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Am 1. Mai 1966 gerät ein junger Deutscher aus der hessischen Provinz in einen New Yorker Jazzclub, es spielt der Saxophonist Albert Ayler. Befremdet, beleidigt, beschwingt von der unerhörtesten Musik jener Zeit, beginnt der junge Mann, das ganze unheilvolle Durcheinander der Gegenwart aus diesen Tönen herauszuhören, den Mord an Kennedy, den Vietnamkrieg, den Börsenlärm, den Kampf der Schwarzen, die Studentenproteste. Je mehr er sich einlässt auf die wilde Musik, desto näher kommt der angehende Dichter sich selbst, bis zum verdrängten Schmerz eines Vaterkonflikts, der von einem anderen…mehr

Produktbeschreibung
Am 1. Mai 1966 gerät ein junger Deutscher aus der hessischen Provinz in einen New Yorker Jazzclub, es spielt der Saxophonist Albert Ayler. Befremdet, beleidigt, beschwingt von der unerhörtesten Musik jener Zeit, beginnt der junge Mann, das ganze unheilvolle Durcheinander der Gegenwart aus diesen Tönen herauszuhören, den Mord an Kennedy, den Vietnamkrieg, den Börsenlärm, den Kampf der Schwarzen, die Studentenproteste. Je mehr er sich einlässt auf die wilde Musik, desto näher kommt der angehende Dichter sich selbst, bis zum verdrängten Schmerz eines Vaterkonflikts, der von einem anderen Jazzkonzert ausgelöst wurde, und zu den peinlichen, pubertären Anfängen seines Schreibens. Gebannt von Aylers Improvisationsräuschen, begreift der junge Mann in einem hellsichtigen Assoziationstaumel die revolutionäre Energie, die in Wachheit und Wut steckt. Diese Musik lässt ihn körperlich fühlen, wie Zerstören und Zersetzen der Beginn alles Schönen sein kann und die Kunst das Rettende wird.
Eine autobiographische Erzählung von Friedrich Christian Delius, die den Aufbruchsgeist einer ganzen Epoche beschwört.
  • Produktdetails
  • Verlag: Rowohlt, Berlin
  • Seitenzahl: 91
  • Erscheinungstermin: 20. Februar 2018
  • Deutsch
  • Abmessung: 221mm x 128mm x 15mm
  • Gewicht: 198g
  • ISBN-13: 9783737100403
  • ISBN-10: 3737100403
  • Artikelnr.: 50100360
Autorenporträt
Delius, Friedrich Christian
Friedrich Christian Delius, geboren 1943 in Rom, in Hessen aufgewachsen, lebt seit 1963 in Berlin. Seine Werkausgabe im Rowohlt Taschenbuch Verlag umfasst derzeit achtzehn Bände. Friedrich Christian Delius wurde unter anderem mit dem Fontane- Preis, dem Joseph-Breitbach Preis und 2011 mit dem Georg-Büchner-Preis geehrt.
Rezensionen

Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension

Rezensent Andreas Kilb versteht: Das Buch ist keine Novelle, sondern eine "klassische Jazznummer in Prosa". Was F.C. Delius hier in einer gekonnten assoziativen Vermengung von Autobiografie und Historie skizziert, die eigene Teilnahme bei der Princeton-Sitzung der Gruppe 47, das erste Free-Jazz-Erlebnis in New York, Kennedy, Vietnam, oberhessische Schulzeit, der Vater, die Altnazis, enthält "Höhepunkte der deutschen Gegenwartsliteratur", so der hingerissene Rezensent. Ob autobiografisch oder zeitgeschichtlich genau oder nicht, ist da ganz gleichgültig, findet er. Der dritte Teil der Delius'schen literarischen Selbsterforschung: für Kilb unbedingt lesenswert.

