Aus der Welt, Audio-CDs - Lewis, Michael

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Michael Lewis' neuer Bestseller
Irren ist menschlich, sagen wir, und lassen uns immer wieder von unserem Bauchgefühl leiten. Michael Lewis geht dem Phänomen intuitiver Entscheidungsprozesse jetzt auf den Grund. Sujet seines neuen Buches "Aus der Welt" ist nicht mehr die Wall Street, sondern die faszinierende Freundschaft der weltbekannten Psychologen und Begründer der Verhaltensökonomie Daniel Kahneman und Amos Tversky. Beide haben unsere Annahmen über Entscheidungsprozesse völlig auf den Kopf gestellt. Jetzt liefern sie als Protagonisten den filmreifen Stoff, aus dem Lewis seine…mehr

Produktbeschreibung
Michael Lewis' neuer Bestseller

Irren ist menschlich, sagen wir, und lassen uns immer wieder von unserem Bauchgefühl leiten. Michael Lewis geht dem Phänomen intuitiver Entscheidungsprozesse jetzt auf den Grund. Sujet seines neuen Buches "Aus der Welt" ist nicht mehr die Wall Street, sondern die faszinierende Freundschaft der weltbekannten Psychologen und Begründer der Verhaltensökonomie Daniel Kahneman und Amos Tversky. Beide haben unsere Annahmen über Entscheidungsprozesse völlig auf den Kopf gestellt. Jetzt liefern sie als Protagonisten den filmreifen Stoff, aus dem Lewis seine unverwechselbar spannende Geschichte macht. Dieses Buch zu lesen, ist eine kluge Entscheidung.

Wer Kahnemanns "Schnelles Denken, langsames Denken" kennt, wird den neuen Lewis lieben.

"Michael Lewis ist ein exzellenter Geschichtenerzähler."
Frankfurter Allgemeine Zeitung zu "Flash Boys"
  • Produktdetails
  • Verlag: Abod Verlag
  • Gesamtlaufzeit: 470 Min.
  • Erscheinungstermin: 12. Januar 2017
  • ISBN-13: 9783954715350
  • Artikelnr.: 47072379
Autorenporträt
Michael Lewis, Jahrgang 1960, ist Wirtschaftsjournalist Autor von zahlreichen Sachbüchern. Er hat Abschlüsse von der Princeton University und der London School of Economics. Seine Erfahrungen als Investmentbanker verarbeitete er 1989 in seinem ersten Buch. Zahlreiche weitere Bestseller aus der Finanzszene und der Welt des Sports folgten. Lewis lebt mit seiner Frau und seinen drei Kindern in Berkeley, Kalifornien.
Rezensionen
Besprechung von 28.01.2017
Wir sehen Risiken statt Chancen

Sie entdeckten neu, wie viel Wirtschaft mit Psychologie zu tun hat: Michael Lewis erzählt die Geschichte des Nobelpreisträgers Daniel Kahneman und des genialen Forschers Amos Tversky.

Michael Lewis hat wie kaum ein anderer Autor das für Außenstehende schwer zu durchschauende, häufig hinter technischen Vokabeln versteckte Geschehen der Finanzbranche lebendig und anschaulich gemacht. Sein Buch "Liar's Poker", erschienen im Jahr 1989, wurde im Gefolge der jüngsten Finanzkrise plötzlich wieder hochaktuell. Lewis erzählt darin, wie er selbst an einem der Handelstische der damals noch eigenständigen Investmentbank Salomon Brothers saß. Er beschreibt, wie er und seine Kollegen abseits der Millionen-Dollar-Tagesroutine regelmäßig um Geld zockten. Im Kreis stehend, jeder mit einer Dollarnote in der Hand, versuchten sie, sich mit der Anzahl gleicher Ziffern in der Seriennummer zu überbieten. Wer die meisten hatte oder am besten bluffte, gewann im "Liar's Poker".

Mit "The Big Short" und "Flashboys" wirft er weiteres Licht auf diese so umstrittene wie mächtige Branche. Im einen schildert er, wie der amerikanische Immobilienmarkt in die Krise geriet, im anderen gibt er Einblicke in die Welt der Hochfrequenzhändler. Nun hat er ein Buch über ein ruhigeres Thema geschrieben, eine Erzählung, die den Leser ganz nah heranbringt an die Akteure. Diesmal geht es nicht um das große Geld, es geht um Größe in einer anderen Dimension.

