Der Briefwechsel - Johnson, Uwe; Grass, Anna; Grass, Günter

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1959 lernen sich Günter Grass und Uwe Johnson auf der Frankfurter Buchmesse kennen, kurz nach Erscheinen der Blechtrommel und der Mutmassungen über Jakob. 1960 halten sie gemeinsame Lesungen. Ihr Briefwechsel beginnt 1961 und endet 1984 mit Johnsons Tod. Mit dem Umzug der Familie Johnson nach New York, Mitte der sechziger Jahre, setzt die intensivste Phase der Korrespondenz von Uwe Johnson mit Günter und mit Anna Grass ein. Die vorliegende Ausgabe präsentiert den gesamten Briefwechsel: über 80 Briefe, Postkarten, Telegramme, ergänzt durch Anmerkungen, Materialien und einen umfangreichen Bildteil.…mehr

Produktbeschreibung
1959 lernen sich Günter Grass und Uwe Johnson auf der Frankfurter Buchmesse kennen, kurz nach Erscheinen der Blechtrommel und der Mutmassungen über Jakob. 1960 halten sie gemeinsame Lesungen. Ihr Briefwechsel beginnt 1961 und endet 1984 mit Johnsons Tod.
Mit dem Umzug der Familie Johnson nach New York, Mitte der sechziger Jahre, setzt die intensivste Phase der Korrespondenz von Uwe Johnson mit Günter und mit Anna Grass ein. Die vorliegende Ausgabe präsentiert den gesamten Briefwechsel: über 80 Briefe, Postkarten, Telegramme, ergänzt durch Anmerkungen, Materialien und einen umfangreichen Bildteil.
  • Produktdetails
  • Verlag: Suhrkamp
  • Best.Nr. des Verlages: 41935
  • Seitenzahl: 231
  • 2007
  • Ausstattung/Bilder: 2007. 231 S. m. SW-Fotos.
  • Deutsch
  • Abmessung: 205mm x 130mm x 30mm
  • Gewicht: 370g
  • ISBN-13: 9783518419359
  • ISBN-10: 3518419358
  • Best.Nr.: 22804968
Autorenporträt
Uwe Johnson, geb. 1934 in Kammin/Vorpommern, studierte Germanistik in Rostock und Leipzig. In Rostock weigerte er sich, die staatliche Verleumdung der 'Jungen Gemeinde' zu unterstützen, weshalb er exmatrikuliert wurde. Im Zuge der staatlichen Schadensbegrenzung nach dem 17. Juni 1953 wurde Johnson wieder zum Studium zugelassen. Johnsons Mutter verließ mit seiner Schwester 1956 die DDR. Er blieb. Erst zum Erscheinen seines Romans 'Mutmassungen über Jakob', 1959, zog Johnson nach Westberlin. Nach den ersten Romanen einigte sich die Kritik zu Johnsons Missfallen auf das Etikett Dichter der beiden Deutschland. 1960 erhielt er den Fontane-Preis der Stadt West-Berlin. 1966-68 lebte er mit seiner Familie in New York, wo er als Schulbuchlektor arbeitete. 1971 wurde der Schriftsteller mit dem Georg-Büchner-Preis ausgezeichnet. Drei Jahre später zog Johnson nach Sheerness in England, wo er bis zu seinem Tod im Jahr 1984 lebte.
Rezensionen

Perlentaucher-Notiz zur Süddeutsche Zeitung-Rezension

Rezensent Helmut Böttiger begrüßt diesen Briefwechsel zwischen Uwe Johnson und Günter Grass, den Arno Barnert herausgegeben und kommentiert hat. Die Korrespondenz verdeutlicht für ihn, wie nah die beiden Schriftsteller in ihren Anfängen beieinander lagen, etwa hinsichtlich ihrer Mentalität, ihrer schriftstellerischen Vorstellungen oder ihrer politischen Einstellungen, auch wenn die Gemeinsamkeiten oft nicht unmittelbar zum Ausdruck kommen. Barnerts eingehender Kommentar bietet zur Freude Böttigers geradezu zu diesem Punk viel zusätzliches Material. Die Hochzeit der Freundschaft zwischen Grass und Johnson sieht Böttiger in den sechziger Jahren, danach hätten die Empfindlichkeiten zugenommen, ohne dass es jedoch zu einem Bruch gekommen wäre. Er hebt hervor, dass dieser Briefwechsel eigentlich ein Briefwechsel zu dritt war, spielt doch Anna Grass, die erste Frau des Schriftstellers, eine wichtige Rolle. Erstaunlich scheint es Böttiger, wie unbefangen sich der eher zurückhaltende Johnson gegenber Anna Grass zeigt.