© Perlentaucher Medien GmbH
Besprechung von 03.04.2018
Fluch des Kissenwerfens
Ein junger Deutscher besucht einen New Yorker Jazzclub: Friedrich Christian Delius erzählt,
wie die wilde Musik von Albert Ayler als „Die Zukunft der Schönheit“ erscheinen konnte
VON THOMAS STEINFELD
Unter den vielen traurigen Lebensläufen, die der Jazz hervorbrachte, ist die Geschichte des Saxophonisten Albert Ayler eine der unglücklichsten. Ein Meister auf seinem Instrument zwar und souverän im Umgang mit dem Repertoire, spielte er selten den Bebop, wie er gespielt werden sollte. Manchmal geriet ihm seine Neigung zum Spiritual und zum Gottesdienst dazwischen, immer wieder wanderte er in die Musik der Tanzsäle aus, oft interessierten ihn Klangfarben mehr als Harmonien und Melodien, und als er Mitte der Sechziger zu einer der zentralen Gestalten des Free Jazz hätte werden können, brach er die Improvisationen, indem er Fragmente einer Blechblaskapelle hindurchmarschieren ließ. In einem späten Versuch, doch noch zu Erfolg zu kommen, kehrte er gar zu Soul und Rhythm and Blues zurück. Doch während der Bass unerbittlich trieb und die Bläser ihrer strengen Choreografie gehorchten, sang er selbst, ohne Bindung an Tonhöhe und Metrum, sodass die Musik am Ende klang, als träte Troubadix mit den Funk Brothers auf. Albert Ayler starb im Herbst 1970, im Alter von nur 34 Jahren, vermutlich hatte er sich auf der Fähre zur Freiheitsstatue in den East River geworfen.
Von einer Begegnung mit Albert Ayler und dessen Musik handelt die scheinbar autobiografische Erzählung „Die Zukunft der Schönheit“ des Berliner Schriftstellers Friedrich Christian Delius. Als noch sehr junger Lyriker war er im Frühjahr 1966 zur Tagung der Gruppe 47 nach Princeton geladen worden. An die Veranstaltung schloss sich ein von der Ford Foundation bezahlter, halb privater Aufenthalt in New York an. Am letzten Abend dieses Aufenthalts, unmittelbar vor dem Rückflug nach Deutschland, wird der Erzähler von zwei vorgeblich welterfahreneren Freunden in einen Jazzkeller in der Lower East Side mitgenommen, wo Albert Ayler und sein Ensemble ihren Free Jazz mit Marscheinlagen spielten (es gibt einen Mitschnitt dieses Konzerts). Diese Begegnung mit einer zunächst verstörend fremden Musik und deren Ansprüchen auf einen freien ästhetische Ausdruck wird dem Erzähler zum Anlass einer Kette von Reflexionen auf seine Jugend in der hessischen Provinz, auf seine ersten Versuche als Dichter – und auf den Vater, einen protestantischen Pfarrer, der einige Jahre zuvor gestorben war.
Der Erzähler ist kein sonderlich sympathischer Mensch. In ihm verbindet sich eine sehr selbstbewusste Mittelmäßigkeit – „Narziss in Hessisch-Sibirien“ – und eine Gewissheit, irgendwie auf der richtigen Seite der Geschichte zu stehen – „ich überlegte sogar, über die Tugend der Zersetzung einen programmatischen Aufsatz zu schreiben“ –, mit einer deutlichen Ranküne gegenüber allem, was überlegen erscheint. So erscheint ihm die Tagung in Princeton, zu der er mit nichts als einem, wie er selbst meint: eher unbedarften politischen Gedicht eingeladen war, als „komische“ und „peinliche“ Veranstaltung. Das gilt ausdrücklich auch für die Auftritte eines „Österreichers“, der „sich auf dem Empire State Building als neuer Kafka ausgerufen hatte“, also für Peter Handke.
Albert Aylers Saxophon wirkt demgegenüber als kathartisches Instrument, weil aus ihm eine Naturkraft hervorzubrechen scheint, ein unverstellter, mit spirituellen Energien verbundener Selbstausdruck, der dem Erzähler am Ende sogar willkommen ist – nicht, weil er sich in dieser Kunst wiedererkennte oder weil er sie gar teilen wollte, sondern weil ihm offenbar das Wissen darum, dass es so etwas gibt, als höchstes, ja herrschaftliches Privileg erscheint: „Das könnte sie sein, die Zukunft der Schönheit“, im Bewusstsein alles Schrecklichen und frei von Lüge.
