Intrige - Harris, Robert
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So historisch bedeutsam wie brennend aktuell - ein Geheimdienst, der außer jegliche Kontrolle gerät
Paris 1894: Alfred Dreyfus soll ein Spion sein und wird wegen Landesverrat zu lebenslanger Haft verurteilt und verbannt. Geheimdienstchef Picquart hegt Zweifel und rollt den Fall neu auf. In den Wirren der Dreyfus-Affäre, die ganz Europa erschüttert, wird der Jäger schließlich selbst zum Gejagten. Die Parallelen zur Gegenwart liegen auf der Hand: ein Geheimdienst, der nicht zu bändigen ist; eine korrupte Justiz, die alles im Namen der nationalen Sicherheit rechtfertigt; eine parteiische…mehr

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Produktbeschreibung
So historisch bedeutsam wie brennend aktuell - ein Geheimdienst, der außer jegliche Kontrolle gerät

Paris 1894: Alfred Dreyfus soll ein Spion sein und wird wegen Landesverrat zu lebenslanger Haft verurteilt und verbannt. Geheimdienstchef Picquart hegt Zweifel und rollt den Fall neu auf. In den Wirren der Dreyfus-Affäre, die ganz Europa erschüttert, wird der Jäger schließlich selbst zum Gejagten. Die Parallelen zur Gegenwart liegen auf der Hand: ein Geheimdienst, der nicht zu bändigen ist; eine korrupte Justiz, die alles im Namen der nationalen Sicherheit rechtfertigt; eine parteiische Presse, die ein Kesseltreiben gegen eine Minderheit veranstaltet; der angeborene Instinkt aller Mächtigen, ihre Verbrechen erfolgreich zu vertuschen ...
  • Produktdetails
  • Heyne Bücher Nr.43800
  • Verlag: Heyne
  • Originaltitel: An Officer and a Spy
  • Seitenzahl: 624
  • Erscheinungstermin: 9. März 2015
  • Deutsch
  • Abmessung: 185mm x 116mm x 43mm
  • Gewicht: 442g
  • ISBN-13: 9783453438002
  • ISBN-10: 3453438000
  • Artikelnr.: 40793421
Autorenporträt
Robert Harris wurde 1957 in Nottingham geboren und studierte in Cambridge. Er war Reporter bei der BBC, Redakteur beim "Observer" und Kolumnist bei der "Sunday Times" und dem "Daily Telegraph". 2003 wurde er als bester Kolumnist mit dem British Press Award ausgezeichnet. Er schrieb mehrere Sachbücher und zahlreiche Romane. Robert Harris lebt mit seiner Familie in Berkshire.
Rezensionen
"Mit 'Intrige' beweist Robert Harris abermals, dass Geschichte spannend ist wie ein Krimi." Frankfurter Neue Presse

Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 26.10.2013

Der Spion, der nicht siegte

Robert Harris arbeitet in seinem neuen Thriller "Intrige" die Affäre um Alfred Dreyfus literarisch auf. Seine Hauptfigur ist ein Geheimdienstoffizier, der sich zwischen Wahrheit und Loyalität entscheiden muss.

Am Kennet-und-Avon-Kanal genießt Robert Harris die beste aller möglichen Welten - ländliche Ruhe in einem stattlichen neugotischen Pfarrhaus, das der ehemalige politische Journalist 1993 mit dem Ertrag aus seinem ersten Roman, "Vaterland", kaufen konnte, und die Nähe zu dem in einer knappen Zugstunde erreichbaren metropolitanen Leben. Vom Pfarrhaus hat er seinen Besucher über den Ziehpfad zum verschlafenen Dorfbahnhof begleitet, dessen Schnellverbindung nach London die Häuser in der Gegend zu begehrten Immobilien macht. Der Zug ist leicht verspätet, und wir unterhalten uns noch am Bahnsteig. In der herbstlichen Ruhe wähnt man sich in einer anderen Zeit, bis das penetrante Geratter eines Hubschraubers die Illusion zerstört. Robert Harris ist irritiert. Wiederholt unterbricht er das Gespräch und reckt den Kopf in den Himmel. Detailverliebt wie in seinen Büchern, erklärt er, es handele sich um einen Cobra-Kampfhubschrauber, und weist konsterniert auf die Raketen. Er findet es unheimlich, "orwellhaft", dass dieser Hubschrauber über uns kreist. Einige Tage später schickt er zu vorgerückter Stunde eine E-Mail. Er müsse sich korrigieren, es sei ein Kampfhubschrauber vom Typ Apache gewesen.

