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Im Kalten Krieg existierten in Westeuropa zahlreiche Untergrundorganisationen, die im Fall eines sowjetischen Überfalls hinter der Front als Partisanen Sabotageaktionen ausführen sollten. Dazu wurden Kämpfer geschult und geheime Erddepots mit Waffen, Sprengstoff und Funkgeräten angelegt. In der Bundesrepublik unterstand diese Stay-Behind-Truppe dem Auslandsnachrichtendienst BND, der eigentlich im Inland gar nicht aktiv werden sollte. Das alles geschah hinter dem Rücken der dafür zuständigen parlamentarischen Kontrollgremien, denn auch ein möglicher Putsch gegen gewählte Politiker wurde…mehr

Produktbeschreibung
Im Kalten Krieg existierten in Westeuropa zahlreiche Untergrundorganisationen, die im Fall eines sowjetischen Überfalls hinter der Front als Partisanen Sabotageaktionen ausführen sollten. Dazu wurden Kämpfer geschult und geheime Erddepots mit Waffen, Sprengstoff und Funkgeräten angelegt. In der Bundesrepublik unterstand diese Stay-Behind-Truppe dem Auslandsnachrichtendienst BND, der eigentlich im Inland gar nicht aktiv werden sollte. Das alles geschah hinter dem Rücken der dafür zuständigen parlamentarischen Kontrollgremien, denn auch ein möglicher Putsch gegen gewählte Politiker wurde erwogen. Erst Anfang der 1990er Jahre flogen die illegalen Netzwerke auf. Es dauerte mehr als 20 Jahre, bis der BND Akten über seine Geheimarmee freigab und Interviews mit ehemaligen SBO-Mitarbeitern zuließ.
Anhand dieser Materialien und umfangreicher CIA-Akten geben die Autoren nun einen genauen Einblick in die Aktivitäten, Personalstrukturen und Operationsszenarien der dubiosen Geheimorganisationen und fragen nach dem Funktionieren demokratischer Kontrollmechanismen.
  • Produktdetails
  • Verlag: Ch. Links Verlag
  • Artikelnr. des Verlages: 889
  • 2. Aufl.
  • Seitenzahl: 360
  • Erscheinungstermin: 6. Juli 2016
  • Deutsch
  • Abmessung: 211mm x 137mm x 30mm
  • Gewicht: 480g
  • ISBN-13: 9783861538899
  • ISBN-10: 386153889X
  • Artikelnr.: 44529398
Autorenporträt
Jahrgang 1953; Studium der Pädagogik und Neueren Geschichte an der Universität der Bundeswehr in Hamburg; seit 1985 wissenschaftlicher Mitarbeiter am Forschungsinstitut für Friedenspolitik e.V. in Weilheim; seit 1990 Leiter des Instituts. Zahlreiche Veröffentlichungen zu nachrichtendienstlichen Themen, u.a. »BND: Der deutsche Geheimdienst im Nahen Osten. Geheime Hintergründe und Fakten« (2006), »Im Schatten des Dritten Reiches. Der BND und sein Agent Richard Christmann« (Ch. Links, 2011).
Rezensionen

Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 10.05.2016

Verdeckte Verdreckte
Überrollagenten in Westdeutschland vom Kriegsende bis zur Wiedervereinigung

Der Kalte Krieg war gekennzeichnet durch die Abwesenheit direkter militärischer Auseinandersetzungen zwischen den Supermächten. Bis heute wissen wir lediglich von einer einzigen Konfrontation: Während des Korea-Kriegs duellierten sich Piloten der amerikanischen Luftwaffe kurzzeitig mit sowjetischen Flugzeugführern, die allerdings unter nordkoreanischer Flagge kämpften. Obwohl dem Weißen Haus diese Tatsache bekannt war, entschied Präsident Harry S Truman (1945-1953), Stillschweigen zu bewahren; zu hoch erschienen zeitgenössisch die Eskalationspotentiale. Dieser "lange Friede" (John Lewis Gaddis) auf der höchsten Stufe der Konfrontation wurde durch rastlose - zuweilen manisch anmutende - Aktivitäten auf allen anderen Ebenen dieses weltpolitischen Ringens flankiert und zu einem gewissen Grad auch kompensiert. Nicht nur das endlose und ruinöse Wettrüsten kann so zu großen Teilen erklärt werden, sondern eben auch die unablässigen Anstrengungen der Geheimdienste auf beiden Seiten des "Eisernen Vorhangs".