Ein weißer Pharisäer scheint sich also in das hauptsächlich schwarze Publikum des Jazzclubs gemischt zu haben. Aber er weiß, dass er ein Pharisäer ist, und insofern ist er kein echter. Er macht sich trivial, absichtlich, sodass am Ende nicht die wilde Musik Albert Aylers, sondern die selbstzufriedene Mittelmäßigkeit des Erzählers als das eigentlich Befremdliche wirkt – während dem Jazz in seiner existenziellen Unerreichbarkeit nichts genommen wird. Die blasse Kindheit in Nordhessen, die eitlen lyrischen Versuche, auch die Demonstrationen vor dem Berliner Amerika-Haus, erst recht die anmaßende Idee, einen programmatischen Aufsatz zur „Zersetzung“ zu schreiben, all diese Dinge, Pläne und Ereignisse erscheinen nun als Elemente eines Willens zur Illusion, der sich selbst so gut kennt, dass er sich nicht einmal die Desillusionierung glauben würde. Und so sind Zielpunkt und Titel des Buches, eben jene Ideen von einer „Zukunft der Schönheit“, am Ende nur als Konzept einer Selbstrettung zu verstehen, die um ihre Unmöglichkeit weiß. Oder anders gesagt: Die Schönheit, von der hier die Rede ist, weist einige Ähnlichkeit zu dem dünnen, eiernden Gesang auf, mit dem Albert Ayler in seinen späten Jahren vor die unerbittlich treibende Präzision einer Soul-Combo trat.
Ein überraschend abgründiges Buch ist dieses kleine Werk, das daherkommt, als sollte man es für eine sentimentale Erinnerung eines harmlosen „Helden der inneren Sicherheit“ (so ein früherer Buchtitel von Friedrich Christian Delius) halten, der sich gern damit brüstet, zumindest seelisch und intellektuell an vielen großen gesellschaftlichen Ereignissen der vergangenen Jahrzehnte teilgenommen zu haben: an der Ermordung John F. Kennedys wie am Widerstand gegen den Vietnamkrieg wie an der Abrechnung mit alten Nationalsozialisten. Vielleicht muss man es zweimal lesen, um des tragischen Gehalts inne zu werden – und besonders aufmerksam die Passage lesen, die erzählt, wie der Schüler zum ersten Mal später als vereinbart nach Hause kam und dort von einem wutentbrannten Vater empfangen wurde, der sich, auf dem Höhepunkt der Auseinandersetzung, in seinem blassblau gestreiften Schlafanzug und brillenlos erhebt, um den Sohn mit einem Fluch und einem Kopfkissen zu bewerfen. Für ein harmloses, ja lächerliches Ereignis könnte man diese Szene halten, für eine Entgleisung von so privatem, aber auch belanglosem Charakter, dass sie des Niederschreibens gar nicht wert sei.
Zugleich aber ist sie nicht nur niedergeschrieben, sondern erscheint auch als Erfahrung von existenzieller Wucht. In dieser Differenz verbirgt sich die Tragik, von der dieses Buch handelt. Das Kopfkissen ist eine schlimmere, weil den Ernst eines Konflikts systematisch verfehlende Waffe, als es eine Züchtigungsrute wäre: „Und hier erst, unter dem Quaken des Saxophons und dem Steuerfeuer des Trompeters, befiel mich zum ersten Mal die Ahnung einer höheren Komik, dass dieses naive Schreiben vielleicht stimuliert war vom vergessenen Fluch eines unvergessenen Kissenwerfers.“
Der so begründete Zweifel am eigenen Werk wird sich, so viel versteht der Leser, nicht damit begnügen, nur die frühen Arbeiten für naiv zu halten. Er wird nicht aufhören, an allen Errungenschaften zu nagen, die der Erzähler mit seinem Leben verbindet, und er wird am Ende vielleicht auch daran zweifeln, dass es so etwas wie eine „Zersetzungskunst“ gibt, für erwählte „ästhetische Gefährten“ geschaffen, deren absoluter Meister ein schwarzer Saxophonist aus Cleveland in Ohio war, der sein Instrument in den Fernseher warf, bevor er die Fähre zur Freiheitsstatue bestieg, um seinem Leben ein Ende zu setzen.
Die Musik wird zum Anlass
von Reflexionen auf die Jugend
in der hessischen Provinz
Unter dem Quaken des Saxophons
befällt den Helden „die
Ahnung einer höheren Komik“
Der Saxophonist Albert Ayler und der Schlagzeuger Allen Blairman, 1970.
Foto: imago/Philippe Gras
Friedrich Christian Delius: Die Zukunft der Schönheit. Erzählung. Rowohlt
Berlin Verlag, Berlin 2018.
94 Seiten, 16 Euro.
E-Book 13,99 Euro.
DIZdigital: Alle Rechte vorbehalten – Süddeutsche Zeitung GmbH, München
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über www.sz-content.de
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Besprechung von 10.03.2018
Bekenntnisse eines Sprachprotestanten

