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Erscheint weltweit gleichzeitig: der neue Roman von Don DeLillo, dem "aufregendsten Schriftsteller seiner Generation" Die Zeit
Ein junger Filmemacher sucht einen ehemaligen geheimen Kriegsberater der amerikanischen Regierung in dessen Haus irgendwo in der kalifornischen Wüste auf. Er hofft, ihn für eine Dokumentation gewinnen zu können. Als die Tochter des älteren Mannes auftaucht, nimmt die Geschichte einen verhängnisvollen Lauf.Im MoMa in New York betrachtet ein Mann eine Installation: Hitchcocks "Psycho", verlangsamt auf eine Spielzeit von 24 Stunden. Und er betrachtet zwei Männer, einen…mehr

Produktbeschreibung
Erscheint weltweit gleichzeitig: der neue Roman von Don DeLillo, dem "aufregendsten Schriftsteller seiner Generation" Die Zeit

Ein junger Filmemacher sucht einen ehemaligen geheimen Kriegsberater der amerikanischen Regierung in dessen Haus irgendwo in der kalifornischen Wüste auf. Er hofft, ihn für eine Dokumentation gewinnen zu können. Als die Tochter des älteren Mannes auftaucht, nimmt die Geschichte einen verhängnisvollen Lauf.Im MoMa in New York betrachtet ein Mann eine Installation: Hitchcocks "Psycho", verlangsamt auf eine Spielzeit von 24 Stunden. Und er betrachtet zwei Männer, einen älteren, einen jüngeren, die sich die Installation anschauen. Schnitt.Mitten in der Wüste, "südlich von Nirgendwo", lebt der dreiundsiebzigjährige Richard Elster in einem einsam gelegenen Haus. Hierher hat er sich zurückgezogen, um über Raum und Zeit nachzudenken. Elster, ein Gelehrter, der sich jahrelang mit dem Thema Auslöschung in all seinen Varianten beschäftigt hat, diente der amerikanischen Regierung während des Irakkriegs zwei Jahre lang als geheimer Berater, er sollte ihre Kriegshandlungen mit einem intellektuellen Referenzrahmen versehen. Als seine Dienste nicht mehr gebraucht werden, zieht er sich in die Wüste zurück.Dort besucht ihn Jim Finley, ein junger Filmemacher, der Elster von seinem Filmprojekt überzeugen möchte: eine Dokumentation ganz ohne Schnitt, nur eine einzige Einstellung: ein Mann - Elster - vor einer Wand. Keine Fragen aus dem Off, keine Regieanweisung. Zwölf Tage schon diskutieren die beiden Männer, als Elsters Tochter Jessie auftaucht, eine junge Frau aus New York, die die Dynamik der ganzen Geschichte grundlegend verändert. Etwas Unfassbares geschieht, und alles Gesagte wird in Frage gestellt.Der Omega-Punkt ist ein tief verstörendes, brillantes Werk über Verlust und Verschwinden von einem der größten Schriftsteller der Gegenwart.Die deutsche Übersetzung erscheint zeitgleich mit der amerikanischen Originalausgabe.
  • Produktdetails
  • Verlag: Kiepenheuer & Witsch
  • Originaltitel: Point Omega
  • Artikelnr. des Verlages: 4001033
  • 3. Aufl.
  • Seitenzahl: 110
  • Erscheinungstermin: 22. Februar 2010
  • Deutsch
  • Abmessung: 196mm x 122mm x 18mm
  • Gewicht: 196g
  • ISBN-13: 9783462041927
  • ISBN-10: 3462041924
  • Artikelnr.: 27885340
Autorenporträt
Don DeLillo, geb. 1936 in New York, ist der Autor von Romanen und Theaterstücken. Sein umfangreiches Werk wurde mit dem National Book Award, dem PEN/Faulkner Award for Fiction, dem Jerusalem Prize und der William Dean Howells Medal from the American Academy of Arts and Letters ausgezeichnet. 2013 erhielt er den Preis der Library of Congress Prize for American Fiction. DeLillo lebt in New York.
Rezensionen

Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 05.03.2010

Teilen wir alle dasselbe Geheimnis, ohne es zu wissen?

