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Max Beckmann, der in seiner künstlerischen Bedeutung und Universalität Picasso ebenbürtig ist, hat ein radikales, philosophisch begründetes Werk hinterlassen. Seine Vision der Großstadt hat unsere Sicht geprägt; seine als Selbsterforschung gemalten grandiosen Selbstporträts halten auch uns einen Spiegel vor; sein verschlüsseltes Spätwerk kämpft um die Durchsetzung der Kunst als letzten Mythos in einer Welt ohne Götter. Seine Bilder faszinieren oder erschrecken, gleichgültig lassen sie nie.…mehr

Produktbeschreibung
Max Beckmann, der in seiner künstlerischen Bedeutung und Universalität Picasso ebenbürtig ist, hat ein radikales, philosophisch begründetes Werk hinterlassen. Seine Vision der Großstadt hat unsere Sicht geprägt; seine als Selbsterforschung gemalten grandiosen Selbstporträts halten auch uns einen Spiegel vor; sein verschlüsseltes Spätwerk kämpft um die Durchsetzung der Kunst als letzten Mythos in einer Welt ohne Götter. Seine Bilder faszinieren oder erschrecken, gleichgültig lassen sie nie.
  • Produktdetails
  • rororo Monographien Nr.50558
  • Verlag: Rowohlt Tb.
  • 5. Aufl.
  • Seitenzahl: 160
  • Erscheinungstermin: 1. November 1995
  • Deutsch
  • Abmessung: 188mm x 116mm x 10mm
  • Gewicht: 148g
  • ISBN-13: 9783499505584
  • ISBN-10: 3499505584
  • Artikelnr.: 06123531
Autorenporträt
Reimertz, Stephan
Stephan Reimertz, geb. 1962 in Aachen, lebt in Paris. Er wurde mit einer Arbeit über Max Beckmann promoviert, war Dozent am Juniata College, Fellow an der Washington University in St. Louis und arbeitete in Medien und Wirtschaft. Ne-benbei schrieb er eine Reihe viel gelesener Bücher, so die Kulturgeschichte «Vom Genuß des Tees» und den Familienroman «Papiergewicht». - Bei Rowohlt sind von ihm erschienen: Woody Allen (rowohlts monographien 50410), Eine Liebe im Porträt (rororo 22768). 2003 erschien seine Biographie über Max Beckmann.
Rezensionen
Besprechung von 03.04.2003
Aufstieg zur höheren Tochter
Die biographische Verklärung des Max Beckmann
Max Beckmann war ein willensstarker, kantiger Mensch und ein Problemfall der Geschichte der modernen Kunst, weil sein Werk sich nicht einordnen lässt in die gängigen Strömungen der klassischen Avantgarden. In den letzten Jahren ist dem Künstler so viel Aufmerksamkeit zuteil geworden wie nie zuvor. New York, Madrid, Rom, Stuttgart und in diesem Jahr Paris und London sind die Stationen der Ausstellungen, die für die publikumswirksame Kanonisierung des deutschen Künstlers im Ausland sorgten, wo er lange als „Meister der Verunglimpfung” etikettiert oder als „cartoonish” oder „beckmannesk” abgetan wurde.
Die begleitenden Katalogpublikationen deckten das latente Konkurrenzverhältnis zu den auf dem Kunstmarkt tonangebenden Franzosen Picasso, Léger und Matisse auf. Herausgestellt wurde die autobiographische Bedeutung der zahllosen Selbstporträts, in denen sich Beckmann entweder psychologisierend selbst befragte oder mit olympischem Selbstbewusstsein für die Kunst als höchste Instanz in der Gesellschaft eintrat. Ein anderes Lieblingsthema der Kunsthistoriker ist die Dechiffrierung der ikonographisch verschlüsselten Zeitkritik in Beckmanns mythologisch überhöhten Triptychen.
Was darf man also von einer Biografie erwarten, deren Klappentext feststellt, dass hier nun das „lange erwartete Standardwerk” zu Leben und Werk von Max Beckmann vorliegt? Zumindest hätte dem Autor Stephan Reimertz nach der Lektüre der einschlägigen Forschung klar sein müssen, dass Beckmanns Biografie nicht zwangsläufig seine künstlerischen Probleme und Lösungen erhellt. Nach einem schmalen Band in der Reihe der Rowohlt Bildmonographien und der Edition von Liebesbriefen, die Beckmann an seine zweite Gattin Quappi Kaulbauch schrieb, ist die nun vorliegende Biographie Stephan Reimertz’ der dritter Versuch einer Apotheose des kunsthistorischen Einzelgängers Max Beckmann.
Reimertz hagiografische Verklärung des Genies setzt bereits in den ersten Kapiteln über die Herkunft und schulische Ausbildung ein. In seinen Anekdoten über die Frühbegabung des Künstlers adaptiert er die literarischen Topoi antiker Vitenschreiber: Beckmann war ein äußerst schlechter Schüler, der unter der Schulbank nackte Frauen zeichnete und plante, auf einem Amazonasdampfer anzuheuern, um der Enge der katholischen Lehranstalt in Braunschweig zu entfliehen. In einer Kinderzeichnung mit Pferdekopf sieht Reimertz bereits „den ganzen Beckmann enthalten” und rekonstruiert anschließend mit großem Ernst den Erfahrungshorizont des Kindes, das sich mit emblematischen Wappen beschäftigt und Grimms Märchen liest.
