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2 Kundenbewertungen


Juan Diego und seine für alle anderen unverständlich sprechende Schwester Lupe sind Müllkippenkinder in Mexiko. Ihre einzige Überlebenschance: der Glaube an die eigenen Wunderkräfte. Denn Juan Diego kann fliegen und Geschichten erfinden, Lupe sogar die Zukunft voraussagen, insbesondere die ihres Bruders. Um ihn zu retten, riskiert sie alles. Verführerisch bunt, magisch und spannend erzählt: zwei junge Migranten auf der Suche nach einer Heimat in der Fremde und in der Literatur.…mehr

Produktbeschreibung
Juan Diego und seine für alle anderen unverständlich sprechende Schwester Lupe sind Müllkippenkinder in Mexiko. Ihre einzige Überlebenschance: der Glaube an die eigenen Wunderkräfte. Denn Juan Diego kann fliegen und Geschichten erfinden, Lupe sogar die Zukunft voraussagen, insbesondere die ihres Bruders. Um ihn zu retten, riskiert sie alles. Verführerisch bunt, magisch und spannend erzählt: zwei junge Migranten auf der Suche nach einer Heimat in der Fremde und in der Literatur.

Dieser Download kann aus rechtlichen Gründen nur mit Rechnungsadresse in D, A ausgeliefert werden.

  • Produktdetails
  • Verlag: Diogenes Verlag AG
  • Seitenzahl: 736
  • 2016
  • Deutsch
  • ISBN-13: 9783257607147
  • ISBN-10: 3257607148
  • Best.Nr.: 44212923
Autorenporträt
John Irving, geboren 1942 in Exeter, New Hampshire, lebt in Toronto. Seine bisher dreizehn Romane wurden alle Weltbestseller und in mehr als 35 Sprachen übersetzt, vier davon verfilmt. 1992 wurde Irving in die National Wrestling Hall of Fame in Stillwater, Oklahoma, aufgenommen, 2000 erhielt er einen Oscar für die beste Drehbuchadaption für die Verfilmung seines Romans ›Gottes Werk und Teufels Beitrag‹. 2013 erhielt er die weltweit wichtigsten Auszeichnungen für seine Darstellung von sexueller Toleranz und Gleichbehandlung in seinem literarischen Werk.
Rezensionen

Perlentaucher-Notiz zur NZZ-Rezension

"Straße der Wunder" ist ein typischer Irving, versichert Rezensentin Irene Biral. Die Geschichte um den mexikanischen Waisenjungen Juan Diego enthält natürlich viele Wunder, Glauben, Erinnerungen und Träume, zugleich aber auch Irvings gekonnte Mischung aus Vergangenheit und Gegenwart und nicht zuletzt einen politischen Hintergrund, erklärt die Kritikerin. Sie reist mit Irvings Helden von Mexiko bis zu den Philippinen, begleitet ihn von der frühen Jugend bis ins Alter, begegnet zahlreichen grotesken Figuren, etwa der Transsexuellen Flor, amüsiert sich bestens mit Irvings tiefsinnigem Humor und lobt nicht zuletzt die dichte Atmosphäre dieses wunderbaren Romans.

© Perlentaucher Medien GmbH
Besprechung von 02.04.2016
Heilige Jungfrau mit zornigem Blick
Erzählen im Angesicht des Todes: John Irvings "Straße der Wunder" ist ein Roman, über den man sich zunächst ärgert und später doch Abbitte leistet

Die dunkle Seite der Jungfrau Maria offenbart sich den Kindern Lupe und Juan Diego, als ihre Mutter die überlebensgroße Madonnenstatue in der Jesuitenkirche von Oaxaca reinigen will. Dazu steigt Esperanza auf eine Leiter, streckt den Arm mit dem Staubwedel aus, verliert den Halt und stirbt - nicht an dem Sturz, wie der Arzt Vargas später bei der Obduktion feststellt, sondern weil ihr Herz vor lauter Todesangst aufgehört hat zu schlagen. Den Grund für diese Panik haben auch die Kinder beobachtet: Als die freizügig gekleidete Prostituierte Esperanza der Jungfrau ihr üppiges Dekolleté ins Gesichtsfeld hielt, funkelten die Augen der Statue urplötzlich zornig auf.

