Ich und meine Mutter - Gornick, Vivian
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Vivian Gornick ist eine Entdeckung!
Mütter sind anstrengend und bleiben es ein Leben lang. Schon als Kind spürt Vivian Gornick bei ihrer Mutter eine blinde Wut über deren Schicksal als Hausfrau. Begleitet von der trotzigen Behauptung, die wichtigste Rolle einer Frau sei die der Ehefrau und Mutter. Darüber, dass die Tochter Unabhängigkeit und Schriftstellerei wählt, können die beiden Frauen endlos streiten, zugleich sind sie unzertrennlich. In diesem biografischen Roman, der noch nie auf Deutsch erschienen ist und gerade in mehreren Ländern neu entdeckt wird, zerlegen Mutter und Tochter auf…mehr

Produktbeschreibung
Vivian Gornick ist eine Entdeckung!

Mütter sind anstrengend und bleiben es ein Leben lang. Schon als Kind spürt Vivian Gornick bei ihrer Mutter eine blinde Wut über deren Schicksal als Hausfrau. Begleitet von der trotzigen Behauptung, die wichtigste Rolle einer Frau sei die der Ehefrau und Mutter. Darüber, dass die Tochter Unabhängigkeit und Schriftstellerei wählt, können die beiden Frauen endlos streiten, zugleich sind sie unzertrennlich. In diesem biografischen Roman, der noch nie auf Deutsch erschienen ist und gerade in mehreren Ländern neu entdeckt wird, zerlegen Mutter und Tochter auf kilometerlangen Fußmärschen durch New York weibliche Lebensentwürfe und führen ein furioses und komödiantisches Defilee verschiedenster Charaktere, ihrer Liebhaber, Träume und Enttäuschungen auf.

"Kaum mit Worten zu sagen, wie überragend gut dieses Buch ist." Washington Post
  • Produktdetails
  • Verlag: Penguin Verlag München
  • Seitenzahl: 221
  • Erscheinungstermin: 15. April 2019
  • Deutsch
  • Abmessung: 221mm x 144mm x 25mm
  • Gewicht: 402g
  • ISBN-13: 9783328600305
  • ISBN-10: 3328600302
  • Artikelnr.: 54464229
Autorenporträt
Gornick, Vivian
Vivian Gornick, 1935 als Tochter einfacher jüdischer Einwanderer in der Bronx geboren, ist Autorin, Journalistin, Literaturkritikerin und bekennende Feministin. Sie begann ihre Karriere bei der New Yorker Wochenzeitung The Village Voice und schreibt seither für zahlreiche renommierte Medien, darunter The New York Times und Atlantic Monthly. Gornick veröffentlichte bisher elf Sachbücher mit oft autobiografischem Hintergrund. Mit »Ich und meine Mutter«, diesem modernen Klassiker der amerikanischen Frauenbewegung, ist nun erstmals eines ihrer Werke auf Deutsch erhältlich. 2019 wurde »Ich und meine Mutter« von der New York Times zum besten Memoir der vergangenen fünfzig Jahre gewählt.

pociao
Pociao studierte Anglistik und Vergleichende Literaturwissenschaften, übersetzt u.a. Paul Bowles, William S. Burroughs und Evelyn Waugh und gewann 2017 den Don DeLillo-Übersetzungswettbewerb.
Rezensionen
Besprechung von 12.05.2019
Härte, Drama und naive Romantik
Vivian Gornicks "Ich und meine Mutter" ist ein ergreifendes Buch über den Wunsch nach Nähe und die Unfähigkeit, sie zu ertragen

Als Vivian Gornicks gerade auf Deutsch erschienenes Memoir im Jahr 1987 unter dem Titel "Fierce Attachments" zum ersten Mal in den Vereinigten Staaten veröffentlicht wurde, da inspirierte der Erfolg des Buches ihre Mutter zu einem, sagen wir, ungewöhnlichen Verhalten: Über Wochen klapperte die ältere Dame sämtliche Buchhandlungen von Manhattan ab und signierte ganz unverfroren die Exemplare ihrer Tochter. "Ich habe ihr damals gesagt: Ma, das kannst du doch nicht machen, du hast das Buch nicht geschrieben", erzählt die mittlerweile selbst 83-jährige Gornick. Ihre Mutter habe darauf mit ihrer üblichen Chuzpe geantwortet: "Ja und? Ohne mich gäbe es gar kein Buch!" "She had a point", sagt Gornick und lacht.

