Parole / Worte - Pozzi, Antonia
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Zum 70. Todestag der großen italienischen Lyrikerin am 3.Dezember 2008 erscheint diese umfangreiche Auswahl ihrer Gedichte in einer zweisprachigen Ausgabe. Auch wenn ihr Schaffen nur ein knappes Jahrzehnt umfasste und zu Lebzeiten kein einziges Gedicht von ihr gedruckt wurde, ist Antonia Pozzi (1912-1938) eine der großen italienischen Lyrikerinnen des 20.Jahrhunderts. Mit 26 Jahren nahm sie sich aus Liebeskummer und verzweifelt über die Geschehnisse im faschistischen Italien das Leben, was ihre Familie, die offi­ziell von "plötzlichem Unwohlsein" sprach, jedoch verschwieg. Als bald darauf eine…mehr

Produktbeschreibung
Zum 70. Todestag der großen italienischen Lyrikerin am 3.Dezember 2008 erscheint diese umfangreiche Auswahl ihrer Gedichte in einer zweisprachigen Ausgabe. Auch wenn ihr Schaffen nur ein knappes Jahrzehnt umfasste und zu Lebzeiten kein einziges Gedicht von ihr gedruckt wurde, ist Antonia Pozzi (1912-1938) eine der großen italienischen Lyrikerinnen des 20.Jahrhunderts. Mit 26 Jahren nahm sie sich aus Liebeskummer und verzweifelt über die Geschehnisse im faschistischen Italien das Leben, was ihre Familie, die offi­ziell von "plötzlichem Unwohlsein" sprach, jedoch verschwieg. Als bald darauf eine erste Auswahl von 91 Gedichten erschien, waren diese vom Vater durch Streichungen und vermeintliche Berichtigungen entstellt. Erst 50 Jahre nach ihrem Tod wurde Antonia Pozzi "wiederentdeckt", so dass seit den 1980er Jahren endlich auf den Originalquellen ­fußende ita­lie­nische Ausgaben erschienen sind. Heute sind etwa 300 bis 400 Gedichte der Autorin bekannt, von denen diese Ausgabe über 100 präsentiert. Sichtbar wird eine Entwicklung, vom frühen Herantasten an ihre Stoffe und die ihr eigene intensive Art des lyrischen Sprechens bis zur immer tieferen Auslotung der Glücks-, vor allem aber der Schmerzerfahrungen.
  • Produktdetails
  • Verlag: Wallstein / Wallstein Verlag GmbH
  • Seitenzahl: 336
  • Erscheinungstermin: September 2008
  • Deutsch, Italienisch
  • Abmessung: 197mm x 130mm x 33mm
  • Gewicht: 424g
  • ISBN-13: 9783835303485
  • ISBN-10: 3835303481
  • Artikelnr.: 23866035
Autorenporträt
Die Autorin Antonia Pozzi, geb. 1912 in Mailand als Tochter einer patrizischen Familie aus der Lombardei, studierte Philologie an der Mailänder Universität. Zu ihren Studienfreunden zählte Alberto Mondadori, der Sohn des Verlegers, der nach ihrem frühen Freitod 1938 ihre Gedichte veröffentlichte. Sie promovierte über Flaubert, beschäftigte sich intensiv mit deutscher Literatur (Goethe, Thomas Mann, Rilke), die sie schon in der Schule im Original las. Gabriella Rovagnati lehrt deutsche Literatur an der Universität Mailand. Neben ihrer wissenschaftlichen Arbeit (sie ist Autorin zahlreicher Studien zur Literatur und hat diverse Manuskripte - darunter die Urfassung des »Reigen« von Arthur Schnitzler - ediert), ist sie als literarische Übersetzerin (u.a. von Liliencron, Freud, W.G. Sebald) tätig.
Rezensionen
Besprechung von 06.02.2009
Glühende Zerbrechlichkeit
Verse des Verzichts: Die Gedichte der Antonia Pozzi