Er verliert nie die Lust am eigenen Ich: Mit "Die Zukunft der Schönheit" setzt Friedrich Christian Delius seine literarische Selbsterforschung fort.

Von Andreas Kilb

Ein junger Mann, Nachwuchsdichter, Literaturstudent, nichtlesender Teilnehmer an der berühmten Princeton-Tagung der Gruppe 47, geht mit zwei Freunden in eine Jazzkneipe in New York. Es ist der Abend des 1. Mai 1966, der letzte Abend vor dem Rückflug nach Berlin, die Band von Albert Ayler spielt in Slug's Saloon in der Third Street, und der Besucher hört zum ersten Mal eine Musik, die ihn bis an die Grenzen seiner Leidensfähigkeit strapaziert: "Das musst du jetzt aushalten, das wirst du aushalten, sagte ich mir, als wir uns gesetzt hatten. Fünf Musiker auf der schmalen Bühne, einer mit Saxophon, einer mit Trompete, einer am Schlagzeug, ein Bassist und ein Geiger, fünf Männer prügelten mit ihren Instrumenten auf meine Hörnerven ein, und ich dachte nur, lehn dich zurück und hör einfach zu oder hör weg -".

So beginnt die Geschichte. Es geht um Musik, um den Free Jazz der sechziger Jahre, und um das, was sie im Zuhörer aufruft, Gedanken, Gefühle, Erinnerungen, Abwehr und jubelnde Zustimmung. Vor allem aber geht es um ihn selbst, um den jungen Mann aus Berlin, der mit einem Bier in der Hand im Dunkeln sitzt, eingehüllt ins "Getröte, Gezirpe, Gehämmer, Gejaule" der Töne, um den Jüngling, der Friedrich Christian Delius vor zweiundfünfzig Jahren war. Wäre "Die Zukunft der Schönheit" ein Film, dann gäbe Albert Aylers Jazzmusik den Soundtrack dazu, besonders jene brutalistische Version des Gospel-Klassikers "When the Saints Go Marching in", die zwischen New York und dem oberhessischen Städtchen Korbach eine unsichtbare Brücke schlägt, auf der die Phantasie des Jünglings durch die Zeiten tanzt. Der Schauplatz der Handlung aber läge weder hier noch dort, sondern allein im Kopf des Erzählers. Im Kopf dessen, der die Erzählung schreibt, und zugleich in dem des Dreiundzwanzigjährigen, der sie vor einem halben Jahrhundert erlebt hat; in einem doppelten imaginären Raum. Für einen Film wäre das zu viel der Abstraktion. Für "Die Zukunft der Schönheit" ist es gerade genug.

Zurück in die Third Street. Die Band spielt, der Erzähler lauscht, und dabei fällt ihm als Erstes jene Schriftstellertagung ein, auf der ihm ein Auftritt - es wäre sein dritter gewesen - auf dem "elektrischen Stuhl", dem Vorlesesessel der Gruppe 47, glücklich erspart geblieben ist. Dafür hat ein Jüngling aus Österreich seine Chance genutzt, der nicht nur die Tagungsteilnehmer beschimpft, sondern sich auch vor laufenden Fernsehkameras auf dem Empire State Building "als neuer Kafka ausgerufen" hat. Es ist Peter Handke, und mit seiner Erwähnung verschränkt sich die autobiographische Perspektive endgültig mit der zeitgeschichtlichen. Denn mit Handkes berühmter Pöbelei in Princeton beginnt nicht nur die Pop-Phase der deutschsprachigen Nachkriegsliteratur, es endet auch die Geniezeit des F. C. Delius, und es beginnen die Mühen der Ebene.

Zu Hause in Berlin wartet ein Konvolut auf ihn, aus dem das Enthüllungsbuch "Wir Unternehmer" erwachsen wird, die erste von mehreren Abrechnungen mit den Mythen des deutschen Wirtschaftswunders und der Anfang einer Prozesslawine, die den Autor bis in die späten siebziger Jahre verfolgt. Erst 1981 kommt der erste Roman, und erst zehn Jahre darauf, mit den "Birnen von Ribbeck", die allgemeine Anerkennung, der literarische Ruhm. Davon weiß der junge Delius in der Jazzbar noch nichts. Aber der alte weiß es, und er schreibt es der Erzählung ein.

