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Ein kühnes Meisterwerk - Don DeLillos großer Roman über den 11. September New York am 11. September. Eine Stadt in Asche und Rauch. In eindringlichen Bildern zeichnet Don DeLillo den Ablauf der Ereignisse nach: von den Tätern zu den Opfern, von Hamburg nach New York. Erzählt wird das Leben einer Familie, die berührende Geschichte einer Liebe, der Alltag nach der Katastrophe.
Keith Neudecker, der im World Trade Center gearbeitet hat, kann sich am 11. 9. aus einem der brennenden Türme retten. Er sieht, was geschieht, ohne es zu begreifen, und schlägt sich wie in Trance zu seiner Ex-Frau
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Produktbeschreibung
Ein kühnes Meisterwerk - Don DeLillos großer Roman über den 11. September New York am 11. September. Eine Stadt in Asche und Rauch. In eindringlichen Bildern zeichnet Don DeLillo den Ablauf der Ereignisse nach: von den Tätern zu den Opfern, von Hamburg nach New York. Erzählt wird das Leben einer Familie, die berührende Geschichte einer Liebe, der Alltag nach der Katastrophe.

Keith Neudecker, der im World Trade Center gearbeitet hat, kann sich am 11. 9. aus einem der brennenden Türme retten. Er sieht, was geschieht, ohne es zu begreifen, und schlägt sich wie in Trance zu seiner Ex-Frau Lianne und seinem kleinen Sohn Justin durch. In ihrer Verzweiflung klammern sich Keith und Lianne aneinander, sie wollen aus der Einsamkeit der Angst in ein gemeinsames Leben zurückfinden. Gespräche, vor allem in Liannes Familie, kreisen um den Schock, um den Terrorismus als ständige Bedrohung. Justin und seine Freunde versuchen im Spiel ihre Angst vor den Terroristen zu überwinden. Keith durchlebtimmer wieder das Trauma der Flucht aus den Türmen, und Lianne irrt ziellos durch die Stadt. Und dann sieht sie voller Entsetzen Falling Man, einen Performance-Künstler. Nur mit einem Seil gesichert, stürzt er sich als Chronist des Zeitalters des Terrors hoch oben von den Wolkenkratzern in die Tiefe. Der Terror bestimmt die Realität.

"Falling Man" ist ein weiterer Höhepunkt in DeLillos Werk. Von Neuem beweist der Autor, wie scharfsinnig und zugleich sensibel er einschneidende Ereignisse wahrnimmt. Mit großer sprachlicher Kunst und Prägnanz gelingt es Don DeLillo, das scheinbar Unsagbare überzeugend in Worte zu fassen.Die Originalausgabe des Romans erschien am 15. 5. 2007 in den USA.
  • Produktdetails
  • Verlag: Kiepenheuer & Witsch
  • Artikelnr. des Verlages: 4000778
  • Seitenzahl: 304
  • Erscheinungstermin: 29. Oktober 2007
  • Deutsch
  • Abmessung: 212mm x 134mm x 27mm
  • Gewicht: 394g
  • ISBN-13: 9783462039207
  • ISBN-10: 3462039202
  • Artikelnr.: 22818403
Autorenporträt
Don DeLillo, geb. 1936 in New York, ist der Autor von Romanen und Theaterstücken. Sein umfangreiches Werk wurde mit dem National Book Award, dem PEN/Faulkner Award for Fiction, dem Jerusalem Prize und der William Dean Howells Medal from the American Academy of Arts and Letters ausgezeichnet. 2013 erhielt er den Preis der Library of Congress Prize for American Fiction. DeLillo lebt in New York.
Rezensionen

Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 03.11.2007

Ein Stillleben mit Zwillingstürmen

Don DeLillos neuer Roman "Falling Man" nähert sich den Anschlägen des 11. September über eine Familiengeschichte. Doch tatsächlich ist das Buch eine Reflexion über Macht und Ohnmacht der Kunst im Angesicht des Schreckens.

