Über Musik - Handke, Peter

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Ein Lesebuch der musikalischen Nebenwege im Werk Peter Handkes. Musik ist kein zentrales Thema im Werk Peter Handkes, aber sie durchzieht es, ist gegenwärtig wie ein auf- und abschwellender Unterton. Das Spektrum der Äußerungen reicht von Euphorie und Begeisterung bis zu Skepsis und Ablehnung, und es bezieht sich - wenn auch mit deutlicher Präferenz für Rock und Blues - auf die verschiedensten Erscheinungsformen von Musik, in jüngster Zeit sogar auf das eine oder andere Beispiel aus der sonst wenig geliebten Klassik. Die Gesamtheit dieser Äußerungen ergibt kein 'System', begründet kein…mehr

Produktbeschreibung
Ein Lesebuch der musikalischen Nebenwege im Werk Peter Handkes. Musik ist kein zentrales Thema im Werk Peter Handkes, aber sie durchzieht es, ist gegenwärtig wie ein auf- und abschwellender Unterton. Das Spektrum der Äußerungen reicht von Euphorie und Begeisterung bis zu Skepsis und Ablehnung, und es bezieht sich - wenn auch mit deutlicher Präferenz für Rock und Blues - auf die verschiedensten Erscheinungsformen von Musik, in jüngster Zeit sogar auf das eine oder andere Beispiel aus der sonst wenig geliebten Klassik. Die Gesamtheit dieser Äußerungen ergibt kein 'System', begründet kein konsistentes Musikverständnis, sondern erweist sich als Bestandteil einer Poetik, die auch sonst jede Systembildung unterläuft. Wie Handke ein skrupulöser Sprachforscher geblieben ist, einer, dem Sprache nicht selbstverständlich zur 'Verfügung' steht, so spürt er auch 'Musik' dort auf, wo sie kaum zu vernehmen ist, am Rand des Hörbaren, jenseits verabredeter Hörgewohnheiten. Bemüht, die 'Erzählbarkeit' der Welt zu erhalten, geht es Handke letztlich um das 'erzählerische' Potential der Musik, das sich etwa zeigt, wo Gesang in Sprechen, Sprechen in Gesang übergeht. Der Band versammelt Texte und Stellen aus verschiedenen Schreibphasen und Genres (Erzählungen, Romane, Essays, Drehbücher, Interviews), die Kontinuitäten, Zusammenhänge, Brüche und Widersprüche in Handkes Verhältnis zur Musik nachvollziehbar machen.
Rezensionen
Besprechung von 04.09.2003
Ein Haus ohne Musik
Die B-Seite der Jukebox: Peter Handkes Texte „Über Musik”
Man muss schon über ein geräumiges Œuvre verfügen, wenn sich daraus neunzig Seiten nur „über Musik” zusammenstellen lassen. Geräumig ist das literarische Werk von Peter Handke ohne Zweifel, zur Musik indes unterhält der Autor seit jeher ein gespaltenes Verhältnis. „Ohne Musik auskommen” will der Tagebuchschreiber im „Gewicht der Welt” von 1977, und in einem anderen Journal, der „Geschichte des Bleistifts” (1982), heißt es: „Mein Haus soll ein Haus ohne Musik sein.” Das sind die Zitate, mit denen Gerhard Melzers Auswahl handkescher Musik-Beschimpfungen und -Lobpreisungen anfängt, und in diesem Stil geht es erst einmal weiter.
Was missfällt Handke an der Musik? „Sie gaukelt mir vor, ich hätte schon etwas geschafft, was noch zu schaffen ist”. „Sie nimmt mir den Raum; sie verzerrt ihn.” Sie wird empfunden „als eine ungehörige Übersetzung oder gar Überschreitung oder gar Verdrängung der Stille.” Sie mythologisiert, sie „stellt vorschnelle Harmonien her”. Eigentlich erträgt der Schriftsteller „nur die zufällige Musik, das heißt die Musik, die zufällig erklingt.” Und weil nichts zufälliger ist als die Musik der Geräusche, von Autos etwa, ist diese ihm oft lieber als jede ‚gespielte‘ Musik. Schwer ist es jedenfalls, sich Handke als einen Mann vorzustellen, der zuhause eine Brahms-CD auflegt, am Abend in ein Konzert (schon gar in ein klassisches) geht oder sich bei sonstiger Gelegenheit vom bürgerlich-klassischen Musikkanon affizieren lässt.
