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In Willnot, einer amerikanischen Kleinstadt, wird eine Grube voller Leichen entdeckt. Lamar Hale, der ortsansässige Arzt, wird vom Sheriff zum Tatort gerufen. Niemand weiß, wer die Opfer sind, geschweige denn, was das Motiv für diese grausame Tat sein könnte. Eine Spezialeinheit rückt an, um das Gelände zu sichern und mit der Spurensuche zu beginnen. Derweil erhält Lamar Hale Besuch von Brandon Lowndes, einem ehemaligen Patienten, der nach vielen Jahren Abwesenheit wieder in Willnot auftaucht. Über die Gründe für seine Rückkehr schweigt er sich aus. Ein paar Tage später erhält Hale erneut…mehr

Produktbeschreibung
In Willnot, einer amerikanischen Kleinstadt, wird eine Grube voller Leichen entdeckt. Lamar Hale, der ortsansässige Arzt, wird vom Sheriff zum Tatort gerufen. Niemand weiß, wer die Opfer sind, geschweige denn, was das Motiv für diese grausame Tat sein könnte. Eine Spezialeinheit rückt an, um das Gelände zu sichern und mit der Spurensuche zu beginnen. Derweil erhält Lamar Hale Besuch von Brandon Lowndes, einem ehemaligen Patienten, der nach vielen Jahren Abwesenheit wieder in Willnot auftaucht. Über die Gründe für seine Rückkehr schweigt er sich aus. Ein paar Tage später erhält Hale erneut unangekündigten Besuch, diesmal von einer FBI-Agentin namens Theodora Odgen, die sich nach Brandon Lowndes erkundigt. Dem Vernehmen nach war er Scharfschütze bei den Marines, ein Elitekiller, der sich unerlaubt von der Truppe entfernt hatte. Und genau dieser Brandon Lowndes wird einige Tage später aus dem Hinterhalt angeschossen. Das FBI ist sofort zur Stelle, aber Brandon verschwindet aus dem Krankenhaus, bevor man ihn befragen kann.
  • Produktdetails
  • Verlag: Liebeskind
  • Originaltitel: Willnot
  • Seitenzahl: 222
  • Erscheinungstermin: 18. Februar 2019
  • Deutsch
  • Abmessung: 195mm x 129mm x 22mm
  • Gewicht: 308g
  • ISBN-13: 9783954381029
  • ISBN-10: 3954381028
  • Artikelnr.: 54592708
Autorenporträt
Sallis, JamesJames Sallis wurde 1944 in Arkansas geboren und verbrachte dort seine Kindheit. Er studierte Literaturwissenschaften in New Orleans und arbeitete anschließend als Lektor und Drehbuchautor. Er übersetzte Raymond Queneau und Puschkin ins Englische und veröffentlichte eine Biografie von Chester Himes. Bekannt wurde er mit einer Romanreihe um den farbigen Privatdetektiv Lew Griffin. Für seinen Roman »Driver« wurde er 2008 mit dem Deutschen Krimi Preis ausgezeichnet. James Sallis lebt in Phoenix, Arizona.
Rezensionen

buecher-magazin.de - Rezension
buecher-magazin.de

"Wir fanden die Leichen zwei Meilen außerhalb der Stadt, in der Nähe der alten Kiesgrube." Der erste Satz in "Willnot" weckt die Erwartungen an einen weiteren Country Noir; Düsterheit und Kriminalfälle in der amerikanischen Provinz. Doch dieser Roman verweigert sich einer klaren Einordnung und kratzt an den Grenzen des Genres Kriminalroman. Es gibt diese Mordfälle, weitere kriminelle Taten, einen geheimnisvollen Rückkehrer, eine FBI-Agentin, einen aufrechten Sheriff, aber im Mittelpunkt steht indes der Alltag in der kleinen Stadt Willnot in Virginia. Mal ist er eben bestimmt von Leichen, die gefunden werden, und einer FBI-Agentin. Manchmal aber auch von einer kotzenden Katze. In Willnot leben kauzige Typen, Verschwörungstheoretiker, Rebellen und Radikale - und Lamar Hale, Arzt und Erzähler des Romans. Während eines einjährigen Komas wurde sein Körper von Geistern aufgesucht und heutzutage kümmert er sich um die Menschen. Er versteht und versorgt sie, während er sich mit seinem Partner Richard Sorgen um die Welt macht. Fast ist man geneigt, in Lamar viel von Sallis zu sehen. Vor allem aber ist dieses Buch eine eindrucksvolle Erinnerung daran, wie zerbrechlich unser alltägliches Leben ist.