Von Richard Kämmerlings

Im November 2001 veröffentlichte die polnische Dichterin Wislawa Szymborska in dieser Zeitung ein Gedicht mit dem Titel "Fotografie vom 11. September"; die Übersetzung stammte von Karl Dedecius: "Sie sprangen von brennenden Stockwerken abwärts - / einer, zwei, noch einige / höher, tiefer // Die Fotografie hielt sie lebend fest, / und nun bewahrt sie sie auf / über der Erde zur Erde // Jeder ist noch ein Ganzes / mit eigenem Gesicht / und gut verstecktem Blut", so die ersten drei von sechs Strophen. Das Gedicht ist eine Bildbeschreibung, es bezieht sich auf die schockierenden Aufnahmen von Menschen, die aus den Türmen des World Trade Center sprangen.

Das berühmteste, zur Ikone des Schreckens gewordene Foto stammt vom AP-Fotografen Richard Drew. Es erschien am 12. September in vielen Zeitungen, auch in der "New York Times", und seine Wirkung beruhte vor allem auf dem Kontrast zwischen den furchtbaren Geschehnissen und der makellosen Ästhetik des Bildes - und des Sprunges selbst. Mit dem Kopf voran, mit angelegten Armen und einem angewinkelten Bein scheint der "Falling Man" wie ein professioneller Turmspringer eine einstudierte Choreographie auszuführen. Der Sprung wirkt wie ein künstlerisches Statement, wie ein provokativer Kommentar zum tausendfachen Tod. Drews perfekt komponiertes Foto verdoppelt diesen verstörenden artistischen Charakter noch einmal, und das Gedicht der Szymborska macht daraus schließlich eine metaphysische Reflexion über die Macht und Ohnmacht der Kunst angesichts der sterbenden Menschen. Die letzte Strophe lautet: "Zwei Dinge nur kann ich für sie tun - / diesen Flug beschreiben / und den letzten Satz nicht hinzufügen." Indem Gedicht und Foto den Augenblick vor dem Aufprall festhalten, nähren sie die Illusion, die Zeit besiegen zu können: Der "Falling Man" ist noch nicht tot.

In Don DeLillos neuem Roman gibt es den Performancekünstler David Janiak, der hier in den Wochen und Monaten nach dem 11. September in halsbrecherischen öffentlichen Aktionen den Fall dieses "Falling Man" nachstellt. Von fast unsichtbaren Seilen gehalten, provoziert er die traumatisierten New Yorker; wie in einer kollektiven Psychotherapie ruft er die Schreckensbilder immer wieder in Erinnerung. Im Zentrum dieses Romans steht somit ein fixierter, der Zeit enthobener Moment, das Bild eines ewigen, nie an ein Ende kommenden Fallens - und damit im Grunde ein antinarratives Prinzip. Keine Story, kein Vorher und Nachher, sondern ein Still.

Die Reaktionen auf DeLillos Buch waren womöglich auch deswegen so zurückhaltend, weil man dieser Tiefenstruktur nicht ausreichend Beachtung schenkte und der auf den ersten Blick sehr private Plot in der Statik ein zu großes Gewicht bekam. Ausgangspunkt der Geschichte ist eine unerwartete Familienzusammenführung: Der im World Trade Center arbeitende Immobilienmakler Keith Neudecker kehrt wie in einem Reflex zu seiner Frau Lianne und seinem kleinen Sohn Justin zurück, nachdem er dem Inferno leicht verletzt entronnen ist. Der Roman setzt mit der atemberaubenden Szene ein, wie Neudecker, eine Aktentasche in der Hand und blutüberströmt, sich durch das Chaos zu seinem früheren Heim durchschlägt, wo er schon lange nicht mehr wohnt. Erst später erfahren wir, was genau ihm zuvor widerfahren ist. Denn das Blut ist nicht seines, und auch die Aktentasche gehört nicht ihm. Erst in der Schlussszene, die den Kreis schließt, wird das volle Bild sichtbar.

Erzählt wird abwechselnd aus der Sicht Neudeckers und der seiner Frau. Vor allem Liannes Blick fällt auf weitere Figuren und deren Reaktionen auf den 11. September: ihren Sohn Justin, der sich mit Freunden eine verzerrte Privatmythologie zusammenbastelt und nach weiteren Terrorflugzeugen Ausschau hält, Liannes Mutter, deren aus Deutschland stammender Liebhaber, heute Kunsthändler, eine undurchsichtige Vergangenheit im linken Terror der Siebziger hat, schließlich die Teilnehmer von Liannes "Erzähl mal"-Selbsthilfegruppe, die an Alzheimer im Frühstadium leiden und versuchen, das persönliche wie kollektive Schicksal narrativ zu verarbeiten.