Handkes Aversion ist interessant, weil ihr im selben Werk eine ganz andere Auffassung von Musik entgegen tritt. So sehr der Autor ablehnt, was ihm im musikalischen Zusammenhang als gekünstelt oder harmonisierend erscheint, so enthusiastisch begrüßt er jede Musik, die ihm ungekünstelt, zufällig, naturgegeben vorkommt. In Handkes Frühzeit sind es vor allem die Drei-Minuten-Songs von Creedence Clearwater Revival oder den Kinks, die dieser Vorstellung nahekommen, später verlagert sich das Hörideal eher in Richtung auf eine abstrakte „Karawanenmusik” oder auf nicht nur liturgisch gemeinte „Sprechgesänge” oder „Litaneien”, ohne dass Handke dabei den „Blues” aus den Augen verlöre – „Untertagblues” heißt so auch sein letztes, noch nicht aufgeführtes Stück.
Rhythm&Blues, so lässt sich Handkes in vierzig Autorenjahren unveränderte Musik-Präferenz immer noch beschreiben: Gesänge, so schlicht und ergreifend, so episch und universal wie die der antiken Rhapsoden. Selten kommen sie aus dem Radio, noch seltener vom Plattenteller, im Glücksfall aber aus der Jukebox. „Versuch über die Jukebox” ist Handkes Huldigung an das technische Apriori seines Musikgeschmacks, und keiner weiß besser als er, dass zwischen Automat und Musik kein simples Abspielverhältnis herrscht. Der Klang der Jukebox kam „nicht wie zu Hause beim im Herrgottswinkel stehenden Radio, von oben, sondern aus dem Untergrund, und auch, bei vielleicht gleicher Lautstärke, statt vom üblichen Dudelkasten aus einem den Raum durchvibrierenden Innern. Es war, als sei das kein Automat, vielmehr das Zusatzinstrument, mit welchem die Musik . . . erst ihren Grundton bekam.”
Schade, denkt man manchmal, dass Handke sich in ähnlich subtiler Weise – so frei von auftrumpfender Kennerschaft und doch so hellhörig – nie über musikalische Phänomene geäußert hat, die ihm ferner stehen. Techno zum Beispiel, was gäbe es da für eine so geschulte und zugleich ungeschulte Wahrnehmung nicht alles zu entdecken? Aber Handke ist eben ein Konservativer; Hinweise auf Hörerlebnisse jenseits von Van Morrison sind auch dieser Zusammenstellung kaum zu entnehmen. Ob es damit zu tun hat, dass er sich letzten Endes für Musik, anders als für Film oder Malerei, eben doch nicht interessiert? Wenn doch, dann sind es, wie der Herausgeber in seinem Nachwort zutreffend bemerkt, die „B-Seiten” irgendwelcher Hitsingles, „vergleichsweise abseitige, unauffällige Einspielungen”. Einspielungen, so unauffällig und abseitig, wie Handke sich das eigene Dasein wünscht. Würde man ihn fragen, welche Platten er gern auf ein Jahr in die Niemandsbucht mitnähme, dürfte seine Antwort lauten: keine.
CHRISTOPH BARTMANN
PETER HANDKE: Über Musik. Mit Illustrationen von Amina Handke. Herausgegeben und mit einem Nachwort von Gerhard Melzer. Literaturverlag Droschl, Graz 2003. 104 Seiten, 31 Euro.
SZdigital: Alle Rechte vorbehalten - Süddeutsche Zeitung GmbH, München
Jegliche Veröffentlichung exklusiv über www.diz-muenchen.de
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Besprechung von 28.08.2003
Haben Sie das gehört?
Raumfüllend sonor: Peter Handke machte um Popmusik viele Worte

Als Teil des Projekts "Sprachmusik" im Veranstaltungsprogramm der Europäischen Kulturhauptstadt Graz legt der Droschl-Verlag einen großformatigen, aufwendig gestalteten Hardcover-Band vor, der trotz des klassischen Abhandlungstitels "Über Musik" wohl eher zur Gattung der Couchtisch-Bücher zu zählen ist. Im Stil einer Blütenlese versammelt er Zitate aus unterschiedlichen Schriften und Werken Peter Handkes, sparsam illustriert mit ganzseitigen Kunstfotos von dessen Tochter Amina Handke alias DJ Amina.

