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In diesem äußerst unterhaltsamen Reisebericht zeichnet Tim Parks ein authentisches Portrait italienischer Lebensweise - wie es sich auf Zugfahrten durch das Land erschließt. Ob als Pendler im Regionalzug, beim Kampf mit dem Fahrkartenautomaten oder auf der Suche nach dem richtigen Gleis in Mailands Hauptbahnhof. In Begegnungen mit pedantischen Schaffnern und kauzigen Mitreisenden, mit Priestern und Prostituierten auf spektakulären Bahnstrecken fängt Parks ein, was für das italienische Leben so charakteristisch ist: rasantes Tempo und zugleich der Sinn für entspannte Entschleunigung sowie die…mehr

Produktbeschreibung
In diesem äußerst unterhaltsamen Reisebericht zeichnet Tim Parks ein authentisches Portrait italienischer Lebensweise - wie es sich auf Zugfahrten durch das Land erschließt. Ob als Pendler im Regionalzug, beim Kampf mit dem Fahrkartenautomaten oder auf der Suche nach dem richtigen Gleis in Mailands Hauptbahnhof. In Begegnungen mit pedantischen Schaffnern und kauzigen Mitreisenden, mit Priestern und Prostituierten auf spektakulären Bahnstrecken fängt Parks ein, was für das italienische Leben so charakteristisch ist: rasantes Tempo und zugleich der Sinn für entspannte Entschleunigung sowie die unsterbliche Begeisterung für ein gutes Argument und den perfekten Cappuccino.
  • Produktdetails
  • Goldmann Taschenbücher .15953
  • Verlag: Goldmann
  • Originaltitel: Italian Ways
  • Seitenzahl: 412
  • Erscheinungstermin: 18. Juni 2018
  • Deutsch
  • Abmessung: 188mm x 128mm x 30mm
  • Gewicht: 368g
  • ISBN-13: 9783442159536
  • ISBN-10: 3442159539
  • Artikelnr.: 49954181
Autorenporträt
Parks, Tim
Tim Parks wurde 1954 in Manchester geboren, wuchs in London auf und studierte in Cambridge und Harvard. Seine Romane wurden mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, u. a. mit dem "Somerset Maugham Award". Neben seiner schriftstellerischen Tätigkeit ist er als Übersetzer tätig (u. a. von Italo Calvino und Alberto Moravia) und unterrichtet Literarisches Übersetzen an der Universität von Mailand. Tim Parks lebt mit seiner Frau und drei Kindern in Verona.
Rezensionen

Perlentaucher-Notiz zur WELT-Rezension

Dass Tim Parks in seinen Erkundungen Italiens auf der Schiene die italienischen Staatsbahnen mit der katholischen Kirche vergleicht, ist für Marc Reichwein eines der Schmankerl des Buches. Darauf muss man erst einmal kommen, denkt der Rezensent sich wohl. Parks fällt indes noch viel mehr ein auf seinen Bahnreisen kreuz und quer durch seine Wahlheimat. So lernt der Rezensent nicht nur einiges über Pünktlichkeit, Anschlussverständnis und sadistische Schaffner, sondern bekommt vom kundigen Autor auch gleich Landeskunde serviert. Wie hängen Mentalität und Infrastruktur zusammen, wie hat die Reichseinigung Italiens die Bedeutung der Bahn beeinflusst? Parks weiß es. Ein bisschen spleenig wird das Buch laut Reichwein, wenn der Autor sich etwa dem Lautsprecherdurchsagendada zuwendet. Aber auch das gefällt dem Rezensenten gut.