Ein tödliches Marienwunder? Tatsächlich schildert John Irving in seinem neuen Roman, der 2015 im amerikanischen Original und dieser Tage auf Deutsch erschienen ist, eine Gesellschaft, in der die Sehnsucht nach Wundern ebenso verbreitet ist wie die Enttäuschung darüber, wenn sie ausbleiben, in der Geisterseherei und radikaler Skeptizismus kein Widerspruch sind - so mag etwa der Arzt Vargas nichts von irgendwelchen religiösen Wundern hören und nimmt zugleich mit größter Gelassenheit hin, dass im Haus seiner verstorbenen Eltern regelmäßig unsichtbare Hände die dort ausgestellten Waffen der Konquistadoren zum Scheppern bringen, weiß er doch von dem hellseherisch begabten Mädchen Lupe, dass es ihm die Toten nicht nachtragen, dass er damals als Einziger das Flugzeug verpasst hatte, in dem der Rest seiner Familie verunglückte.

"Straße der Wunder", heißt Irvings Roman, der Titel weist auf die Calzada de los Misterios in Mexico City, in der eine Episode des Romans angesiedelt ist. Die Passage ist Teil jenes Handlungsstrangs, der rund ums Jahr 1970 und zumeist in der zentralmexikanischen Stadt Oaxaca spielt. Juan Diego ist vierzehn, Lupe dreizehn Jahre alt. Die Kinder leben auf dem Gelände der großen Müllkippe, wo ständig Feuer schwelen, um Abfall oder auch mal die toten Hunde der Deponie zu verbrennen - oder aussortierte Bücher aus dem Bestand der Jesuiten. Juan Diego zieht sie aus den Flammen und bringt sich mit ihnen Lesen bei, der Jesuitenpater Pepe wird auf ihn aufmerksam und fördert ihn, und als der Junge wenig später ganz allein dasteht, nimmt ihn der wundersüchtige ehemalige Priester Edward, der sich in die Transvestitin Flor verliebt hat, mit zurück nach Amerika, wo er und Flor ihm Eltern sind und Juan Diego Schriftsteller wird.

Das ist der eine Strang des Romans, die Erinnerung, in die der erwachsene Juan Diego fortwährend zurückkehrt. Der andere schildert eine Reise, die der Erfolgsschriftsteller zur Jahreswende 2010 auf 2011 unternimmt. Die Stränge sind kunstvoll miteinander verwoben, die Übergänge sind fließend, denn der Vierundfünzigjährige ist herzkrank und nimmt Medikamente, die ihn immer wieder wegdämmern lassen, so dass sich lebhafte Träume aus jener längst vergangenen Zeit einstellen. Oder eine zufällige Begegnung auf der Reise von New York über Hongkong und mehrere philippinische Inseln ruft eine übermächtige Erinnerung in ihm wach, die dann seine komplette Aufmerksamkeit beansprucht. Juan Diego jedenfalls kommt der Welt abhanden, Todesahnungen stellen sich in Gestalt zweier Reisegefährtinnen von unklarem Realitätsgehalt ein, die zunehmend die Kontrolle über ihn übernehmen, und er lässt es sich so gern gefallen, dass das Ende des Romans keine große Überraschung ist.

Soll es auch gar nicht sein, auf Überraschung legt es John Irving in diesem knapp 800 Seiten langen Roman nicht an. "Straße der Wunder" ist eines jener Bücher, über die man sich zunächst aus guten Gründen ärgern kann und denen man später aus besseren Gründen Abbitte leistet. Seine Erzählweise steht ganz und gar im Dienst der Perspektive eines Mannes, der seine Erinnerungen zögerlich umkreist, sich wiederholt, dies aber immer leicht variierend, die Worte wägend, die Zusammenhänge zwischen den Dingen erprobend und wieder verwerfend. Es ist, je länger, je großartiger, eine Studie darüber, wie einer, der sterben wird und das ahnt, hartnäckig versucht, der anstürmenden Bilder Herr zu werden und einen Sinn zu erkennen, der um sein Leben erzählt und sich letztlich fügt, während die Grenze zwischen Leben und Tod durchlässig wird. Am Schluss ist Juan Diego von den Gespenstern junger Soldaten umgeben, denen auch das Jenseits, wie es scheint, spirituell nicht viel weiter geholfen hat.