Viele Aspekte dieses Schattenkriegs sind bis heute noch nicht quellennah erforscht. Gleichzeitig eignet sich kaum ein anderer historischer Gegenstand derart für Übertreibungen, Mutmaßungen und Spekulationen sowie Verschwörungstheorien. Die beiden erfahrenen Autoren der Studie wissen um diese Gefahren und gehen daher umsichtig vor, obwohl sie wiederholt vom "Skandal um die Stay-Behind-Schattenarmeen" sprechen.

Im Kern handelt es sich um eine Geschichte der Überrollagenten auf westdeutschem Territorium seit Ende der 1940er Jahre bis zur Wiedervereinigung. Die Autoren zeichnen die Genese dieses taktischen Ansatzes nach, der seinen Ursprung in der Sowjetunion in den 1920er Jahren hatte. Dort kam man auf die Idee, im Falle eines erfolgreichen Angriffs sogenannte Schläferagenten im vom Feind besetzten Territorium zurückzulassen, um hinter der Front über ein Potential zu verfügen, das vielfach einsetzbar war: sei es als Aufklärer über gegnerische Aktivitäten oder als Kämpfer für die irreguläre Kriegführung.

Dieses Konzept ging während des Zweiten Weltkriegs voll auf. Im Rücken der Ostfront kämpften später Hunderttausende Partisanen, die nicht nur den deutschen Nachschub bedrohten, sondern auch große Kräfte der Wehrmacht in der Etappe banden. Dass diese Spielart der Kriegs von beiden Seiten mit größter Brutalität und ohne jegliche Rücksichtnahme gegenüber der Zivilbevölkerung geführt worden ist, ist eine weitere Tatsache des Zweiten Weltkriegs.

Der Ursprung der amerikanischen Planungen zu Überrollagenten in Westdeutschland lag im Jahr der Berlin-Blockade 1948. Die strategische Lage in Europa war aus Sicht der amerikanischen Geheimdienste verzweifelt. Während Josef Stalin nach Kriegsende 1945 die Rote Armee nicht demobilisiert hatte, sondern im Gegenteil für den nächsten Krieg vorbereitete, hatten die Vereinigten Staaten von Amerika und ihre westlichen Verbündeten weithin abgerüstet. In Westdeutschland standen drei Jahre nach Kriegsende kaum mehr einsatzbereite Kampftruppen. Es nimmt nicht wunder, dass in dieser äußerst angespannten Situation die Geheimdienstler auf Schläferagenten setzten. Denn in den Stäben war man gewiss, dass nach einem sowjetischen Angriff weite Teile Westdeutschlands - vielleicht sogar die Benelux-Staaten und Frankreich - von einem äußerst brutalen Gegner besetzt sein würden. Die Überrollagenten sollten dann gleichsam den Nukleus bilden für den Widerstand gegen die Besatzer sowie für die langwierige und verlustreiche Wiedereroberung der umkämpften Territorien.

Dass diese Agenten aus hartem Holz geschnitzt sein mussten, stand bereits den Zeitgenossen klar vor Augen. Die amerikanischen Geheimdienste verfielen darauf - wie in vielen anderen Fällen auch -, einschlägiges deutsches Personal zu rekrutieren: in erster Linie Männer der SS sowie der Waffen-SS. Die größte Tarnorganisation hieß Bund Deutscher Jugend (BDJ) und besaß bis zu ihrem unrühmlichen Ende im Herbst 1952 nahezu 6 000 Mitglieder. Von besonderem Interesse war der Technische Dienst (TD), da in ihm die paramilitärischen Aktivitäten des Bundes konzentriert waren. Es gab eine Art Generalstab sowie eine Partisanenschule, an der in zehn Lehrgängen etwa 130 Überrollagenten ausgebildet worden waren. Diese Kreation der Vereinigten Staaten flog auf, als ein deutsches Mitglied des Bundes sich gegenüber der Frankfurter Kriminalpolizei offenbarte.

Die deutsche Öffentlichkeit reagierte empört. Selbst im Deutschen Bundestag wurde im Oktober 1952 über den Bund Deutscher Jugend debattiert. Die Studie zeichnet diese Schritte recht kleinteilig nach und unterstreicht an vielen Stellen, dass die junge Bundesrepublik eben kein souveräner Staat gewesen sei, der auf seinem Territorium unumschränkt habe herrschen können. Überhaupt ist es eine verdeckte Stärke der Untersuchung, diese Perforation deutscher Souveränität klar zu benennen und durch viele Einzelbeispiele zu belegen.

