Fauré. Seine Musik - Sein Leben - Nectoux, Jean-Michel
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- Das Standardwerk zu Gabriel Fauré erstmals in deutscher Sprache - anschauliche und facettenreiche Darstellung von Leben und Werk - aktueller Stand der Fauré-Forschung - mit vollständigem Werkverzeichnis

Produktbeschreibung
- Das Standardwerk zu Gabriel Fauré erstmals in deutscher Sprache
- anschauliche und facettenreiche Darstellung von Leben und Werk
- aktueller Stand der Fauré-Forschung
- mit vollständigem Werkverzeichnis
  • Produktdetails
  • Verlag: Bärenreiter
  • Artikelnr. des Verlages: BVK1877
  • 1. Aufl.
  • Seitenzahl: 656
  • Erscheinungstermin: 24. September 2013
  • Deutsch
  • Abmessung: 235mm x 161mm x 47mm
  • Gewicht: 1082g
  • ISBN-13: 9783761818770
  • ISBN-10: 3761818777
  • Artikelnr.: 34628405
Rezensionen

Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 14.01.2014

Sein Erfolg in noblen Salons war dem Nachruhm nicht sehr förderlich
Ein Großer der französischen Musik, der immer noch zu entdecken ist: Jean-Michel Netcoux' einnehmende Biographie des Komponisten Gabriel Fauré

An die Klangspuren jäher Erinnerung, die Marcel Proust vom Bimmeln der Bahnschranken zu den Kirchglocken von Combray in seiner "Suche nach der verlorenen Zeit" gelegt hat, gemahnt uns heutige Leser - in seltsamer Verkehrung von Literatur und Wirklichkeit - ein Brief, den der Komponist Gabriel Fauré 1906 an seine Frau Marie schrieb. Er habe, gesteht er, in seinem zweiten Klavierquartett "fast unfreiwillig die weit zurückliegende Erinnerung des abendlichen Geläuts in Montgauzy vertont, das uns von einem Dorf namens Cadirac erreichte, wenn der Westwind wehte". Und weiter: "Über diesem Dröhnen steigt eine vage Träumerei auf, die sich - wie alle vagen Träumereien - einer wörtlichen Übersetzung entzieht. Aber ist es nicht oft so, dass uns eine äußere Begebenheit in unserer Denkweise lähmt? Sind unsere Gedanken dann nicht zu ungenau für wirkliches Denken? Und finden wir dann nicht trotzdem Gefallen an ihnen? Vielleicht ist das der Wunsch nach Dingen, die es nicht gibt, und genau hier liegt der Wirkungsbereich der Musik."

Proust kann diesen Brief, der wie eine Passage aus seinem eigenen Roman wirkt, nicht gekannt haben. Erst 1951, neunundzwanzig Jahre nach Prousts Tod, hat Philippe Fauré-Fremiet, der Sohn des Komponisten, ihn publiziert. Aber Proust kannte Fauré und scheute keinen Aufwand, ihm nahe zu sein. Am 26. April 1899 war es ihm gelungen, den Musiker zusammen mit Anatole France und Robert de Montesquiou - die später im Roman Bergotte und Charlus Züge leihen sollten - als Gast zu begrüßen. Züge Faurés, vermischt mit jenen von Camille Saint-Saëns und César Franck, sollen eingegangen sein in die Figur des Monsieur Vinteuil, dessen Sonate für Violine und Klavier den Roman als Refrain durchzieht.

Fauré ist eine Größe der französischen Musik, und kein Komponist ist mit der Literatur seiner Zeit - mit Iwan Turgenjew, Paul Verlaine, Maurice Maeterlinck und Marcel Proust - in so persönlichem Kontakt gewesen wie er. Doch stand Fauré, der jede Form von Strebertum hasste, lange im Schatten seines Lehrers Saint-Saëns, seines Zeitgenossen Claude Debussy und seines brillanten Schülers Maurice Ravel. Aber Wertschätzungen ändern sich. Und gerade in den letzten Jahren ist das Interesse junger Interpreten an Fauré so spürbar gestiegen, dass dieser Name auch außerhalb Frankreichs eine klingende Physiognomie bekommen hat. Der französische Forscher Jean-Michel Nectoux arbeitet seit über vierzig Jahren zu Fauré, hat Einzelstudien zu dessen Musik verfasst, Briefe herausgegeben und Manuskripte gesichert, was ihm nun bei der Betreuung der neuen Fauré-Gesamtausgabe im Bärenreiter Verlag zugutekommt. Dort erschien jetzt auch seine Fauré-Monographie von 1990 erstmals in deutscher Übersetzung. Sie ist - mit Zeittafel, Stammbaum und chronologischem Werkverzeichnis - gut hundert Seiten dicker als das neue Wagner-Handbuch, aber keine Kollektivarbeit, sondern eine Einzelleistung, ein Lebenswerk, das groß genannt werden darf.