Auch deshalb spielt die religiöse Frage in diesem Roman eine derart große Rolle. Das geht bis in die Namen der Protagonisten hinein - am auffälligsten im Fall von Juan Diego selbst, der den Namen eines Indios trägt, dem im sechzehnten Jahrhundert eine dunkelhäutige Madonna erschien, die als "Unsere Liebe Frau von Guadelupe" heute als Patronin Lateinamerikas verehrt wird. So wie der historische im Jahr 2002 heilig gesprochene Juan Diego als Verkünder und Mittler für die von ihm geschaute Jungfrau diente, so ist sein Namensvetter in Irvings Roman der Einzige, der seine Schwester Lupe, die offenbar den verkürzten Namen dieser Madonna trägt, versteht. Alle anderen hören nur unverständliche Laute und sind dann jedes Mal überrascht, dass Lupe ihnen buchstäblich ins Herz sieht, was oft in ausgesprochen komische Szenen mündet.

Vor allem aber stattet der Erfolgsautor Irving den Erfolgsautor Juan Diego mit Fragmenten seiner eigenen Biographie aus. Der Mexikaner, der als Teenager nach Iowa kommt, schreibt später einen Roman, der Irvings "Zirkuskind" zum Verwechseln ähnelt, nur dass er hier den vieldeutigen Titel "Eine von der Jungfrau Maria in Gang gesetzte Geschichte" trägt und vielleicht auf den von der Madonna herbeigeführten Tod seiner Mutter Esperanza verweist, schließlich fing damit eine Entwicklung an, die ihn bis nach Iowa bringen und zum Schriftsteller machen sollte. Trotzdem sind die funkelnden Augen der Jungfrau, aus denen später noch Tränen fließen, nicht die Art Wunder, auf das alle warten. Es bleibt der hellsichtigen Lupe vorbehalten, den eigentlichen Anspruch zu formulieren, den Juan Diego und all die anderen an sich legen sollten und mit dem der Schriftsteller bis zum Ende ringt: "Wir selbst sind die Wundersamen", sagt das Mädchen, das trotz seiner derben Sprache vielleicht aller Transzendenz am nächsten ist. Und es ist die traurige Pointe dieses Romans, dass Juan Diego für sich und seine Überzeugungen, für das, was in ihm wundersam genannt werden kann, erst viel zu spät einsteht - die Liebe seines Lebens gesteht ihm, beschwipst und in Gegenwart ihres Gatten, dass sie ihn andernfalls einst vom Fleck weg geheiratet hätte.

Aber was ist das dann, fragt Juan Diego einmal den Arzt Vargas, dieses Unfassbare in manchen Biographien, von dem sie beide viel erzählen könnten: Zufall oder Schicksal? "Vielleicht irgendwas dazwischen", antwortet der Rationalist. Aus seinem Skeptikermund ist das fast schon die Anerkennung eines Wunders.

TILMAN SPRECKELSEN

John Irving: "Straße der Wunder". Roman.

