Die Suche nach dem Absoluten - Sartre, Jean-Paul

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Jahrelang unterhielt Sartre zu einigen der bekanntesten Künstler freundschaftliche Beziehungen. Was Sartre über seine Freunde schrieb, war Teil eines größeren Entwurfs. Sartre dachte an eine Ästhetik, in der die literarische Kunst in ihrem Verhältnis zu anderen Künsten dargestellt werden sollte. So sind die hier vorgestellten Texte Bausteine zu dieser Ästhetik.…mehr

Produktbeschreibung
Jahrelang unterhielt Sartre zu einigen der bekanntesten Künstler freundschaftliche Beziehungen. Was Sartre über seine Freunde schrieb, war Teil eines größeren Entwurfs. Sartre dachte an eine Ästhetik, in der die literarische Kunst in ihrem Verhältnis zu anderen Künsten dargestellt werden sollte. So sind die hier vorgestellten Texte Bausteine zu dieser Ästhetik.
  • Produktdetails
  • rororo Taschenbücher Nr.22636
  • Verlag: Rowohlt Tb.
  • 1999.
  • Erscheinungstermin: 1. September 1999
  • Deutsch
  • Abmessung: 193mm x 118mm x 18mm
  • Gewicht: 195g
  • ISBN-13: 9783499226366
  • ISBN-10: 3499226367
  • Artikelnr.: 07864964
Autorenporträt
Sartre, Jean-Paul
Geboren am 21.06.1905, wuchs er nach dem frühen Tod seines Vaters im Jahre 1906 bis zur Wiederheirat seiner Mutter im Jahre 1917 bei seinen Großeltern Schweitzer in Paris auf. 1929, vor seiner Agrégation in Philosophie, lernte er seine Lebensgefährtin Simone de Beauvoir kennen, mit der er eine unkonventionelle Bindung einging, die für viele zu einem emanzipatorischen Vorbild wurde. 1931-1937 war er Gymnasiallehrer in Philosophie in Le Havre und Laon und 1937-1944 in Paris. 1933 Stipendiat des Institut Français in Berlin, wo er sich mit der Philosophie Husserls auseinandersetzte. Am 02.09.1939 wurde er eingezogen und geriet 1940 in deutsche Kriegsgefangenschaft, aus der er 1941 mit gefälschten Entlassungspapieren entkam. Noch 1943 wurde unter deutscher Besatzung sein erstes Theaterstück «Die Fliegen» aufgeführt; im selben Jahr erschien sein philosophisches Hauptwerk «Das Sein und das Nichts». Unmittelbar nach dem Krieg wurde Sartres Philosophie unter dem journalistischen Schlagwort «Existenzialismus»zu einem modischen Bezugspunkt der Revolte gegen bürgerliche Lebensformen. 1964 lehnte er die Annahme des Nobelpreises ab. Zahlreiche Reisen führten ihn in die USA, die UdSSR, nach China, Haiti, Kuba, Brasilien, Nordafrika, Schwarzafrika, Israel, Japan und in fast alle Länder Europas. Er traf sich mit Roosevelt, Chruschtschow, Mao Tse-tung, Castro, Che Guevara, Tito, Kubitschek, Nasser, Eschkol. Sartre starb am 15.4.1980 in Paris.Auszeichnungen: Prix du Roman populiste für «Le mur» (1940); Nobelpreis für Literatur (1964, abgelehnt); Ehrendoktor der Universität Jerusalem (1976).
Rezensionen
Besprechung von 03.04.2000
Eine Metaphysik des Scheiterns
Jean-Paul Sartre hüllt die gegenstandslose Kunst in Worte

Es ist spannend, den aufregendsten Figuren der französischen Nachkriegsliteratur in den Texten zu begegnen, die sie der zeitgenössischen Malerei und Skulptur gewidmet haben. Ihre wortreichen Äußerungen zur Kunst fallen in eine Zeit, die sich auf Seiten der Künstler durch eine geradezu prinzipielle Sprachlosigkeit auszeichnet. Die Avantgarde war auf ihrem Weg zur Präsentation einer ungegenständlichen Welt in diesen Jahren auf der Zielgeraden eingetroffen. Das Verschwinden der Ikonographie wurde nicht zuletzt anthropologisch begründet: Es diente der Negation und der Verdrängung der jüngsten fatalen Geschichte. So besehen, bot sich die Preisgabe der Inhalte als übergreifendes Idiom der westlichen demokratischen Welt an.