Katastrophe ohne Katharsis.

DeLillo setzt drei Zeitschnitte, den letzten drei Jahre nach den Anschlägen, und er demonstriert so die Unmöglichkeit, die geschlagenen Wunden zu heilen. Ein bisschen fühlt man sich dabei an den Post-Vietnam-Topos erinnert, an die traumatisierten Veteranen, die nie mehr in die Normalität zurückfinden. Was etwa in Michael Ciminos Genreklassiker "The Deer Hunter" das russische Roulette, das ist hier das Pokerspiel, dem Neudecker verfällt, nachdem einige Arbeitskollegen aus seiner Pokerrunde in den Türmen ums Leben gekommen sind. Neudecker reist bald von Turnier zu Turnier, wo er, ein soziales Wrack, um höchste Einsätze zockt. Die Familie als letzter Halt war nur eine kurze Illusion; auch für eine tröstliche Katharsis taugt diese Katastrophe - anders als im Filmklischee der Siebziger - nicht.

Was DeLillo in seinem düsteren Buch vorführt, ist eine Deindividualisierung - ein Prozess, der lange vor den Anschlägen einsetzt und durch sie keineswegs an ein Ende kommt. Er läuft auf verschiedenen Ebenen ab: als Gedächtnisverlust bei den Alzheimerkranken, als Spielsucht bei Neudecker und als bewusste Auslöschung der Persönlichkeit bei einem der Attentäter, in dessen Psyche sich DeLillo ebenfalls in drei Abschnitten hineinzuversetzen sucht. Wie DeLillo die Zurichtung zum Massenmörder als Abtötung von Wünschen und Begierden, Ablenkungen und Selbstzweifeln beschreibt, ist vielleicht etwas verkürzt, aber doch überzeugend.

Dass man vor allem diese Passagen nicht an der Tiefenschärfe des Porträts des Kennedy-Attentäters Lee Harvey Oswald in "Libra"(1988) messen darf, liegt in der Natur der Sache. Während dort gerade die bis in Kindheitsmuster verfolgte Motivlage Oswalds einen plausiblen Ablauf der Ereignisse liefert und so gerade der Augenblick (jene "Sieben Sekunden" des deutschen Titels) in einen - möglichen - historischen Verlauf aufgelöst wird, ist es in "Falling Man" eben umgekehrt: Das komplexe historische und politische Geschehen wird zum vieldeutigen Einzelbild verdichtet. In der Wohnung von Liannes Mutter hängt ein Stillleben von Giorgio Morandi an der Wand, in dessen Anordnung von Kästen, Keksdosen und Flaschen Lianne plötzlich die Zwillingstürme zu erkennen glaubt.

Auch ist das Ziel der Attentäter kein konkreter Mensch, sondern das Abstraktum des gottlosen, ungläubigen Westens, dem sie selbst als reines Werkzeug einer höheren Macht entgegentreten. Auf mehreren Ebenen spielt DeLillo die Unterwerfung unter scheinbar willkürliche Regeln und Gesetze durch: die religiösen Vorschriften der Islamisten, die Geständnisrituale der Selbsthilfegruppe, der nur noch in einsilbigen Wörtern redende Justin, die in der Gruppendynamik immer rigider werdenden Pokerregeln der Männerrunde, auch die zwanghaften Wiederholungen des "Falling Man", der bewusst auf Flaschenzüge und Bungee-Seil verzichtet. Und wie jede Kunst erfordert auch das Erzählen, sich selbst im Grunde willkürliche Regeln aufzuerlegen.