In seinem großartigen Roman "Der Omega-Punkt" schickt Don DeLillo einen Gelehrten auf Sinnsuche in die Wüste. Dessen paranoider Rückzug ist auch als Kommentar zum intellektuellen Amerika der Bush-Ära zu verstehen.

Der Tod? Ein elektrischer Ton, ein gleichmäßiges, weißes Geräusch, das dich umgibt wie die Sprache, in der du lebst: eine Endlinie, die sich wie ein schwarzer Bewusstseinsfaden durch Don DeLillos Werk zieht und auch den großartigen neuen Roman des Schriftstellers markiert. Die Mitteilungen des "verrückten Memoschreibers", der in "Americana" die Angestellten eines Fernsehsenders daran erinnert, dass der Mensch "auf ewig im Zustand des Todes verharren wird"; J. Edgar Hoover, der in "Unterwelt" eine Reproduktion von Brueghels Gemälde "Der Triumph des Todes" betrachtet und seinen faszinierten Blick kaum mehr abwenden kann. Von Lanzen durchbohrte Leiber, Farben von Fleisch und Blut - "eine Landschaft der visionären Verwüstung und Katastrophe", die DeLillo in "Falling Man" aus den Trümmern des World Trade Center abermals auferstehen lässt und in "Der Omega-Punkt" am Rande des Gesichtsfelds kaum verbirgt.

Die Toten, die sich in Asche niedergeschlagen haben und auf die Haare der Überlebenden herabrieseln; die "tiefen, schrecklichen Ängste um uns und die Menschen, die wir lieben", wie es in "Weißes Rauschen" heißt. "Und der Tod? Wo ist er?" Die zehrende Angst, die in Tolstois Erzählung "Der Tod des Iwan Iljitsch" den Sterbenden jäh verlässt - in Don DeLillos Werk ist sie bewahrt und allgegenwärtig: Ein "weißes Rauschen" - electrical noise, uniform, white -, das DeLillo in seinem gleichnamigen, teils unter dem Arbeitstitel "The American Book of the Dead" entstandenen Roman auf eindringliche Weise benennt. "Wie kommt es, dass keiner sieht, welch tiefe Angst wir in der vergangenen Nacht, an diesem Vormittag hatten?" White Noise. "Ist das etwas, was wir alle voreinander verstecken, in gegenseitigem Einvernehmen? Oder teilen wir alle dasselbe Geheimnis, ohne es zu wissen." Als diese tiefe, schreckliche Angst am Ende von "Der Omega-Punkt" an die Oberfläche drängt, verwandelt sie DeLillos Protagonisten Richard Elster in einen bebenden, allmählich in sich selbst versinkenden Körper, eine versteinerte Seele - leblos und roh wie nackter Fels.

Richard Elster ist der Vater einer über alles geliebten Tochter, zweier ungeliebter Söhne; ein 73 Jahre alter Gelehrter von internationalem Format, der sich nach einer zweijährigen Tätigkeit im Pentagon auf einen "spirituellen Rückzug" in die Wüste begeben hat und dort im Sommer 2006 Besuch von dem jungen Filmemacher Jim Finley erhält. Finley, der einen Film über Elster drehen möchte, in dem dieser über seine Zusammenarbeit mit den Strategen und Militäranalytikern der Bush-Regierung spricht, ist der Ich-Erzähler von DeLillos Roman, empfindlich und intensiv: Sein Blick streicht wie ein Kameraauge über Elster hinweg, registriert jede Bewegung, jeden Gedanken und spürt schon an einem der ersten Abende "die hartnäckige Unruhe", die der mehr als drei Jahrzehnte ältere Mann bei einsetzender Dunkelheit in einem tiefen Schweigen zu verbergen versucht. "Im Strom von Gedanken und trüben Bildern werden wir zu uns selbst und fragen uns träge, wann wir sterben müssen", so formuliert es Elster in einem der zahlreichen Aphorismen, in deren verführerische und nicht selten entblößende sprachliche Haute Couture Don DeLillo seine grandiose Figur hüllt: "So leben und denken wir, ob wir es wissen oder nicht." In der glühenden Urwelt der Wüste - im Nachdenken über Zeit und Raum - erlebt Richard Elster Momente "meditativer Panik", eine Art "spiritueller Panik", wie es aus DeLillos Theaterstück "Gott der Träume" nachklingt, die in einen kühnen, von der einnehmenden literarischen Überzeugungskraft des Autors jedoch mühelos getragenen Traum vom kollektiven Aussterben des Menschen eingehen.

