Die Abendröte im Westen - McCarthy, Cormac
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Bewertung von C. Kemper aus Muenster

Man moechte schreiben: Das beste Buch des besten lebenden amerikanischen Autors. Aber was will das schon heissen bei McCarthy, der ausschliesslich brilliante Buecher schreibt. Die …


    Broschiertes Buch

2 Kundenbewertungen

Ein an historische Ereignisse angelehnter Roman über die Indianerkriege und die amerikanische Expansion nach Westen, voller Gewalt und Grausamkeit; ein mythisches Weltuntergangsepos, mit Bildern wie von Hieronymus Bosch. Hauptfigur ist ein vierzehnjähriger Junge, der 1850 nach Texas kommt und sich einer Bande marodierender Exsoldaten, Desperados und Abenteurer anschließt, die Komantschen, Apachen und friedliche Siedler abschlachten.…mehr

Produktbeschreibung
Ein an historische Ereignisse angelehnter Roman über die Indianerkriege und die amerikanische Expansion nach Westen, voller Gewalt und Grausamkeit; ein mythisches Weltuntergangsepos, mit Bildern wie von Hieronymus Bosch. Hauptfigur ist ein vierzehnjähriger Junge, der 1850 nach Texas kommt und sich einer Bande marodierender Exsoldaten, Desperados und Abenteurer anschließt, die Komantschen, Apachen und friedliche Siedler abschlachten.
  • Produktdetails
  • rororo Taschenbücher Bd.27240
  • Verlag: Rowohlt Tb.
  • 2. Aufl.
  • Seitenzahl: 441
  • Erscheinungstermin: 11. März 2016
  • Deutsch
  • Abmessung: 205mm x 126mm x 32mm
  • Gewicht: 425g
  • ISBN-13: 9783499272400
  • ISBN-10: 3499272407
  • Artikelnr.: 44102644
Autorenporträt
Cormac McCarthy wurde 1933 in Rhodes Island geboren und wuchs in Knoxville/Tennessee, auf. Für seine Bücher wurde er u. a. mit dem William Faulkner Award, dem American Academy Award, dem National Book Award und dem National Book Crities Circle Award ausgezeichnet. McCarthy lebt heute in El Paso, Texas. 2009 erhielt er den PEN/Saul Bellow Award for Achievement in American Fiction.
Rezensionen
Ich beneide alle Leser, die ihre erste Erfahrung mit der Prosa dieses Autors noch vor sich haben; es ist eine Erfahrung, als habe man die Welt bislang durch Milchglas betrachtet. McCarthys Sprache klärt den Blick. Süddeutsche Zeitung

Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 01.10.1996

Kampf eines Fabeltiers gegen die Menschheit
Cormac McCarthys blutige Passionen / Von Hubert Spiegel

Dieses Buch ist eine Zumutung. Es handelt überwiegend von Massakern, die aus Habgier oder aus purer Lust am Töten veranstaltet werden. Es beschreibt, wie Menschen erschossen, erstochen, erhängt, erschlagen und auf fast jede denkbare Art zu Tode gebracht werden. Aber damit nicht genug. Die Opfer werden verstümmelt und geschändet, sie werden skalpiert, geköpft, gepfählt und verbrannt. Männer, Frauen, Greise, Säuglinge. Nicht ein einziges Mal fällt das Wort Schmerz.

Cormac McCarthys Roman "Die Abendröte im Westen" ist ein problematisches und heikles Buch, ebenso abstoßend wie beeindruckend. Der Roman ist großartig in seiner Sprachkraft und seinem Bilderreichtum, er ist grandios in seinen Landschaftsbeschreibungen, verstörend in seiner Darstellung nackter Gewalt und ärgerlich, wenn er in den Gestus eines mittelalterlichen Bußpredigers verfällt, der vor dem Teufel warnen will und doch nur unablässig von dessen Taten und ihrer Größe kündet.