Indem er den Roman mit solchen Parallelen und Analogien durchwirkt, trifft DeLillo keine extrahierbare, gar politische Aussage; es geht ihm nicht um ein Verständnis des Terrors im moralischen oder psychologischen Sinne. Derartigen Erklärungsmodellen, etwa denen des ehemaligen linken Terroristen, werden im Romanganzen eher ihre Grenzen aufgezeigt. DeLillo erzeugt vielmehr ein statisches Bild, ein Stillleben mit den Mitteln des Erzählens, in dem - wie in der lyrischen Momentaufnahme Szymborskas - die Katastrophe zugleich auf Dauer gestellt und im letzten Moment aufgehalten wird. Denn auch Neudecker hat im Turm den "Falling Man" gesehen: "Dann etwas draußen, es flog am Fenster vorbei. Etwas flog am Fenster vorbei, dann sah er es. Zuerst flog es vorbei und war weg, und dann sah er es und blieb einen Moment stehen und starrte hinaus auf nichts und hielt Rumsey weiter unter den Achseln. Er sah es immer noch, unentwegt, sieben Meter entfernt, einen Moment flog da etwas seitwärts, am Fenster vorbei, weißes Hemd, Hand erhoben, im Fall, bevor er es sah." Und später, im Treppenhaus, hat Neudecker plötzlich eine fremde Aktentasche in der Hand und trägt sie heim - auch das ein innerer Zwang, der keiner Logik folgt und gerade deswegen human ist. Der im Bild stillgestellte Moment kann noch beides, die Katastrophe wie die utopische Erlösung, enthalten. Und zwischen diesen Polen oszilliert das Erzählen des Zeitkünstlers Don DeLillo. Nur die Kunst kann die Geschichte in der Schwebe lassen.

- Don DeLillo: "Falling Man". Roman.

Aus dem Englischen übersetzt von Frank Heibert.

Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2007.

272 S., geb., 19,90 [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Perlentaucher-Notiz zur TAZ-Rezension

Hundertprozentig gelungen findet Frank Schäfer Don DeLillos 9/11-Roman nicht, aber selbst da, wo DeLillo scheitert, kann er ihm das nicht übelnehmen. "Sperrig" nennt er den Roman, über weite Teile findet er ihn sogar "erstaunlich unspannend", auch einige allzu symbolisch aufgeladene Einfälle stören den Rezensenten und eine gewisse Handlungsarmut. Aber dagegen steht die mal bildmächtige, mal extrem karge Sprache, die DeLillo an genau den richtigen Stellen anzuwenden weiß. Oder die Montagetechnik, mit der DeLillo das Leben seines verstörten Helden mit dem Theodizee-Problem und der sich "hochschaukelnden Paranoia" verbindet.  Hier zeigt sich dann DeLillo dem Rezensenten als der große Schriftsteller: Mit einer "bescheidenen Poetik", mit Gesten der "Resignation und Demut" und mit großem Können: "Die ersten und die letzten Seiten dieses Romans sind fulminant."

© Perlentaucher Medien GmbH
"Don DeLillo gibt mit seiner eindringlichen, unerbittlichen Sprache dem 11. September seine Aktualität zurück." -- Frankfurter Allgemeine Zeitung

"Don DeLillo legt den bisher besten Roman zu 9/11 vor." -- Sonntagszeitung (CH)

"Er zeichnet damit das amerikanische Trauma in all seiner Komplexität und Schwärze. DeLillo ist einer der bedeutendsten lebenden Romanciers." -- Deutschland Radio

"Es ist, als müsse alles neu besehen und benannt werden - niemand kann das besser als Don DeLillo." -- Süddeutsche Zeitung

"Eine Kulturdiagnose, die geschickt das Private mit dem Politischen verschränkt." -- Der Tagesspiegel

"Don DeLillo gestattet seinem Plot keine Beiläufigkeit [...] er ist ein unheimlicher Settingspezialist." -- Frankfurter Rundschau

