählt Peter Handke von Gehenden, von Figuren, die einzeln, paarweise, zu dritt den Raum durchqueren und aus der stummen Bewegung heraus zur Sprache finden. Im Spiel entdecken sie die Fragen, die die menschliche Existenz berühren: nach den ersten Wahrnehmungen, nach dem Verlust des inneren Friedens, dem Verschwinden des Anderen und dem Ende der Zeit. Peter Handke bannt die Spuren seiner Figuren für einen Augenblick, bis sie einander wieder verlieren. Heimlicher Protagonist ist der Zuschauer, der im Verlauf der Handlung seine Distanz aufgibt und mitspielt, für kurze Zeit…mehr

Produktbeschreibung
In seinem neuen Stück erzählt Peter Handke von Gehenden, von Figuren, die einzeln, paarweise, zu dritt den Raum durchqueren und aus der stummen Bewegung heraus zur Sprache finden. Im Spiel entdecken sie die Fragen, die die menschliche Existenz berühren: nach den ersten Wahrnehmungen, nach dem Verlust des inneren Friedens, dem Verschwinden des Anderen und dem Ende der Zeit. Peter Handke bannt die Spuren seiner Figuren für einen Augenblick, bis sie einander wieder verlieren.
Heimlicher Protagonist ist der Zuschauer, der im Verlauf der Handlung seine Distanz aufgibt und mitspielt, für kurze Zeit ...
Der Leser ist der Zuschauer, der ins Stück hineingezogen wird, sich auf der Bühne wiederfindet und zusieht, wie des Lebens Traum entschwindet.
Spuren der Verirrten ist ein faszinierender Text, der dem Theater zurückgibt, was längst verloren schien: die Ahnung einer anderen Zeit.
  • Produktdetails
  • suhrkamp taschenbuch 2140
  • Verlag: Suhrkamp
  • Seitenzahl: 88
  • Erscheinungstermin: 13. Mai 2018
  • Deutsch
  • Abmessung: 222mm x 131mm x 9mm
  • Gewicht: 128g
  • ISBN-13: 9783518241400
  • ISBN-10: 3518241400
  • Artikelnr.: 52534681
Autorenporträt
Peter Handke, geb. am 6. Dezember 1942 in Griffen (Kärnten). Die Familie mütterlicherseits gehört zur slowenischen Minderheit in Österreich; der Vater, ein Deutscher, war in Folge des Zweiten Weltkriegs nach Kärnten gekommen. Zwischen 1954 und 1959 besucht er das Gymnasium in Tanzenberg und das dazugehörige Internat. Nach dem Abitur im Jahr 1961 studiert er in Graz Jura. Im März 1966, Peter Handke hat sein Studium vor der letzten und abschließenden Prüfung abgebrochen, erscheint sein erster Roman Die Hornissen. Im selben Jahr 1966 erfolgt die Inszenierung seines inzwischen legendären Theaterstücks Publikumsbeschimpfung in Frankfurt in der Regie von Claus Peymann. Seitdem hat er mehr als dreißig Erzählungen und Prosawerke verfasst. Darüber hinaus hat Peter Handke viele Prosawerke und Stücke von Schriftsteller-Kollegen ins Deutsche übertragen. Sein Werk wurde mit zahlreichen internationalen Preisen geehrt. Die Formenvielfalt, die Themenwechsel, die Verwendung unterschiedlichster Gattungen (auch als Lyriker, Essayist, Drehbuchautor und Regisseur ist Peter Handke aufgetreten) erklärte er selbst 2007 mit den Worten 'Ein Künstler ist nur dann ein exemplarischer Mensch, wenn man an seinen Werken erkennen kann, wie das Leben verläuft. Er muß durch drei, vier, zeitweise qualvolle Verwandlungen gehen.'
Rezensionen

Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 29.10.2006

Die Stunden der wahren Erfindung
Briefe, Gespräche und ein Drama: drei neue Bücher von und mit Peter Handke wenden den Blick wieder nach innen