© Perlentaucher Medien GmbH

Süddeutsche Zeitung - Rezension
Süddeutsche Zeitung | Besprechung von 17.07.2014

Reisen ohne Geistesverschmutzung
Seit vierzig Jahren erlebt der britische Autor Tim Parks „Italien in vollen Zügen“.
Nun legt er seinen Erfahrungsbericht mit dem Eisenbahnsystem des Landes vor – und dessen Way of life
VON KRISTINA MAIDT-ZINKE
Dies ist ein sehr britisches Buch, denn es wendet sich an Leser, die gleich zwei Spleens haben: den Eisenbahn- und den Italien-Spleen. Mit Letzterem ist jene leicht verrückte Liebe zu allem Italienischen gemeint, die trotz nachhaltiger Desillusionierung unbeirrbar bleibt. Der aus Manchester stammende Schriftsteller Tim Parks, der seit mehr als dreißig Jahren im Veneto lebt, ist bei uns mit diversen Romanen bekannt geworden, doch manche schätzen ihn noch mehr für seine scharfsichtigen, mild ironischen Sachbücher über den Alltag eines Nordeuropäers im Süden. Jetzt hat Parks seine Erfahrungen mit den Ferrovie dello Stato, den italienischen Staatsbahnen, beziehungsweise deren Tochtergesellschaft Trenitalia und ihren privaten Mitbewerbern in einem Band versammelt, den er allen widmet, „die gern im Zug lesen“. Aber auch der sogenannte Lehnstuhlreisende wird großes Vergnügen daran haben – vorausgesetzt, sein Herz schlägt für das Problemland Italien und für das nicht minder problembehaftete Verkehrsmittel Eisenbahn. Vielleicht genügt sogar schon eine von beiden Marotten, um sich von dem kalauernden Titel „Italien in vollen Zügen“ unwiderstehlich angezogen zu fühlen.
  Im Original heißt das Buch, ebenfalls doppeldeutig, „Italian Ways“, was sich auf italienische Bahnstrecken oder auf die italienische Lebensart beziehen kann. Wenn Parks seine Zugfahrten quer oder längs über den Stiefel schildert, schreibt er nicht einfach eine Reisereportage, sondern sammelt Material für ein viel größeres Projekt: den Versuch, seine Wahlheimat, das Wunderland der tausend Widersprüche, besser zu verstehen. Deshalb setzt er seine Bahn-Erlebnisse immer wieder in Beziehung zu Italiens Geschichte und Gegenwart, schließt aus kuriosen Details am Schienenweg, aus Abteilbekanntschaften und flüchtigen Begegnungen auf kulturelle Phänomene und gesellschaftliche Tendenzen und zeichnet so ein Portrait seines „Adoptivlandes“, wie es die kursierenden Güterzugladungen an Reiseliteratur über Italien bislang nicht zu bieten hatten. Die Notizen dazu entstanden, wie der Autor einräumt, unsystematisch und zunächst nicht im Hinblick auf ein Buch. Mit der Veröffentlichung begeht er nun ein kleines persönliches Jubiläum, das er im Vorwort erwähnt: „Mein erster Blick auf Italien fiel durch ein Zugfenster. Das war in der Morgendämmerung eines Sommertags im Jahr 1974.“
  Vier Jahrzehnte später kann Parks keineswegs behaupten, das Gesamtnetz der italienischen Eisenbahnen erkundet zu haben: Wäre er dessen Haupt- und Nebenstrecken lückenlos abgefahren, hätte er für seine englisch-italienische Familie, seine Mailänder Dozentur und seine schriftstellerische Tätigkeit kaum noch Zeit gehabt. Auch ist er keiner jener Eisenbahnromantiker, die sich auf spektakuläre oder von der Stilllegung bedrohte Strecken kaprizieren. Seine Eindrücke verdankt er langjährigem Zwangspendeln in Regionalzügen zwischen Verona und Mailand, Erlebnissen auf Hochgeschwindigkeits-Trassen zwischen Mailand, Verona und Florenz sowie einer Reise, die ihn über Rom nach Sizilien, Kalabrien und Apulien führte und bei der er, mehr als sonst, Orte und Landschaften auch jenseits der Bahnhöfe in Augenschein nahm. Dem relativ begrenzten Bewegungsradius gewinnt sein literarisch-dokumentarischer Blick jedoch genug Stoff ab, um ein vielfarbiges, vor Atmosphäre vibrierendes Bild von Italien entstehen zu lassen – durch das Zugfenster gesehen.