In der Tat: "Ich und meine Mutter" wäre, wie der etwas unsubtile deutsche Titel verrät, ohne die Mutter nur ein halbes Buch. Oder besser gesagt: Es gäbe das Buch einfach nicht. Weil es Gornick, so wie sie darin denkt und fühlt und schreibt, in dieser Form nicht geben würde, wäre da nicht diese Frau, die sie ihr Leben lang mit ihrem dramatischen Wesen, ihrer Härte, ihrer naiven Romantik gequält hatte und von der sie sich nie wirklich zu trennen vermochte: "Wir sind gefangen in einem Schacht von Vertrautheit, Anspannung und Verpflichtung", heißt es da, "manchmal kommt es zu einer Art Mäßigung zwischen uns. Und dann kehrt der Zorn zurück."

In den achtziger Jahren, als sie das Buch schrieb, hätten die Feministinnen, zu deren radikalem Zweig die damalige "Village Voice"-Journalistin sich zählte, sich sehr für das Mutter-Tochter-Verhältnis interessiert. Schließlich seien es ja die Mütter, die uns zu der Frau machen, die wir werden, sagt Gornick, ob uns das nun gefalle oder nicht. Deshalb hat es sie auch nur wenig gewundert, dass ihr Buch heute, ganze dreißig Jahre nach der Ersterscheinung, wiederentdeckt und in neun Sprachen übersetzt wird: "Ich sehe das als Folge der MeToo-Bewegung. Heute sitzen überall in den Verlagshäusern talentierte junge Frauen und halten nach feministischen Büchern Ausschau."

Ihr Memoir, das sie selbst lieber als "personal narrative" bezeichnet, ist natürlich so eines. Es ist eine Art feministische Coming-of-Age-Geschichte. Nur dass diese nicht den Übergang vom Teenager zur jungen Erwachsenen beschreibt, sondern den langen und anstrengenden Kampf, den wahrscheinlich jede Frau mit ihrer Mutter, diesem nicht immer hilfreichen Vorbild, ausfechten muss. Sie hätte das Buch wahrscheinlich nicht schreiben können, meint Gornick, hätte sie zum Zeitpunkt seiner Entstehung nicht schon Frieden geschlossen mit dieser Mutter, von der uns schon die erste Szene des Buches einen ganz guten Eindruck vermittelt: Wir sind in den vierziger Jahren in einem Mietshaus in der Bronx. Vivian ist damals acht Jahre alt, sie verlässt gerade zusammen mit der Mutter ihre Wohnung, als sie auf dem Flur Mrs. Drucker, die Nachbarin, treffen. Drucker ist eine Frau, die ihren Mann offensichtlich hasst: Er wolle schon wieder "bumsen", sagt sie, deshalb habe sie ihn erst mal unter die Dusche geschickt. Ob er denn so dreckig sei, fragt Frau Gornick. Die Nachbarin antwortet, er käme ihr zumindest dreckig vor, und bekommt dafür entgegengeknallt: "Drucker, du bist eine Nutte."

In diesem Haus, das die Autorin als ein "Haus voller Frauen" beschreibt, in dem es zwar wahrscheinlich auch Männer gibt, die aber höchstens als Nebenrolle in einem Sex-Tratsch auftauchen, ist Vivian Gornicks Mutter so etwas wie ein Star. Sie ist selbstbewusst, hält sich für sehr "kultiviert" und findet fast alles und jeden "lächerlich". Sie hat einen Mann, mit dem sie, im Gegensatz zu fast allen anderen Frauen im Haus, extrem glücklich zu sein scheint, also nimmt man sie besonders ernst. So wie auch sie sich sehr ernst nimmt: Als ihr Ehemann, Vivian Gornicks Vater, an einem Novembertag, die Autorin ist dreizehn Jahre alt, stirbt, verhält sich die Mutter nicht, wie man das heute wahrscheinlich erwarten würde, also als schützender Wall für ihre Kinder. Sie zergeht theatralisch in ihrem Schmerz: In der Aufbahrungshalle versucht sie, in den Sarg ihres Geliebten zu klettern; am Friedhof will sie sich ins Grab stürzen; danach liegt sie wochen-, monate-, jahrelang weinend auf der Couch und suhlt sich in ihrem Verlust. Die Witwenschaft habe ihrer Mutter den Vorwand für eine höhere Form des Seins gegeben, schreibt Gornick. Die Tatsache, dass sie sich mit dem Tod ihres Mannes einfach nicht habe abfinden wollen und das alle wissen ließ, habe ihr Leben mit der Ernsthaftigkeit gesegnet, die ihr die Jahre am Herd verwehrt hatten.