Im neuen Stück von Peter Handke laufen Paare auf der Bühne wirr umher, suchen ihre Rollen, suchen ihr Stück. Bemühen sich um Tragödien, um dramatische Handlungen und finden nur falsche Rollen. Es sind Ziellose, verzweifelt um ein Ziel bemüht. Bis der Zuschauer eingreift, "Ich, der Zuschauer" heißt er in Handkes Stück "Spuren der Verirrten": "Jedenfalls habe ich meinen Zuschauerhocker aufgeklappt, mich an den Rand der Spielfläche gehockt und gerufen: ,He, ihr! Keine Tragödien vortäuschen. Alles nicht wahr. Auf, ihr Knochen. Tut was für mein Geld.'" Und das Ein-Mann-Publikum wütet und schimpft gegen die ratlos agierenden Paare auf der Bühne. Es ist eine Publikumsbeschimpfung der anderen Art. Das Publikum beschimpft die Schauspieler. Und hat am Ende einen freundlichen Rat: "Könnte nicht ein jeder von euch noch und noch Geschichten erzählen, wie sich das Blatt gewendet hat - und nicht immer zum Bösen - dadurch, daß er als Zuschauer tätig war? - Viel Glück!"

Wechselt die Rollen! Schaut zu! Schaut auf die Welt, im Schauen wird die Welt euch neu. So spricht es aus dem neuesten Handke-Stück, das vierzig Jahre nach seinem ersten, der legendären "Publikumsbeschimpfung", erscheint. Auch das war damals Dokument einer Befreiung. Die Befreiung von der Rolle, die dem Jura-Studenten Handke zugedacht war. Er würde Schriftsteller werden. Weltaufrüttler. Weltbetrachter. "Ich werde sicher weltberühmt", sagte er damals. Er ist es geworden.

Doch noch vor all dem, noch bevor die große Handke-Story begann, hat der damals 23jährige 1965 ein Buch rezensiert, das sonst beinahe niemand rezensierte. "Die Augen eines Dieners" von Hermann Lenz. Leider wissen wir nicht, was er über das Buch sagte, Handke erinnert sich später, er habe es, um überhaupt einen Vergleich zu haben, mit den Büchern Knut Hamsuns verglichen, aber die Rezension ging verloren. Doch wir ahnen, er wird es euphorisch gelobt haben, denn es war der Anfang einer lebenslangen Bewunderung. Sieben Jahre später, als Handke in seinem Buchladen, der "Kronberger Bücherstube", nach dem neuen Lenz fragte, dem Roman "Der Kutscher und der Wappenmaler", sagte die Buchhändlerin zu ihm, das habe sie jetzt nicht mehr bestellt. Keinen einzigen Lenz-Roman habe sie über all die Jahre verkauft. "Bei dem neuen Buch habe ich mir gedacht, das hat keinen Sinn mehr." Die Romane des damals fast sechzigjährigen Lenz erreichen eine verkaufte Auflage von 300. Manchmal hat er Glück, und Käufer verwechseln ihn mit seinem erfolgreichen Namensvetter Siegfried. Um Leben zu können, arbeitet er beim Württembergischen Schriftstellerverband als Sekretär. Ein demütigendes Leben ohne Leser und ohne Geld. Fast dreißig Jahre lang schreibt er nun schon ohne Publikum.

Doch dann beginnt plötzlich eine Geschichte, die in der deutschen Literatur wohl einmalig ist und bleibt. Ein dreißig Jahre jüngerer Schriftsteller, schon früh auf dem Gipfel des Erfolgs, beschließt, diesen Mann, das Werk dieses Mannes dem Vergessen zu entreißen. Und gemeinsam mit seinem entschlossenen, mächtigen Verleger gelingt es ihm auch. Im Dezember 1973 erscheint in der "Süddeutschen Zeitung" Handkes Text "Einladung Hermann Lenz zu lesen". Damit fängt alles an. Leser, Preise, Ruhm und Ehre. Die rasante Reise des Hermann Lenz aus dem Nichts in den Olymp. Jetzt ist im Insel-Verlag der Briefwechsel der beiden Schriftsteller erschienen, die Briefe vom alten Mann und seinem Verehrer.