Bereits auf der ersten Seite macht McCarthy deutlich, daß er eine Passionsgeschichte erzählen will. "Seht das Kind" lautet der erste Satz des Buches, und mit diesem Ecce-homo-Gestus wird ein namenloser Held eingeführt, ein Schläger, Mörder und Skalpjäger, der 1833 in Tennessee zur Welt kommt, wo auch McCarthy aufgewachsen ist. Die Mutter stirbt bei der Geburt des Jungen, der Vater, ein ehemaliger Lehrer, trinkt und zitiert "längst vergessene Dichter". Mit vierzehn Jahren kann der Junge weder lesen noch schreiben, aber "ein Hang zu sinnloser Gewalt brütet bereits in ihm". Er läuft von zu Hause fort, vagabundiert ziellos durchs Land, prügelt sich gegen Geld in einer Kneipe, in die er nachts herabsteigt "wie ein Fabeltier". Seine Gegner sind Matrosen, die "aus so entlegenen fremden Ländern kommen, daß er, wenn sie blutend vor ihm im Staub liegen, das Gefühl hat, daß sich hier die ganze Menschheit gegen ihn wehrt".

Mit einer amerikanischen Freischärlertruppe, die sich als "Speerspitze der Freiheit" bezeichnet, überquert der Junge die amerikanisch-mexikanische Grenze. Wenige Tage später wird der Trupp von Komantschen überfallen und aufgerieben. McCarthy beschreibt dieses erste Massaker, dem noch viele weitere folgen, auf knapp zwei Seiten, detailliert und mit schonungsloser Anschaulichkeit. Ohne die Bilder und Metaphern, die gelegentlich eingestreut werden, glaubte man, den Bericht eines Kriegsberichterstatters zu vernehmen, der zu Protokoll gibt, was sich vor seinen Augen gerade abspielt.

Zuweilen fast stichwortartig, dann wieder in langen Parataxen illuminiert McCarthy die Mechanik des Mordes: Männer werden von Pfeilen und Speeren durchbohrt, von Keulen erschlagen, von Pferden niedergetrampelt. Gliedmaßen werden abgetrennt, Rümpfe aufgeschlitzt und Eingeweide herausgerissen. Klingen umfahren Schädel und durchtrennen die Kopfhaut, blutige Haarschöpfe werden herausgerissen - "Staub stillte den Blutfluß auf den kahlen Schädeln der Skalpierten, die, mit ihren Haarfransen unter der Wunde, tonsuriert bis auf den Knochen, wie verstümmelte, nackte Mönche auf der blutprallen Erde lagen, überall stöhnten und röchelten Sterbende, überall schrien Pferde."

Mit diesem Satz endet die Beschreibung des Massakers, und nun schickt McCarthy den Jungen, der "wie durch ein Wunder" überlebt hat, auf eine jener Wanderungen, die einen großen Teil des Buches einnehmen. Einem Gemetzel entkommen, vor möglichen Verfolgern flüchtend, auf der Suche nach Gefährten, die gleichfalls überlebt haben, streift der Junge im Verlauf des Romans, dessen Bilder zuweilen an die extrem gewalttätigen Filme Peckinpahs erinnern, immer wieder durch die einsamen Wüsten Mexikos, eine Landschaft, die McCarthy mit einer solchen Eindringlichkeit schildert, daß allein die Landschaftsbeschreibungen die Lektüre dieses ungewöhnlichen Buches lohnen. Die allgegenwärtigen Spuren der Gewalt und des Todes erscheinen in dieser Beschreibung als natürlicher Teil der Landschaft. Gleichwohl erfindet McCarthy immer wieder großartige Bilder für das Leid der Kreatur. Vor einer Reihe toter Vulkane, die "wie Bauten von Rieseninsekten in die Höhe ragen", stößt der Junge auf die verdorrten Kadaver von Pferden und Mulis, "die irgend jemand wieder auf die Beine gestellt hatte. Die Hälse vor Qual gereckt, waren die ausgetrockneten Tiere im Sand verendet; blind, wank und schief standen sie da, dunkel verfärbte Fellfetzen hingen am Gitterwerk ihrer Rippen, mit gestreckten Mäulern heulten sie die immer und ewig über sie wegziehende Sonne an."