Keine Berge, Seelen von Bergen sind / diese fahlen Zinnen, erstarrt / im Willen zum Aufstieg. Und wir kriechen / an dem unbekannten Festen: Handfläche um Handfläche / mit der gebogenen Spannung der Finger / mit der glatten Haftung der Glieder / besiegen wir den Felsen; mit dem Hunger / der Raubtiere heben wir unseren weichen / Leib auf den Stein; von der Weite berauscht / hissen wir auf dem steilen Gipfel / unsere glühende Zerbrechlichkeit." So lauten auf Deutsch die Anfangsverse eines ständig zwischen Metapher und Beschreibung wechselnden Gedichts mit dem Titel "Dolomiten", das die Mailänderin Antonia Pozzi (1912 bis 1938) mit siebzehn Jahren schrieb.

Da die Dichterin, deren italienisches Originalwerk in dem bekannten Verlag Garzanti erschienen ist, ihre Texte fast immer datiert hat, ist es nicht schwer, ihre künstlerische Entwicklung zu verfolgen. Chronologisch geordnet ist auch die mit einem ausführlichen Nachwort versehene zweisprachige Auswahl von mehr als hundert Gedichten, mit der Gabriella Rovagnati das deutsche Publikum mit dem Werk einer ganz eigenständigen Dichterin bekanntmacht. Immer entspringen ihre Verse dem Erlebnis der Liebe, sei es zu einer Landschaft oder zu einem Menschen. Dass die Dolomiten dabei so häufig vorkommen, hängt damit zusammen, dass Antonia Pozzi leidenschaftliche Bergsteigerin war, vor deren Blick die Berge immer zugleich beides waren: Natur und Sinnbild.

Nicht weniger liebte Pozzi auch die lombardischen Landschaften: die Ebene etwa, wo der Tessin fließt und wo ihre Großmutter ein Gut besaß: "Gegen Abend starrte ich den Horizont an, / schloß halb die Augen, streichelte die Umrisse / und die Farben zwischen den Wimpern; / und der Hügelkamm ebnete sich, / zitternd blau: mir schien er wie das Meer / und mehr noch als das wahre Meer gefiel er mir." Oder die Valsassina, ein Tal nicht weit vom Comer See, wo ihre Eltern ein Haus in Pasturo gekauft hatten, als sie noch ein Kind war, und regelmäßig die Sommerferien verbrachte. An diesem Ort mit der kleinen Kirche hing Pozzi besonders: "Unaufhaltsam schlagen die Glocken / mit tönendem Hämmern / das müde Haupt der Sonne - / Die Sonne sinkt - sinkt - / die Sonne ist gefallen - / gefallen hinter die Berge." Und hier ruht sie auch, nach dem Wunsch in ihrem Testament, das sie kurz vor ihrem Suizid verfasst hatte.

Unter den Menschen, die ihr nahestanden, war die Freundin Lucia Bozzi, die für Antonia, ein Einzelkind, eine Art Ersatzschwester war und der auch eine Reihe von Texten gewidmet ist, die solche Empathie erkennen lassen, wie etwa das Gedicht "Segen" von 1929: "Schläfe an Schläfe / verschmelzen / unsere Fieber. / Draußen langes Zittern der Sterne / und der Efeu mit seinen ausgestreckten Handflächen / zu halten ein mildes Schimmern." Nie verliert Pozzis Sprache ihre beobachtende Nüchternheit, nicht einmal, wenn sie von der Liebe ihres Lebens schlechthin redet, von dem Mann, in den sie sich ganz jung verliebt hatte: "Er war, oder besser er ist ein Geist wie nur wenige andere: eine große Flamme hinter einem Nervengitter; eine sehr reine, sich nach immer größerer Reinheit sehnende Seele, die leider durch ihren unstillbaren Durst nach Wissen, Vollkommenheit und Licht zur Selbstvertrocknung bestimmt ist." Mit diesen Worten beschreibt die Sechzehnjährige in einem Brief an ihre Großmutter, unter den engen Verwandten ihre einzige Vertraute, ihren ersten Griechisch- und Lateinlehrer, der zu ihrer Enttäuschung bald von Mailand nach Rom versetzt wurde oder - man weiß es nicht genau - sich versetzen ließ. Antonio Maria Cervi bewunderte sie sehr, was sich mehr und mehr in eine aufwühlende und erwiderte Liebe verwandelte. Auf deren Erfüllung aber mussten beide bald verzichten, da sich Pozzis Vater, ein angesehener Mailänder Rechtsanwalt, der sich für seine einzige Tochter eine "bessere Partie" wünschte, gegen die Liaison sperrte, wohl auch, weil der Lehrer viel älter war und weit entfernt von Mailand wohnte.

