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"Hirnverbranntes Stück, lies gefälligst was, wenigstens die Klappentexte, damit du weißt, worum es verdammt noch mal geht, und du ein fokkin Book verkaufen kannst!" So fährt der Chef Liborio an, der sich als illegaler Buchhändler, Tagelöhner und Sparring-Boxer über Wasser hält. Er musste Mexiko verlassen, wie Tausende andere unbegleitete Jugendliche gelangte er endlich ins "Gelobte Land". Jetzt erzählt er uns seine verrückte Geschichte, wie er es am Ende schafft, ein Gringo Champ zu werden. Das furiose Debüt einer neunzehnjährigen Autorin über einen mexikanischen Immigranten: Aura Xilonen…mehr

Produktbeschreibung
"Hirnverbranntes Stück, lies gefälligst was, wenigstens die Klappentexte, damit du weißt, worum es verdammt noch mal geht, und du ein fokkin Book verkaufen kannst!" So fährt der Chef Liborio an, der sich als illegaler Buchhändler, Tagelöhner und Sparring-Boxer über Wasser hält. Er musste Mexiko verlassen, wie Tausende andere unbegleitete Jugendliche gelangte er endlich ins "Gelobte Land". Jetzt erzählt er uns seine verrückte Geschichte, wie er es am Ende schafft, ein Gringo Champ zu werden. Das furiose Debüt einer neunzehnjährigen Autorin über einen mexikanischen Immigranten: Aura Xilonen erfindet eine radikal neue, atemlose Sprache, die gegenwärtige und zukünftige Mauern durchbricht.
  • Produktdetails
  • Verlag: Hanser
  • Artikelnr. des Verlages: .505/26000
  • 2. Aufl.
  • Seitenzahl: 336
  • Erscheinungstermin: Februar 2019
  • Deutsch
  • Abmessung: 210mm x 136mm x 30mm
  • Gewicht: 423g
  • ISBN-13: 9783446260009
  • ISBN-10: 3446260005
  • Artikelnr.: 54342050
Autorenporträt
Xilonen, Aura
Aura Xilonen wurde 1995 in Mexiko-Stadt geboren. Gringo Champ (2019) ihr erster Roman. Er wurde mit dem Premio Mauricio Achar ausgezeichnet.

Lange, Susanne
1964 geboren, 1992 Dozentin für Komparatistik an der Universität Tübingen, 1994-1999 Dozentin für Literatur und Übersetzung an der Universidad de los Andes (Bogotá, Kolumbien), seit 1992 freie Übersetzerin und Gutachterin für Verlage. 2009 Johann-Heinrich-Voss-Preis.
Rezensionen
"Ein wüster und gleichzeitig zarter und feinfühliger Roman." Christian Schachinger, Der Standard, 13.02.2019 "Was, wenn ein Roman Gewalt, Kampf und Unterdrückung nicht nur behauptet, sondern sprachlich vorführt? Es dürte ein ziemlich guter Roman sein. So wie dieser." Ferdinand Quante, WEDR 5 Buch der Woche, 01.02.2019 "Eine literarische Sensation aus Mexiko ... Also 'Gringo Champ' 2015 in Mexiko erschien, war es genau das richtige Buch zur Zeit. Eine gerade 19-Jährige entwarf da eine Sprache, die völlig eigen war, abgehackt, rausgezischt, ruppig. Sie erfand Wörter, verwendete aber auch solche, die eigentlich nicht mehr in Gebrauch waren. Gerade deshalb gebührt Susanne Lange, die den Roman übersetzte, größte Hochachtung." Jochen Overbeck, Spiegel Online, 28.01.2019 "Ein eindringliches Zeugnis über Flucht, ein elektrisierendes Sprachkunstwerk und ... ein engagiertes aufrüttelndes Buch der Stunde. ... Susanne Lange ist hier nicht nur Übersetzerin, sondern auch geniale Wortschöpferin." Pascal Fischer, SWR2 Lesenswert Magazin, 27.01.2019
Besprechung von 16.03.2019
Die härteste Faust
Nordamerikas
Aura Xilonens Debütroman „Gringo Champ“
Von den vielen Dingen, die es über diesen Roman zu sagen gibt, muss man als Erstes die Sprache erwähnen oder wie es vielleicht Liborio, der Erzähler und die Hauptfigur, sagen würde: „Endlich taugt die fokkin Lyrik zu was.“
Aura Xilonens „Gringo Champ“ ist in einer Kunstsprache geschrieben, die wirkt, als habe jemand aus Handyschnappschüssen, allen verfügbaren Gifs von 9Gag und Renaissancegemälden aus dem Museo del Prado eine Instagram-Story gebaut und darüber ein paar Snapchat-Filter verteilt: Xilonen mischt in ihrem Debütroman Englisch und Spanisch mit Zitaten aus Pop, Film, der Bibel, Literatur, Slang, Sport und allem, was irgendwie gerade passt oder auch manchmal nicht passt, um einen ganz neuen Sound und eine Haltung zu erzeugen, die nicht nur in der mexikanischen Literatur mit wenig vergleichbar ist. Der Literaturprofessor Ignacio Sánchez Prado meint in diesen zahllosen Faltenwürfen sogar einen lateinamerikanischen Neobarock zu erkennen, der viel detaillierter und trotzdem unprätentiöser sei, als die ethnografische Künstlichkeit der Sprache, in der sonst Geschichten mexikanischer Auswanderer erzählt werden.
