Eine kurze Geschichte von sieben Morden - James, Marlon
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Ausgezeichnet mit dem Man Booker Prize
Jamaika, 1976: Sieben bewaffnete Männer dringen in das Haus des Reggae-Musikers Bob Marley ein und eröffnen das Feuer. Marleys Manager wirft sich schützend über ihn und erleidet dabei lebensgefährliche Verletzungen. Marleys Frau Rita wird ebenfalls schwer verwundet, er selbst bleibt mit leichteren Verletzungen an Armen und Brust zurück. Wer waren die Täter? Was waren ihre Motive? Ausgehend von dem Attentat und den Spekulationen, die sich darum ranken, entwirft Marlon James ein vielseitiges Stimmungsbild Jamaikas in den 70er und 80er Jahren voll Gewalt,…mehr

Produktbeschreibung
Ausgezeichnet mit dem Man Booker Prize

Jamaika, 1976: Sieben bewaffnete Männer dringen in das Haus des Reggae-Musikers Bob Marley ein und eröffnen das Feuer. Marleys Manager wirft sich schützend über ihn und erleidet dabei lebensgefährliche Verletzungen. Marleys Frau Rita wird ebenfalls schwer verwundet, er selbst bleibt mit leichteren Verletzungen an Armen und Brust zurück. Wer waren die Täter? Was waren ihre Motive? Ausgehend von dem Attentat und den Spekulationen, die sich darum ranken, entwirft Marlon James ein vielseitiges Stimmungsbild Jamaikas in den 70er und 80er Jahren voll Gewalt, politischer Willkür, Drogen und Intrigen, ausgestaltet bis ins kleinste Detail.

  • Produktdetails
  • Verlag: Heyne
  • Seitenzahl: 858
  • 2017
  • Ausstattung/Bilder: 2017. 864 S. 227 mm
  • Deutsch
  • Abmessung: 233mm x 161mm x 53mm
  • Gewicht: 1164g
  • ISBN-13: 9783453270879
  • ISBN-10: 3453270878
  • Artikelnr.: 47031772
Autorenporträt
Robert Brack, geb. 1959, lebt in Hamburg. 1993 wurde er von der Raymond-Chandler-Gesellschaft mit dem 'Marlowe' ausgezeichnet, 1996 erhielt er den 'Deutschen Krimi-Preis'. Seit 1999 schreibt er auch unter dem Pseudonym Virgina Doyle.
Rezensionen
»'Eine kurze Geschichte von sieben Morden‘ ist ein Werk, das sich durch Sprachkraft, Rhythmusgespür und Musikalität auszeichnet.«
Besprechung von 08.05.2017
Wenn es nicht so war, dann war es so ähnlich
Bob Marley, die CIA und viel Gewalt: Marlon James erzählt "Eine kurze Geschichte von sieben Morden"

Alex Pierce steckt in Schwierigkeiten. Er schreibt an einer mehrteiligen Reportage, die im "New Yorker" erscheint und von einem Massaker in einem Crackhaus handelt. Einer der dort herumlungernden Junkies hatte den brutalsten Drogenboss Amerikas gedemütigt (Urinspritzer aus der Wasserpistole), wofür am Ende alle büßen mussten. Jetzt ist Alex an der Reihe. Bei ihm zu Hause tauchen ein paar Mobster auf, die in Ruhe über seine Artikelserie plauschen wollen. Ihr Titel: "Eine kurze Geschichte von sieben Morden".

Diese Episode hat der aus Jamaika stammende Autor Marlon James ersonnen, zu finden ist sie in seinem dritten Roman, dessen Plot aus allen Nähten platzt. Es geht um den 1976 verübten Anschlag auf Bob Marley und die Intrigen von Killern und CIA-Strategen, das politisch gebeutelte Kingston und den dort gärenden Cocktail aus Armut und Gewalt, den New Yorker Drogenrausch der achtziger Jahre und die dafür verantwortlichen Strippenzieher. Das mehr als achthundert Seiten starke Buch, aus dem der amerikanische Bezahlsender HBO demnächst eine Serie machen wird, trägt den gleichen Titel wie Alex' Reportage: "Eine kurze Geschichte von sieben Morden".