Das klingt bitter, und das ist es auch. Insgesamt bewegt sich der Ton, wie der englische Titel viel besser beschreibt, immer zwischen diesen Polen: Der Liebe und dem Hass, dem Wunsch nach Nähe und der Unfähigkeit, sie zu ertragen. Die Art und Weise, wie Gornick daneben das Wuseln um diese mal apathische, mal witzig harte Mutter herum beschreibt, ist herrlich. Da sitzen die Damen stundenlang in der Küche herum, tratschen, sind gemein, naiv und wahnsinnig lustig. Mit einem kritisch-warmen Blick schaut die Autorin auf diese Frauen und ihre Welt, die es in dieser Form nicht mehr gibt: die der jüdischen, osteuropäischen Einwanderinnen, die in den dreißiger, vierziger, fünfziger Jahren in der Bronx herumsaßen und von der großen Liebe, manchmal auch, so wie Vivian Gornick, vom großen Sprung ins so nahe und doch so ferne Manhattan träumten. Die wenigsten von ihnen seien jemals dort angelangt, sagt die Autorin. Sie sei das einzige Mädchen im Haus gewesen, das studieren gehen konnte. Von ein paar Ausnahmen abgesehen, hätten fast all ihre damaligen Freundinnen genau das gleiche Leben geführt wie ihre Mütter.

Der nahezu geniale Zug dieses Buches ist die Art und Weise, wie Gornick all dies erzählt: Sie bettet die Geschichten ihrer Kindheit, dieses Hauses, dieser Frauen in einen großen Spaziergang durch Manhattan ein. Und schafft damit einen Übergang zwischen dem Ort, von dem sie kommt - dem geschlossenen Raum, in dem Ehefrauen und Mütter zusammensitzen, weil sie am Leben der Gesellschaft nicht teilnehmen dürfen. Und dem Ort, an dem sie angelangt ist: die Straßen von Manhattan. So stehen wir in einem Moment bei Nettie, der neuen Nachbarin, in der Küche und sehen, wie sie da ihre innere Leere wegzuvögeln versucht oder der Teenager-Vivian erklärt, wie man eine richtige Frau wird (natürlich indem man tut, was den Männern vermeintlich gefällt). Im nächsten sind wir zurück in der Gegenwart (den achtziger Jahren) und laufen mit der mittlerweile fünfundvierzigjährigen, geschiedenen Autorin und ihrer Mutter die Lexington Avenue hinauf. Oder die Eighth runter. Oder durch die Fifth. Oder über den Broadway. Wir schlendern mit den beiden Frauen über mehrere Jahre kreuz und quer durch Manhattan, hören zu, wie sie sich beim Laufen an früher erinnern, versuchen den Schmerz und die Vorwürfe zu entknoten; wie sie sich über Bücher streiten, weil Gornicks Mutter ihre Interessen (Mary McCarthy, Colette, Josephine Herbst) einfach nicht verstehen will oder ganz neugierig fragt: "Was machen Homosexuelle?"

Wir schauen der Mutter dabei zu, wie sie einem Straßen-Prediger erklärt: "Junger Mann, ich bin Jüdin und Sozialistin. Das ist mehr als genug für ein Leben, meinen Sie nicht auch?" Oder sie zu einem Obdachlosen, der um Geld für einen Martini bittet, sagt: "Ich weiß, dass wir Inflation haben, aber tausend Dollar für einen Martini?" Gornick beschreibt diese Spaziergänge, das Leben des New York der siebziger und achtziger Jahre so schön, dass es fast wie ein Film von Woody Allen oder Annie Hall wirkt.

In der Straße, durch das Laufen würden sich für sie viele Schreibprobleme lösen, sagt sie, es sei der beste Ort, um nachzudenken. Vor vier Jahren, 2015, hat sie ein Buch geschrieben, "The Odd Woman and the City", das einem ähnlichen Prinzip folgt und deshalb als Fortsetzung von "Ich und meine Mutter" verstanden wurde. Auch dieses Buch ist, wie überhaupt die meisten von Vivian Gornicks Büchern, sehr lesenswert, weil sie Gedankenräume öffnet, in die man gerne eintritt. An die Brillanz und den Witz und die Liebe dieses Memoirs, das man als Tochter einer Mutter eigentlich nur feiern kann, wird allerdings so schnell nichts herankommen.

ANNABELLE HIRSCH

Vivian Gornick: "Ich und meine Mutter". Aus dem Englischen von Pociao. Penguin, 224 Seiten, 20 Euro

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"An die Brillanz und den Witz und die Liebe dieses Memoirs, das man als Tochter einer Mutter eigentlich nur feiern kann, wird allerdings so schnell nichts herankommen" Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung