Gestern unterwegs - Handke, Peter
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Lieber Leser!
"Gestern unterwegs" gibt sich, nach dem "Gewicht der Welt", der "Geschichte des Bleistifts", den "Phantasien der Wiederholung ", "Am Felsfenster, morgens", als die letzte Phase meines Mit-Schreibens mit den täglichen und nächtlichen Geschehnissen. Es bezeichnet auch den Übergang oder die Übergänge vom puren Mit-Schreiben (vorherrschend vor allem im "Gewicht der Welt", 1975 bis 1977) zum nachträglichen, leicht zeitversetzten Notieren: von dem, was "jetzt" geschieht, zu dem, was "gestern" geschah, und vorgestern, und vor einigen Tagen, und vor einer Woche ...
Wen es
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Produktbeschreibung
Lieber Leser!

"Gestern unterwegs" gibt sich, nach dem "Gewicht der Welt", der "Geschichte des Bleistifts", den "Phantasien der Wiederholung ", "Am Felsfenster, morgens", als die letzte Phase meines Mit-Schreibens mit den täglichen und nächtlichen Geschehnissen. Es bezeichnet auch den Übergang oder die Übergänge vom puren Mit-Schreiben (vorherrschend vor allem im "Gewicht der Welt", 1975 bis 1977) zum nachträglichen, leicht zeitversetzten Notieren: von dem, was "jetzt" geschieht, zu dem, was "gestern" geschah, und vorgestern, und vor einigen Tagen, und vor einer Woche ...

Wen es interessiert, der soll wissen, daß ich in den Jahren von "Gestern unterwegs" das Theaterstück "Das Spiel vom Fragen" schrieb, dann den "Versuch über die Müdigkeit", dann das Filmbuch "Die Abwesenheit", dann den "Versuch über die Jukebox"; zuletzt übersetzte ich Shakespeares "A Winter's Tale".

P. H., 22. Februar 2005

(es schneit, oder, aus dem Arabischen rückübersetzt: "Es schneit auf die Erde")
  • Produktdetails
  • Suhrkamp Taschenbücher Bd.3886
  • Verlag: Suhrkamp
  • Artikelnr. des Verlages: 45886
  • Seitenzahl: 552
  • Erscheinungstermin: 30. Juli 2007
  • Deutsch
  • Abmessung: 179mm x 109mm x 31mm
  • Gewicht: 330g
  • ISBN-13: 9783518458860
  • ISBN-10: 3518458868
  • Artikelnr.: 20947707
Autorenporträt
Handke, Peter
Peter Handke wird am 6. Dezember 1942 in Griffen (Kärnten) geboren. Die Familie mütterlicherseits gehört zur slowenischen Minderheit in Österreich; der Vater, ein Deutscher, war in Folge des Zweiten Weltkriegs nach Kärnten gekommen. Zwischen 1954 und 1959 besucht Handke das Gymnasium in Tanzenberg (Kärnten) und das dazugehörige Internat. Nach dem Abitur im Jahr 1961 studiert er in Graz Jura. Im März 1966, Peter Handke hat sein Studium vor der letzten und abschließenden Prüfung abgebrochen, erscheint sein erster Roman Die Hornissen. Im selben Jahr 1966 erfolgt die Inszenierung seines inzwischen legendären Theaterstücks Publikumsbeschimpfung in Frankfurt am Main in der Regie von Claus Peymann. Seitdem hat er mehr als dreißig Erzählungen und Prosawerke verfaßt, erinnert sei an: Die Angst des Tormanns beim Elfmeter (1970), Wunschloses Unglück (1972), Der kurze Brief zum langen Abschied (1972), Die linkshändige Frau (1976), Das Gewicht der Welt (1977), Langsame Heimkehr(1979), Die Lehre der Sainte-Victoire (1980), Der Chinese des Schmerzes (1983), Die Wiederholung (1986), Versuch über die Müdigkeit (1989), Versuch über die Jukebox (1990), Versuch über den geglückten Tag (1991), Mein Jahr in der Niemandsbucht (1994), Der Bildverlust (2002), Die Morawische Nacht (2008), Der Große Fall (2011), Versuch über den Stillen Ort (2012), Versuch über den Pilznarren (2013). Auf die Publikumsbeschimpfung 1966 folgt 1968, ebenfalls in Frankfurt am Main uraufgeführt, Kaspar. Von hier spannt sich der Bogen weiter über Der Ritt über den Bodensee 1971), Die Unvernünftigen sterben aus (1974), Über die Dörfer (1981), Das Spiel vom Fragen oder Die Reise zum sonoren Land (1990), Die Stunde da wir nichts voneinander wußten (1992), über den Untertagblues (2004) und Bis daß der Tag euch scheidet (2009) über das dramatische Epos Immer noch Sturm (2011) bis zum Sommerdialog Die schönen Tage von Aranjuez (2012) zu Die Unschuldigen, ich und die Unbekannte am Rand der Landstraße (2016). Darüber hinaus hat Peter Handke viele Prosawerke und Stücke von Schriftsteller-Kollegen ins Deutsche übertragen: Aus dem Griechischen Stücke von Aischylos, Sophokles und Euripides, aus dem Französischen Emmanuel Bove (unter anderem Meine Freunde), René Char und Francis Ponge, aus dem Amerikanischen Walker Percy. Sein Werk wurde mit zahlreichen internationalen Preisen ausgezeichnet. Die Formenvielfalt, die Themenwechsel, die Verwendung unterschiedlichster Gattungen (auch als Lyriker, Essayist, Drehbuchautor und Regisseur ist Peter Handke aufgetreten) erklärte er selbst 2007 mit den Worten: »Ein Künstler ist nur dann ein exemplarischer Mensch, wenn man an seinen Werken erkennen kann, wie das Leben verläuft. Er muß durch drei, vier, zeitweise qualvolle Verwandlungen gehen.«
Rezensionen
Besprechung von 16.02.2007
Ohne Dornbusch
Peter Handke war „Gestern unterwegs”
Manche Texte brauchen alle Zeit der Welt: Man kann sie nicht langsam genug lesen, denn sie wurden nicht geschrieben, um eine Handlung voranzutreiben, sondern um den Augenblick zu fassen, zu greifen, zu begreifen. Als Satz, als Gedanke, als Bild. In besonderem Maße gilt dies für Peter Handkes Aufzeichnungen seiner Reisen von Herbst 1987 bis Sommer 1990. Veröffentlicht hat er sie erst fünfzehn Jahre später in dem Band „Gestern unterwegs”, und neben der impliziten Aufforderung, immer und immer wieder gelesen zu werden, bergen sie auch die Gefahr, überlesen zu werden. Literarische Miniatur folgt auf Aphorismus, Skizze auf Überlegungen, und der routinierte Leser neigt manchmal eher dazu, alles einfach hinzunehmen, anstatt es wahrhaft aufzunehmen.