Schon der Anfang ist fast mythisch. Handke hat am frühen Morgen die Lektüre des neuen Buchs von Hermann Lenz beendet, wenige Stunden später erreicht ihn mit der Post eine Karte und - jenes Buch, das er soeben ausgelesen hat. Lenz hatte, von seiner Frau gedrängt, dem berühmten jungen Mann den Roman "Der Kutscher und der Wappenmaler" zugeschickt. Handke schreibt zurück: "Ich bin sicher, Sie und Ihre ruhige, verläßliche Art der Weltsicht sehr zu verehren. Ihr letztes Buch habe ich Satz für Satz gelesen, weil ich auf jede Einzelheit neugierig war. Einmal dachte ich: ,Da kann man sich wirklich auf die Einzelheiten ganz und gar verlassen' - und das ist sicher ein Zeichen, daß da wirklich ein Schriftsteller arbeitet und kein bloßer Behaupter. Ich las in dem Buch einen Monat lang, und es hat mir sehr geholfen. Ich halte Sie für einen der wenigen Schriftsteller, bei denen man sich lesend zwar fremd, aber doch ganz zu Hause fühlen kann."

Gegen die Neugier

So geht es los. Beide loben sich und freuen sich, einen Schreib-Verwandten gefunden zu haben. Lenz antwortet beseelt, Brief auf Brief, und immer wieder ängstlich, ob er dem jungen Mann nicht auf die Nerven geht: ". . . und ich denke: hoffentlich wird Ihnen mein Geschwätz nicht lästig, wenn ich immer wieder schreibe." Handke lobt weiter, bekundet, gerührt von der übergroßen Dankbarkeit, schon früh seinen Willen, über Lenz schreiben zu wollen. Die beiden treffen sich in Stuttgart, Lenz' Heimatstadt, für die Handke nur Abscheu empfindet, dafür aber - für den alten Dichter in dieser Stadt - nur Bewunderung und Staunen. Da wäre man ja gern dabeigewesen, bei diesem ersten Treffen. Der Langhaar-Popstar-Dichter und der feine graue Herr mit Silberbrille. Lenz erinnert sich später: "In der Nacht hielt das Taxi auf dem anderen Trottoir. Er stieg aus, hob eine Plastiktüte zum Gruß hoch und kam über die Straße. Er sah aus, wie ich ihn von Photographien kannte."

Es war nicht leicht, das erste Treffen. Und auch das zweite noch nicht ganz. "Ich hätte ihn gern gefragt, ob er sich manchmal vor den Leuten fürchte", erinnert sich Lenz später. Und sagt sich selbst: "Doch die Frage war überflüssig, weil ich seine Bücher kannte." Sie sind einverstanden miteinander, mit ihrem Schreiben, bewundern sich, ohne Erklärungen. Später einmal wird Lenz Handke in seinem Haus in Kronberg besuchen. Sie sitzen auf der Terrasse, ein Passant ruft herauf: "Sind Sie Herr Handke?", Herr Handke sagt "Ja", und daraufhin will der Passant wissen, was "die Aussage" seines Theaterstücks "Kaspar" sei. "Daß das Leben schwer ist", sagt Handke. Unsinn, sagt der Passant und lädt ihn ein, drüben in einer Garage mit ihm und Freunden zu tanzen und später über die Zäune einer Badeanstalt zu klettern und baden zu gehen. "Nein, das will ich nicht", erwidert Handke. Und Lenz sieht: "In diesem Augenblick war Kühle um ihn, und mir gefiel's, wie er sich gegen die Neugier abzuschirmen wußte."