"In der Dunkelheit arbeitet das Gehirn weiter, wie eine Maschine, die Laub und Schnee verschlingt, das einzig wache Ding im Universum." Bereits im erschöpfenden Leerlauf der neongrellen Warenwelt, die DeLillo in "Weißes Rauschen" beschreibt, sehnt sich das menschliche Bewusstsein nach Vergessen und Schlaf: In "Der Omega-Punkt" skizziert Elster in seinen zahlreichen Gesprächen mit Finley die apokalyptische Vision von dessen Auslöschung. "Stellen Sie sich mal diese Frage", sagt Elster, dessen Denken von den Theorien des jesuitischen Priesters und Anthropologen Teilhard de Chardin, von der Ahnung der tiefen, geologischen Zeit der Wüste beeinflusst ist: "Müssen wir für immer menschlich bleiben? Das Bewusstsein hat sich erschöpft", sagt Elster, für den der Krieg im Irak, den er als "Denker der Verteidigung" konzeptualisieren und mit einer intellektuellen Rhetorik versehen sollte, im Rausch der Wüste nur noch ein unbedeutendes, von den "Phantasten" und "Kleingeistern" der Bush-Regierung ventiliertes Hintergrundgeräusch, ein "leises Flüstern", ist. "Eine Bombe ist nie genug. Im Nebel der Technologie, genau dort hecken die Orakel ihre Kriege aus. Denn jetzt kommt die Introversion, Pater Teilhard kannte das, der Omega-Punkt. Ein Sprung aus unserer Biologie hinaus", sagt Elster, dessen Vorahnung seiner eigenen Zerstörung sich im Bild einer faszinierenden Weltphilosophie verbirgt, der zufolge die Evolution des Bewusstseins an ihren Endpunkt gelangt ist und das kollektive menschliche Denken in einem letzten Flackern verglüht: "Wir sind völlig ausgespielt", glaubt Don DeLillos im politischen Dialog desillusionierte Figur, deren paranoides, im Rückzug ausgetragenes end game zweifellos auch als Kommentar auf das intellektuelle Amerika der Bush-Ära gelesen werden muss. "Die Materie möchte ihre Befangenheit verlieren, das Bewusstsein ihrer selbst. Wir sind Geist und Herz, zu denen die Materie geworden ist. Es ist Zeit, das alles dichtzumachen." Essen, schlafen, schwitzen, dazu ist Elster in der Wüste, nichts tun, dasitzen, denken. Er sagt: "Zurück zu anorganischer Materie, na los. Das wollen wir. Wir wollen Steine auf dem Feld sein." Materie - bewusstlos und tot wie ein Blatt im Wind, wie der scharfe, kalte Stahl des Messers, auf das sich Elsters Denken gegen Ende des Romans zuspitzt.

"Ich spürte den Drang, diesen Ort zu verlassen, auf einem langen geraden Expressway hinein in den Westen zu rasen", sagt David Bell, der in "Americana" der Sinnleere seines Lebens zu entkommen versucht: "Mich Bergen und Wüsten zu stellen; mein Bildnis zu zertrümmern, das Prisma aller meiner Bilder." Schon in seinem 1971 veröffentlichten Debütroman inszeniert Don DeLillo die Wüste als einen Sehnsuchtsort, als jenen Erkenntnisort finaler Wahrheiten, den er auch in späteren Werken, in "Unterwelt" und "Gott der Träume", repräsentiert: In "Der Omega-Punkt" macht DeLillo die leere Ebene der Wüste schließlich zum Schauplatz des intensiven Nachdenkens über die Metaphysik der Zeit, das er auf kaum weniger eindrucksvolle Weise bereits in seinem 2001 erschienenen Roman "Körperzeit" betrieben hat. Time slows down when I'm here. Time becomes blind: Fernab des leeren, geschäftigen Lebens, das er hinter sich gelassen hat, fernab des "Kalkulierens von Minute zu Minute", vermeint Elster in der Wüste die Hinfälligkeit der Zeit zu spüren. "Dies ist tiefe Zeit, epochale Zeit", sagt Elster zu seiner Tochter Jessie, die ihn und Finley eines Tages in der Abgeschiedenheit seines Hauses besucht. "Die Zeit ist immens, das spüre ich hier, greifbar. Die Zeit, die uns vorausgeht und überlebt." Jessie ist eine eigenartige, eine faszinierende Frau, die schnell Finleys Aufmerksamkeit erregt, das sphärische Traumobjekt ihres Vaters, das DeLillo mit schicksalhaftem Gestus, ganz zwanglos, ganz selbstverständlich in Elsters kosmischen Traum von der Auslöschung aufnimmt.