Nicht aber, wenn der Dichter selbst das Wort ergreift, das er geschrieben hat. Und erst recht nicht, wenn er fast jedes Wort so spricht, als könnte es sein letztes sein. Die gekürzte Version des Reisejournals als Hörbuch ist Poesie, daran lässt schon Handkes Stimme keinen Zweifel. Sie ist ruhiger und sanfter als erwartet, älter und tiefer zudem, vor allem aber ist sie rührender. Sie buchstabiert noch mal die Reisen aus, was Handke in den Sinn kommt und was ihm vor die Sinne kommt. Wo genau sich der Dichter befindet, ist dabei weniger entscheidend. Ob in Jugoslawien und Griechenland, ob in Japan, Großbritannien oder Südeuropa, in Frankreich oder Österreich – die Welt erschließt sich immer nach einem ähnlichen Muster, und in diesem wird sie dann auch dargeboten.
Handke fährt dabei, trotz aller Langsamkeit, weder mit angezogener Handbremse, noch mit eingebautem Tempolimit – er fährt gar nicht. Er geht. Vielleicht muss man es sich so vorstellen: An Handkes Hand macht der Hörer ein paar Schritte. Plötzlich bleibt der Dichter stehen, richtet den Blick auf ein Detail, in der Natur oder im Geist, benennt es oftmals nur, ergänzt vielleicht, woran es ihn erinnert, und schon ist damit wie selbstverständlich die Welt entstanden. Etwa im portugiesischen Coimbra: „Regen, starker, jetzt auf das Kopfsteinpflaster in der Stille, abseits, Regen im Strahl. Wiederkehr, mitsamt dem Geruch, des Regens im kalten Klosterkreuzgang meiner Heimatkirche – und ich sah förmlich vor mir jetzt die sicher noch dort liegenden großen, oft bis in den späten April nicht wegschmelzenden Schneehaufen”. Der Hörer schaut noch einmal hin, riecht den Regen, sieht den Schneehaufen, lächelt erstaunt und schreitet weiter.
So kommt er weit, denn Handke spricht nicht nur bedächtig, er beschert auch die nötige Zeit, um das Gesprochene wirken zu lassen. Was den poetischen Zauber nicht mindert, sondern verstärkt: Das Hörbuch funktioniert beinahe wie ein „Audio-Sprachkurs”. Die langen Pausen fördern das Begehren, die schönsten Worte nachzusprechen, und die wiederkehrende Stille strukturiert das Denken. „Sprachlosigkeit anbefehlen, zeitweise, und in der Sprachlosigkeit, die Welt sich ausbreiten lassen.”
Wer hier an religiöse Formen denkt, der denkt gewiss nicht falsch. Die Beschreibung der Welt wird ergänzt um die stille Andacht. Zu ihrem Gegenstand kann alles werden, auch Profanes: „Du brauchst keinen Dornbusch. Und wenn, dann braucht der nicht extra zu brennen.” Handke findet seine Dinge auch so. Seine Blume ist der schlichte Löwenzahn, sein Vogel der Allerwelts-Spatz. Die Dichtung zielt nicht so sehr auf immer neue Substantive, sie fragt nach den dazugehörigen Verben. Das ist Poesie als das schlichte Suchen und Finden der richtigen Wörter: „Das Verb für die Langsamkeit: sie strahlt und sie lässt strahlen.” CHRISTOPH SCHMAUS
PETER HANDKE: Gestern unterwegs. Aufzeichnungen November 1987 bis Juli 1990. Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg 2006. 4 CD, 232 Min., 29,95 Euro.
SZdigital: Alle Rechte vorbehalten – Süddeutsche Zeitung GmbH, München
Eine Dienstleistung der DIZ München GmbH
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Rowohlt-Verleger Alexander Fest im Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung auf die Frage: »Welches Buch hätten Sie gern verlegt?« »Von den Büchern der letzten Jahre sicherlich Handkes Gestern unterwegs. Ich hatte Handke eigentlich nie richtig gelesen, bis Martin Walser mir vor einigen Jahren das Gewicht der Welt nannte, das müsse ich kennen. Da las ich es, beeindruckt. Kurz darauf kam dann Gestern unterwegs heraus, das ich dann dreimal gelesen habe in den letzten Jahren. Ein nicht auszuschöpfendes Buch, schon weil es kein Wissen weitergeben, so gut wie nichts lehren, nichts erzählen will. Es will bloß gelesen und im Lesen angenommen und verstanden werden. Ich kann hier schwer ausdrücken, welchen Genuss mir das verschafft hat.«
Besprechung von 10.09.2005
Spähender Faun
Peter Handkes Wanderjahre: Das Journal "Gestern unterwegs"