Aus dem Englischen von Hans M. Herzog. Diogenes Verlag, Zürich 2016. 784 S., geb., 26,- [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Besprechung von 05.04.2016
Juan und wie er die Geisterwelt sah
John Irving taucht tief ein in die Welt des mexikanischen Wunderglaubens – und doch wirkt
sein neuer Roman so matt, als hätte der Autor dem magischen Realismus einen Betablocker verabreicht
VON BURKHARD MÜLLER
Zwar haben die wenigsten von uns schon mal einen Geist gesehen, und doch besitzen wir eine klare Vorstellungen, wie er auszusehen hätte: bleich, unheimlich, mehr Nebelhauch als Persönlichkeit. Die beiden Haupt-Geister im neuen Buch von John Irving allerdings sind so handfeste Charaktere, dass man gar nicht auf die Idee käme, es könnte mit ihnen etwas nicht in Ordnung sein.
  Dorothy, die Tochter, und Miriam, die Mutter, zwei äußerst attraktive und unternehmungslustige Damen, nehmen sich des leicht gehemmten Juan Diego an, als er sich voller Ängste auf eine Reise nach Ostasien begibt. Sie kapern kurzerhand seine Flugtickets und Hotelreservierungen und zeigen ihm, was Sache ist, auch und gerade beim Sex – wobei sie sorgsam darauf achten, dass er nicht nur sein Viagra, sondern auch seine Betablocker genommen hat. Wer würde ein Wesen, das beim Orgasmus so laut schreit wie Dorothy, als Geist verdächtigen, selbst wenn sie hinterher im Badezimmerspiegel fatalerweise kein Bild erkennen lässt?
Juan Diego hat sein Leben als absoluter Underdog begonnen und doch seinen Weg gemacht, wenn auch hinkend. Seine Kindheit verbringt er, ein zapotekischer Mischling, gemeinsam mit der wilden, in unverständlichen Zungen redenden, geliebten Schwester Lupe, auf der Müllkippe des südmexikanischen Oaxaca, umsorgt freilich von den Jesuiten-Patres des „Hogar de los Ninos Perdidos“, des „Hauses der verlorenen Kleinen“. Der Deponiechef Riveras (möglicherweise sein Vater) fährt ihm versehentlich mit seinem Pickup-Truck über den Fuß, so dass er sein Lebtag verkrüppelt bleibt. Dennoch rückt eine Karriere als Hochseilartist im Zirkus „La Maravilla“, der Wunderbaren, vorübergehend in seine Reichweite.
  Durch eine Verkettung glücklicher Umstände – der Jesuitenkandidat Edward verliebt sich in die stämmige Transvestitin Flor, die beiden tun sich zusammen, um Juan Diego zu adoptieren – landet er schließlich am College von Iowa City im Herzen der USA. Dort entwickelt er sich, der sich schon auf der Kippe als zäher Autodidakt mit Büchern gebildet hatte, zum international angesehenen Schriftsteller. Jetzt folgt Juan Diego einem Gelübde, das er seinem sterbenden Freund, einem amerikanischen Hippie mit riesigem Jesus-Tattoo, gegeben hatte, und will das Grab von dessen 1945 auf den Philippinen gefallenen Vater besuchen. Und wenn ihm, dem weltfremden Einzelgänger, nicht sein alter Creativ-Writing-Schüler Clark sowie die beiden Geisterladys gewaltig unter die Arme griffen, wäre wohl nichts geworden aus dieser Mission.