© Perlentaucher Medien GmbH
Besprechung von 16.10.2007
Satzbau und Pudding-Attentat
Der Briefwechsel zwischen Uwe Johnson und Günter Grass
Heute könnte das Image der beiden unterschiedlicher nicht sein: auf der einen Seite Uwe Johnson, der erratische, unzugängliche Dichter des Jahrhundertromans „Jahrestage”, und auf der anderen Seite Günter Grass, der Repräsentant. Doch so sehr sich die Rezeption dieser beiden Schriftsteller auseinanderentwickelt hat, so nah beieinander lagen sie in ihren Anfängen. Auf der Frankfurter Buchmesse des Jahres 1959 wurden gleichzeitig Grass’ „Blechtrommel” und Johnsons „Mutmaßungen über Jakob” vorgestellt, und damit hielt in der Gegenwartsliteratur endlich die Moderne Einzug – Johnson hatte ungemein viel Faulkner gelesen, und Grass sprengte durch die Rückbesinnung auf Alfred Döblin und Grimmelshausen das enge Korsett der Adenauerzeit. Der nun veröffentlichte Briefwechsel zwischen Johnson und Grass setzt am 17. Juni 1961 ein. Dieses Datum erscheint im Nachhinein fast programmatisch gewählt, denn das Deutsche treibt beide um.
Viele Jahre leben die beiden Schriftsteller in Berlin-Friedenau und haben ständig direkten Umgang. Briefe werden meistens unterwegs geschrieben, vor allem während Johnsons langem New York-Aufenthalt in den sechziger Jahren, der die Keimzelle zu seinem mehrbändigen Roman „Jahrestage” bildete. Die Briefe, die eher zufällig Augenblicke der Beziehung zwischen Grass und Johnson herausheben, geben nur mittelbar Aufschluss darüber, was die beiden an Gemeinsamkeiten empfanden. Der umfangreiche Kommentar Arno Barnerts jedoch liefert faktenreiches Material.
Der Höhepunkt des Briefwechsels ist die Zeit der Kommune 1 in Westberlin. Diese popkulturelle Institution, dieses Irrlicht im Vorfeld der 68er-Bewegung wurde nämlich ohne dessen Wissen in Uwe Johnsons Schreibatelier gegründet, während dieser in New York weilte. Den Schlüssel hatte er Ulrich Enzensberger gegeben, dem Bruder des Kollegen Hans Magnus. Und den Schlüssel zu seiner eigentlichen Wohnung verwahrte darüber hinaus die von Hans Magnus mittlerweile getrennt lebende Dagrun Enzensberger, die offensichtlich nach ihrem zweiten Frühling suchte. Was sich daraus ergab, konnte Johnson eines Tages in der New York Times lesen: In seinem Westberliner Atelier hatte die Kommune 1 unter der Federführung des Kommunarden Fritz Teufel das sogenannte „Pudding-Attentat” auf den US–Vizepräsidenten Hubert H. Humphrey vorbereitet.
Die Staatsgewalt reagierte darauf ähnlich wie später auf die Baader-Meinhof-Gruppe, und in der New York Times las sich das ebenso dramatisch, wie es sich in der bundesdeutschen Innenpolitik wohl auch ausnahm. Johnson bat daraufhin seinen Nachbarn Grass, nach dem Rechten zu sehen, und dieser überwachte dann auch die polizeiliche Räumungsaktion. Er bezeichnet sich in einem gehorsamen Brief an Johnson als den „großen Rausschmeißer der Pudding-Schmeißer”, und in die Anekdoten der 68er-Bewegung geht Grass als der humorlose Zerstörer der Kommune 1 ein. Johnson ist überglücklich und bittet noch um die Bestellung einer Putzfrau, die das Ganze „mit Seife und Wasser” ordentlich herrichten soll, bevor er mit seiner Familie wieder einzieht.
Gemeinsamkeiten zwischen Grass und Johnson resultieren vermutlich aus einer bestimmten Mentalität des Ostens heraus, das ist zu ahnen. Und auch, was die Politik anbelangt, gibt es eine ähnliche Gestimmtheit. Johnson ist von früh an für deutsche politische Zustände hoch sensibilisiert, und in den Briefen von Grass herrscht ohnehin literaturbetriebliche und tagespolitische Aktualität vor, mit manchmal durchaus witzigen Formulierungen – 1967 etwa, nach der Buchmesse, im Vorausblick auf das zehnjährigen Jubiläum ihres Durchbruchs im Jahre 1959: „Ich habe mir Frankfurt auf unseren Doppelauftritt im Jahre 69 hin angesehen. Wir sollten einen Empfang im Bahnhofsrestaurant geben und eine Pressekonferenz im Zoo.”
Durch die Gruppe 47 haben sich handwerkliche Übereinstimmungen zwischen den beiden ergeben, die konkrete Arbeit am Text verbindet sie. Allerdings ist Grass Johnsons Satzbautechnik ein bisschen suspekt, er sagt einmal öffentlich, dass er in Johnsons Text einfach Kommata eingesetzt habe, und dann lese es sich plötzlich ganz flüssig. Johnson, der empfindliche, reagiert darauf erstaunlich souverän: Er spricht bedächtig von seinem „Satzzeichenschwund” und zieht sich in bekannt juristisch-spröder Klarheitsprosa so aus der Affäre, dass Grass fast ein bisschen banal aussieht.