"Ohne Musik auskommen" lautet der erste dieser Einträge, und darunter, nach gemessenen zweieinhalb Zentimetern Zeilenabstand: "Mein Haus soll ein Haus ohne Musik sein." Wumms! Schon das bloße Arrangement des Herausgebers Gerhard Melzer erhebt die isolierten Handke-Zitate in den Rang Nietzschescher Aphorismen, stilisiert den Schriftsteller zu einem Dichter des Auratischen, der uns im folgenden vom eigentlichen Wesen der Nachbarkunst künden werde. Denn wer Nietzsches "Cave musicam" mit solchem Pathos erneuert, der wird um ihre wahre Gewalt wohl wissen.

Nun wäre es billig, sich über die Vermessenheit dieses Anspruchs und entsprechende Peinlichkeiten bei seiner Einlösung lustig zu machen (etwa jene Stelle aus "Versuch über die Jukebox", wo von "der raumfüllenden, gleichsam Achtung gebietenden Sonorität der Gitarre Bill Wymans" in "Satisfaction" geraunt wird - Wyman war Bassist, nicht Gitarrist der Rolling Stones). Das wäre nicht gerecht und würde beispielsweise die popkulturelle Tatsache verdrängen, daß Peter Handke vor einem Vierteljahrhundert noch der Held von Avantgarde-Musik(!)-Zeitschriften wie "59to1" sein konnte, deren Literaturteil namens "Keiner liest" ihn regelmäßig gegen die Anwürfe eines gewissen Scheich Panitzki in Schutz nahm. Was ist seither geschehen?

Nun, zunächst fällt auf, daß jene Texte über Musik, die damals überzeugten, es gar nicht bis in dieses Buch geschafft haben. So vermißt man beispielsweise den Nachruf auf den Canned-Heat-Sänger Al Wilson aus "Der kurze Brief zum langen Abschied" oder jene Passagen aus Handkes schönem "Spiegel"-Essay über Patricia Highsmith von 1975, in denen er die literarischen Qualitäten der Kriminalautorin noch mit Popmusik-Zitaten von Paul Simon und Randy Newman sinnfällig machen konnte. Von dem damaligen Künstler als jungem Mann in Beatles-Stiefeln, dem sich die Welt, wo sie sinnvoll schien, in Analogie zum Pop erschloß, ist in Melzers Sammlung nicht mehr viel übrig.

Der spätere Handke dagegen glaubt, sich mehrfach entschuldigen zu müssen, wenn er etwa die Gedichte eines Skácel einmal nicht mit Fischer-Dieskau-Liedern, sondern mit "Norwegian Wood" vergleicht oder gar "als Country & Western-Song" hört, "gesungen vom blutjungen Bob Dylan", und das positiv meint. Selbst die prägenden Erinnerungen an die Wurlitzer-Jukebox im heimischen Kärntner Lokal, in denen die Größen des Rock 'n' Roll und der Beatmusik noch ungeschieden sind vom "geheimnisvollen ,Schönen Fremden Mann'" und "Freddys Song von der Gitarre und dem Meer", stehen längst unter Vorbehalt als "die ersten sozusagen ,unernsten' Platten, die er sich kaufte" (alle genannten Titel sind übrigens, entgegen anderslautenden Behauptungen im Nachwort, durchweg Teil des populären Kanons; Entlegenes wird der Popfreund hier nicht finden). Es ist, als werde Handke die frühe Selbstverständlichkeit des Pop erst rückblickend als Übertretung bewußt und als habe er sie letztlich zurückgenommen. Wie ist das möglich?

Handke war zweifellos einer der ersten, die in der deutschen Literatur jene intensiven Qualitäten des Pop benannt hatten, die uns alle seither geprägt haben. Man möge, schreibt er 1972, "zum Beispiel von den Rolling Stones ,Their Satanic Majesties Request' auflegen, Seite 1, jetzt gleich, die erste Nummer ,Sing this all together'. Haben Sie die Platte aufgelegt? So, und jetzt warten Sie auf den Übergang zur zweiten Nummer, ,Citadel' ... Haben Sie das gehört?" Haben wir, und danke dafür! Seit mehreren Generationen schon beherbergt der heimische Plattenschrank schließlich ein ganzes Archiv solcher Stellen, für die sich zu leben lohnt.