„Straße der Wunder“ heißt der neue Roman von John Irving, im englischen Original „Avenue of Mysteries“. Und von Mysterien und Wundern macht er reichlich Gebrauch, ganz im Stil des magischen Realismus, der manchen Autoren unentbehrlich scheint, sobald ihr Buch in den wärmeren Klimaten der Dritten Welt spielt. Insbesondere die Heilige Jungfrau zeigt sich eingreiffreudig und funkelt Juan Diegos Mutter, als diese deren riesige Statue in der Kirche abstauben will, wegen des allzu freizügigen Dekolletés so böse an, dass die arme Esperanza von der Leiter fällt und stirbt. Dann jedoch weint das „Monster Maria“, wie sie bis zum Überdruss genannt wird, im Beisein von neun Zeugen wider haselnussgroße Tränen über Juan Diegos trauriges Schicksal, dass es nur so spritzt. Das alles klingt erst mal recht lustig; aber wie immer wird auch hier der Realismus von der Magie beschädigt, indem sie die Glaubwürdigkeit des Konstrukts insgesamt erschüttert und bewirkt, dass man sich auch echt schlimme Dinge (wenn etwa die Löwen im Zirkus die Schwester töten) nicht mehr so recht zu Herzen nimmt.
Irving aber braucht die Wunder: Sie sind das Einfallstor seiner ironischen Sentimentalität, und zugleich bahnen sie den sozialen Konstellationen den Weg, die man als hochunwahrscheinlich selbst dann bezeichnen muss, wenn man die Geisterbegegnungen abzieht. Das Grundmuster ist dem Leser vertraut seit „Garp und wie er die Welt sah“, dem Roman, der 1978 Irvings Ruhm begründete: Die schrillen Außenseiter tun sich zusammen – Transvestiten, Krüppel, Flagellanten, Zwerge, Eingeborene – und begründen durch ihre Solidarität eine besondere Art von Patchwork-Familie. Es sind kaleidoskopische Variationen auf das Motiv der Bremer Stadtmusikanten. Hier liegt der Kern von Irvings Erzählens: Es lässt als wahres Ereignis nur den Augenblick zu, in dem die Figuren einander finden und erkennen, von da an kann nichts mehr von Bedeutung geschehen. So viele groteske Wendungen Irving auch ins Spiel bringen mag, eine eigentliche Handlung entspringt nicht mehr daraus. Stattdessen ähnelt das Buch einem riesigen Tableau, auf dem der Scheinwerfer mal dieses und mal jenes Teil beleuchtet.
Das hat missliche Folgen für die Architektur des Ganzen. Der Leser erlebt Juan Diego, wie er in Flugzeugen und Hotel-Lobbys plötzlich einschläft und von seinem bisherigen Dasein in Flashbacks träumt – so lang, bis irgendwer, den dieser im Schlaf Brabbelnde beunruhigt, ihn wachrüttelt. Auf diesem Weg kommt es zu zahlreichen Überschneidungen, selbst die Dialoge wiederholen sich; immer wieder wird die Story aufgewärmt, wie die große Jungfrau Maria ihre Nase verlor, immer wieder kriegt die katholische Kirche mit ihrer Sexualheuchelei ihr Fett weg, bis es dem Leser zu den Ohren herauskommt. Oh, hat Juan Diego schon wieder nur die halbe Ration seiner Betablocker genommen! Na, wenn das mal keine intensiven Träume gibt . . . Und wie war das noch mal mit der Nase? Dass die Figuren (Akteure mag man sie gar nicht nennen) in diesem mit fast 800 Seiten nicht gerade schlanken Roman keinerlei Gelegenheit erhalten, sich zu entwickeln oder ambivalent zu schillern, sondern immer bloß dasselbe schräge Bild von sich selbst abgeben und bekräftigen müssen, liegt an der ungut malerischen Anlage des Werks.
Irving hat diese Gefahr wohl teilweise erkannt und sucht der Rührseligkeit durch eine Häufung von Todesfällen entgegenzuwirken, von Löwenattacken (zwei) bis Aids (mehrere), aber das erzeugt nun wieder Rührstücke anderer Art. John Irving ist ein ungleichmäßiger Autor, einer, bei dem die Stücke nicht zusammenpassen. Manches könnte vielleicht als Märchen funktionieren, aber indem er das Profi-Handwerk des altgedienten Romanciers mit einer kindischen Emotionalität vermengt, wird sein Buch zum Ärgernis.
      