Dieser Briefwechsel ist jedoch vor allem auch ein Briefwechsel zu dritt. Anna Grass, die erste Frau von Günter Grass, spielt eine große Rolle. Und sie bringt ein erstaunliches Kunststück zuwege: Uwe Johnson, der Grass gegenüber trotz aller freundschaftlichen Gefühle doch bei seinem fein gesetzten Sprachstil bleibt, schreibt an Anna viel freier und erzählender. Anna Grass, die Tänzerin, nahm für einige Wochen Ballettunterricht in New York, sie und Johnson gingen oft zusammen ins Café oder ins Kino. Aus diesem Vorrat an gemeinsamen Erlebnissen speist sich der vertraute Stil. Vor allem eine weibliche Café-Bedienung wird zum Leitmotiv zwischen beiden: Wenn sie ein Mann wäre, würde sie mit der etwas anfangen – über diese Formulierung, die Johnson Anna Grass zuschreibt, ergeben sich etliche Interpretationsunterschiede und Ausdifferenzierungen.
Joan, so heißt die Serviererin, wie Johnson in einem Recherchegespräch herausfindet, scheint ein typisches All-American-Girl gewesen zu sein und somit vielleicht das Objekt einer richtungslosen Sehnsucht, die so konkret gar nicht werden möchte. Joan wird in diesen Briefen unter der Hand zu einer literarischen Figur, und womöglich wohnt sie mittlerweile als Rentnerin in Queens oder jenseits des Hudson und ahnt nicht das geringste davon.
Obwohl diese Briefe nicht für die Nachwelt geschrieben wurden und sie sich auf einem Niveau bewegen, auf dem eher Gelegenheitsgedichte zuhause sind: Sie atmen Zeitgeschichte. Für Erforscher des alltäglichen Umfelds, für die Psychologie im Kleinen offenbart sich hier reichhaltiges Material. Uwe Johnson fahndet in New York nach einem Hut für Günter Grass, weil diesem ein ganz bestimmter in Berlin geklaut worden ist. Er rechnet Grass’ Kopfumfang – dieser nennt 56 Zentimeter – genau in Inches um. Umgekehrt bittet Elisabeth Johnson Anna Grass in Berlin um Strumpfhosen für die Tochter Katharina, weil es „hundertprozentig wollene” in New York nicht gibt.
Die Hochzeit dieser Freundschaft liegt in den sechziger Jahren. Gegen Ende nehmen die Empfindlichkeiten zu, wie auch in anderen Freundschaften und Briefwechseln Johnsons. Äußerst pikiert reagiert Johnson etwa, als Grass ihn bei einer seiner umtriebigen Aktionen irgendeinem Medium als DDR-Experten empfiehlt. Und Grass hält seine Sensibilität für Johnson auch nicht immer durch. Gegenüber Helen Wolff spricht er von Johnsons „anspruchsvollem Moralisieren”. 1977 allerdings schreibt er an Johnsons Verleger Siegfried Unseld, dass er sich um seinen Freund Sorgen mache und glaube, dass diesem ein „einjähriges Reisestipendium in die Vereinigten Staaten” gut täte, dort habe er sich immer wohlgefühlt. Grass will sich an der Finanzierung dieses Stipendiums auch beteiligen – nur dürfe Johnson davon natürlich nichts erfahren. Hier zeigt sich deutlich eine Seite von Grass, die neben der öffentlich-politischen durchaus auch zu ihm gehört: die Kollegialität, ja Solidarität mit befreundeten Schriftstellern.
Umgekehrt hält Johnson bis zum Schluss den Kontakt zu Grass. Er nennt Anfang der sechziger Jahre Günter Grass öffentlich den bedeutendsten deutschsprachigen Gegenwartsschriftsteller, ja, er hantiert sogar schon mit dem Nobelpreis für seinen Freund. Johnsons bewundert die „Danziger Trilogie” wirklich. Und das ist bestimmt eine der größten Anerkennungen, die Grass je erfahren hat. HELMUT BÖTTIGER
UWE JOHNSON/ANNA GRASS/GÜNTER GRASS: Der Briefwechsel. Herausgegeben von Arno Barnert. Mit Abbildungen. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2007. 235 Seiten, 22,80 Euro.
„Ich habe mir Frankfurt auf unseren Doppelauftritt im Jahre 69 hin angesehen . . . ”
„Wir sollten einen Empfang im Bahnhofsrestaurant geben und eine Pressekonferenz im Zoo”
Seit 1959 waren sie Autoren, über die man sprach. Der eine hatte „Mutmaßungen über Jakob” veröffentlicht, der andere die „Blechtrommel”: Uwe Johnson 1961 mit Günter Grass in dessen Atelier. bpk/Abisag Tüllmann Archiv
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Besprechung von 12.10.1999
Ein Brief, ein guter Brief
Das ist das Schönste, was es gibt: Uwe Johnson und Siegfried Unseld schreiben Verlagsgeschichte / Von Lothar Müller