Um einen Mann, der als Kind vor den Nationalsozialisten floh, der versteckt in Südfrankreich überlebte und dort seinen Vater verlor. Ein Außenseiter, der nach Israel auswandert, Freundschaften meidet und schon früh gedanklich weit ausgreifende Aufsätze verfasst. Zum Beispiel einen über das Bedürfnis nach Religion und Religiosität, den er mit einem Zitat von Blaise Pascal einleitet, "Das ist der Glaube: Gott dem Herzen fühlbar, nicht dem Verstand", und dann weiterschreibt: "Wie wahr! Kirchen und Orgeln sind künstliche Möglichkeiten, dieses Gefühl zu erzeugen."

Später beschließt er für sich, dass es keinen Gott gibt. Lewis bezeichnet diesen Sonderling als "Flüchtling im Stile von Vladimir Nabokov - er hielt Abstand und beobachtete die Einheimischen mit scharfem Blick". Er hört begeistert Vorlesungen des Universalgelehrten Jeschajahu Leibowitz, studiert Psychologie, wird danach vorübergehend psychologischer Berater der israelischen Armee: Er entwickelt für sie einen Persönlichkeitstest für Anwärter - das Verfahren wird bis heute verwendet. Später wird er innerhalb der Wissenschaft einer der ganz Großen, bekommt schließlich 2002 den Wirtschaftsnobelpreis. "Mein Interesse an der Psychologie war meine Art zu philosophieren", sagt Daniel Kahneman. Er ist die eine Hauptperson im neuen Buch von Michael Lewis.

Die andere ist ein Mann, der Kahnemans Persönlichkeitstest absolviert, als dessen Erfinder gerade im Dienst des israelischen Militärs ist. Der dann Fallschirmspringer wird und bei vielen riskanten Einsätzen kämpft. Seine Mutter hatte zur Gründergeneration Israels gehört, hatte der ersten Knesset angehört, war viermal wiedergewählt worden. Früh fällt auf, dass der Junge hochbegabt ist auf vielen Gebieten, einer, der viele Geschichten kennt und gerne erzählt. Und der ziemlich klar und mitunter auch mit schlichten Begründungen seine Entscheidungen trifft. Überliefert haben seine Kinder die Anekdote, in der er mit seiner Frau ins Kino geht, zwanzig Minuten später aber schon wieder nach Hause kommt, weil ihm der Film nicht gefällt. Und das so erklärt: "Mein Geld haben sie mir schon genommen - warum soll ich ihnen auch noch meine Zeit geben?"

Dieser Amos Tversky studiert ebenfalls Psychologie, wird Professor an der Hebräischen Universität. Seine Vorlesungen begeistern die Studenten. An der Fakultät gibt es noch einen anderen sehr beliebten Hochschullehrer: Daniel Kahneman. Eigentlich haben die beiden kaum etwas gemeinsam, auch ihre Herangehensweisen an Forschungsprobleme unterscheiden sich fundamental. Eines Tages aber bringt Kahneman Tversky mit in sein Seminar als Gastredner. Auch wenn er selbst den Vortrag eher fragwürdig findet und mit Kritik nicht spart, erwächst aus dieser Begegnung eine tiefe Freundschaft und Zusammenarbeit. Die beiden werden am Ende ihr Fach revolutionieren - und die Wirtschaftswissenschaft gleich mit.

Kahneman und Tversky verbringen viel Zeit miteinander, schreiben gemeinsam Aufsätze, ziehen vorübergehend in die Vereinigten Staaten, um dort zu lehren, kommen anlässlich des Jom-Kippur-Krieges im Jahr 1973 zurück nach Israel und schlüpfen wieder in die Uniform. In den siebziger Jahren kreieren die beiden schließlich, was sie in der Wissenschaft unvergesslich macht: eine Theorie, die den Menschen nicht als rein rationalen, stehts kühl kalkulierenden Entscheider darstellt, sondern die bestimmte psychologische Phänomene in ihr Modell einbezieht. Diese "Erwartungstheorie" (Prospect Theory) trägt zum Beispiel dem Umstand Rechnung, dass Menschen typischerweise Risiken unverhältnismäßig hoch gegenüber Chancen gewichten, wenn sie sich entscheiden; dass sie im Nachhinein häufig rationale Erklärungen suchen für Ereignisse, die sie nicht vorhergesehen haben; dass sie falsche Entscheidungen gerne schönreden und sich sehr lange an eine einmal gefasste (und geäußerte) Meinung klammern.