John Irving: Straße der Wunder. Roman. Aus dem Englischen von Hans M. Herzog. Diogenes Verlag, Zürich 2016, 784 S., 26 Euro. E-Book 22,99 Euro.
Die Heilige Jungfrau verspritzt
haselnussgroße Tränen
Todesfälle sollen das Rührselige
brechen und steigern es noch
Auf einer Müllkippe in Mexiko beginnt John Irvings „Avenue of Mysteries“.
Foto: AFP / YURI CORTEZ
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Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über www.sz-content.de
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Juan und wie er die Geisterwelt sah

John Irving taucht tief ein in die Welt des mexikanischen Wunderglaubens – und doch wirkt
sein neuer Roman so matt, als hätte der Autor dem magischen Realismus einen Betablocker verabreicht

VON BURKHARD MÜLLER

Zwar haben die wenigsten von uns schon mal einen Geist gesehen, und doch besitzen wir eine klare Vorstellungen, wie er auszusehen hätte: bleich, unheimlich, mehr Nebelhauch als Persönlichkeit. Die beiden Haupt-Geister im neuen Buch von John Irving allerdings sind so handfeste Charaktere, dass man gar nicht auf die Idee käme, es könnte mit ihnen etwas nicht in Ordnung sein.

  Dorothy, die Tochter, und Miriam, die Mutter, zwei äußerst attraktive und unternehmungslustige Damen, nehmen sich des leicht gehemmten Juan Diego an, als er sich voller Ängste auf eine Reise nach Ostasien begibt. Sie kapern kurzerhand seine Flugtickets und Hotelreservierungen und zeigen ihm, was Sache ist, auch und gerade beim Sex – wobei sie sorgsam darauf achten, dass er nicht nur sein Viagra, sondern auch seine Betablocker genommen hat. Wer würde ein Wesen, das beim Orgasmus so laut schreit wie Dorothy, als Geist verdächtigen, selbst wenn sie hinterher im Badezimmerspiegel fatalerweise kein Bild erkennen lässt?

Juan Diego hat sein Leben als absoluter Underdog begonnen und doch seinen Weg gemacht, wenn auch hinkend. Seine Kindheit verbringt er, ein zapotekischer Mischling, gemeinsam mit der wilden, in unverständlichen Zungen redenden, geliebten Schwester Lupe, auf der Müllkippe des südmexikanischen Oaxaca, umsorgt freilich von den Jesuiten-Patres des „Hogar de los Ninos Perdidos“, des „Hauses der verlorenen Kleinen“. Der Deponiechef Riveras (möglicherweise sein Vater) fährt ihm versehentlich mit seinem Pickup-Truck über den Fuß, so dass er sein Lebtag verkrüppelt bleibt. Dennoch rückt eine Karriere als Hochseilartist im Zirkus „La Maravilla“, der Wunderbaren, vorübergehend in seine Reichweite.

  Durch eine Verkettung glücklicher Umstände – der Jesuitenkandidat Edward verliebt sich in die stämmige Transvestitin Flor, die beiden tun sich zusammen, um Juan Diego zu adoptieren – landet er schließlich am College von Iowa City im Herzen der USA. Dort entwickelt er sich, der sich schon auf der Kippe als zäher Autodidakt mit Büchern gebildet hatte, zum international angesehenen Schriftsteller. Jetzt folgt Juan Diego einem Gelübde, das er seinem sterbenden Freund, einem amerikanischen Hippie mit riesigem Jesus-Tattoo, gegeben hatte, und will das Grab von dessen 1945 auf den Philippinen gefallenen Vater besuchen. Und wenn ihm, dem weltfremden Einzelgänger, nicht sein alter Creativ-Writing-Schüler Clark sowie die beiden Geisterladys gewaltig unter die Arme griffen, wäre wohl nichts geworden aus dieser Mission.

„Straße der Wunder“ heißt der neue Roman von John Irving, im englischen Original „Avenue of Mysteries“. Und von Mysterien und Wundern macht er reichlich Gebrauch, ganz im Stil des magischen Realismus, der manchen Autoren unentbehrlich scheint, sobald ihr Buch in den wärmeren Klimaten der Dritten Welt spielt. Insbesondere die Heilige Jungfrau zeigt sich eingreiffreudig und funkelt Juan Diegos Mutter, als diese deren riesige Statue in der Kirche abstauben will, wegen des allzu freizügigen Dekolletés so böse an, dass die arme Esperanza von der Leiter fällt und stirbt. Dann jedoch weint das „Monster Maria“, wie sie bis zum Überdruss genannt wird, im Beisein von neun Zeugen wider haselnussgroße Tränen über Juan Diegos trauriges Schicksal, dass es nur so spritzt. Das alles klingt erst mal recht lustig; aber wie immer wird auch hier der Realismus von der Magie beschädigt, indem sie die Glaubwürdigkeit des Konstrukts insgesamt erschüttert und bewirkt, dass man sich auch echt schlimme Dinge (wenn etwa die Löwen im Zirkus die Schwester töten) nicht mehr so recht zu Herzen nimmt.