Das Licht und der Schatten, der geduldige, lauernde Blick und das zunehmende Gefühl einer latenten Bedrohung; die tiefsitzende Angst und der Tod, der Raum und die epochale, alles verschlingende Zeit: In dem zwölfseitigen Prolog, mit dem DeLillo seinen meisterhaft konstruierten Roman beginnt, sind die Motive von Finleys Erzählung bereits vollständig angelegt. Die Bewusstseinssplitter der essayistisch anmutenden Skizze, in der ein anonymer Besucher in einem dunklen Kabinett im Museum of Modern Art Douglas Gordons Videoinstallation "24 Hour Psycho" betrachtet, sind der Nukleus, aus dem heraus DeLillo Finleys Erzählung auf die nackte Leinwand der Wüste projiziert.

Der namenlose Mann registriert jede Bewegung, die Anthony Perkins in Hitchcocks auf eine Laufzeit von 24 Stunden ausgedehntem Thriller vollführt; er steht ungesehen im Dunkel und tritt erst am Ende des Romans, als DeLillo die Erzählung des Prologs wiederaufnimmt, ins schwarzweiße Licht des Films, um "Pore um Pore aufgesogen zu werden" und mit der Figur des von Perkins gespielten Psychopathen Norman Bates zu verschmelzen. Und der Tod? Wo ist er? "Wenn man alle Oberflächen wegnimmt", wenn man wie Don DeLillos Protagonist Richard Elster tief hineinschaut in den endlosen Trichter der Zeit, "bleibt nur Terror übrig".

THOMAS DAVID

Don DeLillo: "Der Omega-Punkt". Roman. Aus dem Amerikanischen von Frank Heibert. Kiepenheuer & Witsch. Köln 2010. 110 S., geb., 16,95 [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Süddeutsche Zeitung - Rezension
Süddeutsche Zeitung | Besprechung von 01.03.2010