Als Fauré 1845 geboren wurde, lebten Schumann, Chopin und Eichendorff noch. Als er 1924 begraben wurde, filmten Nachrichtenkameras das Staatsereignis fürs Kino. Nectoux erzählt dieses Leben mit teilnahmsvoller Sachlichkeit: Dass Fauré zuweilen drei Frauen gleichzeitig hatte, berichtet er, ohne viel Aufhebens davon zu machen. Fauré war das musikalische Zentrum jener Zirkel, die Proust in seiner "Recherche" beschreibt. Die berühmte Pavane op. 50 ist der Gräfin Élisabeth Greffulhe gewidmet, der Text stammt von Robert de Montesquiou, Faurés literarischem Berater. Winaretta Singer, spätere Comtesse de Polignac, war die andere große Förderin Faurés. Er selbst hatte es - als bescheidener Lehrersohn und schlecht bezahlter Kirchenmusiker - keineswegs darauf angelegt, zum Liebling aristokratischer Salons im Faubourg Saint-Germain zu werden, wurde es aber gerade wegen seiner noblen Ehrgeizlosigkeit. Der grelle Selbstvermarkter Debussy neidete - als charakterlich mieser Giftzwerg - Fauré diesen Status und begeiferte ihn als musikalischen Snob.

Ein Snob war Fauré gewiss nicht, nur ein stiller Mann von ausgesuchter Höflichkeit, der die Haltlosigkeit des modernen, von Gott nur noch schwach getrösteten Menschen genau beobachtet hatte und ihr mit Milde begegnete; einer, der den Tod mit illusionsloser Sanftmut ansah und der aus größter Hoffnungslosigkeit noch Güte zu ziehen wusste. Das offizielle Frankreich würdigte Fauré erst 1905, als er - sechzigjährig - die Direktion des Pariser Konservatoriums übernehmen durfte. Bis dahin hatte ihn nur der Adel, auch der Englands und Belgiens, geschätzt. Aber in Russland war sein Name groß. Tschaikowsky mochte ihn; Glasunow bereitete ihm in Sankt Petersburg einen rauschenden Empfang.

Derlei Erzählungen liest man mit Gewinn; Nectoux' Bemerkungen zu vielen Einzelwerken fallen als analytisch oft unscharfe Konversationsprosa dagegen etwas ab. Hilfreicher sind die Kapitel zu Grundsätzlichem in Faurés Musik: der Mischung aus Tonalität und Modalität, der Linie als Rückgrat der Form, der Harmonik mit mehreren tonalen Zentren. Auch die Betrachtungen zum Umgang mit Sprache in den Liedern sind erhellend, weil sie zeigen, dass der Komponist die Texte einem innermusikalischen Sinn der Phrase unterwarf. Dass Nectoux Fauré immer noch entschuldigend an der vermeintlich radikaleren "Moderne" von Schönberg, Strawinsky und Debussy misst, ist die späte Konzession an eine geistige Diktatur der Geschichtsschreibung, der sich jüngere Generationen nicht mehr unterwerfen. Nectoux' tief sympathische Lebensleistung schmälert sie nicht.

JAN BRACHMANN

Jean-Michel Nectoux: "Fauré". Seine Musik. Sein Leben. Die Stimmen des Clair-obscur.

Aus dem Französischen von Robert Kautschitz. Bärenreiter Verlag, Kassel 2013. 644 S., geb., 49,95 [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension

Mit großer Sympathie bespricht Jan Brachmann diese Biografie über den Debussy-Zeitgenossen Gabriel Fauré, der laut Brachmann von jüngeren Musikern immer intensiver wiederentdeckt und neu geschätzt wird. Er schildert Fauré in seiner Kritik fast als eine Art Romanfigur aus Prousts "Recherche", was schon deshalb funktioniert, weil er in den gleichen Kreisen verkehrte wie Proust und seine Werke - neben denen Saint-Saëns' und Francks - zu Vorbildern der berühmten Vinteuil-Sonate bei Proust zählen. Nectoux' Arbeit würdigt Brachmann als ein Lebenswerk, das Fauré endlichen vom schlechten Bild befreit, das der "charakterlich miese Giftzwerg" Debussy von ihm gezeichnet hatte, und er lobt sowohl den sachlich sympathisierenden Erzählstil Nectoux' als auch seine Ausführungen zu Faurés musikalischem Stil. Nur die Beschreibungen der Einzelwerke können ihn in ihrer "unscharfen Konversationsprosa" nicht immer überzeugen, was seine nachdrückliche Leseempfehlung aber kaum einschränkt.

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