Gegen die Neugier da draußen und billigen Frohsinn. Darin sind die zwei von Anfang an sich eins. In der Verachtung der sogenannten "Wirklichkeitsmenschen", wie Lenz sie nennt. Und dem "Wissenszeug", wie es bei Handke heißt. "Ich bin nun zwei Wochen in Japan", schreibt Handke an Lenz, "und ahne hier und da etwas, das leider immer wieder zerstoßen wird durch das Wissenszeug." Manchmal scheinen die beiden Abseitssteher in ihren Briefen geradezu einen Wettbewerb in der Disziplin auszutragen, wer näher dran ist an der wahren Anschauung und weiter weg vom sogenannten Weltgeschehen. Handke hat, auf seinem weiten Weg nach innen, auf den er spätestens mit der "Langsamen Heimkehr" (1979) und der "Lehre der Sainte-Victoire" (1980) einbog, viel von Lenz gelernt. Und vieles in diesem Briefwechsel klingt wie aus seinen Romanen, nur leichter hier, angenehmer, nicht so auftrumpfend die poetische Welterkenntnis seiner späten Werke: "Hier ist ein wunderbarer Tag, und ich saß bis jetzt fast nur draußen und versuchte, sein Berichterstatter zu sein." Und er beschreibt eine Blume, den Wind und eine Katze und schreibt: "Ein langweiliges Leben, aber es gibt wohl nichts Schöneres (wenn man dafür dankbar sein kann)."

Im Nebendraußen

Aber dieser Briefwechsel ist nicht nur Poesie und Blumenbetrachtung. Er ist vor allem auch die Geschichte eines gemachten Erfolges. Handke hatte sein großes Lob geschrieben. Doch das reichte natürlich nicht. Jetzt brauchte Lenz noch einen Verlag - den Verlag. Der alte Suhrkamp-Verleger Unseld mußte überzeugt werden. Handkes Feuer war so groß, daß es scheinbar ein leichtes war. Schon drei Monate nachdem Handkes Lob erschienen war, ist Lenz ein Suhrkamp-Autor. Zunächst ein Buch und nach und nach das ganze Werk. Vier weitere Jahre später ist er schon Büchnerpreisträger und berühmt. Das hat Unseld gemacht mit aller Unseld-Macht. "Ich bin sicher, daß wir eine Spur für die kommende Zeit gelegt haben", schreibt der Verleger an Lenz. Und dieser schreibt an Handke, daß er immer Angst habe, Unseld gehe seinetwegen eines Tages bankrott. Wie Lenz ihn beschreibt, wie er ihn da, barfuß und mit offenem Hemd, die starke Brustbehaarung entblößend, Lenz' Texte auswendig deklamierend, in seinem Arbeitszimmer empfängt, da steckt alles drin, was einst die Suhrkamp-Kultur war.

Es ist ein schönes Buch aus den innersten Schichten einer leuchtenden Innenwelt. In seinem letzten Brief, wenige Wochen vor seinem Tod im Mai 1998, schreibt Lenz an Handke über dessen neuestes Buch: "Ich danke dir. Im ,Felsfenster' schließen sich nach Notizen über soeben Gehörtes Überlegungen, Gedanken, Meditationen an, die Stufe um Stufe nach innen führen. So werden die Schichten unserer Welt sichtbar gemacht."

Das ist die Lebenslehre, die Handke von seinem alten Freund gelehrt wurde. Er spricht davon auch immer wieder in den ausufernden Gesprächen, die er mit dem Journalisten Peter Hamm führte und die jetzt als Buch erschienen sind. "Nebendraußen" hatte Hermann Lenz diese andere Welt genannt, an die Handke immer wieder erinnert, den Glauben an diese andere Welt, jenseits des sogenannten Weltgeschehens. Und Handke sagt: "Wenn ich ein Gebet hätte, wäre das: mit diesem Glauben dann auch von der Welt verschwinden zu dürfen, am Ende."

VOLKER WEIDERMANN

Peter Handke: "Spuren der Verirrten", Suhrkamp-Verlag, 88 Seiten, 14,80 Euro. Handke und Hermann Lenz: "Briefwechsel - Berichterstatter des Tages", Insel-Verlag, 459 Seiten, 24,80 Euro. Handke und Peter Hamm: "Es leben die Illusionen. Gespräche in Chaville und anderswo", Wallstein-Verlag, 183 Seiten, 20 Euro.

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