Mit dieser Theorie brachten Kahneman und Tversky die sogenannte Verhaltensökonomik als eigenständiges Fach auf den Weg. Später entfremden sich die beiden Forscher voneinander, die Freundschaft zerbricht. Lewis geht noch darauf ein, wer die Erwartungstheorie weiterverfolgt, und wie und wo sie sich niederschlägt. Das Buch endet folgerichtig mit dem Nobelpreis im Jahr 2002, den Kahneman zugesprochen bekam. Tversky hätte ihn sicherlich ebenfalls bekommen, wenn er nicht im Jahr 1996 an Krebs gestorben wäre.

Michael Lewis ist ein eindrückliches Buch gelungen, informativ und kurzweilig, teils wie eine Dokumentation, teils wie eine Erzählung geschrieben. Eine dritte Hauptperson, über die der Leser ebenfalls viel erfährt, ist das Land Israel selbst, mit dessen Geschichte das Leben der beiden Forscher eng verwoben ist. Zur Einstimmung hat Lewis seiner Darstellung ein Kapitel vorangestellt, in dem er am Beispiel des amerikanischen Profi-Basketballs versucht, dem Leser den Forschungsgegenstand seiner beiden Helden nahezubringen. Es ist etwas für Basketballbegeisterte, die sich gut in der Liga auskennen, denen prominente Spieler und Funktionäre einigermaßen geläufig sind. Wen das nicht interessiert, der kann mit der Lektüre auf Seite fünfundvierzig beginnen, und er wird eine faszinierende Geschichte lesen.

ALEXANDER ARMBRUSTER

Michael Lewis: "Aus der Welt". Grenzen der Entscheidung oder Eine Freundschaft, die unser Denken verändert hat.