Die kleine Vignette verrät nicht nur, wie akribisch Harris vorgeht in seinem Streben nach authentischen Bildkulissen, sondern verweist auch auf den Argwohn gegen den geheimen Staat, gegen Verschwörungen, Vertuschungen und unlautere Machenschaften des Establishments, der sich leitmotivisch durch seine Romane zieht, ob er sich, wie in "Vaterland", vorstellt, dass Hitlers Deutschland den Krieg gewonnen hat, wie in "Pompeji" oder "Imperium" die Korruption in der altrömischen Gesellschaft schildert oder ob er wie in "Ghost" den dunklen Verstrickungen eines fiktiven britischen Ex-Premiers nachspürt, dessen Ähnlichkeit mit Tony Blair unverkennbar ist.

Dieser Argwohn steht auch im Zentrum seines jüngsten Thrillers, "An Officer and a Spy", einer spannenden Nacherzählung der Dreyfus-Affäre, die jetzt, nur wenige Wochen nach der englischen Ausgabe, unter dem Titel "Intrige" auf Deutsch erschienen ist. Harris schildert den Skandal um den 1894 wegen Hochverrats verurteilten Alfred Dreyfus aus der Sicht von Oberst Marie-Georges Picquart, dem Leiter des militärischen Geheimdienstes, der gegen seine ursprüngliche Überzeugung die Unschuld des Hauptmanns bewiesen hat. Dem Gewissen folgend, statt die Loyalität zum Amt zu wahren, hat Picquart eine glanzvolle Karriere geopfert, um öffentlich für Dreyfus einzustehen. Picquart sei für den Romancier ein Geschenk des Himmels, erzählt Harris, weil über die Einzelheiten seines Lebens so gut wie nichts bekannt sei, obwohl die Zeitungen diesen reservierten, kultivierten Offizier damals als Helden gefeiert hätten.

In Hinblick auf die NSA-Enthüllungen, auf die Rolle der Presse und deren Regulierung sowie auf die heute höchst umstrittenen geheimen Gerichtsverfahren - Dreyfus wurde hinter verschlossenen Türen verurteilt -, die der Staat mit dem Verweis auf die Gefährdung der öffentlichen Sicherheit zu rechtfertigen sucht, drängen sich die in Harris' Romanen vorhandenen Parallelen zur Gegenwart besonders auf. Harris sieht in Picquart den ersten Whistleblower und in dem zweiten Verfahren gegen Dreyfus eine der ersten großen internationalen Zeitungsgeschichten mit einem Pressezentrum für dreihundert Journalisten, die jeden Tag nach London, New York, Berlin oder anderswo so viel Material überlieferten, dass besondere Telegrafisten eingesetzt werden mussten, um das Aufkommen zu bewältigen.

Als Harris mit seinen Recherchen zu seinem Buch begann, waren die Snowden-Enthüllungen noch achtzehn Monate entfernt. Obwohl er die Vergangenheit im Spiegel der eigenen Zeit darzustellen pflegt, sagt Harris, er habe die Geschichte erzählt, wie sie war, ohne sie mit einem wissentlichen Echo zu belegen. Die aktuellen Bezüge hätten sich natürlich aus dem Stoff ergeben und seien ihm erst nachträglich bewusst geworden. Aus natürlicher Sympathie mit dem Whistleblower, gesteht Harris, habe er eine Widmung an Bradley Manning und Edward Snowden flüchtig erwogen, die Idee dann aber als "billige Nummer" schnell verworfen. Harris hat mehr übrig für Mannings Enthüllungen über die Erschießung unschuldiger Zivilisten in Bagdad als für Snowden, den er als Unruhestifter bezeichnet. Als Journalist bewundere er alles, was die Geheimhaltung abbaue, aber er zweifelt, ob Snowden wirklich Neues aufgedeckt habe. "Spione machen sich gerne wichtiger, als sie sind."