Irving aber braucht die Wunder: Sie sind das Einfallstor seiner ironischen Sentimentalität, und zugleich bahnen sie den sozialen Konstellationen den Weg, die man als hochunwahrscheinlich selbst dann bezeichnen muss, wenn man die Geisterbegegnungen abzieht. Das Grundmuster ist dem Leser vertraut seit „Garp und wie er die Welt sah“, dem Roman, der 1978 Irvings Ruhm begründete: Die schrillen Außenseiter tun sich zusammen – Transvestiten, Krüppel, Flagellanten, Zwerge, Eingeborene – und begründen durch ihre Solidarität eine besondere Art von Patchwork-Familie. Es sind kaleidoskopische Variationen auf das Motiv der Bremer Stadtmusikanten. Hier liegt der Kern von Irvings Erzählens: Es lässt als wahres Ereignis nur den Augenblick zu, in dem die Figuren einander finden und erkennen, von da an kann nichts mehr von Bedeutung geschehen. So viele groteske Wendungen Irving auch ins Spiel bringen mag, eine eigentliche Handlung entspringt nicht mehr daraus. Stattdessen ähnelt das Buch einem riesigen Tableau, auf dem der Scheinwerfer mal dieses und mal jenes Teil beleuchtet.

Das hat missliche Folgen für die Architektur des Ganzen. Der Leser erlebt Juan Diego, wie er in Flugzeugen und Hotel-Lobbys plötzlich einschläft und von seinem bisherigen Dasein in Flashbacks träumt – so lang, bis irgendwer, den dieser im Schlaf Brabbelnde beunruhigt, ihn wachrüttelt. Auf diesem Weg kommt es zu zahlreichen Überschneidungen, selbst die Dialoge wiederholen sich; immer wieder wird die Story aufgewärmt, wie die große Jungfrau Maria ihre Nase verlor, immer wieder kriegt die katholische Kirche mit ihrer Sexualheuchelei ihr Fett weg, bis es dem Leser zu den Ohren herauskommt. Oh, hat Juan Diego schon wieder nur die halbe Ration seiner Betablocker genommen! Na, wenn das mal keine intensiven Träume gibt . . . Und wie war das noch mal mit der Nase? Dass die Figuren (Akteure mag man sie gar nicht nennen) in diesem mit fast 800 Seiten nicht gerade schlanken Roman keinerlei Gelegenheit erhalten, sich zu entwickeln oder ambivalent zu schillern, sondern immer bloß dasselbe schräge Bild von sich selbst abgeben und bekräftigen müssen, liegt an der ungut malerischen Anlage des Werks.

Irving hat diese Gefahr wohl teilweise erkannt und sucht der Rührseligkeit durch eine Häufung von Todesfällen entgegenzuwirken, von Löwenattacken (zwei) bis Aids (mehrere), aber das erzeugt nun wieder Rührstücke anderer Art. John Irving ist ein ungleichmäßiger Autor, einer, bei dem die Stücke nicht zusammenpassen. Manches könnte vielleicht als Märchen funktionieren, aber indem er das Profi-Handwerk des altgedienten Romanciers mit einer kindischen Emotionalität vermengt, wird sein Buch zum Ärgernis.

      

John Irving: Straße der Wunder. Roman. Aus dem Englischen von Hans M. Herzog. Diogenes Verlag, Zürich 2016, 784 S., 26 Euro. E-Book 22,99 Euro.

Die Heilige Jungfrau verspritzt
haselnussgroße Tränen

Todesfälle sollen das Rührselige
brechen und steigern es noch

Auf einer Müllkippe in Mexiko beginnt John Irvings „Avenue of Mysteries“.

Foto: AFP / YURI CORTEZ

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