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Die Yakuza - die japanische Mafia - ist fest im sozialen Gefüge des Landes verankert. Ihre kriminellen Aktivitäten umfassen Glücksspiel, Drogenhandel, Prostitution, Schutzgelderpressung u.v.m. Die Autoren haben Interviews sowohl mit hochrangigen Yakuza-Bossen verschiedener Syndikate geführt, als auch einfache Mitglieder, Opfer, Gegner sowie Vertreter der Justiz getroffen und befragt. Überdies haben sie einschlägiges japanischsprachiges Quellenmaterial eingehend analysiert und verwertet. So entstand eine spannende wissenschaftsjournalistische Reportage.…mehr

Produktbeschreibung
Die Yakuza - die japanische Mafia - ist fest im sozialen Gefüge des Landes verankert. Ihre kriminellen Aktivitäten umfassen Glücksspiel, Drogenhandel, Prostitution, Schutzgelderpressung u.v.m. Die Autoren haben Interviews sowohl mit hochrangigen Yakuza-Bossen verschiedener Syndikate geführt, als auch einfache Mitglieder, Opfer, Gegner sowie Vertreter der Justiz getroffen und befragt. Überdies haben sie einschlägiges japanischsprachiges Quellenmaterial eingehend analysiert und verwertet. So entstand eine spannende wissenschaftsjournalistische Reportage.
  • Produktdetails
  • Verlag: Reimer
  • Artikelnr. des Verlages: 101570
  • Seitenzahl: 312
  • Erscheinungstermin: 3. Mai 2017
  • Deutsch
  • Abmessung: 205mm x 147mm x 22mm
  • Gewicht: 566g
  • ISBN-13: 9783496015703
  • ISBN-10: 3496015705
  • Artikelnr.: 47204789
Autorenporträt
Wolfgang Herbert ist Japanologe und beschäftigt sich seit rund 30 Jahren mit den Yakuza. Dirk Dabrunz ist freier Journalist und befasst sich mit organisierter Kriminalität aus historischer und ökonomischer Perspektive.
Rezensionen
Besprechung von 18.08.2017
Kriminelle Geschäfte auf Lizenzbasis

Archaisch der Habitus, modern der Unternehmensstil: Ein Band gibt Einblicke in das Treiben der Yakuza, die sich als Ritter von Japans Unterwelt verstehen.

Intime Ganovenromantik hat auch in Ostasien eine lange Geschichte. Bereits der chinesische Philosoph Zhuangzi hielt der konfuzianischen Tugendlehre seiner Zeit (dem 4. Jahrhundert vor Christus) einen ironischen Spiegel vor, indem er schrieb, dass auch Räuber diese Tugenden besäßen: Vollkommenheit beim Ausspähen der Beute, Weisheit in der Planung des Raubzuges, Mut und Gerechtigkeit beim Einbruch selbst und Mitmenschlichkeit in der Verteilung der Beute.

Was der Philosoph noch mit einem Augenzwinkern schrieb, verfestigte sich bald in der Literatur Ostasiens zum Topos des ehrenwerten Gauners. Die Yakuza, Mitglieder des traditionellen organisierten Verbrechens in Japan, verstehen sich auch heute noch ganz unironisch in dieser Tradition als ehrbare Kustoden der japanischen Unterwelt, die auf "ritterliche" Art das Verbrechen in verruchten Vierteln wie Tokios Kabukicho kontrollieren und so nach eigenem Verständnis eine wichtige soziale Funktion in der japanischen Gesellschaft erfüllen. Der vorliegende Band zeichnet ein liebevolles, wenn auch entlarvendes Porträt dieser Halbwelt in einem historischen Moment, da sie zwar nicht im Verschwinden begriffen ist, sich aber aufgrund von Repression und inneren Krisenerscheinungen immer mehr den neugierigen Blicken der Öffentlichkeit entzieht. Der Wert, zugleich aber auch eine gewisse Problematik dieser Dokumentation liegt in dem bemerkenswert offenherzigen Zugang, der den Autoren als "Zivilisten" - so die Bezeichnung für Nicht-Yakuza - in diese Welt gewährt wurde.

Populäre Vorstellungen assoziieren die Yakuza vor allem mit den farbenprächtigen Ganzkörpertattoos, die quasi als Uniform getragen werden, sowie dem Brauch der Selbstverstümmelung an Händen und anderen Riten, mit denen sich die Mitglieder ihrer Loyalität und gegenseitigen Ehrerbietung versichern. Der archaische Habitus täuscht jedoch darüber hinweg, dass die Geschichte der Yakuza in ihrer heutigen Form eher kurz ist. Wie der Leser aus dem vorliegenden Band erfährt, beginnt ihre eigentliche Gründerzeit mit den Schwarzmärkten der frühen japanischen Nachkriegszeit nach 1945.