Damit wären wir mittendrin im Dickicht von Referenz und Selbstreferenz, Sinn und Metasinn. Vor allem jedoch stellt sich die Frage nach dem Verhältnis von Dichtung und Geschichtsschreibung. Aristoteles meinte, Erstere sei philosophischer als Letztere, weil sie Allgemeines betreffe, nicht Besonderes. James' Roman bietet eine luftig verquirlte Mischung aus beidem, er handelt gleichermaßen vom Großen und Ganzen wie von historisch belegten Einzelfällen. Was uns erwartet, klärt direkt zu Beginn ein jamaikanisches Sprichwort: "Wenn's nicht so war, dann war's so ähnlich."

Der amerikanische Autor Ryan Gattis hat das Erzählprogramm seines Thrillers "In den Straßen die Wut" einmal als "sourced fiction" bezeichnet, also als eine auf Quellen gestützte Fiktion. Auch Marlon James kostet das Potential dieser Phantasiegattung bis zur Neige aus, eine seiner wichtigsten Fundgruben ist "Catch a Fire", die von Timothy White vorgelegte Biographie über Bob Marley. Darin begegnen Details, die wir in der "Kurzen Geschichte von sieben Morden" wiederentdecken, nun allerdings nicht als Fakten der Vergangenheit, sondern als Erlebnisse ausgedachter Figuren.

Der Roman besteht aus fünf Kapiteln, die jeweils an einem Tag spielen und die Zeit von 1976 bis 1991 umfassen. In ihnen kommen, ebenfalls eine Gemeinsamkeit mit Gattis, verschiedene Ich-Erzähler zu Wort, die ungehemmt drauflosplaudern. Zu dem Ensemble zählt neben Gang-Mitgliedern, Agenten und einer grandiosen weiblichen Hauptfigur sogar ein toter Politiker. Manche von ihnen wirken grell ausgeleuchtet, andere wie Schattenrisse, sie alle monologisieren, als könnte jede Silbe die letzte sein. Der daraus erwachsende Chor hat entscheidend dazu beigetragen, dass James 2015 unter anderem Hanya Yanagiharas "Ein wenig Leben" hinter sich ließ und die namhafteste Auszeichnung des britischen Literaturbetriebs erhielt, den Man Booker Prize.

Am wohlsten wird sich derjenige Leser fühlen, dem die überwältigende Unmittelbarkeit der Lektüre nichts ausmacht. Das Konzert der Worte erweckt Abschnitt für Abschnitt einzigartige Sprecher zum Leben, die keineswegs gewinnen, wenn man sie ausdeutet, sondern wenn man sie wirken lässt. Vom brachialen Slang bis zum aromatisierten Ausdruck, vom Bewusstseinsstrom ohne Interpunktion bis zur Rede in Versen, von pastoraler Diktion bis zur zerkauten Mundart - James zieht alle Register und beweist ein sicheres Gespür für Rhythmus und Klang.

Auch die Figuren wissen um die Macht der Sprache. Ein Gangster über seinen Kompagnon: "Wenn er wie ein Jamaikaner redet, dann redet er ganz unfein und gemein. Wenn er wie ein Weißer redet, klingt es, als würde er aus einem Buch mit schwierigen Wörtern vorlesen." An anderer Stelle beschreibt Alex ein Getto in Kingston als wildes Geruchsreservoir, wobei er hauptsächlich Substantive aufzählt: "Old Spice, English Leather und Brut Eau de Cologne. Der rohe Duft einer frisch geschlachteten Ziege, Pfeffer und Piment in der Ziegenkopfsuppe. Ätzende Chemikalien im Waschmittel, Kakaobutter, Karbolsäure, Lavendelseife." Gerade weil das Elend hier genussfähig bleibt, erscheint es so erbarmungslos plausibel.

Allerdings sei der ziemlich große Wermutstropfen nicht verschwiegen. Zu viele Übersetzer verderben den Sprachbrei, und an James' Roman haben sich deren gleich fünf zu schaffen gemacht. So kommt der Sound des Originals in der deutschen Ausgabe vollständig abhanden. Was bleibt, ist der hölzern übertragene Inhalt, dessen Schwerpunkt im Laufe des Plots wechselt. Stehen zunächst die Ereignisse rund um das Attentat auf Bob Marley im Vordergrund, geht es später um den Werdegang des nach dem Helden in Clint Eastwoods Film "Der Texaner" benannten Verbrechers Josey Wales. Deshalb dämmert Alex, dass Marley "vielleicht das Zentrum dieser Geschichte ist, es aber möglicherweise gar nicht seine Geschichte ist".

