Alles brennt - Stern, Gerald

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Gerald Sterns Gedichte brennen: sie sind wild, weltweise, wütend und randvoll mit Schmerz, Trauer, Liebe und Witz. Sie sind allumfassend und detailversessen zugleich. Sie erzählen von Zerstörung und Verschwinden, von getretenen Geschöpfen, von Maulwürfen und dreckigen Tauben, von Ruinen und Akazien. Sie erzählen von Whitman, Ginsberg und Schubert, sie singen vor Enthusiasmus und Glück. Sterns Welt ist die Welt, in der wir leben, seine Gedichte handeln von uns. Mit Alles brennt erscheint nun erstmals eine Auswahl aus dem Gesamtwerk Gerald Sterns in der deutschen Übersetzung von Thomas Pletzinger.…mehr

Produktbeschreibung
Gerald Sterns Gedichte brennen: sie sind wild, weltweise, wütend und randvoll mit Schmerz, Trauer, Liebe und Witz. Sie sind allumfassend und detailversessen zugleich. Sie erzählen von Zerstörung und Verschwinden, von getretenen Geschöpfen, von Maulwürfen und dreckigen Tauben, von Ruinen und Akazien. Sie erzählen von Whitman, Ginsberg und Schubert, sie singen vor Enthusiasmus und Glück. Sterns Welt ist die Welt, in der wir leben, seine Gedichte handeln von uns. Mit Alles brennt erscheint nun erstmals eine Auswahl aus dem Gesamtwerk Gerald Sterns in der deutschen Übersetzung von Thomas Pletzinger.
  • Produktdetails
  • Verlag: Matthes & Seitz Verlag
  • Seitenzahl: 288
  • 2010
  • Deutsch
  • Abmessung: 209mm x 157mm x 30mm
  • Gewicht: 494g
  • ISBN-13: 9783882216387
  • ISBN-10: 3882216387
  • Best.Nr.: 28707517
Rezensionen
Besprechung von 15.03.2010
Eine Zigarre im Zimmer voller Pferdegelächter

Weise, tänzelnde Leichtigkeit: Erstmals erscheinen die Gedichte des 1925 geborenen amerikanischen Dichters Gerald Stern auf Deutsch. Der deutsche Autor Thomas Pletzinger hat das Werk eines Spätberufenen übersetzt.

Derart viele Anekdoten, die mitunter das Zeug zu veritablen kleinen Mythen haben, birgt dieses Buch, dass am Ende die Dichtung kaum mehr von der Wahrheit zu unterscheiden ist. Die schönste unter diesen Geschichten, indes eine verbürgte, ist die Entstehung des Buches selbst: Es ist die Geschichte von einem alten jüdisch-amerikanischen Lyriker und einem jungen deutschen Prosaautor. Obwohl Gerald Stern, der, geboren 1925, rund zwanzig Buchveröffentlichungen und zahlreiche Auszeichnungen vorzuweisen hat, in Amerika zum Kreis etablierter Gegenwartsautoren gehört, ist nie einer seiner Gedichtbände ins Deutsche übertragen worden. Bis vor einigen Jahren der junge deutsche Autor Thomas Pletzinger in New York bei einer Literaturagentur jobbt und ihm dort ein Manuskript Sterns in die Hände fällt. Pletzinger, Jahrgang 1975, der vor zwei Jahren seinen ersten Roman veröffentlicht hat, ist sofort entflammt für die Gedichte des Mannes, von dem ihn ein halbes Jahrhundert Lebenserfahrung trennt.

"Alles brennt", ein Auswahlband mit Gedichten Sterns von 1972 bis heute, die Pletzinger nun zusammengestellt und übersetzt hat, ist wahrhaft eine Entdeckung, wenngleich eine späte. Aber das könnte von Stern selbst genau so erfunden sein: Er habe sich als Dichter erst ernst genommen, "als es weiß aus den Wangen zu sprießen begann", heißt es im Eröffnungsgedicht. Stern ist ein Spätberufener. Er, der nur ein paar Häuser entfernt von Andy Warhol aufwuchs (angeblich hat Sterns Mutter ein Warhol-Original, das ihm der Nachbar schenkte, irgendwann auf den Sperrmüll gegeben) und mit Allen Ginsberg befreundet war, hat mit vierzig Jahren alles, was er bis dahin geschrieben hatte, vernichtet. Komplizierte Langgedichte seien das fast durchweg gewesen. Nur ein Blatt mit einem einzigen Gedicht, so jedenfalls Sterns Legende, habe er wieder aus der Mülltonne gezogen, und was dieses an Schlichtheit auszeichnete, wurde ihm fortan zum poetologischen Credo.