Die amerikanische Kunstszene setzte voll auf diese thematische Karenz: Der Rückzug auf Struktur, auf die semantisch offene Form sollte dazu dienen, eine Tabula rasa zu etablieren, die sich von den Passiva der europäischen korrupten Verwicklungen unterschied. Auf diesem Hintergrund der Sprachlosigkeit der Bilder konnten Ponge, Tardieu, Paulhan ihre einflussreichen Texte zur Kunst beisteuern. Die Formulierungen, die sie Braque, Giacometti, Dubuffet, Hartung, Fautrier und andern Heroen der Ecole de Paris widmeten, schimmern hinter so gut wie allen Kritiken auf, die sich damals der Weltsprache Gegenstandslosigkeit zuwandten.

Es war nicht zuletzt die Abwesenheit von narrativen Elementen in den Bildern, die zu waghalsigen, subjektiven Verbalisierungen ermutigte. Es sind Texte, die die ikonographische Abstinenz der informellen Kunst, die inhaltliche Leere der Bilder mit eigenen Phantasmen und konkreten Bildern kompensieren. Wir treffen auf wortreiche Manifeste, die eine ins Detail gehende literarische Übertragung an den Residuen der malerischen Reduktion in den Bildern wetzen.

Dies führte zu einer paradoxen Situation. Die Texte, die sich an die Kunstwerke festklammerten, entzogen nach und nach dem Prinzip Gegenstandslosigkeit seine Autonomie. Denn keine andere Phase der Avantgarde hatte eine so konkrete und differenzierte Umsetzung in Sprache gefunden. Es kam zu einem regelrechten Interpretationsrausch. Beobachtungen, die die Malweise und die Malmittel betreffen, spielen eine auffällige Rolle. Der materielle Aspekt des Malens, das Handwerkliche wurden kaum so scharf untersucht wie im Umkreis dieser Künstler, die auf jede Referenz verzichten wollen, die der Wirklichkeit entstammt.

Lust am Unausdrücklichen.

Es genügt, die Schriften zur Kunst von Francis Ponge heranzuziehen. Nirgends wird diese Fähigkeit der Sprache stärker zum Ausdruck gebracht als dort, wo sich der Dichter die Haut der Malerei überstülpt und aus dem Inneren, nur notdürftig vom Pigment der Bilder bedeckt, den Betrachter zur Rede stellt, zum Leser macht. Wo sich die Malerei gewissermaßen selbst entblößt hat, kann sich der Text niederlassen. Zu denjenigen, die das Schweigen der Maler mit einprägsamen Untertiteln versehen haben, gehören nicht zuletzt Beckett und Sartre. Ihre Texte bleiben bis heute an den Werken kleben. Beckett verwies auf einigen Seiten, die er André Masson und den Brüdern Geer und Bram van Velde widmete, auf das Prinzip einer Malerei, der es darum gehe, auszudrücken, dass es letztlich nichts mehr auszudrücken gebe. Eine Selbstaussage steckt dahinter.

Sartre setzt gleichfalls als subjektiver Betrachter ein. Auch er wählt solche Werke aus, die dazu dienen, Obsessionen zu veranschaulichen, die hinter dem eigenen Werk stecken. Die Wahl, die Sartre mit Giacometti und Wols trifft, ist bezeichnend. In den Texten, die er diesen Künstlern widmet, überlappen sich biographische Elemente und Ausdruck zu einer Mischung, die unübersehbar Sartre'sches Gepräge gewinnt. Die Beschreibung der Gesichter und des Verhaltens der Künstler steht immer wieder im Vordergrund. Simone de Beauvoir hat in ihren Erinnerungen an diesen Primat des Physiognomischen erinnert. Mit dem Blick auf das "vorsintflutliche Gesicht" Giacomettis eröffnet Sartre seinen Aufsatz "Die Suche nach dem Absoluten".

Freude am Zwecklosen.