Vorangepeitscht wird die Handlung durch die Ausübung von Gewalt. Dabei halten es die Figuren wie Mephisto, der in Goethes "Faust II" erklärt: "Man hat Gewalt, so hat man recht". James' Bestialitätsvisionen sind turbulent und ungezügelt, hier werden Teenager erhängt und lebendig begraben, schwangere Frauen und Schuljungen hingerichtet. Wer sich davon moralisch entrüstet zeigt, übersieht, dass mit den Exzessen Möglichkeitsräume der Fiktion ausgelotet werden. Kunst, so liest man bei dem Philosophen Martin Seel, bringt "Gewalt zur Wahrnehmung, wie sie in anderen Kontexten nicht wahrgenommen werden kann oder wahrgenommen werden darf". In diesem Sinne führt James fortlaufend die Freiheiten der Imagination vor Augen.

"Eine kurze Geschichte von sieben Morden" ist ein Buch, das größere Ambitionen hat als die handelsübliche Kriminalliteratur. Genauigkeit, Dramaturgie, Timing, daran muss sich ein Krimi messen lassen. James lässt solche genretypischen Zutaten nicht links liegen, kümmert sich aber obendrein um Stil, Stimmung und Formvollendung. Das Ergebnis ist ein hochaufgelöster Brutalitätstrip, der die Wahrnehmung des Lesers schärft und seine künstlerische Urteilskraft schult.

In der eingangs erwähnten Szene sagt einer der Gangster zu Alex: "Als du das geschrieben hast, bist du dir richtig schlau vorgekommen, was?" Wäre die Frage an Marlon James gerichtet gewesen und von ihm bejaht worden - man könnte es ihm nicht verdenken.

KAI SPANKE

Marlon James: "Eine

kurze Geschichte von

sieben Morden". Roman.