Mit sechzehn Jahren schließt sich der Junge einer Gruppe von Skalpjägern an. Der Krieg zwischen Mexiko und den Vereinigten Staaten ist vorüber, und Marodeure beherrschen ein Land, in dem jeder Jäger und Beute zugleich ist. Sechsundvierzig Mann stark ist der Reitertrupp, der im Sommer des Jahres 1849 aufbricht, angeführt von einem Mann namens Glanton und dem "Richter", einem gewaltigen, hochgebildeten Hünen, über zwei Meter groß, drei Zentner schwer, mit auffällig kleinen Händen und Füßen, kahl, wimperlos, ohne ein einziges Haar am ganzen Körper.

Was auf den folgenden 250 Seiten an äußerer Handlung geschieht, ist in einem Satz gesagt: Glanton und seine Männer morden und werden gemordet. McCarthy folgt dem Ritt der Skalpjäger durch die Wüsten Mexikos, durch ausgetrocknete Seen, über verdorrte Felder und eisige Gebirgszüge, durch zerstörte oder halb zerfallene armselige Dörfer, über Lavafelder und blühende Blumenwiesen. Dabei dient die Landschaft als Bühne und Akteur zugleich.

Es kommt vermutlich nicht häufig vor, daß ein Schriftsteller an den Ort zieht, an dem sein nächstes Buch spielen soll. Cormac McCarthy, 1933 in Rhode Island geboren und in Knoxville, Tennessee aufgewachsen, verlegte seinen Wohnsitz für die historischen Recherchen zu seinem 1985 unter dem Titel "Blood Meridian or The Evening Redness in the West" im Original erschienenen Roman an die texanisch-mexikanische Grenze. In Deutschland, wo seine Bücher in einer merkwürdig verqueren Chronologie erscheinen, wurde McCarthy vor allem durch "All die schönen Pferde" und "Grenzgänger", die beiden ersten Teile der "Borderline"-Trilogie, bekannt, die ebenfalls auf texanischen Weiden und in der Wüste Mexikos spielen. In dieser Landschaft zeigt sich die Natur so, wie McCarthy sie für seine Bücher braucht: großartig und unerbittlich, ein in jeder Hinsicht extremer Lebensraum, in dem sengende Hitze und eisige Kälte herrschen, Schnee-, Sand- und Wirbelstürme einander abwechseln, wo alles dem Menschen feindlich gesonnen ist, eine urzeitliche Landschaft, jedem menschlichen Maß enthoben.

Es liegt an dieser Landschaft, wenn der Leser zuweilen vergißt, an welchem Ort und in welchem Jahrhundert die Handlung spielt. Sie erscheint urzeitlich, ewig und unveränderlich, und zuweilen erweckt McCarthy den Eindruck, als gehörte dieser Landstrich zu einer älteren, längst entschwundenen Welt, als befinde sich hier die Pforte zu einem "Dämonen- oder Zwischenreich". Vor dieser gewaltigen Kulisse wird der Mensch unendlich klein, seiner Anstrengung, seiner Verzweiflung und Verlorenheit jedoch wächst mythische Größe zu.

Die Stilisierung der Gewalt und des Krieges zu einem Urgrund des Lebens erinnert zuweilen an Ernst Jünger, aber schon der Titel des Romans gibt einen Hinweis auf einen anderen Autor, der für das Verständnis McCarthys wesentlich aufschlußreicher sein dürfte. In "Die Abendröte des Westens" klingt Jakob Böhmes "Die Morgenröte im Aufgang" mit, das Hauptwerk des Mystikers aus dem siebzehnten Jahrhundert, dessen Bücher zu seinen Lebzeiten verboten wurden, weil darin das Böse als Teil der Schöpfung begriffen wurde. Wenn der Richter sagt, daß der Krieg auf den Menschen gewartet hat, "noch ehe dieser in Erscheinung trat", will das vor allem besagen, daß das Böse zu den frühesten Hervorbringungen der Schöpfung gehört.