Weihnachten 1987 notierte Peter Handke: "Würde ich eine Statue schaffen wollen, dann die des über die Schulter Blickenden." Der spähende Rückblick wird ihm zum ästhetischen Ideal - als Künstler wie als Beobachter. Diese Rollen sind auch gar nicht zu trennen, denn: "Nicht ich mache mir ein Bild, es zeigt sich (mir)." Was Handke sieht, ist geoffenbarte Welt, durchaus auch im theologischen Sinne. Doch erst der Zugriff im Rückblick fixiert das jeweilige Bild. So beginnen zahlreiche Notate der Jahre 1987 bis 1990 mit der lapidaren Bemerkung "Gestern:" - um dann das durch den Schlaf ruhiggestellte, vom Traum angereicherte und vom Erwachen gefilterte Erlebnis in Worte zu fassen.

"Mit-Schreiben" hat Handke das Verfahren bei seinen bisherigen vier Aufzeichnungssammlungen genannt, doch im November 1987, nach einem tiefen privaten Einschnitt, wandelte sich seine Konzeption von solcher Mit- zur Nach-Schrift. Fünfzehn Jahre nach Abschluß dieser Phase, die er selbst bis zum Juli 1990 datiert ("Danach fand und findet im übrigen kaum mehr ein Mit-Schreiben im Sinn der früheren Journale statt", heißt es im Vorwort), hat er nun die Notizen jener zweieinhalb Jahre publiziert: aus den damaligen Journalen "kopiert", also nicht bearbeitet; nur etliche Lektürefrüchte und Kunstwerkbeschreibungen sollen entfallen sein. Der Titel des fünften Aufzeichnungsbuchs ist gleichsam programmatisch: "Gestern unterwegs".

Dessen Texte entstanden in einer biographisch unruhigen Zeit, ehe der österreichische Schriftsteller ein neues dauerhaftes Domizil in Frankreich fand. Seine allein für das Jahr 1988 aus den Notizen rekonstruierbaren Reisen führten ihn in vierzehn Länder: nach Griechenland, Ägypten, Frankreich, Belgien, Holland, Japan, Alaska, Großbritannien, Portugal, Spanien, Österreich, Italien, Jugoslawien und Deutschland. Handke, der große Fürsprecher der Bedächtigkeit und der Verwurzelung, war von Unrast getrieben und über weite Strecken zu Fuß unterwegs. Das Gehen erschloß sich als die ihm gemäße Form der Wirklichkeitswahrnehmung. "Eines weiß ich: Die Welt im Gehen, Schauen, Bedenken, Betrachten, Weitergehen stellt sich anders dar als die Welt in den Zeitungen."

Mit dieser italienischen Aufzeichnung vom Oktober 1989 wird beiläufig ein Schlachtfeld eröffnet, auf dem Handke sich in den Folgejahren als Kombattant, Kriegsberichterstatter und Märtyrer zugleich tummeln sollte. Sein Zweifel am Bild der Welt, wie es die Medien malten, trieb ihn in den neunziger Jahren zum nimmermüden Einsatz für die vermeintliche Sache Serbiens. Dieses Engagement trübte den Eindruck eines bloß der Schönheit verpflichteten Protokollanten, als der sich Handke zuvor geriert hatte. Tatsächlich ist in "Gestern unterwegs" die kommende militärische Auseinandersetzung in Jugoslawien nur zu ahnen. Im August 1987 liest der Reisende zwar während einer Bahnfahrt in Mazedonien frühe Gedichte von Hölderlin und notiert: "Gott bewahre uns vor einem nationalen Aufbruch." Doch anderthalb Jahre später findet er im spanischen Linares eine Zeitung mit der Überschrift "Yugoslavia a los linderos de una guerra civil", und dazu fällt ihm nicht mehr ein als die Bemerkung: ",Los linderos', die Grenzwege, die Schwellen". Und er ergänzt in Klammern: "Name der Tageszeitung von Linares: ,Ideal'; neben der Redaktion die ,Ideal Bar'."