Nach dem spektakulären Scheitern auch anderer CIA-Pläne zu Stay-Behind-Organisationen setzte der amerikanische Geheimdienst auf die Organisation Gehlen - dem späteren Bundesnachrichtendienst (BND). Im Jahr 1956 übernahm der deutsche Auslandsgeheimdienst die Agenten von vier Vorläufer-Netzwerken, die auf dem Territorium der Bundesrepublik aktiv gewesen waren: der Vereinigten Staaten, Frankreichs, Dänemarks und der Niederlande. Offensichtlich waren diese Nato-Partner während der vergangenen sieben Jahre zu ähnlichen Lageeinschätzungen gekommen wie die Vereinigten Staaten von Amerika.

Unter deutscher Oberhoheit wurden die unterschiedlichen Programme zusammengeführt und im Rahmen der Arbeitsteilung innerhalb der Nato mit den unterschiedlichen Anforderungen innerhalb des westlichen Verteidigungsbündnisses synchronisiert. Die Zahl der Agenten sowie die Umfänge der Programme in der Bundesrepublik unterschieden sich nicht signifikant von ähnlichen Entwicklungen in vergleichbaren Nato-Staaten. Ganz generell überrascht der geringe Umfang der BND-Aktivitäten: Im Jahr 1979 verfügte die spezialisierte Truppe zu Kampf hinter den Linien im Verteidigungsfall lediglich über 387 Mann - hauptsächlich rekrutiert aus Reservisten der Bundeswehr. Mit dem Ende des Kalten Krieges entfiel die Daseinsberechtigung der Stay-Behind-Organisation; sie wurde in aller Stille abgewickelt.

Über die Jahrzehnte unterstreichen die Autoren die schweren Gefahren, die von dieser "Schattenarmee im Innern" für die Demokratie in der Bundesrepublik Deutschland ausgegangen seien. Und in der Tat kann sich ein beweglicher Geist viele denkbare Szenarien vorstellen, in denen dieses durchaus vorhandene Gewaltpotential hätte eingesetzt werden können. Doch dazu ist es nie gekommen. Folgerichtig erklären die Autoren in der Schlussbetrachtung: "Von der deutschen Stay-Behind-Truppe ging somit keine Gefahr für den Staat aus." Ein schöner Befund, der geeignet ist, viele Verschwörungstheorien in das ihnen angestammte Reich der Hirngespinste zu verbannen.

HARALD BIERMANN

Erich Schmidt-Eenboom/Ulrich Stoll: Die Partisanen der NATO. Stay-Behind-Organisationen in Deutschland 1946-1991. Ch. Links Verlag, Berlin 2015. 304 S., 22,- [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension

Harald Biermann liest mit Spannung die von Erich Schmidt-Eenboom und Ulrich Stoll verfasste Studie über den Schattenkrieg der Überrollagenten auf westdeutschem Boden seit Ende der 40er Jahre. Dass Vorsicht geboten ist, um nicht ins Spekulieren zu verfallen, wissen die Autoren laut Biermann zum Glück und gehen umsichtig vor, wenn sie die Entwicklung der Taktik der Schläferagenten verfolgen. Biermann erfährt, dass die meisten dieser in Partisanenschulen ausgebildeten Agenten aus der SS stammten, wie der Bundestag mit den harten Fakten umging und dass die BRD unter diesen Umständen alles andere als ein souveräner Staat war. Die mit der Schattenarmee verbundenen Gefahren für die Demokratie benennen die Autoren zwar klar und lebendig, meint der Rezensent, allerdings geben sie Verschwörungstheorien glücklicherweise eher keine Nahrung.

© Perlentaucher Medien GmbH
"Ein spannendes Buch über ein skandalöses Kapitel des Kalten Krieges. (...) Das Buch enthält erhellende Interviews mit ehemaligen Mitarbeitern und Politikern. Noch immer sind nicht alle Akten freigegeben, die ganze Geschichte wartet noch auf ihre Aufklärung. "Die Partisanen der Nato" soll einen wertvollen Beitrag dazu leisten." (NDR Kulturjournal)

"Dieses Buch ist der erste, sehr lobenswerte Versuch, anhand von Akten des US-Nationalarchivs und des BND den Fall aufzuarbeiten." (Frank-Rainer Schurich, Neues Deutschland)

"Die Autoren beschränken sich nicht auf eine historische Darstellung, sie stellen das Wirken der Schattenarmeen in einen politischen Kontext, konstatieren die Ohnmacht deutscher Regierungsvertreter und Behörden gegenüber dem Verbündeten USA und verweisen auf Parallelen zu heutigen Geheimdienstaffären." Otto Langels, Deutschlandfunk ("Andruck")