Aus dem Englischen von Jürgen Neubauer und Sebastian Vogel. Campus Verlag, Frankfurt 2016. 359 S., geb., 24,95 [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Besprechung von 26.01.2017
Wahrheit
und Erzählung
Das neue Buch des amerikanischen
Autors Michael Lewis handelt von zwei
genialen Psychologen. Und es erklärt,
wie beeinflussbar der Mensch
in der Demokratie ist
VON JENS-CHRISTIAN RABE
Manchmal verändert ein Buch den Blick auf die Verhältnisse – und manchmal verändern die Verhältnisse den Blick auf ein Buch. „Aus der Welt: Grenzen der Entscheidung oder Eine Freundschaft, die unser Denken verändert hat“ von dem amerikanischen Sachbuch-Autor Michael Lewis ist der seltene Fall, auf den beides zutrifft. Was für ein Glücksfall in diesen Tagen.
Die aktuellen Erfolge der Populisten gehen ja oft mit hanebüchenen Lügen einher, leider ist der liberale Zorn darüber jedoch aus zwei Gründen eine zutiefst ambivalente Angelegenheit. Der nicht so interessante Grund ist natürlich, dass auch auf der liberalen Seite glatte Lügen keine Seltenheit sind. Der wichtigere Grund ist, dass schon die Deutung, also die ideologische Lackierung von unstrittigen Fakten, auch auf der liberalen Seite nicht so unschuldig ist, wie man sich das wünschen würde. Das Buch „Aus der Welt“ handelt im größtmöglichen Kontrast dazu von der skrupulösen Suche nach Fakten und Wahrheit und – fein säuberlich getrennt – von ihren Interpretationen. Man blickt nach der Lektüre anders auf den Populismus, als liberaler Demokrat vor allem aber auch anders auf seine eigenen Überzeugungen.
Lewis’ Buch, im Campus Verlag erschienen (aus dem Englischen von Jürgen Neubauer und Sebastian Vogel, 359 Seiten, 24,95 Euro, E-Book 20,99 Euro), erzählt die Geschichte der Freundschaft zwischen den beiden Psychologen Daniel Kahneman und Amos Tversky, zwei ziemlich unterschiedlichen, auf je eigene Art genialen israelischen Wissenschaftlern. Kahneman erhielt – sechs Jahre nach dem Tod Tverskys – für die gemeinsamen Erkenntnisse, die das Denken über menschliche Entscheidungen für immer verändert haben, 2002 den Wirtschaftsnobelpreis. Sein 2011 erschienenes, fabelhaftes Buch „Schnelles Denken, langsames Denken“, in dem er ihre Arbeit für ein breiteres Publikum aufgeschrieben hat, ist ein Bestseller. Der Mensch, so die Quintessenz der gemeinsamen Forschungen, entscheidet nicht so rational, wie insbesondere die Wirtschaftswissenschaft lange glaubte.
Kahneman und Tversky legten die Grundlage für das, was man heute Verhaltensökonomie nennt. Sie fanden heraus, was der Mensch oft wirklich tut, wenn er glaubt, er handele vernünftig: Er handelt in hohem Maße irrational. „Aus der Welt“ schafften sie so mit cleveren sozialen Experimenten, von denen viele im Buch anschaulich beschrieben werden, den Glauben an die prinzipielle Rationalität menschlichen Handelns. Sie entdeckten zum Beispiel den „Ankereffekt“. Dafür sollten die Versuchsteilnehmer an einem Glücksrad mit den Zahlen 1 bis 100 drehen. Danach sollten sie die Zahl afrikanischer Staaten in den Vereinten Nationen schätzen. Die Schätzung fiel umso höher aus, je höher die zuvor gedrehte Glücksradzahl war – obwohl das Glücksrad mit der Schätzfrage rein gar nichts zu tun hatte.
Wie es dazu kam, ist ein spannendes Kapitel Wissenschaftsgeschichte. So hoch hängt es Michael Lewis aber dankenswerterweise erst einmal gar nicht. Er beginnt lieber mit einer eigenen kleinen Erleuchtung: In seinem 2003 erschienenen Bestseller „Moneyball“ erzählte er die Geschichte des findigen amerikanischen Baseball-Managers Billy Beane. Der hatte ein zweitklassiges Profi-Team zu einer Spitzenmannschaft gemacht, indem er sich nicht mehr auf die Einschätzungen von erfahrenen Baseball-Experten verließ, sondern mit neuen Statistiken effektivere Spielerbewertungskriterien entdeckte.
Von diesem Buch, so Lewis, sei ihm selbst später vor allem die eine Kritik im Kopf geblieben, die darauf hingewiesen habe, dass die psychologischen Hintergründe für die Denkfehler der erfahrenen Baseball-Experten schon vor Jahren von zwei israelischen Forschern beschrieben worden seien: eben von Daniel Kahneman und Amos Tversky, die ihre Schüler Cass Sunstein und Richard Thaler im New Yorker kürzlich als „Lennon und McCartney der Sozialwissenschaft“ bezeichneten.