© BÜCHERmagazin, Sonja Hartl (sh)

Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 04.03.2019

Leben, die wir selbst nicht haben können
Krimis in Kürze: Jürgen Heimbach, Jonathan Robijn und James Sallis

Vermutlich muss der Ort, über den noch kein Heimat- oder Regionalkrimi geschrieben worden ist, erst gegründet werden. Literarisch ist das meist uninteressant, es zeigt bloß, dass Mord und Totschlag überall ein Zuhause finden. Aber manchmal gibt es dann doch Bücher, die einen harten historischen Kern haben, die von Dingen erzählen, die in Vergessenheit geraten sind, es aber lohnen, dass man sich an sie erinnert.

Wer weiß zum Beispiel noch, dass Frankfurter Zeitungen Ende der fünfziger Jahre von erschossenen Waffenhändlern berichteten, von der "Roten Hand", die sie exekutiert hatte im Auftrag der Auslandsabteilung des französischen Geheimdienstes, weil sie die FLN, die algerische Befreiungsbewegung, beliefern wollten? Der Roman "Die Rote Hand" (weissbooks.w, 336 S., geb., 22,- [Euro]) von Jürgen Heimbach, im Hauptberuf Redakteur bei 3sat, taucht ein in diese Zeit, indem er die realen Geschehnisse verwebt mit einer fiktiven Story. Sein Protagonist ist ein ehemaliger Fremdenlegionär, der 1959 als schlechtbezahlter Wachmann in Frankfurt arbeitet. Er kriegt keinen Boden unter die Füße, er hat Wettschulden, und weil sich das für Geschichten, die noir sein wollen, so gehört, holt ihn die Vergangenheit ein, die schon aus seinem Spitznamen spricht: "Quatre d'un coup", Vier-auf-einen-Streich, nennen sie den Mann, der Arnolt Streich heißt.

Heimbach hat das sauber recherchiert, ist bemüht um die Atmosphäre der späten Fünfziger, lässt die damalige deutsche Jazzhoffnung Inge Brandenburg auftreten und hat im Nachwort offengelegt, wo die Linie zwischen Fakten und Fiktion verläuft. "Die Rote Hand" ist zwar nicht übermäßig spannend oder literarisch ambitioniert, aber lesenswert als Rekonstruktion eines Kapitels Nachkriegsgeschichte.

Ähnliches gilt für den Roman des Belgiers Jonathan Robijn. "Kongo Blues" (Nautilus, 176 S., br., 16,90 [Euro]) spielt im Brüssel der ausgehenden achtziger Jahre. Hier ist es ein dunkler Abschnitt belgischer Kolonialgeschichte, der den realen Hintergrund liefert. Robijn ist Arzt, er hat, unterwegs für "Ärzte ohne Grenzen" in Afrika, davon erfahren, wie Kinder belgischer Kolonialherren und kongolesischer Frauen kurz vor der Unabhängigkeit Kongos verschleppt und in Belgien zur Adoption freigegeben wurden.

Der Protagonist Morgan schlägt sich als Jazzpianist in Brüssel durch, er weicht der Frage nach seiner Herkunft aus, weil er sie belanglos findet, es reicht ihm schon, als Schwarzer dem alltäglichen Rassismus ausgesetzt zu sein. Eines Nachts sammelt er unweit seiner Wohnung eine attraktive, rätselhafte junge Frau auf. Auch hier ist der Noir-Einfluss nicht zu übersehen. Die Frau zieht bei ihm ein, zwischen beiden entsteht eine schwer definierbare Nähe. Und durch diese Simona, wenn das denn ihr Name ist, gerät Morgan in einen Sog, der ihn in seine Vergangenheit zieht. Auch Robijn ist kein großer Stilist, aber er hat ein gutes Gespür für Ellipsen, und vor allem weiß er, dass der Reiz eines Romans in einer Ungewissheit liegen kann, die nicht verflogen ist mit der letzten Seite.

Das weiß natürlich auch einer wie der Amerikaner James Sallis, der den Kriminalroman in Bereiche geführt hat, wo für die meisten seiner Kollegen die Luft zu dünn wird. Sallis verfügt über die sprachlichen und erzählerischen Mittel, aus denen große Literatur entsteht. Sein neuer Roman "Willnot" (Liebeskind, 224 S., geb., 20,- [Euro]) ist nach seinem Schauplatz benannt und spielt zugleich mit der verneinten Zukunft, die in dem Namen steckt. Willnot ist scheinbar ein amerikanisches Allerweltskaff. Bei Sallis wird es zu einer besonderen Welt. Der Kriminalfall hält die Geschichte dabei weniger zusammen, als dass er ein Mittel ist, die Verhältnisse in ein präziseres Licht zu setzen.

Lamar, der Ich-Erzähler, ist Arzt, er hat als Kind eine Zeitlang in Willnot gelebt, er begegnet den Trivialitäten und Tragödien des Alltags mit großer Geduld; sein Lebensgefährte Richard hat als Lehrer an der örtlichen Highschool ein ähnliches Überlebensrezept. Der örtliche Sheriff heißt Hobbes, ohne den Menschen deswegen ein Wolf sein zu müssen. Von den Leichen, die man am Ortsrand ausgegraben hat, ist er überfordert; von Bobby, der als Schüler lange im Koma lag und nun plötzlich als FBI-Agent mit obskurer Mission auftaucht, erst recht.

Plot ist bei James Sallis nichts, was brav abgearbeitet werden müsste. Man erkennt einen roten Faden, das reicht völlig aus, weil die Abweichungen vom Hauptweg das Spannende sind, die kleinen Abnormitäten, die Eigenarten der Figuren. Auf die Frage, warum wir lesen, antwortet Lamar einmal: "Um ein Gefühl für jene Leben zu bekommen, die wir selbst nicht haben können." Besser lässt sich nicht sagen, warum man "Willnot" lesen muss.

PETER KÖRTE

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Süddeutsche Zeitung - Rezension
Süddeutsche Zeitung | Besprechung von 09.08.2019

Die schwarzen
Löcher des Lebens
James Sallis definiert das Krimi-Genre neu: „Willnot“
Erzählen mit Blackouts, Versuche, die schwarzen Löcher eines Lebens zu füllen, die Verunsicherung zu dämpfen, die sie hervorrufen. Aber es ist, als käme mit einem Blackout überhaupt erst der Impuls zu erzählen. Mit zwölf ist Lamar Hale in ein Koma gefallen, ohne Vorwarnung, fast ein Jahr lang lag er im Krankenhaus, und trotz vieler Untersuchungen konnten die Ärzte die Ursache nicht ermitteln. Diagnostischer Blackout. „Was die Ärzte nicht wussten, was niemand wusste, war, dass ich nicht allein gewesen war. Die Besucher, die anderen, kamen zu mir, als ich dort lag. Ich weiß nicht, wann sie eintrafen, am ersten Tag oder etwas später, jedenfalls waren sie die meiste Zeit über da. Die einzige Welt und Zeit, die ich hatte, war ihre.“
Das Ich als Sammelstelle, als Durchgangsstation. Wenn Lamar erzählt, von sich und von seiner Stadt, löst sich schnell die Vorstellung von fester Persönlichkeit und von einem individuellen Platz in der Gesellschaft auf, und man muss auf minimale Nuancen achten, wenn er die Ebenen wechselt, unvermittelt und fast unmerklich, vom Realen ins Fantastische, von der Gegenwart in die Vergangenheit. Oder in die Zukunft. In den Wochen, als er aus seinem merkwürdigen Koma in die gewöhnliche Welt zurückkehrte, legte er sich ein Sammelsurium zu von fremden Identitäten, auch solchen, die ihm selber unbekannt sind.
Lamar ist inzwischen der Arzt der kleinen (fiktiven) Stadt Willnot, da ist er rund um die Uhr präsent und für alle da, in seiner Praxis oder im Krankenhaus, bei Alten und Jungen, durch nichts zu erschüttern und reaktionsschnell. Er kümmert sich um den Tumor, der in einer Untersuchung bei einem Patienten überraschend entdeckt wird und so groß ist, dass er jeden Augenblick platzen könnte; um den Herzinfarkt, den der Sheriff im Dienst erleidet; um die Nachtigall mit dem gebrochenen Flügel und dem abgerissenen Schnabel, die Jenny in die Praxis bringt. Mr. Edmonds hat im Park an seinem Schlag gearbeitet und einer seiner Golfbälle hat das Tier getroffen. Lamar spürt den letzten Schlag ihres winzigen Herzens auf seiner Haut.
Ginny Farrell reicht ihm ein kleines, in ein Handtuch eingewickeltes Bündel: „Ich hatte drei Fehlgeburten, als ich verheiratet war. Man hatte mir gesagt, ich könnte keine Kinder bekommen. Aber jetzt … habe ich eins zur Welt gebracht. Heute morgen, als der Sturm aufkam.“ Im Bündel ist eine Eidechse, lebendig, aber starr vor Angst. „Ist sie nicht wunderschön?“
Der Roman beginnt mit einer unerwarteten Entdeckung: „Wir fanden die Leichen zwei Meilen außerhalb der Stadt, in der Nähe der alten Kiesgrube.“ Vier Tote, mit Kalk bedeckt. Unbekannte. Man wird im Roman nicht geklärt bekommen, um wen es sich dabei handelt und wer diese Menschen getötet haben könnte.
James Sallis hat in seinen Krimis immer die Grenzen des Genres gedehnt, sein bekanntester ist wohl „Drive“, den Nicolas Winding Refn mit Ryan Gosling verfilmt hat. In „Willnot“ geht Sallis über die Grenzen des Genres hinaus und definiert es neu. Das Genre, das vielleicht das geschlossenste überhaupt ist, erhält hier eine fantastische Offenheit. Das Buch stellt einen Haufen Fragen und wird wenig Antworten liefern. Einmal wird der berühmte Satz von Kierkegaard zitiert, dass das Leben rückwärts verstanden, aber vorwärts gelebt werden muss.
Nach dem Leichenfund – so dass man kurz vermutet, in einer kausalen Folge davon – steht plötzlich Brandon Roemer Lowndes in der Tür von Lamars Praxis, er war vor Jahren sein Patient. Jetzt ist er bei den Marines, ein Sniper, „man nennt mich heute Bobby“. Er verschwindet gleich nach dem Besuch, taucht aber unerwartet wieder auf. Später wird auf ihn geschossen. Eine FBI-Agentin kommt in die Stadt und sucht nach ihm, beider Wege werden sich nie kreuzen, aber irgendwie bilden sie zusammen ein merkwürdiges Paar. Noch später stellt sich heraus, es gibt offenbar keine Unterlagen über Bobby bei den Marines. Eine unerklärliche, unerklärte Existenz.
Die großen amerikanischen Romane des vorigen Jahrhunderts – Faulkner, Wolfe, Dick, Bradbury, Irving – sind Geschichten von der Provinz, und sie sind komponiert wie eine musikalische Fuge, mit einzelnen Elementen, die sich miteinander verlaufen. „Musik war immer integraler Teil meines Lebens“, erzählt James Sallis, „mein erstes großes Vorhaben als Kind war Komponist zu werden.“ Er hört alles, Mozart, Tschaikowsky, Mahler, Wagner und Vivaldi, nachts im Bett dringen die Honkytonk-Klänge aus dem Drive-in-Restaurant in der Straße an sein Ohr. Mit Freunden hat er eine eigene Band gegründet und tritt regelmäßig damit auf.
Er sei Handwerker, ein Bastler, erklärt Lamar einmal, „ich repariere Dinge, tue mein Bestes, dass sie wieder richtig funktionieren“. Die Stadt Willnot selbst wirkt manchmal wie ein subtiles Bastelkonstrukt, wie ein Mobile, in dem die Menschen sich zu- und wegbewegen, immer wieder einen unerwarteten Zustand von Harmonie herstellen. Einen starken Beitrag dazu liefert Lamar mit seinem erfahrenen Helferteam, inklusive sein Lebensgefährte Richard, der ein Schullehrer ist.
Unterhalb dessen, was Lamar erzählt, wuchert ein Geflecht alter Geschichten und Konflikte, von unerfüllbaren Hoffnungen, die das Handeln der Menschen in Willnot mit möglichen Motiven versehen könnten. Darüber gibt es ein vielfach verschlungenes Konglomerat von erfundenen, aber fantasievoll durchgespielten Variationen zum irdischen Leben – in den Romanen, die Lamars Vater schrieb, der produktive und erfolgreiche Science-Fiction-Autor Joseph M. Hale. Er hat zeit Lebens die Pulps bedient, und hätte gern gesehen, dass der Sohn diese Tradition fortsetzen werde, er hat ihn immer mitgenommen zu Kongressen der großen verschworenen amerikanischen SF-Community, zu den Kollegen Bob Silverberg, Robert A. Heinlein, Kate Wilhelm und ihrem Mann Damon Knight, Theodore Sturgeon. In der Pulp-Fiction der Fünfziger und Sechziger wurde amerikanische Realität analysiert und fortgeschrieben, wurden ungewöhnliche gesellschaftliche Modelle und Visionen entwickelt, alternative Träume in Form gebracht.
„Der Biograf“ heißt einer der Romane, den der Sohn Lamar nach langer Zeit noch einmal liest, es ist „die Geschichte eines Mannes, der Menschen aus ihrem Leben herausnimmt und sie irgendwo zwischenlagert (wir erfahren nie, wo, aber das spielt auch keine Rolle), während er ihren Platz einnimmt und sie nach zwanzig, dreißig Seiten zurück in ihr Leben entlässt, das sich aufgrund seiner Handlungen (Dinge, die sie selbst niemals tun würden) und seiner Erfahrungen (Erfahrungen, die sie niemals machen würden, die ihnen aber blieben, nachdem sie ihr Leben zurückerhalten hatten) dramatisch verändert hatte.“ Das klingt, als hätte der Vater Lamars merkwürdiges Koma-Erlebnis literarisch verarbeitet. Oder als hätte Lamar ein Buch des Vaters in seine Gegenwart übernommen.
FRITZ GÖTTLER
„Ich repariere Dinge,
tue mein Bestes, dass sie wieder
richtig funktionieren.“
James Sallis: Willnot. Roman. Aus dem Englischen von Jürgen Bürger und Kathrin Bielfeldt. Liebeskind, München 2019. 224 Seiten, 20 Euro.
DIZdigital: Alle Rechte vorbehalten – Süddeutsche Zeitung GmbH, München
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über www.sz-content.de
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Die schwarzen
Löcher des Lebens

James Sallis definiert das Krimi-Genre neu: „Willnot“

Erzählen mit Blackouts, Versuche, die schwarzen Löcher eines Lebens zu füllen, die Verunsicherung zu dämpfen, die sie hervorrufen. Aber es ist, als käme mit einem Blackout überhaupt erst der Impuls zu erzählen. Mit zwölf ist Lamar Hale in ein Koma gefallen, ohne Vorwarnung, fast ein Jahr lang lag er im Krankenhaus, und trotz vieler Untersuchungen konnten die Ärzte die Ursache nicht ermitteln. Diagnostischer Blackout. „Was die Ärzte nicht wussten, was niemand wusste, war, dass ich nicht allein gewesen war. Die Besucher, die anderen, kamen zu mir, als ich dort lag. Ich weiß nicht, wann sie eintrafen, am ersten Tag oder etwas später, jedenfalls waren sie die meiste Zeit über da. Die einzige Welt und Zeit, die ich hatte, war ihre.“

Das Ich als Sammelstelle, als Durchgangsstation. Wenn Lamar erzählt, von sich und von seiner Stadt, löst sich schnell die Vorstellung von fester Persönlichkeit und von einem individuellen Platz in der Gesellschaft auf, und man muss auf minimale Nuancen achten, wenn er die Ebenen wechselt, unvermittelt und fast unmerklich, vom Realen ins Fantastische, von der Gegenwart in die Vergangenheit. Oder in die Zukunft. In den Wochen, als er aus seinem merkwürdigen Koma in die gewöhnliche Welt zurückkehrte, legte er sich ein Sammelsurium zu von fremden Identitäten, auch solchen, die ihm selber unbekannt sind.

Lamar ist inzwischen der Arzt der kleinen (fiktiven) Stadt Willnot, da ist er rund um die Uhr präsent und für alle da, in seiner Praxis oder im Krankenhaus, bei Alten und Jungen, durch nichts zu erschüttern und reaktionsschnell. Er kümmert sich um den Tumor, der in einer Untersuchung bei einem Patienten überraschend entdeckt wird und so groß ist, dass er jeden Augenblick platzen könnte; um den Herzinfarkt, den der Sheriff im Dienst erleidet; um die Nachtigall mit dem gebrochenen Flügel und dem abgerissenen Schnabel, die Jenny in die Praxis bringt. Mr. Edmonds hat im Park an seinem Schlag gearbeitet und einer seiner Golfbälle hat das Tier getroffen. Lamar spürt den letzten Schlag ihres winzigen Herzens auf seiner Haut.

Ginny Farrell reicht ihm ein kleines, in ein Handtuch eingewickeltes Bündel: „Ich hatte drei Fehlgeburten, als ich verheiratet war. Man hatte mir gesagt, ich könnte keine Kinder bekommen. Aber jetzt … habe ich eins zur Welt gebracht. Heute morgen, als der Sturm aufkam.“ Im Bündel ist eine Eidechse, lebendig, aber starr vor Angst. „Ist sie nicht wunderschön?“

Der Roman beginnt mit einer unerwarteten Entdeckung: „Wir fanden die Leichen zwei Meilen außerhalb der Stadt, in der Nähe der alten Kiesgrube.“ Vier Tote, mit Kalk bedeckt. Unbekannte. Man wird im Roman nicht geklärt bekommen, um wen es sich dabei handelt und wer diese Menschen getötet haben könnte.

James Sallis hat in seinen Krimis immer die Grenzen des Genres gedehnt, sein bekanntester ist wohl „Drive“, den Nicolas Winding Refn mit Ryan Gosling verfilmt hat. In „Willnot“ geht Sallis über die Grenzen des Genres hinaus und definiert es neu. Das Genre, das vielleicht das geschlossenste überhaupt ist, erhält hier eine fantastische Offenheit. Das Buch stellt einen Haufen Fragen und wird wenig Antworten liefern. Einmal wird der berühmte Satz von Kierkegaard zitiert, dass das Leben rückwärts verstanden, aber vorwärts gelebt werden muss.

Nach dem Leichenfund – so dass man kurz vermutet, in einer kausalen Folge davon – steht plötzlich Brandon Roemer Lowndes in der Tür von Lamars Praxis, er war vor Jahren sein Patient. Jetzt ist er bei den Marines, ein Sniper, „man nennt mich heute Bobby“. Er verschwindet gleich nach dem Besuch, taucht aber unerwartet wieder auf. Später wird auf ihn geschossen. Eine FBI-Agentin kommt in die Stadt und sucht nach ihm, beider Wege werden sich nie kreuzen, aber irgendwie bilden sie zusammen ein merkwürdiges Paar. Noch später stellt sich heraus, es gibt offenbar keine Unterlagen über Bobby bei den Marines. Eine unerklärliche, unerklärte Existenz.

Die großen amerikanischen Romane des vorigen Jahrhunderts – Faulkner, Wolfe, Dick, Bradbury, Irving – sind Geschichten von der Provinz, und sie sind komponiert wie eine musikalische Fuge, mit einzelnen Elementen, die sich miteinander verlaufen. „Musik war immer integraler Teil meines Lebens“, erzählt James Sallis, „mein erstes großes Vorhaben als Kind war Komponist zu werden.“ Er hört alles, Mozart, Tschaikowsky, Mahler, Wagner und Vivaldi, nachts im Bett dringen die Honkytonk-Klänge aus dem Drive-in-Restaurant in der Straße an sein Ohr. Mit Freunden hat er eine eigene Band gegründet und tritt regelmäßig damit auf.

Er sei Handwerker, ein Bastler, erklärt Lamar einmal, „ich repariere Dinge, tue mein Bestes, dass sie wieder richtig funktionieren“. Die Stadt Willnot selbst wirkt manchmal wie ein subtiles Bastelkonstrukt, wie ein Mobile, in dem die Menschen sich zu- und wegbewegen, immer wieder einen unerwarteten Zustand von Harmonie herstellen. Einen starken Beitrag dazu liefert Lamar mit seinem erfahrenen Helferteam, inklusive sein Lebensgefährte Richard, der ein Schullehrer ist.

Unterhalb dessen, was Lamar erzählt, wuchert ein Geflecht alter Geschichten und Konflikte, von unerfüllbaren Hoffnungen, die das Handeln der Menschen in Willnot mit möglichen Motiven versehen könnten. Darüber gibt es ein vielfach verschlungenes Konglomerat von erfundenen, aber fantasievoll durchgespielten Variationen zum irdischen Leben – in den Romanen, die Lamars Vater schrieb, der produktive und erfolgreiche Science-Fiction-Autor Joseph M. Hale. Er hat zeit Lebens die Pulps bedient, und hätte gern gesehen, dass der Sohn diese Tradition fortsetzen werde, er hat ihn immer mitgenommen zu Kongressen der großen verschworenen amerikanischen SF-Community, zu den Kollegen Bob Silverberg, Robert A. Heinlein, Kate Wilhelm und ihrem Mann Damon Knight, Theodore Sturgeon. In der Pulp-Fiction der Fünfziger und Sechziger wurde amerikanische Realität analysiert und fortgeschrieben, wurden ungewöhnliche gesellschaftliche Modelle und Visionen entwickelt, alternative Träume in Form gebracht.

„Der Biograf“ heißt einer der Romane, den der Sohn Lamar nach langer Zeit noch einmal liest, es ist „die Geschichte eines Mannes, der Menschen aus ihrem Leben herausnimmt und sie irgendwo zwischenlagert (wir erfahren nie, wo, aber das spielt auch keine Rolle), während er ihren Platz einnimmt und sie nach zwanzig, dreißig Seiten zurück in ihr Leben entlässt, das sich aufgrund seiner Handlungen (Dinge, die sie selbst niemals tun würden) und seiner Erfahrungen (Erfahrungen, die sie niemals machen würden, die ihnen aber blieben, nachdem sie ihr Leben zurückerhalten hatten) dramatisch verändert hatte.“ Das klingt, als hätte der Vater Lamars merkwürdiges Koma-Erlebnis literarisch verarbeitet. Oder als hätte Lamar ein Buch des Vaters in seine Gegenwart übernommen.

FRITZ GÖTTLER

„Ich repariere Dinge,
tue mein Bestes, dass sie wieder
richtig funktionieren.“

James Sallis: Willnot. Roman. Aus dem Englischen von Jürgen Bürger und Kathrin Bielfeldt. Liebeskind, München 2019. 224 Seiten, 20 Euro.

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Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über www.sz-content.de

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