In der formalen und sprachlichen Einfachheit Sterns, genauso wie in seinem Blick auf das Alltägliche und seinem Aufbrechen von Hierarchien - der Maulwurf oder das überfahrene Opossum stehen gleichberechtigt neben weltgeschichtlichen Begebenheiten - erkennt man noch die Tradition Walt Whitmans. Was aber die Besonderheit von Sterns Gedichten ausmacht, ist ihr memorierendes Moment, als ob Stern all jenes, dessen er sich in der Mitte seines Lebens zu entledigen suchte, in ihnen wieder herbeizitiert und dabei noch einmal betrachtet: "Ich spaziere durch Teerpappe und Glas. Ich lehne am Flieder. / In meiner Linken: eine Flasche Tango." Von der eigenen Kindheit erzählen seine Gedichte genauso wie von Spaziergängen durch Pittsburgh und Paris oder von zurückliegenden Liebesnächten: "Wir zündeten einander Zigarren an, rauchten im Zimmer voller lorbeergrünem Pferdegelächter." Kaum ein Gedicht, das neben dem fast Dokumentarischen nicht etwas Eigenartiges, manchmal gar Irritierendes entfaltet, und kaum eines ohne ein mit Verve auftretendes "Ich". Subjektiv sind sie und, auch wenn sie von Vergangenem erzählen, hungrig nach Leben. Das Erstaunliche an diesen Gedichten ist, dass sie nicht melancholisch sind. Stattdessen voller zuweilen sprühender Sinnlichkeit. Sie handeln nicht von Vergänglichkeit, sie sind ein Plädoyer für das Bewahren und für die Intensität des Erlebens und werden dadurch gleichsam zu einer Schule für die Gegenwart.

Das emphatische Vergegenwärtigen meint jedoch nicht, dass es nur um das geht, was gern erinnert wird. Der Tod der Schwester etwa, die mit neun Jahren starb, ist ein immer wiederkehrendes Motiv, genauso wie der Holocaust, dem der Jude Stern in Amerika entrann, immer mit der gefühlten Schuld des Davongekommenen. "Hier ist ein grüner Jude / mit dünnen schwarzen Lippen / vom Männerklo des Amelia Earhart gestohlen / und in Klopapier gewickelt." "Seife" heißt dieses Gedicht, das über das größte Verbrechen des zwanzigsten Jahrhunderts in so beiläufigem Ton erzählt, dass seine Grausamkeit den Leser abrupt erwischt.

Auch angesichts der infernalischen Auswüchse der Geschichte und des Lebens aber verliert Stern seine Leichtigkeit nicht. Diese Leichtigkeit, die weise ist und zugleich etwas Tänzelndes hat, bringt Pletzinger in seinem Nachwort, das mehr ein Porträt ist und fast selbst schon ein schwärmerisches Gedicht, aufs Schönste zum Leuchten. An Emphase stehen sich Alt und Jung wenig nach, wie sie da nach einem gemeinsamen Mittagessen eine eigentlich deprimierende Cafeteria verlassen. "Stern nimmt den Hut galant vom Kunstledersitz und klaut aus der Auslage eine Packung Erdnüsse", schreibt Pletzinger. Auch das mag ein kleiner Beitrag zum eigenen Mythos sein, aber einer, den man nur umwerfend finden kann. Gerade ist Gerald Stern bei einer Handvoll Lesungen auch in Deutschland zu erleben.

WIEBKE POROMBKA

Gerald Stern: "Alles brennt". Gedichte. Zweisprachige Ausgabe. Aus dem Englischen von Thomas Pletzinger. Verlag Matthes & Seitz , Berlin 2010. 288 S., geb., 29,90 [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension

Wiebke Porombka ist begeistert von diesem Auswahlband mit Gedichten von Gerald Stern aus der Zeit von 1972 bis heute. Dem Herausgeber Thomas Pletzinger, der auch ein "schwärmerisches" Nachwort verfasst hat, dankt sie für die späte Entdeckung einer sprachlich wie formal einfachen Dichtung, eines Blicks auf das Alltägliche in der Tradition Walt Whitmans. Bemerkenswert erscheint ihr das memorierende Moment dieser Texte und das Irritierende, das dem nur Dokumentarischen hier stets in die Quere kommt. Weil Sterns Lyrik nie melancholisch ist, sondern vor Sinnlichkeit sprüht, wie Porombka feststellt, sind sie der Rezensentin eine "Schule der Gegenwart", wo Bewahren und Intensität des Erlebens Hand in Hand gehen.

© Perlentaucher Medien GmbH