Danach geht es bei den Hauptdarstellern und so manchen Schülern, Helfern und Gegnern ähnlich anekdotisch weiter. Bei schwächeren Erzählern hätte das leicht zu allerlei allzu braven biografischen Oberflächlichkeiten geführt. Aber wie schon bei seinem 1989 veröffentlichten Debüt „Liar’s Poker“ über den Wall-Street-Wahnsinn der Achtzigerjahre oder bei dem unlängst verfilmten Buch „The Big Short“ (2010) über die unvorstellbare Habgier und Verantwortungslosigkeit von Hedgefonds-Managern oder bei „Flash Boys“ (2014) über den Wahnsinn des Hochfrequenz-Börsenhandels ist Michael Lewis eben gerade nicht bloß an den Menschen hinter den Ereignissen interessiert. Ihn interessiert, wie die Ideen mit den Menschen, die sie entwickeln, zusammenhängen. Und das, was passieren muss, damit sie zusammenkommen können.
Einzelne Kapitel werden so zu Abenteuergeschichten eigenen Rechts. Gleich am Anfang etwa, wenn Lewis die frühen Jahre Kahnemans erzählt, der anders als Tversky ein notorischer Pessimist war, der vorsichtshalber immer das Schlimmste befürchtete. Kahneman war Kind französischer Juden. Sein Vater arbeitete als angesehener Chemiker für L’Oréal in Paris. Als der Zweite Weltkrieg begann, rettete der Firmenchef, der sonst mit den Nazis kollaborierte, Kahnemans Vater zwar vor den Nazis, die Familie flüchtete dennoch bald aus Paris und verbrachte die nächsten Jahre in der ständigen Angst, entdeckt zu werden. „In meiner gesamten Kindheit wie ein Hase gejagt worden zu sein“, so Kahneman, habe ihn einen ausgeprägten Überlebensinstinkt entwickeln lassen und eine ständige Furcht vor dem Schlimmsten. Beides sollte sich in der Zusammenarbeit mit dem drei Jahre jüngeren, ungleich optimistischeren und selbstgewisseren geborenen Israeli Tversky noch als äußerst fruchtbar erweisen. Eine gute Weile jedenfalls.
Irgendwann ist die Unterschiedlichkeit, wie bei so vielen großen Liebes- und Freundschaftsbeziehungen, auch der Grund für das schmerzhafte Ende. Aber da hatten die beiden, im Grunde mit gerade einmal acht kurzen Aufsätzen, die sie allesamt in den Siebzigerjahren gemeinsam an einer Schreibmaschine sitzend geschrieben hatten, eine ganze wissenschaftliche Disziplin revolutioniert. Nicht ohne zwischendurch noch am Tag des Ausbruchs des Jom-Kippur-Krieges 1973 von den USA nach Israel zu fliegen, um sich zum Kriegsdienst zu melden. Sie landeten im „psychologischen Frontdienst“, für den Daniel Kahneman in den Fünfzigern schon neue Auswahlsysteme entwickelt hatte.
Dieser Abschnitt ergeht sich dann jedoch zum Glück nicht in Kriegsszenen, der Ideen-Detektiv Michael Lewis versucht dem Leser lieber tatsächlich einen Eindruck davon zu vermitteln, worin ihre Arbeit als Militärpsychologen bestand und auf welche Gedanken sie die Forscher brachte: „Amos war vielleicht der praktisch Begabte, aber Daniel verfügte mehr als er über das Talent, Lösungen für Probleme zu finden, wo anderen noch nicht einmal aufgefallen war, dass ein Problem der Lösung harrte.“ Als sie einmal in Richtung Front gefahren seien, habe Daniel Kahneman am Straßenrand riesige Abfallhaufen bemerkt, die Überreste von Dosengerichten, die von der amerikanischen Armee geliefert worden waren: „Er untersuchte, was die Soldaten gegessen und was sie weggeworfen hatten. (Am liebsten mochten sie Grapefruitkonserven.) Später machte er Schlagzeilen mit der Empfehlung, die israelische Armee solle den Müll analysieren und die Soldaten mit dem versorgen, was sie wirklich mochten.“
Was allerdings ist nun daran das Unschmeichelhafte für das Selbstverständnis der liberal-demokratischen Republik und ihrer Freunde? Es versteckt sich in einer der zentralen Erkenntnisse von Kahneman und Tversky. Sie besagt, dass man menschliches Verhalten nur versteht, wenn man versteht, dass Menschen keine intuitiven Statistiker sind. Im Gegenteil: Menschen brauchen Geschichten. Sie werden massiv davon beeinflusst, wie eine Entscheidung präsentiert wird. Man nehme das berühmte Kahneman/Tversky-Experiment, in dem ein Mensch ein Programm zur Bekämpfung einer tödlichen Epidemie auswählen soll. Ob er sich für die Variante entscheidet, bei der 400 von 600 Menschen sterben, hängt allein davon ab, ob das Programm als Gewinn oder Verlust formuliert ist. Die Fakten spielen keine Rolle. Kann er sich dafür entscheiden, dass entweder 600 Menschen mit 70-prozentiger Wahrscheinlichkeit sterben oder 200 Menschen sicher gerettet werden, wird er die 200 Menschen retten. Betont die Formulierung den Verlust und lautet „Wenn Programm XY umgesetzt wird, sterben sicher 400 Menschen“, geht er absurderweise lieber das Risiko ein, dass alle 600 Menschen sterben müssen.