Diese Skepsis gegenüber dem Geheimdienst hebt Harris auch bei seinem Helden Picquart hervor. Als dieser seinen ersten Geheimdienstbericht verfasst - es geht um eine vermeintliche Steigerung der Aktivitäten in der Garnison von Metz -, reflektiert er über die Bedeutung, die er dieser Meldung verleihe, indem er sie festhalte, obwohl er gar nicht wisse, ob sie stimme oder wichtig sei. Picquart sieht darin seine erste Lektion hinsichtlich der "kabbalistischen Macht sogenannter Geheimdienstinformationen". Sie könnten "sonst vernünftige Männer dazu bringen, ihren Verstand zu vergessen und wie Idioten herumzuhüpfen".

Beim Mittagessen in der Kneipe, wo die beflissene Wirtin den prominenten Gast stets als "Mr Harrison" anredet, offenbart Harris über einem kochendheißen Fischauflauf, je mehr er darüber nachdenke, umso mehr sei er frappiert über die Parallelen, insbesondere, was die Presseregulierung betrifft. Für die "Daily Mail" hat er unlängst mit dem Verweis auf den Dreyfus-Skandal ein flammendes Plädoyer gegen die Presseregulierungsvorstellungen der Regierung geschrieben. Im alkoholanimierten Stimmengewirr der Kneipe argumentiert Harris, dass das, was in Britannien anstehe, "fast einzigartig in der demokratischen Welt" sei. Wenn die Zeitungen im Paris der 1890er Jahre einem ähnlichen System unterstellt gewesen wären, fährt Harris fort, hätten sie angesichts der allgemeinen Unterstützung für die Armee und der Gewissheit, dass Dreyfus schuldig sei, Mühe gehabt, Major Esterházy als den eigentlichen Verfasser des "Bordereau" zu entblößen, jenes verfänglichen Begleitschreibens zu geheimen Dokumenten, die dem deutschen Militärattaché in Paris zugespielt wurden und die das paranoide Frankreich in Erregung versetzten.

Harris bekennt, vor "Intrige" mit Vorbehalten eine milde Form der Presseregulierung befürwortet zu haben. Das Buch aber hat nicht nur sein Misstrauen gegen den Amtsapparat und große Organisationen gestärkt, "die ungeniert lügen und sich damit rechtfertigen, dass sie dem übergeordneten Wohl dienen", sondern auch seine Einstellung zur Presseregulierung verändert. Gewiss, die Pressefreiheit sei "ziemlich hässlich". Man müsse sich die Nase zuhalten und viele sensationslüsterne und falsche Meldungen in Kauf nehmen, aber auch diese seien ein integraler Bestandteil einer freien Presse. Dabei bezieht sich Harris auf das "brillante" Wort von Isaiah Berlin, dass Freiheit Freiheit sei und nichts anderes. Typisch, fügt er hinzu, dass der Regulierungsdrang von der Linken komme. Als jemand, der sich selbst immer als Linker bekannt habe, bedauere er die linksliberale Neigung, die Leute herumzukommandieren.

Robert Harris stammt aus einem traditionellen Labour-Haushalt. Der Vater war ein Drucker, der mit vierzehn Jahren die Schule verlassen musste und sich selbst gebildet hat. Seine Passion für die Politik hat er dem Sohn vermittelt. Mit sechs Jahren schrieb dieser einen Aufsatz, der den Titel trug, "Warum ich und mein Papa Sir Alec Douglas-Home (den damaligen Premierminister) nicht mögen" - ein Vorläufer der Polemik "Der Ekel, den ich für die kaltherzige Art von New Labour empfinde", mit der Harris 2001 seine bittere Enttäuschung über Tony Blair formulierte, den er anfangs enthusiastisch gelobt hatte.

Aus dem schmucklosen Alltag des politischen Journalisten hat sich der 56 Jahre alte Harris dank seiner Romanerfolge längst zurückziehen können. Er hat erreicht, wovon jeder Reporter träumt. Seine flachen Vokale verraten noch immer die Herkunft aus den Midlands, und wenn er den Besucher stolz, aber ohne Dünkel durch die eleganten Räume seines Pfarrhauses führt, in das im neugotischen Stil eingerichtete, von Büchern gesäumte Arbeitszimmer, "wo der Pastor seine Predigten schrieb" und wo Harris jetzt an einem überfüllten Schreibtisch das Drehbuch für Roman Polanskis Verfilmung von "Intrige" erstellt, wirkt es, als müsse er sich kneifen, um sich zu vergewissern, dass er es so weit gebracht hat.

Dem Schreibtisch gegenüber hängt ein Porträt von Joseph Conrad, der mit Graham Greene und George Orwell zu den literarischen Helden von Harris zählt. Harris hat einen Horror vor magischem Realismus und der mit paarhufigen Wesen bevölkerten Fantasy-Literatur. Er betrachtet die Vergangenheit als "eine Art von Fantasy-Welt, die den Vorzug hat, reell zu sein". Auf die Frage, weshalb er einen Thriller über die Dreyfus-Affäre geschrieben habe, wo der Stoff doch in sich schon der reinste Roman sei, antwortet Harris, dass der Kunstgriff ihm die Freiheit gebe, einen besonderen Blickwinkel zu wählen und, anders als der um kritische Distanz bemühte Historiker, ganz in die Zeit einzutauchen, die kleinsten Einzelheiten aufzustöbern. Das liebt er besonders.

Seitdem Harris mit "Vaterland" wie Alice im Wunderland durch den Spiegel gegangen ist und die andere Seite erforscht, hat der politische Journalismus für ihn seinen Reiz verloren. Seine Augen glänzen beim Gedanken an den Stoff, den die "unerschöpfliche Quelle der Geschichte" hergibt. An einer Stelle von "Intrige" macht Harris sich sogar den Spaß, Picquart beobachten zu lassen, dass in reißerischen Fortsetzungsromanen "manchmal mehr Wahrheit steckt als im Sozialrealismus aller Romane von Monsieur Zola zusammen".

GINA THOMAS

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Süddeutsche Zeitung - Rezension
Süddeutsche Zeitung | Besprechung von 08.01.2014

Weltgeschichte im Opernglas
„Intrige“: Der englische Thriller-Autor Robert Harris macht aus der Dreyfus-Affäre einen
fesselnden Spionageroman, in dem der Antisemitismus sein Unwesen treibt und ein Oberstleutnant zum Aufklärer wird
VON JOSEPH HANIMANN
Gegenüber der politischen und gesellschaftlichen Bedeutung der Dreyfus-Affäre ist das Aufregende an der Story gern in Vergessenheit geraten. Es brauchte wohl einen Erzählprofi wie Robert Harris, um die Überlebenskrise der Dritten Republik im Frankreich der Pferdedroschken und gezwirbelten Schnauzbärte einmal als Thriller abrollen zu lassen . Die Berge aus Akten, Studien und Zeugnissen wie Émile Zolas Zeitungsaufruf „J’accuse . . .!“ mussten umgeschichtet, abgeschliffen, vereinfacht werden, um Aufwind für die Romanspannung zu schaffen (Siehe SZ-Interview vom 26. Oktober 2013).
   Harris ist es gelungen, ohne gravierenden Verrat an der Substanz aus diesem Gemenge aus Antisemitismus, Staatsraison und sturer Bürokratie eine Geschichte zu machen, die einen von Anfang bis Ende in Atem hält. Intrigen und Gegenintrigen verzahnen sich haarscharf ineinander, das Fin de Siècle schimmert als Kulisse gerade so viel durch wie nötig, die Ereignisse des berühmten Justizirrtums, der einen Unschuldigen wegen Hochverrat auf die Teufelsinsel verbannte, laufen mit einer Anschaulichkeit vor unseren Augen ab, als stünden wir immer gerade in der vordersten Reihe.
  Kein Wunder. Harris erzählt aus der Perspektive jenes Oberstleutnants Picquart, der als Chef der Spionageabteilung in der Armee früh Zweifel an der Schuld von Alfred Dreyfus hegte und sich Klarheit verschaffen wollte. Er musste dafür mit Versetzung und Gefängnishaft bezahlen. Im Unterschied zum blassen und steifen Dreyfus war Picquart aber ein umgänglicher Mann, der auch komplizierte Situationen mit klaren Vorstellungen von Ehre schnell in den Griff bekam und Unausgesprochenes treffend zum Ausdruck bringen konnte. Ihm folgen wir von dem Moment an, wo er die Dreyfus-Akte in die Hand bekommt, in einem ewigen Präsens durchs Labyrinth der Ereignisse bis zur Kaltstellung auf einem tunesischen Außenposten, dann zur Gefängnishaft, zum Gerichtsprozess gegen Zola, wo er als Zeuge auftritt, und schließlich zur Rehabilitierung.
  Dieses ewige Präsens lässt uns unmittelbar an Ministergesprächen, Geheimtreffen, verborgenen Operationen, intimen Bettgeschichten teilnehmen. Harris stützt sich auf die umfangreiche Literatur und überlieferte Zeugnisse wie jene aus dem Geheimdossier zum Fall Dreyfus, die unlängst vom französischen Verteidigungsministerium freigegeben wurden. Einzelne Episoden hat er ausgebaut oder hinzuerfunden und so das Ganze zu einem fesselnden Spannungsszenario verknüpft.
  Wenn Major Picquart an einem kalten Januarmorgen 1895 die Prunktreppe des Kriegsministeriums hoch eilt, um dem Minister Bericht zu erstatten über die spektakuläre Degradierung und Verbannung des Hauptmanns Dreyfus, der er im Hof der Militärakademie gerade beigewohnt hat, ist er von der gerechten Strafe für den Verräter noch ganz überzeugt. Als distanzierter Beobachter hat er die Zeremonie durch ein mitgebrachtes Opernglas verfolgt und über den Ruf „Tod den Juden!“ aus dem aufgebrachten Zuschauermob einfach hinweggehört.
  Auch die in den Salongesprächen häufigen Bemerkungen über die „würdelose Rasse“ nimmt er hin als ein etwas übertriebenes Gerede. Erst nach seiner Beförderung in die Spionageabteilung machen ihn einige Ungereimtheiten des Dossiers stutzig, und bald ist er fest überzeugt, nicht der auf der Teufelsinsel sitzende Dreyfus, sondern der obskure Major Esterházy sei der Autor jener Papierfetzen, die eine Putzfrau aus dem Papierkorb der deutschen Botschaft in Paris geschmuggelt hat. Unbeirrbar und gegen die ausdrückliche Weisung seiner Vorgesetzten betreibt er seine Nachforschungen. Dieses ständige Kombinieren, Vergleichen, Spekulieren mit immer neuen Einzelheiten macht die Stärke des ehemaligen Journalisten Robert Harris aus, mag er auch zu oft der Versuchung erliegen, auf den Höhepunkt einer politischen Ereigniswende jeweils gleich ein amouröses Hochgefühl mit der Geliebten im Bett folgen zu lassen.
  Harris hat das Profil der historischen Figuren zugespitzt und die meisten von ihnen doch mit Nuancen versehen. Der in Straßburg geborene Picquart hätte auch Musiklehrer werden können, hätte er nicht sechzehnjährig im deutsch-französischen Krieg 1870 die Beschießung seiner Geburtsstadt miterlebt. Das zahlreich aus dem Elsass stammende jüdische Bürgermilieu in Paris, dem auch Alfred Dreyfus angehörte, fühlt hingegen zugleich patriotisch und kosmopolitisch.
  Die Mitglieder der Armeeführung wiederum sind bald Figuren eines verknöcherten Standesdünkels, denen das Zugeständnis eines offensichtlichen Justizirrtums wie eine Selbstverleugnung vorkäme, bald gerissene Lügner oder diensteifrige Aktenfälscher wie der schleimige Major Hubert-Joseph Henry, ein Mitarbeiter Picquarts aus der Spionageabteilung und ein Hauptakteur der Dreyfus-Affäre. Bei der Schilderung der Berühmtheiten Émile Zola oder Georges Clemenceau hält Harris sich hingegen vorsichtig zurück. Dennoch bietet er ein überzeugendes Gesamtbild der Affäre. Mit dem Antisemitismus als verborgener Triebkraft erscheint sie als Ergebnis aus falsch verstandener Loyalität gegenüber der Armee, obsessiver Deutschland-Angst, Starrsinn und bürokratischer Schlamperei.
  In diesem historischen Biotop lässt der Roman eine fesselnde Figurenvielfalt gedeihen, in der Picquart und der Anwalt Louis Leblois, sein Freund, manchmal etwas zu aufdringlich die Rolle der einzigen Aufrichtigen spielen. Der Romanstil ist jedoch lebendig, packend und locker ausholend, auch in der Übersetzung von Wolfgang Müller, dem der Autor in seiner Danksagung für die Sprach- und Fachkompetenz seine Anerkennung ausspricht.
  Für Geschichtsinteressierte ist dieser Roman eine unterhaltsame Gelegenheit, die Erinnerung an die Dreyfus-Affäre aufzufrischen. Liebhabern von Thrillern bietet er eine gute Story mit dem Duft der Belle Époque. Allen zusammen gibt er wohl einen Vorgeschmack auf den nächsten Film von Roman Polanski, mit dem Harris schon für „Ghost“ zusammengearbeitet hat und der gerade an seinem neuen Filmprojekt über die Dreyfus-Affäre sitzt.
Früh hat Oberstleutnant Picquart,
Chef der Spionageabteilung,
Zweifel an der Schuld von Dreyfus
Die Dreyfus-Affäre war ein gesamteuropäisches Ereignis: Auf dieser Karikatur aus dem italienischen Magazin Il Pappagallo heizt Émile Zola die öffentliche Meinung an. Die Tür zum liberalen Kohlenlager steht weit offen, die Dampfmaschine „Unschuld“ bläst weißen Parolenrauch („Wahrheit“, „Gerechtigkeit“) in die Luft. Die offenkundig jüdischen Figuren, die hinter Zola stehen, stammen aus dem Bildrepertoire des zeitgenössischen Antisemitismus.
Foto:  Getty Images
  
  
  
  
Robert Harris: Intrige. Roman. Aus dem Englischen von Wolfgang Müller.
Heyne Verlag, München 2013. 622 Seiten,
22,99 Euro.
DIZdigital: Alle Rechte vorbehalten – Süddeutsche Zeitung GmbH, München
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über www.sz-content.de
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Der Spion, der nicht siegte

Robert Harris arbeitet in seinem neuen Thriller "Intrige" die Affäre um Alfred Dreyfus literarisch auf. Seine Hauptfigur ist ein Geheimdienstoffizier, der sich zwischen Wahrheit und Loyalität entscheiden muss.

Am Kennet-und-Avon-Kanal genießt Robert Harris die beste aller möglichen Welten - ländliche Ruhe in einem stattlichen neugotischen Pfarrhaus, das der ehemalige politische Journalist 1993 mit dem Ertrag aus seinem ersten Roman, "Vaterland", kaufen konnte, und die Nähe zu dem in einer knappen Zugstunde erreichbaren metropolitanen Leben. Vom Pfarrhaus hat er seinen Besucher über den Ziehpfad zum verschlafenen Dorfbahnhof begleitet, dessen Schnellverbindung nach London die Häuser in der Gegend zu begehrten Immobilien macht. Der Zug ist leicht verspätet, und wir unterhalten uns noch am Bahnsteig. In der herbstlichen Ruhe wähnt man sich in einer anderen Zeit, bis das penetrante Geratter eines Hubschraubers die Illusion zerstört. Robert Harris ist irritiert. Wiederholt unterbricht er das Gespräch und reckt den Kopf in den Himmel. Detailverliebt wie in seinen Büchern, erklärt er, es handele sich um einen Cobra-Kampfhubschrauber, und weist konsterniert auf die Raketen. Er findet es unheimlich, "orwellhaft", dass dieser Hubschrauber über uns kreist. Einige Tage später schickt er zu vorgerückter Stunde eine E-Mail. Er müsse sich korrigieren, es sei ein Kampfhubschrauber vom Typ Apache gewesen.

Die kleine Vignette verrät nicht nur, wie akribisch Harris vorgeht in seinem Streben nach authentischen Bildkulissen, sondern verweist auch auf den Argwohn gegen den geheimen Staat, gegen Verschwörungen, Vertuschungen und unlautere Machenschaften des Establishments, der sich leitmotivisch durch seine Romane zieht, ob er sich, wie in "Vaterland", vorstellt, dass Hitlers Deutschland den Krieg gewonnen hat, wie in "Pompeji" oder "Imperium" die Korruption in der altrömischen Gesellschaft schildert oder ob er wie in "Ghost" den dunklen Verstrickungen eines fiktiven britischen Ex-Premiers nachspürt, dessen Ähnlichkeit mit Tony Blair unverkennbar ist.

Dieser Argwohn steht auch im Zentrum seines jüngsten Thrillers, "An Officer and a Spy", einer spannenden Nacherzählung der Dreyfus-Affäre, die jetzt, nur wenige Wochen nach der englischen Ausgabe, unter dem Titel "Intrige" auf Deutsch erschienen ist. Harris schildert den Skandal um den 1894 wegen Hochverrats verurteilten Alfred Dreyfus aus der Sicht von Oberst Marie-Georges Picquart, dem Leiter des militärischen Geheimdienstes, der gegen seine ursprüngliche Überzeugung die Unschuld des Hauptmanns bewiesen hat. Dem Gewissen folgend, statt die Loyalität zum Amt zu wahren, hat Picquart eine glanzvolle Karriere geopfert, um öffentlich für Dreyfus einzustehen. Picquart sei für den Romancier ein Geschenk des Himmels, erzählt Harris, weil über die Einzelheiten seines Lebens so gut wie nichts bekannt sei, obwohl die Zeitungen diesen reservierten, kultivierten Offizier damals als Helden gefeiert hätten.

In Hinblick auf die NSA-Enthüllungen, auf die Rolle der Presse und deren Regulierung sowie auf die heute höchst umstrittenen geheimen Gerichtsverfahren - Dreyfus wurde hinter verschlossenen Türen verurteilt -, die der Staat mit dem Verweis auf die Gefährdung der öffentlichen Sicherheit zu rechtfertigen sucht, drängen sich die in Harris' Romanen vorhandenen Parallelen zur Gegenwart besonders auf. Harris sieht in Picquart den ersten Whistleblower und in dem zweiten Verfahren gegen Dreyfus eine der ersten großen internationalen Zeitungsgeschichten mit einem Pressezentrum für dreihundert Journalisten, die jeden Tag nach London, New York, Berlin oder anderswo so viel Material überlieferten, dass besondere Telegrafisten eingesetzt werden mussten, um das Aufkommen zu bewältigen.

Als Harris mit seinen Recherchen zu seinem Buch begann, waren die Snowden-Enthüllungen noch achtzehn Monate entfernt. Obwohl er die Vergangenheit im Spiegel der eigenen Zeit darzustellen pflegt, sagt Harris, er habe die Geschichte erzählt, wie sie war, ohne sie mit einem wissentlichen Echo zu belegen. Die aktuellen Bezüge hätten sich natürlich aus dem Stoff ergeben und seien ihm erst nachträglich bewusst geworden. Aus natürlicher Sympathie mit dem Whistleblower, gesteht Harris, habe er eine Widmung an Bradley Manning und Edward Snowden flüchtig erwogen, die Idee dann aber als "billige Nummer" schnell verworfen. Harris hat mehr übrig für Mannings Enthüllungen über die Erschießung unschuldiger Zivilisten in Bagdad als für Snowden, den er als Unruhestifter bezeichnet. Als Journalist bewundere er alles, was die Geheimhaltung abbaue, aber er zweifelt, ob Snowden wirklich Neues aufgedeckt habe. "Spione machen sich gerne wichtiger, als sie sind."

Diese Skepsis gegenüber dem Geheimdienst hebt Harris auch bei seinem Helden Picquart hervor. Als dieser seinen ersten Geheimdienstbericht verfasst - es geht um eine vermeintliche Steigerung der Aktivitäten in der Garnison von Metz -, reflektiert er über die Bedeutung, die er dieser Meldung verleihe, indem er sie festhalte, obwohl er gar nicht wisse, ob sie stimme oder wichtig sei. Picquart sieht darin seine erste Lektion hinsichtlich der "kabbalistischen Macht sogenannter Geheimdienstinformationen". Sie könnten "sonst vernünftige Männer dazu bringen, ihren Verstand zu vergessen und wie Idioten herumzuhüpfen".

Beim Mittagessen in der Kneipe, wo die beflissene Wirtin den prominenten Gast stets als "Mr Harrison" anredet, offenbart Harris über einem kochendheißen Fischauflauf, je mehr er darüber nachdenke, umso mehr sei er frappiert über die Parallelen, insbesondere, was die Presseregulierung betrifft. Für die "Daily Mail" hat er unlängst mit dem Verweis auf den Dreyfus-Skandal ein flammendes Plädoyer gegen die Presseregulierungsvorstellungen der Regierung geschrieben. Im alkoholanimierten Stimmengewirr der Kneipe argumentiert Harris, dass das, was in Britannien anstehe, "fast einzigartig in der demokratischen Welt" sei. Wenn die Zeitungen im Paris der 1890er Jahre einem ähnlichen System unterstellt gewesen wären, fährt Harris fort, hätten sie angesichts der allgemeinen Unterstützung für die Armee und der Gewissheit, dass Dreyfus schuldig sei, Mühe gehabt, Major Esterházy als den eigentlichen Verfasser des "Bordereau" zu entblößen, jenes verfänglichen Begleitschreibens zu geheimen Dokumenten, die dem deutschen Militärattaché in Paris zugespielt wurden und die das paranoide Frankreich in Erregung versetzten.

Harris bekennt, vor "Intrige" mit Vorbehalten eine milde Form der Presseregulierung befürwortet zu haben. Das Buch aber hat nicht nur sein Misstrauen gegen den Amtsapparat und große Organisationen gestärkt, "die ungeniert lügen und sich damit rechtfertigen, dass sie dem übergeordneten Wohl dienen", sondern auch seine Einstellung zur Presseregulierung verändert. Gewiss, die Pressefreiheit sei "ziemlich hässlich". Man müsse sich die Nase zuhalten und viele sensationslüsterne und falsche Meldungen in Kauf nehmen, aber auch diese seien ein integraler Bestandteil einer freien Presse. Dabei bezieht sich Harris auf das "brillante" Wort von Isaiah Berlin, dass Freiheit Freiheit sei und nichts anderes. Typisch, fügt er hinzu, dass der Regulierungsdrang von der Linken komme. Als jemand, der sich selbst immer als Linker bekannt habe, bedauere er die linksliberale Neigung, die Leute herumzukommandieren.

Robert Harris stammt aus einem traditionellen Labour-Haushalt. Der Vater war ein Drucker, der mit vierzehn Jahren die Schule verlassen musste und sich selbst gebildet hat. Seine Passion für die Politik hat er dem Sohn vermittelt. Mit sechs Jahren schrieb dieser einen Aufsatz, der den Titel trug, "Warum ich und mein Papa Sir Alec Douglas-Home (den damaligen Premierminister) nicht mögen" - ein Vorläufer der Polemik "Der Ekel, den ich für die kaltherzige Art von New Labour empfinde", mit der Harris 2001 seine bittere Enttäuschung über Tony Blair formulierte, den er anfangs enthusiastisch gelobt hatte.

Aus dem schmucklosen Alltag des politischen Journalisten hat sich der 56 Jahre alte Harris dank seiner Romanerfolge längst zurückziehen können. Er hat erreicht, wovon jeder Reporter träumt. Seine flachen Vokale verraten noch immer die Herkunft aus den Midlands, und wenn er den Besucher stolz, aber ohne Dünkel durch die eleganten Räume seines Pfarrhauses führt, in das im neugotischen Stil eingerichtete, von Büchern gesäumte Arbeitszimmer, "wo der Pastor seine Predigten schrieb" und wo Harris jetzt an einem überfüllten Schreibtisch das Drehbuch für Roman Polanskis Verfilmung von "Intrige" erstellt, wirkt es, als müsse er sich kneifen, um sich zu vergewissern, dass er es so weit gebracht hat.

Dem Schreibtisch gegenüber hängt ein Porträt von Joseph Conrad, der mit Graham Greene und George Orwell zu den literarischen Helden von Harris zählt. Harris hat einen Horror vor magischem Realismus und der mit paarhufigen Wesen bevölkerten Fantasy-Literatur. Er betrachtet die Vergangenheit als "eine Art von Fantasy-Welt, die den Vorzug hat, reell zu sein". Auf die Frage, weshalb er einen Thriller über die Dreyfus-Affäre geschrieben habe, wo der Stoff doch in sich schon der reinste Roman sei, antwortet Harris, dass der Kunstgriff ihm die Freiheit gebe, einen besonderen Blickwinkel zu wählen und, anders als der um kritische Distanz bemühte Historiker, ganz in die Zeit einzutauchen, die kleinsten Einzelheiten aufzustöbern. Das liebt er besonders.

Seitdem Harris mit "Vaterland" wie Alice im Wunderland durch den Spiegel gegangen ist und die andere Seite erforscht, hat der politische Journalismus für ihn seinen Reiz verloren. Seine Augen glänzen beim Gedanken an den Stoff, den die "unerschöpfliche Quelle der Geschichte" hergibt. An einer Stelle von "Intrige" macht Harris sich sogar den Spaß, Picquart beobachten zu lassen, dass in reißerischen Fortsetzungsromanen "manchmal mehr Wahrheit steckt als im Sozialrealismus aller Romane von Monsieur Zola zusammen".

GINA THOMAS

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