Ist das ein Kraussches "Dazu fällt mir nichts ein"? Unwahrscheinlich, denn Kraus wie Thomas Bernhard zählen zu Handkes literarischen Feindbildern. Handke sah sich damals noch als Betrachter des Unpolitischen, und so äußert er sich im November 1989 auch nur indirekt zum Fall der Mauer, obwohl er damals auf eigenen Lebensspuren im Taunus wandert. Keine Spur aber von der Diarienlust eines Peter Rühmkorf, wie sie dessen gleichzeitig entstandenes "Tabu 1" zeigt. Dabei pflegt auch Handke einen bisweilen geradezu faunischen Blick, zumal wenn es um die spärlichen Zeugnisse eigener Verliebtheit geht. Da weicht die existentialistische Selbstbetrachtung dem mit einemmal wieder aktiven Blick auf andere - den sonst nur Handkes Ausführungen zu Kindern spüren lassen. Wunderhübsch dabei die Bemerkung, daß der Mensch eine Spezies sei, bei der die "Raupen" weitaus schöner seien als die fertigen Wesen.

In den meisten seiner Aufzeichnungen ist Handke jedoch ganz bei sich, und deshalb darf "Gestern unterwegs" als ein Buch bezeichnet werden, das alles in den Schatten stellt, was wir von ihm seit fünfzehn Jahren lesen konnten - seit den Büchern eben, die noch in jener Phase der Unrast entstanden sind: der "Versuch über die Müdigkeit" und der "Versuch über die Jukebox", beide 1989 jeweils binnen weniger Tagen in Spanien geschrieben. In "Gestern unterwegs" spürt man diese beiden Textgewitter schon Monate vorher aufziehen. In diesen Passagen ist "Gestern unterwegs" vor allem Werkstatt.

Aber das Buch ist auch Chronik, Rechenschaftsbericht, ästhetische Theorie. Und Steinbruch, in dem schon etliche Passagen der Romane "Mein Jahr in der Niemandsbucht" und "Das Bilderverbot" vorformuliert wurden. Das indes sind die hemmenden Teile auf der Suche nach der verwanderten Zeit. Wo Handke sonst präzise ist, weil er fixieren will, was sich ihm gezeigt hat, ist er hier verschwurbelt, weil er die Bilder frei auszumalen beginnt.

Aber wer braucht den Romancier Peter Handke? Auf seiner Tippeltour durch ein "vereintes Europa der Feldwege und Ackermauern" gelingen ihm Momentaufnahmen, die nur mit dem Attribut der Feinmalerei aus der niederländischen Kunstgeschichte adäquat beschrieben werden können: Miniaturen alltäglicher Szenen in höchster Brillanz, in der mit dünnsten Pinseln Effekte hingetupft werden, die eine höhere Form des Realismus entstehen lassen. "In der zunehmenden Düsternis erschien dann ein Leuchten, klein, in einem der Feldmandelbäume: Harz war da ausgetreten und hatte sich an einem Zweig verklumpt, und durch dieses Klümpchen schien da oben die letzte Helligkeit des Himmels, in dem Harzball gesammelt und konzentriert." Ein solcher Einschluß des Lichts ist das, was Handke in den besten seiner Notate gelingt.

Sie können canettiesk sein, wenn er Typen bildet, den Fragenarr etwa oder die Zeithaberin. Auch der Wechsel zwischen "ich" und "er" bei der Selbstbeschreibung löst beim Leser dieselben subtilen Jagden nach inhaltlichen Kriterien für diese Distanzierung aus - doch sie bleibt hier wie da erfolglos. Handke allerdings sucht weniger als Canetti nach Schemata anthropologischen Verhaltens. Statt dessen notiert er immer wieder Verben für bestimmte Phänomene: für die Sonne (sie "läßt mich zurechtfinden"), für die Bewegung von Blättern im Nachtwind (sie "wirtschaften"), für Nußbaumblätter im Fallen (sie "brechen"), für die Müdigkeit (sie "gibt das Augenmaß"). Anderweitig längst bewährte Wörter reichern als Umschreibungen die Beschreibungen an - und alles jenseits jeder Metapherntheorie, aus schierem Mut, einen Vorgang in seiner Besonderheit zur Sprache zu bringen. Wie ein Botaniker in seinem Herbarium ungewöhnliche Exempla der Pflanzenwelt sammelt, so stellt Handke eine Kollektion von Wortbedeutungen zusammen, die nie ein Ohr zuvor gehört hat.