Dieser Briefwechsel ist das Doppelporträt seiner Verfasser und ein Kapitel aus der inneren Geschichte des Suhrkamp Verlages zwischen 1959 und 1984. Wie Uwe Johnsons Roman "Jahrestage" wird es vom Kalender gegliedert, und auch in diesem Buch gibt es hinter dem alltäglichen Geflecht von Ereignissen einen Ursprung, dessen Strahlkraft jedes Detail durchdringt.

Fassbar wird dieser Ursprung an den Stellen des Eingedenkens. So in einem Brief Unselds vom April 1979: "Ich erinnere mich ja allzu genau, daß ich an jenem Morgen des 31. März ein Manuskript aus dem Sterbezimmer nahm und daß meine Verantwortung an der Lektüre gerade dieses Manuskriptes gewachsen ist." Peter Suhrkamp hatte Uwe Johnsons Manuskript "Mutmaßungen über Jakob" vor seinem Tod am 31. März 1959 nicht mehr gelesen. Als Unseld am 1. April 1959 die Verlagsleitung übernahm, gehörte die Entscheidung für die Drucklegung des Romans zu seinen ersten Amtshandlungen. Man muss nur ein wenig in den folgenden Seiten blättern, um zu erkennen, dass Uwe Johnson für den neuen Verlagschef von Beginn an strategische Bedeutung besaß. Alles wollte er tun, um diesem reich begabten Debütanten zu herausragender, womöglich gesamtdeutscher Bedeutung zu verhelfen. Es sollte die Gegengeschichte zur Vorgeschichte werden, bei der Siegfried Unseld im Jahre 1957 entscheidend dazu beigetragen hatte, dass Johnsons eigentlicher Erstling "Ingrid Babendererde" vom Suhrkamp Verlag nicht angenommen wurde.

In die Gleichursprünglichkeit von Verlagsübernahme und Entscheidung für die "Mutmaßungen über Jakob" ist eine doppelte Genealogie eingelassen. Unseld trat das Erbe Peter Suhrkamps an, Johnson rückte in die Schlüsselposition, die für Suhrkamp selbst Hermann Hesse eingenommen hatte. Als Autor und Herausgeber widmete Unseld Hesse zahlreiche Schriften und Editionen. Uwe Johnson aber sollte sein erstes Meisterstück als Verleger werden, in dem die Traditionen sowohl Hesses wie Brechts eigenwillig aufgenommen wurden. Voller Stolz konnte Unseld im Frühjahr 1960 nach einem Besuch bei Hesse in Montagnola den Ausspruch des alten Meisters vermelden: "Dieser Johnson ist ein wirklicher Dichter." Und seinen Wunsch, diesen Dichter kennen zu lernen. Johnson folgte der Einladung, als er sich im März 1962 auf den Weg nach Rom, in die Villa Massimo machte. Er fachsimpelte mit Hesse über Genealogien bei William Faulkner.

