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Den geheimnisvollen Gabalawi, den Stammesvater des Viertels, hat seit undenklichen Zeiten niemand mehr gesehen. Doch seine Propheten Adam, Moses, Jesus und Mohammed tauchen einer nach dem anderen auf und versuchen, der Gewalt in den Gassen ein Ende zu setzen. In den Liedern und den Geschichten, die zur Opiumpfeife in den Kaffeehäusern erzählt werden, überleben ihre Taten. Bis heute konnte dieser Roman in Ägypten nicht erscheinen. Seinetwegen wurde gegen Nagib Machfus von Fundamentalisten ein Todesurteil ausgesprochen und ein lebensgefährliches Attentat ausgeübt.…mehr

Produktbeschreibung
Den geheimnisvollen Gabalawi, den Stammesvater des Viertels, hat seit undenklichen Zeiten niemand mehr gesehen. Doch seine Propheten Adam, Moses, Jesus und Mohammed tauchen einer nach dem anderen auf und versuchen, der Gewalt in den Gassen ein Ende zu setzen. In den Liedern und den Geschichten, die zur Opiumpfeife in den Kaffeehäusern erzählt werden, überleben ihre Taten.
Bis heute konnte dieser Roman in Ägypten nicht erscheinen. Seinetwegen wurde gegen Nagib Machfus von Fundamentalisten ein Todesurteil ausgesprochen und ein lebensgefährliches Attentat ausgeübt.
Autorenporträt
Nagib Machfus, geboren 1911 in Kairo, gehört zu den bedeutendsten Autoren der Gegenwart und gilt als der eigentliche »Vater des ägyptischen Romans«. Sein Lebenswerk umfasst mehr als vierzig Romane, Kurzgeschichten und Novellen. 1988 erhielt er als bisher einziger arabischer Autor den Nobelpreis für Literatur. Nagib Machfus starb 2006 im Alter von 94 Jahren in Kairo. Dokumente und Stimmen zum Tod von Nagib Machfus finden Sie hier.
Rezensionen
»Ein Buch wie ein Vulkan.« Rhein-Zeitung