Süddeutsche Zeitung - Rezension
Süddeutsche Zeitung | Besprechung von 22.05.2007

An den Nullpunkt zurückkehren
Don DeLillo verweigert in „Falling Man”, seinem Roman über den 11. September, die historisch-politische Moral
Die Spezialität des Schriftstellers Don DeLillo ist das Verweben des Politischen und des Privaten, des Medialen und des Intimen. In „Libra” umkreist er das Kennedy-Attentat, in „Mao II” religiös motivierten Terrorismus. Doch im Gegensatz zum Historiker richtet er seinen Blick immer von unten auf ein Ereignis. Nirgends gelang ihm das auf so atemberaubende Weise wie in „Underworld” (1998), wo er den Leser eine ganze Epoche durchleben lässt, die des Kalten Kriegs in Amerika. Alles was gedacht wurde und hätte gedacht werden können, alles was tatsächlich geschah, scheint darin enthalten, nur schärfer und plastischer. Wer das Buch las, verstand sofort: Das ist Literatur, deshalb gibt es sie.
Wie aber würde DeLillo mit einem Ereignis wie dem 11. September umgehen, fragte man sich. Einem Ereignis, das schon im Moment seines Geschehens bis in die letzte Ambivalenz medial ausgeleuchtet war, das zugleich trotz seiner Ikonenhaftigkeit gegenüber dem verblasst, was aus ihm folgte? Die größte Überraschung seines neuen Romans „Falling Man”, der vergangene Woche in den USA erschien, besteht darin, dass DeLillo diese beiden Schwierigkeiten einfach ignoriert (Don DeLillo: Falling Man, Scribner, New York. 246 Seiten, 26 Dollar). Sechs Jahre nach dem 11. September beschreibt er das Ereignis, als sei es nie zuvor beschrieben worden. Und er beschreibt es, als sei seitdem die Geschichte stehengeblieben: Er legt es unter das Mikroskop wie einen Kristall, wie etwas hartes, abgeschlossenes, etwas das man in Ruhe durchleuchten kann.
Rückkehr in die Routine
„Es war keine Straße mehr, sondern eine Welt, eine Zeit und ein Raum von fallender Asche und beinaher Nacht.” Im ersten Satz scheint DeLillo – völlig angemessen – ein globales Panorama aufzuziehen. Doch das ist ein Missverständnis. Schon im nächsten Satz ist seine Welt zur Straße geschrumpft – und schrumpft immer weiter. Wie reduziert und spröde diese Welt ist, wird erst wirklich deutlich, als er am Sonntag bei einer Veranstaltung in New York aus seinem Roman liest: ein überraschend alt und steif wirkender Mann mit einer unscharfen Aussprache, die in merkwürdigem Kontrast zur Genauigkeit seiner Sprache steht.
Jeder in New York hat seine 9/11-Geschichte, so auch Keith, der den Türmen kurz vor deren Einsturz entronnen ist. Leicht verletzt kehrt er zu seiner Frau, seinem Kind und einer Intimität unter Vorbehalt zurück, die er Jahre zuvor verlassen hat. Er ist ein unzuverlässiger Typ, nun doppelt haltlos, weil zwei seiner Pokerfreunde ums Leben gekommen sind. Keiths Frau Lianne hatte sich in einer befriedigenden Routine mit ihrem Sohn Justin eingerichtet. Etwas Glanz erhielt diese Existenz durch die Besuche ihrer kunstsinnigen Mutter und deren Liebhaber, einen deutschen Kunsthändler.
Wie Keith, der seinen besten Freund im Schreibtischstuhl sterben sah, stolpern auch alle anderen Figuren wie unter Schock durch den Roman. Ein paradoxer Zustand gleichzeitiger Taubheit und gesteigerter Sensibilität hat Körper, Geist und Seele befallen. Der 11. September kommt über DeLillos Personal wie Strahlung, die in einem Science-Fiction-Film unerklärliche Veränderungen verursacht. Wenn Keith seinen Arm auf und ab beugt, um die Verletzung zu heilen, wird die therapeutische Übung zum ritualhaften Befragen des eigenen Körpers. Lianne betastet sich auf der Suche nach einer unaussprechlichen Krankheit. Die Sonne, die Musik, die Wolken, die Liebe: alles scheint seine natürliche Bedeutung verloren zu haben, wie für die Alzheimer-Patienten, denen Lianne beim Aufschreiben ihrer Woche für Woche weiter verblassenden Erinnerungen hilft.
Dieser unverwandte Blick auf die Welt, der gerahmte Löcher sieht, wo eine Leiter ist, der die Bäume beschreibt, weil für den Wald der Begriff fehlt, war schon immer DeLillos Markenzeichen: Es ist als müsse alles neu besehen und benannt werden – und niemand kann das besser als er. Genau das machte den ominösen Terror, den der Chemieunfall in „White Noise” auslöst, so unmittelbar spürbar. Auch hier, in „Falling Man”, bedient sich DeLillo wieder dieser durch seine große Sprachkunst ermöglichten erzählerischen Technik, doch ihr fehlt der Widerstand, sie läuft ins Leere.