Das Problem aber liegt darin, daß Handke es bei diesem "Haben Sie das gehört?", beim Beschwören des "Gerade eben jetzt" des auratischen Moments bewenden läßt. Er besteht auf dem Punktum, und das schließt bei ihm die diskursive Erfassung des Phänomens aus. Erhabene Beispiele von Roland Barthes bis Diedrich Diederichsen belegen, daß das nicht zwangsläufig so sein muß. Handke aber wird durch sein Erweckungserlebnis (die Beatmusik habe ihn ",gehoben', wie man einen Schatz hebt") gerade nicht zum Kenner (siehe Wymans Gitarre), er vergleicht die Poperzeugnisse nicht untereinander, ihr System und ihre Geschichte entgehen ihm und interessieren ihn wohl auch nicht. Mit einem Wort: Handkes Begegnung mit dem Pop führt nicht in die Popkultur. Andernfalls wäre ihm vielleicht aufgefallen, daß gerade "Citadel" historisch eher ein Ausrutscher der Stones, jedenfalls aber eine Schaltstelle vom Beat zum verkrampften Siebziger-Jahre-Gewaber mit Kunstanspruch à la "Yes" war. Was wiederum Parallelen auch zu Handkes literarischem Werdegang nahelegen könnte.

Knapp verpaßt wird hier die Einsicht, daß Pop längst eine eigene ästhetische, vielleicht sogar eine eigene Wissensordnung ausgebildet hat. Im Rückzug auf das authentische und jedes seiner Aussagen authentifizierende Dichter-Ich bändigt Handke das prägende Poperlebnis, indem er es zur bloßen Umwelt der dichterischen Erfahrung degradiert. Damit steht es dann auf derselben Stufe wie Grillengezirpe und "mississippiweites" Dampfertuten und wird nur dort noch in Gnaden vorgelassen, wo es des Dichters Ich-Konstitution dient ("Ich höre die sogenannte Volksmusik gern; ich höre sie gern, weil sie mir nichts von mir entzieht").

Gegen die Rückkehr des Pop ins Zentrum der eigenen Sozialisation und Kultur, aus der man ihn damit glücklich verdrängt hat, stellen der Dichter und sein Herausgeber dann eben besagte Warntafeln auf. Mit geradezu kunstreligiösem Ernst versuchen sie jene "falsche Atmosphäre" und "falsche Kraft" zu bannen, die vom Eigentlichen ablenkt. Denn, horribile dictu (freilich auch dictum): "Es ist so, daß die, die Musik hören, manchmal denken, es ist das, was sie tun sollten, schon indem sie Musik hören, getan." Und das kann und darf nicht sein, denn wäre das der Fall, dann wäre Popmusik womöglich selbst bereits sinnhaft, ja kunstförmig und müßte nicht erst und immer von neuem durch das Wort des Dichters in den Rang eines Bleibenden erhoben werden - sie könnte, mit anderen Worten, ohne Peter Handke auskommen.

MORITZ BASSLER

Peter Handke: "Über Musik". Herausgegeben und mit einem Nachwort von Gerhard Melzer. Mit Illustrationen von Amina Handke. Literaturverlag Droschl, Graz 2003. 104 S., geb., 31,- [Euro].

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Perlentaucher-Notiz zur TAZ-Rezension

Der Serbien-Handke, der Handke fortgesetzter Landschaftsbeschreibungen, also der Handke der letzten Jahre hat Andreas Merkel, das bekennt er offen, nicht mehr interessiert. In dieser von Gerhard Melzer zusammengestellten Sammlung jedoch sei der alte Handke präsent, dessen Sehnsucht, ohne Musik auszukommen, der Rezensent nachvollziehen kann, weil ihr das "Bedürfnis nach Stille eines ins schlichte Hören Verliebten" zugrunde liegt. Und natürlich, weil Handke auch anders konnte in diesen Texten aus den letzten Jahrzehnten, von "popkritischen Invektiven" bis zu "sachkundiger Schwärmerei". Gute Gelegenheit also, Handke "wieder zu entdecken".

© Perlentaucher Medien GmbH