  Dass dieses Bild sich erheblich von dem unterscheidet, was ein Autofahrer wahrnimmt, wenn er die entsprechenden Regionen durchkurvt, weiß jeder, der sich dem Kontrast schon einmal ausgesetzt hat. Der Zugpassagier kommt dem Land und seinen Bewohnern wohl oder übel sehr viel näher und kann den Sinnesreizen, Sprachproblemen und anderen kommunikativen Herausforderungen, die sich aus dieser Nähe ergeben, nicht entfliehen. Der Reisende, der gezwungen ist, ohne Blechpanzer sich einerseits selbsttätig zu bewegen und sich andererseits den Strukturen und Unwägbarkeiten einer fremden Öffentlichkeit anzupassen, lernt das Territorium viel intensiver kennen als jeder, der in einer mobilen Gefängniszelle bis in die hintersten Winkel seines Gastlandes vorzudringen sucht. Tim Parks, der als Pendler die Auto-Alternative testete, geht noch einen Schritt weiter: Er berichtet von dem Gefühl, „dass die Umweltverschmutzung durch Autos sich nicht auf die Abgase beschränkt; das Autofahren verschmutzt auch den Geist, meinen zumindest; es vergiftet ihn und wühlt ihn auf. Ein weiteres Argument fürs Bahnfahren.“
  Nun ist der aufgeklärte Ironiker Parks bekanntermaßen einer, der sich mit Meditation und spirituellen Lehren beschäftigt und sich dafür nicht einmal geniert. Im Nachwort zitiert er eine Anweisung aus der buddhistischen Vipassana-Praxis: „Einfach nur beobachten, einfach das Leben beobachten, wie es ist, nicht wie man es gerne hätte, sondern wie es ist.“ Dafür erweist sich der Zug als idealer Ort: Ohne sich auf Fahrtechnik und Verkehrsstress konzentrieren zu müssen, bleibt man zugleich stillgestellt und in Bewegung, ist abwechselnd erhebenden, langweiligen, enervierenden oder amüsanten Eindrücken ausgesetzt, muss sich mit den verschiedensten Mitreisenden arrangieren und kann sich – wenn man nicht gerade liest – in der Rolle des distanzierten, gleichmütigen Beobachters üben, während draußen die Welt vorüberzieht.
  Daran, dass das italienische Eisenbahnsystem mit seinen Absurditäten und Anachronismen die Bereitschaft zu meditativer Gelassenheit in besonderer Weise herausfordert, lässt Parks keinen Zweifel, und natürlich bezieht das Buch aus diesem Sachverhalt einen Großteil seines Unterhaltungswerts. Pedantisches Personal und undurchschaubare Fahrplankapriolen, die Extreme von Regionalzug-Tristesse und Hochgeschwindigkeits-Eleganz, von Bürokratie und Lässigkeit, von anheimelnden Ritualen und abstrusen Innovationen, vor allem aber die bunte Vielfalt der Passagiere, für die „Privatsphäre“ ein Fremdwort ist, machen das Reisen im Revier der Trenitalia zu einem echten Abenteuer.
  Der Autor belässt es jedoch nicht beim Anekdotischen, sondern erzählt auch, wie Gründung und Ausbau der Eisenbahn im 19. Jahrhundert dazu beitrugen, Italien als Staat zu konstituieren. Seine präzisen Beobachtungen zu aktuellen Entwicklungen im Eisenbahnwesen wiederum lassen sich ohne Weiteres auf deutsche Verhältnisse übertragen: Der Umbau historischer Bahnhöfe zu Shopping Malls mit Gleisanschluss, vorgeführt am krassen Beispiel Mailand, und die schleichende Demontage der Flexibilität beim Zugfahren sind Symptome, die uns nur allzu bekannt vorkommen. Und nach der Lektüre dieses etwas anderen Reisebuchs werden selbst gewohnheitsmäßige Großraum-Bucher dem Autor zustimmen, wenn er bemerkt: „Das Zugabteil ist wirklich ein ganz besonderes Umfeld. Der Tag, an dem es gänzlich abgeschafft wird, wird ein trauriger Tag sein.“
Tim Parks: Italien in vollen Zügen. Aus dem Englischen von Ulrike Becker. Verlag Antje Kunstmann, München 2014. 336 Seiten, 19,95 Euro.
Sein erster Blick auf Italien fiel
durch ein Zugfenster . . . morgens
an einem Sommertag im Jahr 1974
Absurditäten und Anachronismen
von Italiens Eisenbahn fordern zu
meditativer Gelassenheit heraus
Ein Eisenbahn-Star – Lampo, der reisende Hund – fährt, wohin er will. In den Fünfzigern zog er kreuz und quer durch Italien, er kannte die Fahrpläne besser als die Bahnhofsvorsteher. 1961 wurde er von einem Zug überfahren.
Foto: www.bridgemanart.com
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Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 19.11.2014