Die Spur der Steine
Don DeLillos neuer Kurzroman „Der Omega-Punkt” handelt von Erlösungsphantasien in Zeiten der universellen Paranoia
Als Alfred Hitchcocks „Psycho” 1960 in die amerikanischen Kinos kam, reagierten die Zuschauer auch deshalb verstört, weil der einzige Star des Films bereits in der Exposition ermordet wird. Das war ein Ikonoklasmus gegen die Konventionen Hollywoods und umso beunruhigender, als die Figur, die Janet Leigh spielt, unerlöst bleibt auf eine Weise, die alles Folgende ins unbehagliche Helldunkel der moralischen Ambiguität taucht. Denn diese Marion Crane hat Geld unterschlagen. In unterschiedlichen Einstellungen des Films sieht man sie mal in weißer, mal in schwarzer Unterwäsche, und gerade, als sie am Kreuzweg steht und ihre rituelle Reinigung unter der Dusche auf Umkehr hindeutet, nimmt ihr der Mörder die Entscheidung ab. Natürlich ist Norman Bates, der schizophrene Serienkiller, der verlängerte Arm des frevlerischen Regisseurs, der in „Psycho” den uramerikanischen Glauben an die Autonomie des Individuums erschüttert, indem er einer von jenen, die den Heldenmythos verkörpern, stellvertretend die Peripetie verweigert.
Aus dem Schatten der Berühmten treten die gespaltenen Persönlichkeiten hervor, Leute wie Norman Bates, über den es in Don DeLillos neuem Roman „Der Omega-Punkt” heißt: „Jeder kennt den Namen des Killers, aber keiner kennt mehr den Namen des Opfers. Anthony Perkins ist Norman Bates, Janet Leigh ist Janet Leigh”.
Der Unbekannte, der sich hier bestätigt fühlt, dass Amerika irgendwann an seinen Tautologien zugrunde geht, ist selbst ein Wiedergänger von Norman Bates: ein gehemmter Einzelgänger mit einer übermäßig starken Mutterbindung, der ganze Tage im Museum of Modern Art in New York damit verbringt, sich in ein Stück Konzeptkunst zu versenken. „24 Hour Psycho” heißt die Videoinstallation des schottischen Künstlers Douglas Gordon, die Hitchcocks „Psycho” auf eine Spieldauer von 24 Stunden verlangsamt. Handelt es sich bei dem verschwiemelten Cineasten um jenen mysteriösen Dennis, der eine junge Frau namens Jessica im Museum anspricht und um ihre Handy-Nummer bittet, genau einen Tag, nachdem er dort ihren Vater Richard Elster in Begleitung eines jüngeren Mannes durch die Ausstellung irren sah? Ist er der unbekannte Anrufer auf ihrem Handy-Display, und gehört ihm das Messer, das die Ranger in einer Schlucht in der kalifornischen Wüste finden?
Irgendwann, als Richard Elster und sein Begleiter, der in die Wüste gekommen ist, um einen Dokumentarfilm über den ehemaligen Berater der Bush-Administration während des Irak-Krieges vorzubereiten, vom Einkaufen zurückkehren, ist Jessica verschwunden. Sie bleibt unauffindbar, als wäre sie in der Hitze verdunstet, eins geworden mit der Landschaft. Jessies Verschwinden ist das unerhörte Ereignis in diesem novellistischen Romans mit seinen gut hundert Seiten. Und es ist der Köder, den DeLillo mit der routinierten List eines Großmeisters der Postmoderne dem Leser hinwirft, um ein Netz aus losen Schlingen auszulegen, in dem die Frage, ob hier ein Verbrechen geschehen ist, nicht die einzige bleibt, auf die es keine Antwort gibt. Denn wie gewohnt, geht es DeLillo nicht um den kriminalistischen, sondern um den metaphysischen Thrill. Das Genre, auf das er schon durch die Hitchcock-Referenz anspielt, dient ihm einzig als Hohlform. Die Welt der Erzählung ist eine dünne Kruste, zerbrechlich, weil sich darunter Kavernen des Numinosen auftun. Jessicas Verschwinden ist ein blindes Motiv oder, wie Hitchcock sagen würde, ein MacGuffin. Denn allein sie stellt eine Verbindung her zwischen den drei männlichen Figuren des Romans, jede von ihnen auf einer spirituellen Suche eigener Art.
Selbst von der ätherischen Unberührbarkeit eines Engels, wandelt Jessica so unbeirrt durch das Buch, als wäre sie bereits der Erleuchtung teilhaftig geworden, auf welche die drei Männer in der Einsamkeit des Museums oder der Wüste hoffen, bei den Artefakten ebenso wie in der urgewaltigen Natur. Und doch weiß man nicht, ob sie ein Engel der Erlösung oder der Rache ist. Selbst als Jessie während der langen Wochen, die der Experimentalfilmer in Elsters Haus verbringt und die zu einem quälenden Schweigeexerzitium werden, mit diesem schläft, ist das eher asexuell und wirkt wie eine Folge ihres karitativen Wesens, dessen Überprononciertheit ihre Weiblichkeit ins Madonnenhafte entrückt. Nicht zufällig verliert sich die Spur auf einem ehemaligen militärischen Testgelände, als wollte Jessica den Vater entsühnen, der sich schuldig machte im Krieg. Und wenn DeLillo am Ende nachträgt, dass sie im Museum zu dem Unbekannten sagte, alles, was sie erlebe, sei ihr„erstes Mal”, scheint es, als habe sie längst jene mystische Grenze passiert, den Omega-Punkt überschritten, an dem sich einem Theorem des frommen Philosophen Teilhard de Chardin zufolge das menschliche Bewusstsein in den Kosmos entäußert.
Denn genau darum geht es: den Aufstand der Zeichen gegen das Bezeichnete, das große Indifferentwerden, für das die Dusche in „Psycho”, in der das Blut abgewaschen wird, bis die Indizien gelöscht und alles wieder weiß ist, eine tabula rasa, ebenso steht wie das unschuldige Achselzucken, mit dem Jessica die Frage des Unbekannten nach ihrer Telefonnummer quittiert. „So viele Dinge vergingen so schnell, sagte sie. Wir bräuchten Zeit, um das Interesse an Dingen zu verlieren.” Nach dieser höheren Interesselosigkeit streben sie alle: Richard Elster, der bizarre Meisterdenker, der einst dafür zuständig war, die amerikanische Kriegspropaganda intellektuell zu verbrämen, und nun in der Einsiedelei das Vergehen der Zeit anhalten möchte. Der ziellose Jungfilmer, der Elster so pur wie möglich porträtieren möchte, in Echtzeit, ohne Schnitte und in einer einzigen Einstellung. Und der unheimliche Geist im Museumskabinett, der sagt: „Dieser Film hatte dasselbe Verhältnis zu dem ursprünglichen Film wie der ursprüngliche Film zu realer, gelebter Erfahrung. Das hier war die Abweichung von der Abweichung. Der ursprüngliche Film war Fiktion, das hier war real.”
Wenn man „Der Omega-Punkt” als ein Buch über Amerika liest, so ist Paranoia sein Thema, eine Paranoia, die universell geworden ist: durch die Inflation der Zeichen und Verweise in einer zunehmend sekundären Welt, in der alles etwas bedeutet und doch nichts und auch der Krieg nur eine Simulation am Computer ist. So konstruiert sie auch sind, die nominalistischen Luftspiegelungen des Don DeLillo – so ermöglichen sie doch dem Autor, wonach seine Figuren sich vergeblich sehnen: Sie stiften genug heilsame Verwirrung, dass man allen Koordinaten misstraut und nur noch der eigenen Spur folgt, die eine Schneise schlägt in die gedeutete Welt. Während sich die Sinnsucher im Roman mit ihren ontologischen Fastenkuren zur epochalen Kontingenz eines Steins nur zu läutern versuchen, formieren sich in DeLillos karstiger Lakonie Wüsten- und Seelenlandschaften wie in einer Doppelbelichtung zu einem zusammenhängenden Stück erratischer Prosa von geradezu schmerzhaft scharfer Kontur. Und so gehören die Passagen, in denen Richard Elster, seine Tochter Jessie und beider Gast zu einer Familie auf Zeit und mit unklaren Rollen zusammenwachsen, zu den besten dieses literarischen Frühjahrs, ausgezehrt, sehnig und doch vibrierend vor Spannkraft und wie aufgeladen von einer statischen Elektrizität. CHRISTOPHER SCHMIDT
DON DELILLO: Der Omega-Punkt. Roman. Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln, 2010. 112 Seiten, 16,95 Euro.
Norman Bates aus „Psycho” steht stellvertretend für die amerikanische Schizophrenie
Verdorrtes Zwiebelfeld am Rande der Sonora-Wüste in Mexiko, nahe der amerikanischen Grenze, wo DeLillos Roman spielt. Foto: Brian L. Frank/Redux/laif
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Perlentaucher-Notiz zur FR-Rezension