Zum zehnten Todestag Peter Suhrkamps ließ Unseld ein Exemplar des Briefwechsels zwischen Hesse und Suhrkamp, den er selbst herausgegeben hatte, an Johnson gehen. Der revanchierte sich mit einer kleinen persönlichen Würdigung zum zehnjährigen Verlagsjubiläum Unselds. Den Briefwechsel zwischen Thomas Mann und Gottfried Bermann Fischer erhielt Johnson von Unseld als Geburtstagsgeschenk des Jahres 1973. Die beiden frönten damit nicht lediglich ihrem Interesse an Druck- und Verlagsgeschichte. Sie vergewisserten sich der literarischen Tradition, auf die hin sie schrieben.

Wie der im Frühjahr erschienene Briefwechsel zwischen Johnson und Max Frisch (F.A.Z. vom 12. Juni 1999) ist auch dieser Band, der lückenlos etwa 770 Briefe, Karten und Telegramme versammelt, ein Zeichen für die beginnende Selbsthistorisierung des Suhrkamp Verlages. Die großzügige Ausstattung, minutiöse Kommentierung und philologische Sorgfalt sind kein Selbstzweck. Die Verlagsgeschichte des Hauses Suhrkamp und die Literaturgeschichte der Bundesrepublik sind in diesem Buch unauflöslich miteinander verschränkt. Dafür gibt es zwei Voraussetzungen: die Schlüsselstellung Uwe Johnsons innerhalb des Verlages und die Schlüsselstellung des Hauses Suhrkamp im literarischen Leben der Bundesrepublik zwischen 1959 und 1984.

Die Schlüsselstellung Johnsons ergibt sich nicht schon aus den äußeren Daten seiner Laufbahn: vom Fontane-Preis für die "Mutmaßungen" über den Erfolg des Romans "Das dritte Buch über Achim" (1961) bis zum Büchner-Preis des Jahres 1971. All das, dazu die Tagungen der "Gruppe 47", die "Poetik-Dozentur" an der Frankfurter Universität, spielt seine Rolle. Ins Zentrum dieser Korrespondenz führt aber erst das Hereinwachsen Johnsons ins Innere der Suhrkamp-Welt. Als Lektor, als "Scout", der selbst Bücher und Autoren zur Vertragnahme vorschlägt, als Übersetzer, Herausgeber und Verfasser von Nachworten ist Johnson in diesem Briefwechsel ebenso präsent wie als Anwalt in eigener Sache. Für 1968 fasst er gar eine Gesamtübersetzung William Faulkners ins Auge.

Der Verlag als Kollektivwesen tritt in diesem Buch als dritte Figur neben die beiden Briefschreiber. Er spielt eine ähnlich tragende Rolle wie die "New York Times" in den "Jahrestagen". Nicht nur der Verleger Siegfried Unseld und seine Lektoren, etwa Günter Busch oder Walter Boehlich, geben diesem Kollektivwesen sein Gesicht, sondern zugleich und vor allem die Autoren. Allen voran Max Frisch, Martin Walser und Uwe Johnson, auch Hans Magnus Enzensberger oder Peter Weiss. Dieser Briefwechsel wäre nicht so umfangreich, müsste er nicht die Regungen dieses Kollektivwesens in sich aufnehmen: die wechselseitige Lektüre von Manuskripten, die Sorgen Unselds mit den ungeschriebenen Romanen Wolfgang Koeppens, das scheiternde Projekt der internationalen Zeitschrift "Gulliver", für deren deutsche Herausgebergruppe Johnson im Jahre 1963 federführend hätte tätig werden sollen.

Als Herausgeber stellte Johnson für das Kollektivwesen aus Frischs Werk die "Stich-Worte" (1975) zusammen. Über Martin Walsers Manuskript "Der Grund zur Freude. 99 Sprüche zur Erbauung des Bewußtseins", das er als eine heillose Mischung aus Salonmarxismus und Sonntagspredigt empfand, verfasste er im Sommer 1972 ein vernichtendes Gutachten. Noch sechs Jahre später kommt es darüber zu einem Ausbruch Walsers. Hier sind die Grenzen dieser Edition erreicht: Johnsons scharfe Anmerkungen zu Walsers Büchlein wie zum Eklat mag sie nicht drucken. Leider ist in den umfangreichen Anhang mit Dokumenten zum "Gulliver"-Projekt und zur Debatte um die Lektoratsverfassung das Konvolut mit Johnsons Notizen zu seiner Edition von Brechts "Me-Ti" nicht aufgenommen.