Süddeutsche Zeitung - Rezension
Süddeutsche Zeitung | Besprechung von 08.02.2006

Der innere Kulturkampf
Wie sich Nagib Machfus freiwillig der Zensur unterwirft
Endlich wird der Roman „Die Kinder unseres Viertels” von Nagib Machfus nun auch in seinem Heimatland Ägypten mit offizieller Genehmigung erscheinen, nachdem er dort in seiner arabischen Urfassung 47 Jahre lang verboten war. Im Jahre 1959 war der Roman zunächst als Fortsetzungsgeschichte in der regierungsamtlichen Zeitung al-Ahram veröffentlicht worden, bevor die religiösen Autoritäten der Al-Azhar-Universität den säkularen ägyptischen Präsidenten Jamal Abdel Nasser zwangen, dieses „ketzerische” Werk auf den Index zu setzen. Auf den ersten Blick scheint die Nachricht, die die arabische Presse vor einigen Tagen verbreitete, erfreulich. Doch rasch entpuppt sie sich als größte Enttäuschung in der Geschichte der arabischen Literatur. Denn bei der Neuauflage, die fortan als einzige rechtmäßige Ausgabe gilt, handelt es sich um eine bereinigte‚ überarbeitete, man könnte auch sagen: zurechtgestutzte Fassung, die mit dem Segen eben der Einrichtung erscheint, die sie einst verbieten ließ: der al-Azhar! Und ein Islamist hat das Vorwort geschrieben. Nicht etwa, weil dies die al-Azhar verlangt hätte, nein, sondern weil der Altmeister des arabischen Romans und Nobelpreisträger Nagib Machfus darauf bestand, die Zustimmung der al-Azhar vor der Veröffentlichung dieser offiziellen Version einzuholen, und dass ein Muslimbruder das Vorwort verfasse. Ein Skandal: Nicht nur erbittet ein Schriftsteller hier selbst die Zensur seines Werkes, sondern er ruft auch noch die Muslimbrüder zu Hilfe, die in etlichen arabischen Ländern als Vertreter des ideologisch-politisierten Islams par excellence agieren!
Was hat ihn nun auf einmal veranlasst, vorab die Zustimmung der al-Azhar einzuholen? Dabei ist der Roman doch über all die Jahre hinweg in Beirut vollkommen legal in Dutzenden Auflagen erschienen, von Raubkopien ganz zu schweigen. Höchst interessanterweise zeigt sich, dass das Bestreben Machfus’, die offizielle Absegnung durch die al-Azhar einzuholen, nicht neu ist. Im Gegenteil, er hegt diesen Wunsch schon seit dem gescheiterten Attentat, bei dem ihn ein islamistischer Fanatiker niedergestochen hatte. Nach seiner Genesung war er schon damals in seinem Haus mit einem der wichtigsten Schriftsteller der islamistischen Szene Ägyptens, Ahmad Kamal Abu al-Majd, zusammengekommen. Bei diesem Anlass hatte Machfus Abu al-Majd ausdrücklich gebeten, sich bei der al-Azhar um eine Amnestie für seinen Roman einzusetzen und das Vorwort beizusteuern.
Im Beichtstuhl
Wer das Vorwort liest, stellt schnell fest, dass es sich nicht um eine Würdigung des Romans durch Kamal Abu al-Majd handelt, sondern um ein Protokoll jenes Besuchs bei Machfus. Was Machfus dabei gesagt haben soll, ähnelt einem Bekenntnis zum islamischen Glauben und einem Aufruf zur Bekehrung. Er stellt den Islam als Voraussetzung für den Aufbau der arabischen Zivilisation dar. Trotz all dieser äußerst diplomatischen Bemühungen seinerseits bleiben Machfus’ Aussagen unscharf, sie überzeugen weder in seiner Auslegung des Islam, die sich nur wenig von der der Muslimbrüder und der Wahhabiten unterscheidet, noch in seiner Deutung des Romans „Die Kinder unseres Viertels” als „Bekehrungsliteratur”, die zum Glauben an den Islam aufruft und damit deutlich der Auffassung seiner Leser widerspricht. Er erwidert damit all „jenen, die die literarische Symbolik missdeutet haben”, indem sie in der Vaterfigur des Jabalawi Gott zu erkennen vermeinten, und in der Gestalt des Arafa als Symbol für die Wissenschaft eine Alternative zu Gott. Seit Erscheinen des Romans galt vielen der letztliche Sieg des Arafa als Bild für den Tod Gottes im Zeitalter der Maschinen.
Das von Machfus gewünschte Vorwort entspräche bei einem Katholiken der Beichte. Hier kniet nun der greise Machfus im Beichtstuhl des Priesters Abu al-Majd. Mit dem Unterschied, dass ein katholischer Priester zum Beichtgeheimnis verpflichtet ist, wohingegen den Muslimbrüdern die Beichte des reuigen Sünders Machfus so bedeutend erscheint, dass sie unbedingt veröffentlicht werden muss. Das Bekenntnis des Abtrünnigen muss der Öffentlichkeit mitgeteilt werden, auf dass das Volk den wahren Wert, die Größe des Islam und die Macht des religiösen Establishments der al-Azhar und der Muslimbrüder erkenne.
Die Hoheit der Zensur
Die Religion und die Muslimbrüder sind die oberste Instanz: Dies ist die Botschaft der al-Azhar, die Machfus aus freien Stücken aufgreift. Machfus nimmt lang und breit die muslimische Bevölkerung Ägyptens in Schutz. Sicherlich bedeutet der Islam für ihn Toleranz, Vergebung und andere hehre Werte, er vergisst oder verleugnet jedoch dabei völlig das pharaonische Erbe Ägyptens, die fünftausendjährige Geschichte und Kultur des Landes, die sich bis heute in bestimmten gesellschaftlichen Phänomenen erkennen lässt. Machfus scheint ebenso vergessen zu haben, dass es in seinen ersten drei Romanen, „Rhodopes”, „Das frivole Spiel des Schicksals” und „Der Kampf um Theben”, nicht etwa um den Islam geht, sondern um die Pharaonenzeit. Sie beschwören die Größe des pharaonischen Ägyptens herauf. Heute hat Nagib Machfus nicht nur seine literarischen Anfänge vergessen, sondern er unterwirft sich auch gänzlich der Hoheit der Zensur. Er nimmt in seinem Bekenntnis sogar die in Schutz, die seinen Roman verbieten ließen, weil sie „ihn fehlinterpretiert hatten” und erteilt damit dem religiösen Establishment eine Absolution, die ganz ‚legale‘ Befugnis, Bücher zu zensieren, was vom rechtlichen Standpunkt nicht der Fall ist. Dies schafft einen Präzedenzfall, welcher der moralischen Verantwortung eines Nobelpreisträgers schlecht zu Gesicht stehen will. Kein Wunder, dass sich die Intellektuellen der arabischen Welt von Nagib Machfus verraten fühlen. Da werden sie vom Atlantik bis zum Golf von islamistischem Terror und arabischen Diktaturen zermalmt, und dann fällt ihnen auch noch der Vorzeige-Dichter in den Rücken!
Bei den letzten ägyptischen Parlamentswahlen haben die Muslimbrüder ein Viertel der Stimmen auf sich vereinen können. Wären die Wahlen wirklich frei, dann hätte die Bewegung gar die absolute Mehrheit erringen können. Machfus weiß das genau. Andernfalls ließe sich sein Verhalten nur schwer erklären. Seine veröffentlichte Haltung entspricht der der Mehrheit der Ägypter. Nagib Machfus hat sein Fähnchen ganz in den Wind der Gläubigen gehängt, die sich derzeit auf dem Vormarsch befinden. Doch weil Machfus ein Traditionalist ist, verabschiedet er sich auch auf traditionelle Weise. Er erinnert mich an jene einfachen, gutmütigen Einwohner der arabischen Länder, die ihr ganzes Leben lang einem ‚ungläubigen‘ Lebenswandel nachgehen: Sie trinken Alkohol, frönen dem Glücksspiel und haben Umgang mit Frauen. Wenn sie jedoch ihr Ende nahen fühlen, bekehren sie sich. So sitzt der greise Machfus mit seinen 95 Jahren freiwillig auf dem Sünderbänkchen. NAJEM WALI
Der Autor ist Irakischer Schriftsteller. Er lebt in München. Zuletzt erschien von ihm „Die Reise nach Tell al-Lahm” (Hanser Verlag 2004).
Aus dem Arabischen von Nicola Ben Said.
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