Aus dem Englischen von Guntrud Argo, Robert Brack, Michael Kellner, Stephan Kleiner, Kristian Lutze. Heyne Verlag, München 2017. 864 S., geb, 27,99 [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Besprechung von 26.09.2017
Was die Toten reden
Marlon James’ preisgekrönter Jamaika-Roman
Die Lebenden hören nicht zu. Und die Vergangenheit interessiert sie nur wenig. Die Toten aber sind immer nah bei den Lebenden, manchmal können sie sogar in die Lebenden hineinschlüpfen. Zugleich reden sie und erinnern sich die ganze Zeit. Vielleicht ist das der Grund dafür, dass der jamaikanische Autor Marlon James, geboren 1970 in Kingston, gleich zu Beginn seines Romans einen Toten sprechen lässt, einen ehemaligen Politiker, der ein Opfer halb-krimineller Machenschaften geworden ist. Dieser Tote ist so etwas wie der Duppy, der böse Geist des Buches, der sich in beinahe jedem Großkapitel zeigt.
Aber auch die bösen Geister haben ihre guten Seiten. Es gehört zu der ganz eigenen Ironie des Buches, dass ausgerechnet der korrupte Ex-Politiker die Erinnerung an die Vergangenheit wachhält – und ein ums andere Mal von den Toten erzählt. Diese Toten haben es Marlon James so sehr angetan, dass der Titel seines mit dem Man-Booker-Prize ausgezeichneten Romans, „Eine kurze Geschichte von sieben Morden“, fast schon zynisch klingt. Weder ist seine Geschichte kurz, noch handelt sie von sieben Morden. Ganz im Gegenteil, Marlon James schickt so viele tatsächliche und zukünftige Tote durch seine ausufernden Kapitel, zeigt Teile ihrer Leben, lässt sie bisweilen selbst erzählen – bis man am Ende gar nicht mehr weiß, sind es ein paar Dutzend oder gar jene „zwei, drei, hundert, achthundert und neunundachtzig“, von denen einmal die Rede ist.
Dabei wühlt der Roman in einer Mischung aus realen Details und Erfindungen die Welt der Lebendigen gehörig auf. An seiner Oberfläche erzählt er von jenem Attentat auf Bob Marley im Jahr 1976, bei dem „der Sänger“, wie er hier genannt wird, nur knapp dem Tod entgeht. Eine Gruppe Männer mit M 16-Gewehren stürmt sein Haus in Kingston, und die Kugel verfehlt bloß deshalb sein Herz, weil er im Augenblick des Schusses aus- und nicht einatmet. So will es die Legende.
Unter dieser Erzählung aber pulsiert ein ganzes Geflecht von anderen Geschichten, die tief hineinführen in die politische Landschaft Jamaikas. Die Konkurrenz zwischen zwei Parteien und zwei Kartellen. Der Kampf um die Vorherrschaft im Drogenhandel. Dazwischen CIA und DEA und die große amerikanische Angst vor der „Finsternis des Kommunismus“. Wie formuliert es ein Journalist: „Chef, hier fliegt uns demnächst die Kalter-Krieg-Scheiße nur so um die Ohren“. Und der Sänger sollte sterben, weil er vielleicht wirklich vorhatte, sich für einen Friedenprozess einzusetzen? Wer weiß das schon so genau.
Es ist eine Stärke dieses Romans, dass er sich auf die Suche nach der „einen Wahrheit“ gar nicht erst einlässt. Marlon James erlaubt es allen seinen Protagonisten, selber zu sprechen. Aus dem Ensemble von rund achtzig Figuren (ein Tableau zu Beginn des Buches listet sie auf) hat er zwölf ausgewählt, die als Ich-Erzähler über die Seiten führen, darunter Zeitungsmenschen, CIA-Agenten und diverse Gang-Mitglieder. So, wie die Schauplätze in Kingston und später in New York wechseln, ändern sich die Perspektiven auf ein und dasselbe Ereignis, je nachdem, wer gerade spricht. Ihr Zentrum ist eine junge Frau, die im Laufe des Buches vielerlei Identitäten annimmt, sich mal Nina Burgess nennt, mal Kim Clarke, mal Dorcas Palmer. Allerdings erzählen alle Figuren im Präsens, was immer dann ein wenig unbeholfen wirkt, wenn sie erst einmal beschreiben, an welchem Ort sie sind oder was sie gerade tun.
Marlon James hat versucht, diese Vielschichtigkeit der Perspektiven durch unterschiedliche Sprachen zu verstärken. Jargons, Dialekte, Fachsprachen, alles mischt er ein. Wenn hier jemand umgebracht werden soll, heißt es nicht einfach „Töte ihn“, sondern „Ich möchte, dass du Wegzaubercreme auf diesen Bruder schmierst.“ Dazu kommen Flüche wie „Bombocloth“ oder „R’aascloth“. Leider ist es den fünf Übersetzern nur an wenigen Stellen gelungen, diese vielen Töne ins Deutsche zu holen. Vor allem greifen sie immer wieder zum falschen sprachlichen Register. Ein Gangster, der von seinem „Schniedel“ spricht, „Himmelherrgott“ sagt und „Ich bin der Doktor Eisenbart“ singt, wirkt genauso wenig glaubwürdig wie einer, der beim Sterben „oh jemineh ach“ schreit.
Das größte Problem dieses Buches aber hat nichts mit der Übersetzung zu tun, sondern liegt darin, dass seine Stoffe in alle Richtungen wuchern. Auch wenn Marlon James immer wieder mit filmischen Motiven von „Pulp Fiction“ bis zu den „Sopranos“ kokettiert – er hätte sich besser etwas von den Schnitttechniken abschauen sollen. Lang ist der Roman und zuweilen auch langatmig, durch Exkurse und immer neue Figuren unnötig aufgebläht. Dabei gibt einer der New Yorker Gangster am Ende des Buches doch den bombocloth besten Ratschlag für solche Fälle: „Bleib einfach bei der eigentlichen Geschichte, schweif nicht zu weit ab.“ Oder in Dorcas Palmers Worten: „Ich mag Reduktion. Etwas auf den Punkt bringen. Eindampfen. Rauskürzen.“
NICO BLEUTGE
Marlon James: Eine kurze Geschichte von sieben Morden. Roman. Aus dem Englischen von Guntrud Argo, Robert Brack, Michael Kellner, Stephan Kleiner und Kristian Lutze. Heyne Verlag, München 2017.
864 Seiten, 27,99 Euro.
E-Book 22,99 Euro.
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