Ins Deutsche musste dieser Roman auch deshalb unbedingt von Susanne Lange übertragen werden, die mit ihrer 2008 erschienen Übersetzung von Cervantes’ „Don Quixote“ die maßgebliche deutsche Fassung dieses Textes vorlegte, aber ebenso als Expertin für lateinamerikanische Literatur gilt. Sie hat das wilde Spanisch des Originals in ein Deutsch gebracht, das den Slang und die Rohheit imitiert, das Durcheinander der Sprachen wo möglich übernimmt, wo nötig auch mal verstärkt, aber immer die Register mitdenkt, die hinter den Zitaten, Anspielungen und Motiven verborgen sind. Damit ist sie für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert.
Schon am ersten Satz zeigen sich die Schwierigkeiten dieser Übersetzung und wie Lange sie löst. Im spanischen Original lautet der Romananfang: „Y entonces se me ocurre, mientras los camejanes persiguen a la chivata hermosa para bulearla y chiflarle cosas sucias, que yo puedo alcanzar otra vida al putearme a todos esos foquin meridianos.“ „Cameja“ ist ein im Spanischen kaum gebräuchliches Wort für einen zwielichtigen Burschen aus der Unterschicht. Selbst in Interviews in spanischsprachigen Zeitungen wurde Xilonen nach dem Wort gefragt, in dem verführen („camelar“) und der Drogenhändler („camello“) mitschwingen.
Auch Susanne Lange gab an, sie habe noch nie einen Text mit so vielen alten und erfundenen Vokabeln gesehen. „Bulearla“ und „foquin“ sind Anglizismen („to bully“ und „fucking“), deren Ursprung sich auf phonetischer Ebene erschließt. Lange gibt den ersten Satz so wieder: „Und da durchfährt es mich, als die Mickerficker der schönen Chica nachsteigen, im Disturbomodus, und ihr dreckig ins Ohr sülzen: Ich kann mich in ein anderes Leben hangeln, wenn ich diese fokking Meridianer trashe.“ Die Camejanes sind im Deutschen zu dem Neologismus Mickerficker geworden, der wahrscheinlich keine Chance hätte, sich auf der Straße durchzusetzen, aber die Eigenartigkeit des Originals treffend transportiert.
Auch sonst hat sich die Übersetzerin viele Freiheiten genommen und Verschiebungen vorgenommen, etwa den altmodischen Ton des Wortes „camejanes“ in das Verb „nachsteigen“ gelegt und das mitschwingende Englisch aus dem Original dafür in den Wörtern „trashen“ und „Disturbomodus“ nachgedichtet. Was Meridianer sind, ist nicht endgültig geklärt. Den Relativsatz im Spanischen hat Lange zu zwei deutschen Sätzen gemacht, was umständliche Grammatik vermeidet und insgesamt die Durchschlagskraft erhöht, denn um die geht es in dem Roman.
Liborio ist als illegaler mexikanischer Einwanderer in einer nicht benannten Stadt, vermutlich im Grenzgebiet der USA gelandet. Er wohnt und arbeitet in einem Buchladen für einen cholerischen Boss, der genau weiß, dass er mit dem jungen Migranten machen kann, was er will. Liborio, in dessen Namen sich das Buch („libro“) und die Arbeit („labor“) treffen, verschlingt von Catull bis Cervantes alles, was er in dem Laden zu lesen finden kann. Außerdem ist er in die schöne Aireen verliebt und schwingt die härteste Faust Nordamerikas: Mit nur einem Schlag bringt er alle Angreifer zu Fall. Und in den USA gibt es viele, die es auf einen jungen, illegalen Mexikaner abgesehen haben.
Diese Handlung könnte auch direkt aus einem Corrido stammen, den beliebten mexikanischen Volksliedern, in denen die meist haltlos überhöhten Helden der kleinen Leute besungen werden. Es gibt solche Songs über Barack Obama, aber auch über besonders gerissene Drogendealer. Liborios Lieblingsmusik von der mexikanischen Corrido-Band Calibre 50 und deren Liedern über mexikanische Helden ist „Gringo Champ“ noch deutlich näher, als dem barocken spanischen Roman, der oft als Referenz für Xilonens Sprachexperimente angeführt wird.