McCarthys archaisierende Bilder beschwören eine ferne Urzeit herauf, aber die Vorliebe dieses Autors für religiöse und theatralische Metaphern erinnert an das Barock und sein Lebensgefühl. Gesteinsformationen bergen "basaltenen Propheten", Aasvögel hocken "mit wie mahnend gespreiteten Flügeln, schwarzen kleinen Bischöfen gleich", auf den Dächern zerfallener Kirchen. Auf einer grandiosen Landschaftsbühne agieren "bösartige Marionetten" und abgetakelte Schausteller. Aus großer Ferne erinnert McCarthys Personal an die Figuren der Autos Sacramentales, der religiösen Dramen im Spanien des sechzehnten Jahrhunderts: Es gibt die Allegorien der Laster, den Heiligen und den Märtyrer, den feigen Soldaten und den betrügerischen Schankwirt, die Dirne und den Narren. Aber sie sind zu Zerrbildern geworden. Der dummdreiste, oft aber auch blitzgescheite Narr ist nur mehr ein sabbernder Kretin, den sein eigener Bruder im Käfig hält und auf Jahrmärkten ausstellt. Daß der Junge als einziger unter seinen Gefährten zu Mitgefühl fähig ist, daß er den Unterschied zwischen Recht und Unrecht, Gut und Böse zumindest ahnt, auch wenn er nicht danach handelt, macht ihn bereits zu einem blutigen Heiligen und zu einer Erlöserfigur.

McCarthys Teufel und Versucher ist der hünenhafte Richter. Er ist die beredte Gegenfigur zu dem einsilbigen Jungen, gebildet, mehrsprachig, in den Naturwissenschaften ebenso bewandert wie in den schönen Künsten. Ein sadistischer Übermensch, der eine darwinistische Philosophie des Tötens verkündet, dem Krieg als höchstem Gott huldigt und sich auf den silberbeschlagenen Schaft seiner Büchse ein klassisches Diktum hat eingravieren lassen: "Et In Arcadia Ego". Wie der europäische Bildungsreisende des neunzehnten Jahrhunderts untersucht er Ruinen im Wüstensand, sammelt seltene Pflanzen in seinem Herbarium und trägt Notizen und Zeichnungen in sein Skizzenbuch ein. Ist die Zeichnung fertig, wird ihr Gegenstand zerstört. Für den Richter bieten die Mordstreifzüge durch die Wüste die Gelegenheit, eine Schöpfung zu inventarisieren, in der alles, was ohne sein Wissen existiert, ohne sein Einverständnis existiert. Den Auftrag, sich die Schöpfung untertan zu machen, führt er gewissenhaft aus: Er unterwirft sich die Welt, indem er sie zerstört.

Jahre danach und Jahre bevor er noch einmal auf den Richter trifft, begegnet der Junge in der Wüste einer Bußprozession: Tamburine rasseln, Männer geißeln sich mit Ruten aus geflochtener Yucca, einer von ihnen trägt ein Holzkreuz - "Menschen, die offenbar unfähig waren, sich mit der Stille der Welt abzufinden". Am nächsten Tag liegen die Leichen der Pilger in einer Schlucht. Zwischen den Toten sitzt aufrecht eine Greisin mit "grauem, ledrigen Gesicht". Der Junge spricht sie an, sagt, wer er ist und was er erlebt, hat und erbietet sich, sie an einen sicheren Ort zu bringen. Nie zuvor hat der Junge mehr als zwei Sätze hintereinander gesagt, und nie zuvor hat er einem anderen seine Hilfe offen angeboten. Als er die Frau am Arm faßt, bewegt sie sich sacht, "der ganze Körper, leicht und starr. Sie wog nichts. Sie war nur eine vertrocknete Hülle und schon seit Jahren tot."

Cormac McCarthy: "Die Abendröte im Westen". Roman. Aus dem Amerikanischen übersetzt von Hans Wolf. Rowohlt Verlag, Reinbek 1996. 337 S., geb., 45,-DM.

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