"Bar jeder Ironie", wie Rezensent Christian Thomas betont, gelingen Don DeLillo hier mal wieder Prägungen wie: "Es gab eine Zeit, da existierte keine Landkarte von der Wirklichkeit, die wir erschaffen wollten." Hoher Ton ist also angesagt. Und das geht in diesem Fall nicht ab ohne den Spätmystiker Teilhard de Chardin, die kalifornische Wüste, Meditationen über die Form des Haiku, den Irakkrieg und eine Videoinstallation Douglas Gordons, die Hitchcocks "Psycho" auf 24 Stunden dehnte. Thomas betont mehrfach den Ton der Beiläufigkeit, mit der DeLillo Allertiefstes über Zeit, Existenz, die "Zeit-Raum-Kompression" sowie ihrer Hinfälligkeit zu bedenken gibt. Sehr ausgeklügelt sei auch die Konstruktion des Romans, "möglicherweise auch überkonstruiert" meint Thomas noch, um am Ende zu kapitulieren: "Diese Sinnlosigkeit macht hilflos."

© Perlentaucher Medien GmbH
"[...] meisterlich in der einfachen Form, mit wie zufällig herangewehten Beobachtungen und Konstellationen, zieht DeLillo Bilanz über ein Leben in der Kunst." Literaturen