Als politische Taktik produktiv gemacht, steht diese Erkenntnis auch hinter der Diskussion darüber, auf welche selbstverschuldeten Probleme des Liberalismus die Erfolge des Populismus hinweisen. Das Zauberwort der Debatte lautet „Narrativ“, dessen Gebrauch bei Beobachtern wie Politikern in jüngerer Vergangenheit rapide zugenommen hat. Der Liberalismus, heißt es, brauche ein neues „Narrativ“ gegenüber dem Populismus, Europa ein neues gegenüber den Anti-Europäern, der Westen gegenüber Putin.
Der Begriff „Narrativ“ stammt aus der Literaturtheorie. Über den postmodernen französischen Theoretiker Jean-François Lyotard, der Ende der Siebzigerjahre das „Ende der großen Erzählungen“ diagnostizierte, gelangte er in den politischen Diskurs. Gemeint ist im Großen dasselbe wie bei Kahneman und Tversky im psychologischen Kleinen: Die Fakten allein bedeuten nicht viel. Entscheidend ist, welche Geschichte mit ihnen erzählt wird. Oder in den Worten Barack Obamas vergangene Woche in einem Interview mit der New York Times, das die SZ nachdruckte: „Ich denke, eine der wesentlichen Aufgaben politischer Führer ist es, die bessere Geschichte davon zu erzählen, was uns Menschen zusammenhält. Was Amerika so einzigartig macht, ist die Fähigkeit, so viele disparate Elemente vereinen zu können.“ Auf die bessere Geschichte kommt es an.
Das ist schön und gut und auch natürlich überhaupt nicht falsch. Angesichts der Tatsache jedoch, dass sich die Gegensätze in den USA unter dem hoch talentierten Erzähler Obama eher verschärft haben, klingt es auch etwas schal. Vor allem aber zeigt es auch den problematischen Kern liberaler Politik. Überzeugende liberale, also im weitesten Sinne antipopulistische Politik kann nicht dem Gegner einen zweifelhaften Umgang mit Fakten vorwerfen, sich gleichzeitig selbst aber offen das Recht zugestehen, sie so zu erzählen, wie sie sie eben braucht.
Donald Trumps Inaugurationsrede am vergangenen Freitag machte in diesem Zusammenhang noch einmal erschreckend deutlich, wie groß die Herausforderung für die antipopulistische Politik ist. Im Grunde war die Rede ein einziger Angriff auf die paternalistische Seite der etablierten liberalen Politik, ja sogar gegen die berühmten Worte John F. Kennedys, nach denen man sich nicht fragen solle, „was das Land für dich tun kann, sondern was du für das Land tun kannst“. Vor allem aus der Sicht derer, die sich abgehängt fühlen, obwohl sie sich als Mehrheit sehen, kann der Kennedy-Satz mit einigen guten Gründen auch heißen: „Mach einfach weiter, stell bloß keine Ansprüche.“
Was der Populismus für die Verhaltensökonomie bedeutet, in die das Buch von Michael Lewis so glänzend einführt, wird sich übrigens bald sehr konkret zeigen. Obama etablierte 2009 im Weißen Haus ein Büro für Informations- und Regulierungsangelegenheiten, das mithilfe der Verhaltensökonomie Vorschläge für bessere Politik erarbeiten sollte. Die Leitung übernahm bis 2015 der Kahneman/Tversky-Schüler Cass Sunstein. Nun erbt Trump das Büro. Was er damit vorhat, ist noch vollkommen unklar. Sicher scheint vorerst nur zu sein, dass der skrupulösen Wahrheitssuche und strengen Trennung von Fakten und Interpretationen im Stile Kahnemans und Tverskys vorerst nicht seine erste Sorge gilt. Umso wichtiger wird es sein, dass genau dies die liberale Seite versucht. Auch wenn es mühsam sein wird – und man auf manche gute Geschichte verzichten muss.
Es ist die Geschichte einer
Freundschaft – und der Abschied
von vielen Denkfehlern
Wir entscheiden rational? Na ja,
da wäre noch das Bedürfnis
nach einem „Narrativ“
Den anderen wirft man vor, die
Fakten zu verbiegen – und geht
selbst paternalistisch damit um
Der John Lennon und der Paul McCartney der Sozialwissenschaft:
Amos Tversky (links) und Daniel Kahneman stoßen in den Siebzigerjahren
auf ihre Zusammenarbeit an.
Foto: Barbara Tversky
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