Es folgen die Stationen seiner Jugend. Nach dem Besuch der Weimarer Kunstakademie reiste Beckmann 1903 nach Paris. Anhand von Beckmanns nostalgisch formulierten Briefen lässt Reimertz den Mythos des verkannten einsamen Künstlers aufleben, der allein durch die Cafés am Montparnasse zieht, anstatt bei seinem Vorbild Cezanne vorzusprechen oder sich in der Gesellschaft der internationalen Boheme zu amüsieren. – „Kurz ich benehme mich, wie es für einen genialen Menschen recht und billig ist”, zieht Beckmann selbst das Resümee seiner Lehrjahre.
Auch den unbestrittenen Glaubenssatz der Forschungsliteratur, dass Beckmanns Fronterlebnisse während des Ersten Weltkriegs zu einer stilistischen Kehrtwende vom klassizistischen Impressionismus hin zu der jenseits des Realismus liegenden Formensprache der Nachkriegsjahre führten, bestätigt Reimertz nur einmal mehr. 1914 hatte sich Beckmann freiwillig als Sanitäter gemeldet, er stürmte nicht abenteuerlustig zum Kampfplatz wie Macke, Marc oder Otto Dix. Wieder verifizieren die Briefe, die Beckmann mehrmals täglich an seine erste Frau Minna Tube und seinen Galeristen Paul Cassirer adressierte, dass Beckmann das Kriegsgeschehen in Ostpreußen und Flandern nicht kämpferisch patriotisch, sondern aus der Sicht eines ästhetisierenden Zaungastes rapportierte: „Fabelhafte Sachen sah ich. In dem halbdunkeln Unterstand halbentkleidete, blutüberströmte Männer, denen die weißen Verbände angelegt wurden. Groß und schmerzlich der Ausdruck. Neue Vorstellungen von Geißelungen Christi.”
Mit der Emphase eines Augenzeugen beschreibt Reimertz seitenweise die Genese eines neuen kantig expressiven Zeichenstils, beschreibt die dicht verschränkten Kompositionen der Stichfolge „Hölle” sowie die psychologisierende Selbstbespiegelung des verstörten Malers in seinen Porträts der Nachkriegszeit. Reimertz gebärdet sich wie ein moderner Meister der antiken Ekphrasis, um dem Leser eine genaue Vorstellung davon zu vermitteln, wie Max Beckmann den Kriegslärm und die deformierten Körper auf Papier und Leinwand transkribierte – denn bedauerlicherweise ist kein einziges der 230 Werke, die der Autor aufgrund seiner These der unbedingten Einheit von Leben und Werk pflichtschuldig analysiert, illustrierend in seinen eruptiven Textfluss eingefügt.
Quappi, übersetze mir
„Max Beckmann konnte besser Schreiben als die meisten Schriftsteller.” So lautet der letzte Satz des Nachwortes, der nicht nur die intellektuelle Größe und das Multitalent des Künstlers honoriert, sondern auch als Legitimation für den Biographen Reimertz fungiert. Er wuchert mit prägnanten Autographen, um Beckmanns Verständnis von Kunst und sein Selbstverständnis als Künstler zu skizzieren. Der Nachkriegs-Beckmann sieht sich als „neuer Metaphysiker”, der einer bedrängenden Realität durch „Selbstvergottung” begegnet.
Der Unbedingtheit, mit der Beckmann an seine Genialität und seine künstlerische Arbeit glaubte, musste sich auch seine zweite Ehefrau Quappi Kaulbach unterwerfen. „Brauchte Beckmann seine Frau als Dolmetscher” im Exil, „pfiff er nach ihr.” Aus zahllosen Äußerungen der Zeitgenossen, die Beckmann in Frankfurt, Berlin und in New York kennenlernten, kompiliert Reimertz das Bild eines grimmigen, nach sozialer Anerkennung heischenden Mannes, der kunstmarktorientiert den Aufstieg in die Gesellschaft der höheren Töchter forcierte.
Akribisch verfolgt Reimertz jeden Schritt seiner Karriere, listet Bildungsreisen nach Nizza, Urlaubstage an der Nordsee, Lehraufträge, steigende Verkaufspreise, Ausstellungen und deren Rezensionen auf. Nach 429 Seiten biographischer Detailexegese zählt der Autor sogar die Zigaretten, die Beckmann in den letzten zwei Monaten vor seinem plötzlichen Herzinfarkt auf dem Broadway rauchte und fragt sich, ob der Künstler auch seine Zigarren inhalierte. „Man musste jederzeit mit seinem Ende rechnen. Es hatte keinen Sinn mehr, ihm das Rauchen zu verbieten.”
Ohne auf die Rezeption der Malerei Beckmanns in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts einzugehen und ohne die grundlegenden wissenschaftlichen Vorarbeiten adäquat zu kennzeichnen, stellt Reimertz abschließend fest: „Beckmanns Werk hat die Kunst und die Kunstgeschichte zu einigen ihrer herausragenden Leistungen inspiriert”. Die nun vorliegende Biographie zählt nicht dazu.
CLAUDIA LANFRANCONI
STEPHAN REIMERTZ: Max Beckmann. Luchterhand Verlag, München 2003. 479 Seiten, 28 Euro.
SZdigital: Alle Rechte vorbehalten - Süddeutsche Zeitung GmbH, München
Jegliche Veröffentlichung exklusiv über www.diz-muenchen.de
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