Durch das Fegefeuer der Fahrkartenautomaten
Was reimt sich auf Trenitalia? Der Engländer Tim Parks hat Italien mit der Eisenbahn erkundet und weiß seither ganz genau, dass es kein Land für Anfänger ist

In der Übersetzung nimmt der Titel ganz anders Fahrt auf als im Original: "Italien in vollen Zügen", das verspricht mehr als "The Italian Way", der beides, die Gleise und, so heißt es am Ende des Vorworts, "die italienische Art, die Dinge zu handhaben", meint. Der deutsche Leser ergänzt "genießen", doch das bleibt unausgesprochen. Tim Parks hat den bel paese auf dem Schienenweg erkundet, Zug um Zug ist er ihm nähergekommen, die Eisenbahn ist ihm Mittel und Medium, Italien besser kennenzulernen. Sie wird unter seinem literarisch geschulten und alltagssoziologisch geschärften Blick zum Brennspiegel der Gesellschaft.

Das mag abwegig erscheinen in einem Land, das den Prestigewert des Autos hochhält und mit Billigfluglinien schneller und günstiger zu erreichen ist. Die Eisenbahn aber hat ihm den Weg bereitet, eine Lokomotive des Fortschritts, die den Prozess des Risorgimento beschleunigt, zur Angleichung der Sprache beigetragen und den Campanilismo zurückgedrängt hat. Das Zusammenwachsen der Nation hat sie ebenso befördert wie die Volksbildung; mit der Ausweitung des Streckennetzes im späten neunzehnten Jahrhundert hat das Lesen einen Aufschwung erfahren. "Für alle, die gerne im Zug lesen", lautet die Widmung. Doch Tim Parks hat keine Kulturgeschichte und keine Reisereportage geschrieben, auch wenn er beiden Genres verpflichtet ist.

Zwar fiel sein erster Blick auf Italien 1974, da war er neunzehn, in der Nähe von Ventimiglia, durch ein Zugfenster, doch verstanden hat er damals nur Bahnhof. Inzwischen lebt der 1954 in Manchester geborene Autor seit mehr als dreißig Jahren in Italien, hat Moravia, Calvino und Tabucchi übersetzt, kann Dialekte zuordnen, Phrasierung und Poesie der liturgischen Bahnhofsansagen zergliedern und sich über die englischen Übersetzungen, nicht nur wenn sie "Trenitalia" auf "Genitalien" reimen lassen, amüsieren.

Dabei sind es gerade die Anlässe, die ihn während der Fahrt aus seiner Lieblingsbeschäftigung reißen, die Auskünfte über die Italiener und ihre Mentalität geben: Wenn er einem "Capotreno", einem Zugchef, in die Hände fällt, der ihn, weil der Zuschlag nicht entwertet ist, mit einem Katalog von Regularien sekkiert, um dann doch nicht das angedrohte Bußgeld zu kassieren; wenn Eisenbahnergewerkschaft und Polizei mit protestierenden Milchbauern vereinbaren, dass sie jeden Zug eine halbe Stunde lang aufhalten können; wenn die Telefonini zu trällern beginnen, Mütter ihre Anweisungen fürs Abendessen durchgeben oder ein Mittvierziger, "mehrere Reihen entfernt", seine unschöne Scheidung mit Anwalt, neuer Freundin, Mutter, Bruder und anderen durchspricht. Ein Land zwischen Komik und Konfusion, Exhibitionismus und Improvisation, Ineffizienz und dem Ideal der bella figura, Vorschriftendschungel und der "Komplizenschaft beim Regelverstoß".

Beobachtungen und Begegnungen, Miniszenen und Momentaufnahmen: Der miesepetrige Bahnhofscafé-Kellner, der langsam in dem ungepflegten öffentlichen Lokal wirtschaftet, und der fröhliche Barista, der in seinem quirligen Straßencafé doppelt so hart arbeitet, erscheinen geradeso als reale Klischee-Italiener wie der "Furbo" und der "Pignolo", Schlaumeier und Pedant, die das Schlangestehen vor dem Fahrkartenschalter durchkreuzen. Selbst wie die Immigranten die Schattenwirtschaft im Mailänder Hauptbahnhof aufteilen, kann Parks erklären: Roma betteln, Inder verkaufen Rosen, Chinesen Raubkopien, Türken Kebab, und junge Osteuropäer bedienen die tückischen Fahrkartenautomaten - für Trinkgeld.