Neben diese bedeutenden Interpretationen, die Giacometti und Wols gelten, treten Gefälligkeitstexte, die er Lapoujade oder David Hare widmet. Auch die Hinweise, die er auf die Spielwelt von Calder gibt, überraschen. Sie heben sich von dem Anspruch ab, den er dem Biographischen und dem heroisch-negativen Duktus des Künstlers gegenüber erhebt. Allenfalls könnte man in der Lust am Zwecklosen, die die poetischen Umschreibungen der mit Hauch und Atem spielenden Mobile des Amerikaners vorführen, erste Hinweise auf eine desperate Suche nach einer verlorenen Zärtlichkeit entdecken. Diese sollte erst der späte Sartre in seinem Erinnerungsbuch "Les mots" zu offenbaren wagen. Am deutlichsten auf Sartre, den Schriftsteller und Dichter, lassen sich in den Texten die Charakterisierungen beziehen, die sich mit dem Fließenden und dem Sichzersetzenden abgeben. Kurz, alles, was dem Somatischen die Priorität zuweist, gehört zu Sartre, zum Sartre, der sich im Roman "Der Ekel" oder im Theaterstück "Die Fliegen" offenbart. Der Roquentin im "Ekel" spürt die "Überflüssigkeit" des Existierens.

Wir spüren, dass der ständige Hinweis auf Verwesung und Abscheu, die "rosigen Eiterungen, Entfaltungen von Drüsen und Eingeweiden" - Sartre über Dubuffet - nicht allein auf eine persönliche Faszination des Autors zurückgeht. Die Instrumentierung des Teigigen und Klebrigen, die Scheu vor der Alterität besitzen eine historische Dimension. In dem Aufsatz, der sich mit Wols beschäftigt, ist dies spürbar. In ihm fallen Scheitern des Lebens und Kunst zu einem verwirrenden Knäuel zusammen. Scheitern, Bildhavarie, die Unfähigkeit, ein Werk zu Ende zu bringen, stehen im Vordergrund. Dabei ist es keine Frage, dass bei Giacometti das Scheitern eher Spiel und Rhetorik bleibt. In Wirklichkeit treffen wir in Giacomettis Werk auf einen souverän geführten stilistischen Entwurf. Er gehörte auch zu den Künstlern, die ihre Absichten am klarsten auszudrücken vermochten.

Doch es lässt sich nicht übersehen, dass Giacometti Sartre den besten Beleg für seine Metaphysik des Scheiterns liefert. Denn der erstaunliche Titel "Die Suche nach dem Absoluten", mit dem er einen Text über den Bildhauer Giacometti überschreibt, zeigt, dass Sartre im Scheitern den Mehrwert der Kunst entdeckt. Bei Giacometti ist dieses Scheitern an eine eigene Entscheidung gebunden. Denn im Unterschied zu dem getriebenen, unfreien Wols übt der Clochard de luxe Giacometti seine Unabhängigkeit als freier Mann aus.

Der Name von André Masson überrascht zunächst im Umkreis der Beschäftigungen Sartres. Doch genau betrachtet, bietet sich der Hinweis auf André Masson als wichtige Brücke zu dem Flügel des Surrealismus an, der das Vanitasmotiv in den Vordergrund rückte. In der Nachkriegszeit wurde diese Abhängigkeit der aktuellen Kunst vom Surrealismus weitgehend übersehen. Sartre setzt bei einer Sprache des Morbiden und Zerfließenden ein, die die inhaltlichen Verschmelzungen nicht klärt, sondern langsam, provokant mit Doppeldeutigkeit einspeichelt. In diesem Zusammenhang wird die Präsenz des surrealistischen Dissidenten Masson wichtig. Er zwingt Sartre dazu, sich mit der Bewegung um André Breton auseinander zu setzen.