Ob aus eigener Anschauung oder aus dem Fernsehen: Der Leser kennt den Schneefall aus Kopierpapier, die entsetzt nach oben gerichteten Blicke, die Vermisstenfotos, er hat selber ängstlich nach tieffliegenden Flugzeugen Ausschau gehalten – kurz, er bedarf der umkreisenden Beschwörung dieser Phänomene nicht mehr, weil er sie aus seinem eigenen Durchleiden des 11. September nur zu gut kennt.
In „Underworld” hat DeLillo eine ganze Ära aus einem über 50 Seiten beschriebenen Baseballspiel hervorgehen lassen. In „Falling Man” ist es umgekehrt. Der unmodulierte posttraumatische Stupor, den er seinen Figuren aufzwingt, reduziert die Darstellung des Weltereignisses auf das konkret Erfahrene, Sichtbare. Schon die Namen Bush und Giuliani, die Zahl der Toten und der bevorstehende und dann beginnende Krieg liegen außerhalb des Gesichtsfelds. Diese angestrengte Beschränkung bringt aber keine neuen Einsichten zu Tage, wirft kein neues Licht auf diese seltsamen Wochen. „Es heißt, Journalismus sei die erste Fassung der Geschichtsschreibung. Vielleicht ist der Roman die letzte”, meint DeLillo auf der Bühne. „Der Roman kann ins Unterbewusste vordringen.” Doch wo das Unterbewusste zu sein hätte, findet DeLillo hier nur eine wattige Benommenheit.
DeLillos Strategie, die weltpolitische Silhouette von 9/11 zu verwischen, um sich ganz auf die Erfahrung selbst zu beschränken, hätte erfolgreich sein können, wenn er sich mit seiner Erzählung weiter vom Ereignis gelöst hätte. Doch seine Maschen sind so locker geknüpft, dass der dichte Teppich der papiernen Vorlagen darunter durchscheint. Auch er konnte 9/11 nicht neu erfinden, obwohl er mit Hilfe von Freunden näher an Ground Zero herankam als die meisten. Gefragt nach seinen Recherchen, antwortet er achselzuckend: „Zeitungen, Fernsehen und der Bericht der Regierungskommission.”
Selbst seine Figuren selbst wirken wie alte Bekannte aus den Pressefotos. „Falling Man” zu lesen ist deshalb oft, als blättere man in einer der Zeitschriften, die in ihren Sonderausgaben Tage nach dem Ereignis die besten Fotos versammelten; es handelt sich weniger um die literarische Darstellung eines Geschehens, als um die Darstellung von dessen Darstellung: es ist ein metamedialer Roman. Besonders befremdend wirkt das bei dem in die Handlung eingewobenen Rückblick auf die Geschichte der 19 Terroristen. Sie liest sich wie eine Übersetzung der einschlägiger Magazinreportagen ins DeLillosche.
Aus Analyse wird Andacht
Es gibt einen Nebeneffekt von DeLillos hyperpräzisem Blick: Je detaillierter die Dinge unter seiner Lupe erscheinen, desto mehr laden sie sich mit Bedeutung auf. Die genauestmögliche Beschreibung wird zur Feier des Besonderen, die Analyse zur Andacht. Diese Art von beschwörender Aufmerksamkeit nun, sechs Jahre danach, ausschließlich dem Anschlag selbst zukommen zu lassen, ist befremdend und unverständlich. So schockierend der Tag und seine unmittelbaren Auswirkungen waren, so wenig lässt er sich heute denken ohne das, was ihm folgte: zwei Kriege, deren Ende unabsehbar ist; Zehntausende Tote in Afghanistan und im Irak; mehr tote Amerikaner als am 11. September; und eine Krise die Amerikas politische und moralische Autorität auf lange Zeit beschädigt hat. Nichts davon wäre geschehen, hätte die Bush-Regierung nicht immer wieder das Grauen des 11. September beschworen. Diese Beschwörung nun selbst zu unternehmen, als hätten nicht andere mit perfiden Absichten es bereits getan, erscheint naiv und weltfremd.
Drei Jahre nach dem 11. September kehrt der Erzähler DeLillo zurück zu seinen Figuren. Liannes Mutter ist gestorben, Keith verbringt seine Tage beim Poker in Las Vegas. „Es waren die einzigen Passagen, die mir beim Schreiben Spaß gemacht haben”, meint DeLillo so bitter, als sei er selbst nicht recht überzeugt von seinem in Amerika sehr kritisch aufgenommenen Buch. Für die letzte Fassung des 11. September war es noch zu früh.
JÖRG HÄNTZSCHEL
Als sei die Geschichte stehengeblieben: der brennende Nordturm des World Trade Centers am 11. September 2001 Foto: Jeff Christensen/Reuters
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