Aus dem "Verzicht" nährt sich zum großen Teil die Lyrik von Antonia Pozzi, deren Vollkommenheit menschliche Tiefe und künstlerische Reife bezeugt. Mutig forderte sie "Antonello" anfangs auf, an ihre gemeinsame Zukunft zu glauben, ohne dass sie die Schwierigkeiten leugnete, die ihnen im Wege stehen würden. So lässt etwa das Gedicht "Frieden" vom 3. Juli 1929 Hoffnung und Angst alternieren: "Lass uns einfach gehen: lang ist der Weg. / Ich lese ganz weit in der Zukunft, / wie auf einem Blatt, das vor mir liegt: / dann fällt plötzlich das Gesicht / in die Finsternis des Unbekannten, / wie diese weiße Seite, die sich scharf / auf der dunklen Schreibtischplatte bricht." Von Cervi, der erfolglos bei ihrem Vater um ihre Hand angehalten hatte, wollte Antonia Pozzi gern ein Kind haben; der Wunsch nach Mutterschaft ist eines ihrer wiederkehrenden Themen. Das Kind hätte dem geliebten Mann dessen im Krieg gefallenen Bruder Annunzio, einen vielversprechenden jungen Dichter, wiederschenken sollen. Das Kind aber war bestimmt, ein "Scheinkind" zu bleiben, wie sie es unsentimental nennt, das jedoch in ihr, wenn auch nur als Schatten, lebte: "Das glaube ich: / man kann den Namen nicht, / das Gesicht nicht verändern / den im Herzen / schon geborenen Wesen."

Über den Schmerz des unverwirklichten Liebestraums half der Dichterin, die ihr Studium mit einer Untersuchung zu Gustave Flaubert abgeschlossen hatte und eine erfolgreiche Lehrerin geworden war, auch die Arbeit nicht hinweg, auch nicht das ablenkende soziale Engagement für die Armen der Mailänder Vorstadt, zu dem sie ihr Kommilitone Dino Formaggio bewegen konnte. Als Pozzi auch noch einige jüdische Freunde verlor, die vor den Faschisten fliehen mussten, wurde sie von ihren Depression überwältigt und nahm sich das Leben. Sie hat ein lyrisches Werk hinterlassen, dessen "Worte" für die Stimmungen von Glück und Qual, Hoffnung und Enttäuschung wie Rufen nach Musik klingen. Erstaunlich, wie die sensible deutsche Übertragung auch das bewahrt, so sehr, dass sich die österreichische Komponistin Johanna Doderer davon jüngst zu einer Reihe von Liedvertonungen hat anregen lassen.

HANS-ALBRECHT KOCH

Antonia Pozzi: "Parole/Worte". Gedichte. Italienisch/Deutsch. Herausgegeben und übersetzt von Gabriella Rovagnati. Wallstein Verlag, Göttingen 2008. 336 S., geb., 24,70 [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension

Hans-Albrecht Koch scheint bezaubert von den zweisprachig herausgegebenen Gedichten der 1938 jung aus dem Leben geschiedenen Antonia Pozzi. Formal als Metapher und Beschreibung, thematisch zwischen Hoffnung und Angst und immer wieder das Erlebnis der Liebe zu Landschaft  und Menschen beschwörend - so beschreibt Koch die chronologisch geordneten über hundert Gedichte dieser "ganz eigenständigen" Lyrikerin Pozzi. Dafür dass die Lektüre zum Ereignis wird, sorgen laut Koch die sensibel ins Deutsche übertragene, menschliche Tiefe und künstlerische Reife bezeugende Nüchternheit der Autorin.

© Perlentaucher Medien GmbH