Diesen jungen Menschen, von denen die Corridos handeln und deren Körper an der Grenze zwischen den Staaten zur Verfügungsmasse für Drogenkartelle, übergeschnappte Bürgerwehren und ausbeuterische Kleinkapitalisten geworden sind, wollte Xilonen, wie sie selbst sagt, eine Stimme geben. Mit 16 Jahren begann sie den Roman zu schreiben und wusste noch nicht genau, ob sie nicht lieber einen Film drehen würde. Mit 19 hatte sie das Manuskript fertig und räumte damit sofort den Premier Mauricio Achar, einen der angesehensten Literaturpreise Lateinamerikas ab. Es folgten Übersetzungen ins Englische und mehrere europäische Sprachen.
Um zu erklären, warum Xilonen einen Nerv getroffen hat, muss man wieder auf diesen halsbrecherischen Stil zurückkommen, in dem es Grenzen zwischen Staaten und Sprachen nicht zu geben scheint. Xilonen schreibt, als müsse nicht das, was man sagt, aber wie man es sagt, von ihr erst erfunden werden. Wenn barockes Spanisch auf den Slang der mexikanischen Einwanderer trifft oder manche Bilder und Motive im Text gewendet werden, bis sie vielleicht etwas bisher Verborgenes preisgeben, dann geht es auch darum, auszuprobieren, was möglich ist in den Sprachen, durch die manchmal die Grenze so streng zu verlaufen scheint, wie die Mauer, die Donald Trump seinen Wählern versprochen hat. Dass natürlich die Sprachbarrieren nördlich und südlich der Grenze längst aufgeweicht sind, ist in diesem Roman ganz selbstverständlich. Motto: „Ja sagen, bis man eines natürlichen Neins stirbt.“ Ausprobieren, was geht, auch wenn man dabei auf die Schnauze fliegt und Liborio von seiner Lehrerin einmal gesagt bekommt, man müsse sich schon für eine Sprache entscheiden.
Es gibt im Text Listen von Autorennamen, von Blumennamen und sogar von den Zahlen eins bis 50, als müsste auch immer mal wieder Sprachinventur gemacht werden und das Instrumentarium zurechtgelegt. Mal schauen, was man dann damit macht.
Schon allein die Schimpfwörter des Buchhändlers öffnen ungeahnte Möglichkeiten jenseits des üblichen Arsenals an spanischen und englischen Beleidigungen. Wenn er Liborio zum Beispiel als „patzigen Pterodaktylus“ beschimpft, dann geht es nicht nur um die doch irgendwie arg würdelose Urzeitflugechse, sondern auch darum, dass „Pterodaktylus“ ein wirklich sehr unschönes Wort ist.
Es sind solche unerwarteten Breschen und Pfade, die zu schlagen dem Roman immer wieder auch im Kleinsten gelingt. Und die deutsche Übersetzung ist dieser Kraft absolut gewachsen. Aura Xilonen und Susanne Lange öffnen die Sprachen, Slangs und Dialekte füreinander. Dieser Roman zeigt, wie Grenzen nicht nur trennen, sondern wie an ihnen Neues entstehen kann. „Herd ist auch nur eine Redensart für eine schwarze Glasplatte, auf die mehrere Kreise gemalt sind, darüber eine Abzugshaube“. Stimmt.
NICOLAS FREUND
Aura Xilonen: Gringo Champ. Roman. Aus dem Spanischen von Susanne Lange. Hanser, München 2019. 336 Seiten. 23 Euro.
„Ja sagen,
bis man eines natürlichen
Neins stirbt“
Mexikanischer Neo-Barock: die Autorin Aura Xilonen.
Foto:Cannarsa/Oplale/Leemage/laif 
DIZdigital: Alle Rechte vorbehalten – Süddeutsche Zeitung GmbH, München
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über www.sz-content.de
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Perlentaucher-Notiz zur NZZ-Rezension

Aura Xilonen schreibt nicht, erklärt Rezensent Roman Bucheli. Sie singt, sie flucht, sie "jubelt und jammert", sie improvisiert, so Bucheli, und lässt damit eine wort- und klangmächtige Wort-Sinfonie von "urwüchsiger Schönheit" entstehen, die weder den Pathos scheut, noch die sprachliche Derbheit und dabei trotzdem so unangestrengt bleibt, so natürlich, dass es die reinste Freude ist, ihr zu lauschen. Die Geschichte, die sie erzählt ist die einer ständigen Verwandlung, eines Scheiterns, auf das stets die Wiederauferstehung folgt. Liborio hat es geschafft, aus Mexiko in die USA zu fliehen, lesen wir. Hier jedoch erwartet ihn tägliche Erniedrigung in Form von Schlägen und Missbilligung. Doch Liberio schlägt zurück, denn schlagen, das kann er. Irgendwann findet er einen Job im Buchladen. Er beginnt zu lesen und begreift bald: Das Leben in den Büchern ist ein anderes als das Leben, das er kennt. Doch hier muss Aura Xilonen ihm widersprechen, nämlich indem sie einen Roman über genau dieses Leben schreibt, über ihn, den "Gringo Champ", erklärt der Kritiker. Was dabei entsteht, ist eine Geschichte über Gewalt, die sich in die Sprache einschreibt, aber auch über Hoffnung, über das Aufstehen, so der hingerissene Rezensent.

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