Bevor sein durch Albert Aylers Saxophon und ein gerade erstelltes, überaus schmeichelhaftes Horoskop befeuerter Aufbruch in die Zukunft beginnt, schaut der Held zurück: auf seine oberhessische Schulzeit und das Wurzelgeflecht von Altnazis, das sich unter der gutbürgerlichen Oberfläche Korbachs verbarg, auf die ersten Erfolge mit reimloser Lyrik und die frühen Studienjahre in Berlin, auf die Rede Kennedys an der Freien Universität und den Vortrag Pasolinis in der Kongresshalle. Vor allem aber auf die letzte Auseinandersetzung mit dem todkranken Vater, der seinen Sohn in hilflosem Zorn mit einem Kissen bewirft, weil Delius junior die Feier zu seinem siebzehnten Geburtstag bis in die Nachtstunden ausgedehnt hat.

Es ist derselbe Kriegsheimkehrer-Vater und evangelische Gemeindepfarrer, der schon in "Der Sonntag, an dem ich Weltmeister wurde" und in "Amerikahaus und der Tanz um die Frauen" eine tragende Rolle spielte und nun, im Schlussstück der Trilogie, sein Requiem bekommt. Sein Part ist kläglich. Seine Züchtigung verpufft. Aber dann, mitten im FreeJazz-Gewitter, wird dem jungen Dichter auf einmal klar, wem er sein Sprachempfinden vor allem zu verdanken hat: "am meisten doch dem Prediger, der mich mit kräftigem Lutherdeutsch, poetischen Psalmen und der Schlagkraft der Choräle geschult" und zugleich "das Gehör für Phrasen und Hohlheit geschärft hatte". Und so streift den Sohn "der Gedanke der Milde", der "Weichheit" gegenüber dem Toten.

Mag sein, dass die zögernde Abbitte, aus dem Abstand von fünfzig Jahren in den Kopf eines Jünglings gepflanzt, ein literarischer Kniff ist, eine Fiktion. Aber so, wie Delius diesen Moment in den assoziativen Fluss seiner Prosa einbettet, wie er das Vatermotiv anspielt, variiert und schließlich zu einem durchdringenden Akkord verdichtet, gehört der Augenblick in Slug's Saloon zu den Höhepunkten der deutschen Gegenwartsliteratur, zu jenen Prosastücken, bei denen es egal ist, ob sie biographisch und zeitgeschichtlich beglaubigt sind oder nur große Wortkunst. Das Gleiche gilt, von einigen allzu adjektivisch flottierenden und vom eigenen Formulierungsfuror berauschten Passagen abgesehen, für die ganze Erzählung.

Eines nämlich hat der medienscheue Spätentwickler und Sprachprotestant Delius mit seinem Antipoden Handke gemein: Er wird seiner selbst niemals müde, verliert nie die Lust am eigenen Ich. Und so handeln Delius' beste Bücher, allen voran das meisterliche "Bildnis der Mutter als junge Frau", nicht von historischen Ereignissen (wie die Trilogie zum "deutschen Herbst"), sondern von ihren Spiegelungen im Privaten, Biographischen, in der Welt der kleinen Leute und kleinen Dinge.

Nur dass Delius in seinen biographischen Nahaufnahmen immer die geschichtliche Totale mitbedenkt. Kennedys Ermordung, der Vietnamkrieg, die Auschwitzprozesse, die Studentenbewegung, der Autorenfilm, all das klingt in dieser kaum hundertseitigen Skizze an, ohne umständlich erklärt zu werden (dafür genügt in Zeiten von Wikipedia ein Mausklick). Und es hätte nicht der Gedankenstriche am Ende jedes Absätzes bedurft, damit wir begreifen, dass dies keine klassische Novelle ist, sondern eine Jazznummer in Prosa. Nur bei Albert Ayler, dem Genie der freien Töne, setzt die Geschichte einen Schlusspunkt: Vier Jahre nach dem Auftritt am 1. Mai springt er von der Fähre zur Freiheitsstatue in den Tod. "Die Zukunft der Schönheit" zündet auch für ihn eine Kerze an.

Friedrich Christian Delius: "Die Zukunft der Schönheit". Erzählung.

Rowohlt Berlin Verlag, Berlin 2018. 96 S., geb., 16,- [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Wer im Chaos der Gegenwart die Zukunft der Schönheit sehen und sein schmerzliches Erwachen so brillant beschreiben kann, muss ein glücklicher Mensch sein - und ein genialer Autor.