Im Übrigen lehnt Sartre den Surrealismus ab. Diese Absage hatte nicht zuletzt Auswirkungen auf die Rezeption der Nachkriegszeit. Wenn wir nun einmal davon ausgehen können, dass Masson für die von Sartre verdrängte Bildlichkeit des Surrealismus steht, dann rücken Bücher wie "Der Ekel" vor einen spannenderen und reicheren Hintergrund. Die Blasphemie und der metaphysische Dégoût gewinnen erst auf dem Hintergrund von Dalís "Eselkadaver" oder Buñuels "L'âge d'or" ihre Prägnanz. Etwas von der Imagination des Surrealismus klingt in Sartres Vergleich an, den er zwischen der Gouache "Die Pagode" - dem Selbstbildnis von Wols - mit dem abstoßenden Experiment Sherringtons herstellt. Der abgeschnittene, künstlich mit Blut irrigierte Hundekopf des englischen Physiologen wird zum unvergesslichen Modell, an das Sartre die Wols'sche Bildwelt bindet.

Wir treffen auf diese Faszination durch das fließende, sich selbst verdauende Sprechen, das auf die sich überlappenden Doppelbilder der paranoia-kritischen Methode der Surrealisten zurückgeht, auch in dem berühmtem Vorwort, das Sartre "Portrait d'un inconnu" widmet. In diesem Text über Nathalie Sarrautes ersten Roman unterstreicht Sartre die unerhörte, verblüffende Bildlichkeit, die sich an biologischen Vergleichen nährt. Erkennen wir diese Auseinandersetzung mit dem Surrealismus als entscheidenen Anreiz hinter dem ästhetischen Verhalten von Sartre, tritt manches von dem, was mit den Kategorien einer existentiellen Erfahrung erklärt wird, in einen spannenderen und genaueren Kontext.

Man könnte dann folgern, dass die zahlreichen sprachlichen Umsetzungen von Kunst, die mit Kruste, mit getrocknetem Blut, mit Schleim oder mit dem unkontrollierbaren Wuchern von biologischen Substanzen arbeiten, ihre Herkunft aus dem Surrealismus verraten. Das "Zuviel", die Transfusion des Physiologischen in die Vorstellungswelt Sartres, bezieht sich auf die Visualisierung des Surrealismus. Dies scheint logisch zu sein. Denn auch die Werke von Wols oder Giacometti lassen sich aus dem Surrealismus herleiten.

Für die vorliegende Ausgabe wurden Texte zusammengestellt, die Sartre nach der ersten Publikation in Katalogen oder Zeitschriften in die mehrbändige Reihe "Situations" eingestreut hatte. Sie trafen auf andere, die sich mit literarischen, gesellschaftskritischen und politischen Themen auseinander setzten. Die Isolierung, die die zu einem Band zusammengefassten "Texte zur bildenden Kunst" vorschlagen, führt zu einem erstaunlichen Leseerlebnis. In keinen anderen Texten Sartres treffen wir auf eine derart exzentrische, irrationale Rhetorik. Offenkundig findet der Autor seine Erlösung in der Kunst. Denn Kunst, so lesen wir in "Der Ekel", reinigt "von der Sünde, zu existieren. Nicht völlig, wohlverstanden - aber doch so weit ein Mensch dazu imstande ist."

WERNER SPIES.

Jean-Paul Sartre: "Die Suche nach dem Absoluten". Texte zur bildenden Kunst. Deutsch von Vincent von Wroblewsky. Rowohlt Taschenbuch, 1999 (rororo 22636). 202 S. , br., 12,90 DM.

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension

Diese Texte, die früher bereits in direkter Nachbarschaft zu anderen Themen veröffentlicht worden waren, führen nach Ansicht von Werner Spies durch ihre Isolierung zu „einem erstaunlichen Leseergebnis“. Denn nirgendwo sonst in Sartres Texten könne man auf eine „derart exzentrische, irrationale Rhetoik“ treffen. Besonders erhellend ist für den Rezensenten, dass Sartres Auseinandersetzung mit dem Surrealismus (den Sartre abgelehnt hat) und auch den Einfluss, den diese Kunstrichtung auf Sartres Texte indirekt genommen hat, für den Leser hier sichtbar wird. Unter zahlreichen Erkenntnissen, die der Rezensent beim Lesen gewonnen hat, seien stellvertretend genannt, dass Sartre in seiner Beschäftigung mit Giacometti „im Scheitern den Mehrwert der Kunst entdeckt“, und dass Sartre nicht zufällig Werke ausgewählt hat, mit denen er „Obsessionen“ veranschaulichen könne, die seinem eigenen Schaffen nicht fremd zu sein scheinen.

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