Bahn zu fahren war für Parks zunächst "eine lästige Pflicht". 1992 beginnt er zwei-, dreimal die Woche von Verona nach Mailand zu pendeln, wo er einen Job an der Universität angenommen hat: mit dem Interregionale, dem Intercity oder dem Eurostar. Der erste braucht zwei Stunden für die 148 Kilometer und ist am ehesten pünktlich. Ab Brescia ist er überfüllt und spätestens dann passiert, was Parks in England nie erlebt hat: "Alle reden, alle scheinen sich zu kennen." Und zwar "über Fußball, Politik und das beste Spargelrisotto". Trotz Ohrstöpsel, Parks kann gar nicht anders, als die Italiener hautnah kennenzulernen, Berufspendler, "lebende Tote", Studenten, Rucksacktouristen und Schwarzfahrer. Ziel ist Milano Centrale, die imposante Kopfbahnhof-Kathedrale des eklektischen Historismus, die 2006 in ein "Kommerz-Labyrinth" mit 108 Läden, Rolltreppen und Passagen verwandelt wird. Von hier fährt am 14. Dezember 2008 der erste Frecciarossa (roter Pfeil), zunächst bis Bologna, von 2010 an bis Rom: 480 Kilometer in weniger als drei Stunden. Die alten Namen - "Michelangelo" oder "Vivaldi" - verschwinden, es gibt neue Vorschriften, Preise, Zugbindung, neue Absurditäten und Komplikationen.

Im zweiten Teil des Buches macht sich Parks auf in den Süden, wo 1839, von Neapel bis Portici, die erste Bahnstrecke in Italien eröffnet wurde - "bis ans Ende des Landes". Als gelernter Norditaliener führt er dessen Ignoranz und "ein gewisses Gefühl der Beklommenheit" im Gepäck: Vorurteile werden, wie die stereotype Klage einer Sizilianerin, die Insel werde "im Stich" gelassen, bestätigt und, nicht nur durch makellos saubere Züge, widerlegt.

Die autobiographische Komponente wird stärker und die Reise zur Konfrontation mit der eigenen Identität. Denn Parks, der sich im Norden häufig "Wann gehst du zurück (nach England)?" anhören muss, macht in Palermo eine ihn unverhofft beglückende Erfahrung. Als ihn ein Paar fragt, wann genau der Bus eintreffen sollte, und er "in meinem Norditalienisch" antwortet, scheint es "gar nicht zu bemerken, dass ich kein Italiener war": "Nein, es war mehr als Freude, ich war gerührt. Ich war in meiner Adoptivheimat, in einem abgelegenen Teil des Landes, in den ich mich nie vorgewagt hatte, der mir immer zu gefährlich erschienen war, Sizilien, der Süden, die Mafia, ein heißes Pflaster, und plauderte seelenruhig mit ganz normalen Leuten, verstand und wurde verstanden, ganz so, als wäre ich tatsächlich Italiener. Fantastisch." So hat die Eisenbahn Parks (fast) zum Italiener werden lassen.

Die Reise durch den Süden, mit dem Bus, weil sonntags kein Zug fährt, nach Modica und von dort in zehn Stunden - mit, darauf hat er gewettet, nur zwanzig Minuten Verspätung! - über Syrakus, Catania, Messina, Lamezia Terme und Catanzaro nach Cortone, dann an der Sohle des Stiefels entlang nach Apulien wird für Parks zu einer Offenbarung, die ihn Schönheiten, Reichtum und Geheimnisse der Magna Graecia entdecken lässt. Eines der "Wunder" findet er in Lecce, dem "Florenz des Südens", mit den Ferrovie del Sud Est, einer regionalen Eisenbahngesellschaft auf dem Absatz des Stiefels, deren altmodische Dieselloks Waggons ziehen, aus deren offenen Fenstern orangefarbene Vorhänge flattern und die mit EU-Mitteln aufgehübschte Bahnhöfe abklappern. Kein Fahrplan wird eingehalten, doch jeder kommt zuverlässig an.

"Italien ist kein Land für Anfänger", seufzt Parks vor dem "Fegefeuer der Fahrkartenautomaten" einmal. Sein Buch erzählt "Italien für Fortgeschrittene". Es hat alles, um in einem Zug gelesen zu werden.

ANDREAS ROSSMANN

Tim Parks: "Italien in vollen Zügen".

Aus dem Englischen von Ulrike Becker. Verlag Antje Kunstmann, München 2014, 336 S., geb., 19,95 [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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