Auch das also ist "Gestern unterwegs": ein Sprachlabor. Ein gewagtes Unterfangen angesichts einer in Cividale notierten Maxime: "Vergiß nicht, du Idiot, daß Sprachlosigkeit (auch) deine Stärke ist." Das eingeklammerte Wort aber mildert die Strenge des Verweises - wie die zahlreichen Fragezeichen, die nach Aussagesätzen stehen und somit den Schatten des Ungewissen über manch schillernde Formulierung werfen. Seine Heimstatt findet der Wortwanderer Handke im Zweifel, und in einer französischen Redewendung die Rechtfertigung dafür: ",Ça n'entre pas dans la question'; als sei das Fragen, die Frage ein Haus, und ist sie das denn nicht? Eine Hütte, ein Obdach, ein Unterstand". Die eigene Frage im Notat legitimiert für Handke, was anderen als fragwürdig gelten mag.

Was sich uns in seinem Sprachspiel zeigt, ist ein Virtuosenstück des Schreibens, das mit Kategorien wie Aphorismen, Entwürfen, Maximen, Notaten oder auch Aufzeichnungen nur schwer zu fassen ist. Handke selbst bezeichnet seine Arbeit gleich mehrfach als "Tagewerk" - und suggeriert damit Handarbeit. Doch dieses Schreiben ist eine Sache des Kopfes: des konsequenten Schulterblicks, der eine andere als die gewohnte geradlinige Ansicht fokussiert. Kein Wunder, daß die Lektüre der Evangelientexte, der sich Handke im Februar und März 1990 widmete, eine besonders wichtige Erkenntnis erbracht hat: "Immer wieder spricht Jesus zu den Leuten ,sich umwendend'."

Handke ist in "Gestern unterwegs" noch kein Prophet. Gottlob. Er schafft auch keine Statuen, aber dem Schulterblick hat er ein Denkmal gesetzt. Nicht Bildhauer, Bildbauer muß man ihn dafür nennen.

Peter Handke: "Gestern unterwegs". Aufzeichnungen November 1987 bis Juli 1990. Jung und Jung, Salzburg 2005. 553 S., br., 25,- [Euro].

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Perlentaucher-Notiz zur NZZ-Rezension

Martin Meyers Besprechung zollt stilles Lob für Handkes hohe "Kunst des Sehens und Bedenkens". Allerdings sei "Gestern unterwegs" ein Buch für "langsame" und "geduldige" Leser, die sich auf Handkes Wahrnehmungsprinzip des "Zeit-Habens" mit entsprechender Gelassenheit einlassen können, mahnt der Rezensent. Das Buch enthalte tagebuchartige Reiseaufzeichnungen vom November 1987 bis zum Juli 1990, die der Autor zunächst in Slowenien, dann in Griechenland, Agypten, Frankreich, Spanien, Schottland und wieder am Mittelmeer anfertigte. Handkes häufig apercuhaften Aufzeichnungen enthielten zudem "Moralisches" und "Autobiografisches". Moralisch im "Stil von Maximen und Reflexionen" und auch als gelegentliche Selbstermahnung und "Gewissensforschung" des Autors. Um dem Vorwurf der Naivität vorherzukommen, verweist der Rezensent auf "Zeilen der präzisesten Reflexion" über Sterblichkeit, Liebe, Glück, über Wut und Zorn. "Nicht naiv, doch entrückt; nicht einfältig, aber entspannt" ist aus Sicht des Rezensenten eine solche Haltung, und sie sei "sogar grundiert von einem Humor, der die Hinfälligkeiten des Lebens mit Fassung erträgt".

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