Von den literarischen Gutachten führen Verbindungen ins Innere der Romane Johnsons. Man lese nur die empörte Warnung vor einem Manuskript von George Steiner aus dem Jahre 1979. Darin wird die Fiktion aufgebaut, Hitler habe ein Double umbringen lassen, lebe im brasilianischen Urwald und solle nach Israel entführt werden. Es kommt zu einem Tribunal, bei dem Hitler als Apologet seiner selbst auftritt. Johnson begnügt sich nicht mit der politischen Kritik dieser Apologie. Er fügt eine medizinische Expertise zum Gesundheitszustand Hitlers Ende April 1945 bei, die Steiners Fiktion an ihrem Ausgangspunkt zerstört. Das Verfahren der "Jahrestage" trägt hier kritische Früchte.

Unüberhörbar durchzieht das Echo des Kalten Krieges, später der Studentenbewegung und des Prager Frühlings diese Briefe. Darüber aber liegt das Grundrauschen des Literaturbetriebs. Eher vorsichtig kommt Privates zur Sprache. Johnsons Ehekrise bleibt als Thema weitgehend den Gesprächen vorbehalten. In den Briefen dominiert die Abwehr von Indiskretionen Dritter. Gleichwohl ist dies ein eminent persönlicher Briefwechsel. Seit 1961 duzten sich der damals siebenunddreißigjährige Unseld und der zehn Jahre jüngere Johnson. Im Zentrum der Korrespondenz steht die Entbindung eines literarischen Werkes durch eine periodisch gefährdete Freundschaft. Sie entwickelte sich nicht von ungefähr, sondern als Verwirklichung einer im Verlagsprogramm vorgesehenen Möglichkeit. Als Siegfried Unseld in seinem Buch "Der Autor und sein Verleger" (1978) den Letzteren als "literarische Hebamme, Analytiker, Geschäftsmann und Mäzen" definierte, war das vor allem ein Selbstporträt. Ende 1982 befristete der Verleger seinem Freund die Vorauszahlungen. Wenige Monate später vollendete Johnson die "Jahrestage".

An vielen Stellen des Buches kann man die Risiken dieser persönlichen Fundierung der Geschäftsbeziehung studieren. Auch und gerade dort, wo es um Vorabdrucke oder Buchumschläge geht. Johnson an Unseld im Sommer 1970: "Insgesamt werde ich durch solche Vorgänge nicht an den Verlag erinnert, in den ich einmal als einzigen wollte, sondern an die, von denen du nichts hältst." Dieser scharfe, bisweilen bittere Ton stellt sich überall dort ein, wo Unseld sich zum Drucker reduziert oder der stets misstrauische Johnson seine Autorenrechte berührt sieht. Dessen gelegentliche rhetorischen Entflechtungsversuche - "freundschaftlich in der Freundschaft, sachlich im Verlag" - blieben hilflos. Das konnte nichts fruchten. Denn der Verlag und er selbst als Person waren für Unseld so sehr eins, "daß ich mit Haut und Haar, mit meinem gesamten Blutkreislauf, mit all meinen Nerven, oder was du sonst noch willst, mit dieser Aufgabe verbunden bin".

Der Abgrund, an dem solche Passagen vorbeiführen, ist das Trauma des Verrats. Als virtuelle Katastrophe ist er das negative Gegenüber zum Ursprung des Jahres 1959. Denn in dem idealen Verlag, dessen Norm sich beide Briefpartner unterstellen, regelt letztinstanzlich nicht eine ökonomische Kategorie die Beziehungen zwischen Autor und Verleger, sondern eine persönlich-moralische: die Treue. In diesem Buch, in dem das letzte Telegramm Unselds vom 12. März den toten Uwe Johnson in seinem Haus in Sheerness nicht mehr erreichen kann, hat sie sich durchgesetzt.

Uwe Johnson - Siegfried Unseld: "Der Briefwechsel". Herausgegeben von Eberhard Fahlke und Raimund Fellinger. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1999. 1219 S., geb., 68, - DM.

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