Es spricht für die Adaptionsfähigkeit der kriminellen Gruppen, die sich in dieser Zeit formierten, dass sie ihr operatives Geschäft schnell über das Stammgebiet organisierter Kriminalität (Glücksspiel, Drogenhandel, Prostitution) ausdehnten und das japanische Wirtschaftswunder mit einer differenzierten Palette zum Teil legaler, meist jedoch krimineller Dienstleistungen unterstützten: Typische Tätigkeitsfelder umfassen die Kontrolle und Organisation von Tagelöhnern bei Großbauprojekten, illegale Schutt- und Müllentsorgung, Zwangsräumung von Immobilien, der spekulative Immobilienhandel selbst, klassische Schutzgelderpressung, Geldverleih zu Wucherzinsen, die Eintreibung von Schuld- und Konkursforderungen oder die Erpressung von Aktienunternehmen durch Störung der Hauptversammlungen.

In ihrer Wandelbarkeit wird die Yakuza daher, vielleicht etwas übertrieben, als "dynamischster und flexibelster Aspekt der japanischen Wirtschaft" (Peter Hill) bezeichnet. Dies gilt auch für ihre Organisationsform: Große Yakuza-Gruppen werden heute wie Aktienunternehmen geführt, wobei sich die oberste Leitung rechtlich vor Verfolgung zu schützen sucht, indem sie das eigentliche kriminelle Geschäft kleineren Untergruppen als Franchisenehmern überlässt, die sich des "Brandings" und des Drohpotentials des Gesamtunternehmens bedienen dürfen. Letzteres ist eine Reaktion auf die zunehmend striktere und stringente Strafverfolgung der Yakuza durch den japanischen Staat, der seit den neunziger Jahren den Sumpf des organisierten Verbrechens mit teilweise drastischen Maßnahmen auszutrocknen sucht. Darüber hinaus treffen andere Entwicklungen, unter denen die japanische Gesellschaft zu leiden hat, insbesondere auch die Yakuza: Die Rezession der sogenannten "verlorenen Dekaden" seit 1991 haben ihr ebenso zugesetzt wie die zunehmende Ungleichheit der Einkommensverteilung ("Yakuza poor") und der demographische Wandel, der zu Überalterung und Nachwuchsproblemen führt.

Die Autoren beschreiben diese Hintergründe mit großer Sachkenntnis, die sich sowohl auf die einschlägige westliche und japanische Fachliteratur als auch auf die Auswertung von Primärquellen wie etwa der zahlreichen Memoiren von Yakuza-Mitgliedern und der japantypischen "Fanliteratur" zur Yakuza stützt. Wer das sprachlich und stilistisch recht mühsame erste Drittel des Buches überwindet - hier wäre das Lektorat des Verlages gefragt gewesen -, wird mit einer Fülle von Details und Informationen über diese merkwürdige Welt belohnt. Jahrzehntelange Kontakte und hervorragende Sprachkenntnisse haben es den Autoren zudem ermöglicht, sehr persönliche Gespräche mit Yakuza-Mitgliedern zu führen, denen sie ausführliche Porträts und eindrückliche Miniaturen widmen.

Diese Nähe ist allerdings auch die Achillesferse des Buches, welches nach eigenen Angaben eine wissenschaftlich-journalistische Reportage darstellt, die sowohl Mitglieder als auch Opfer und Gegner zu Wort kommen lassen soll. Was die journalistischen Passagen des Buches angeht, sollte der Leser allerdings eher nicht den kritisch-objektiven Stil einer investigativen Recherche erwarten, sondern den subjektiven Ton eines Reise- und Erfahrungsberichtes.

Obwohl die Autoren gewissenhaft die offenkundigen Schattenseiten der Yakuza beschreiben, bleiben diese eher abstrakt und auf den wissenschaftlichen Teil beschränkt. In den oft mit viel Wein, Weib und Karaoke inszenierten persönlichen Begegnungen treffen die Autoren dagegen nur auf "gute Yakuza" und zeigen sich sichtlich beeindruckt von Machismo und Bravado der Bosse. Opfer und Gegner selbst kommen dagegen kaum zu Wort, ihre Perspektive ist deutlich unterbelichtet. Wer über diese Einseitigkeit hinwegsehen kann, liest dieses Buch trotzdem mit einigem Erkenntnisgewinn.

URS MATTHIAS ZACHMANN

Wolfgang Herbert und Dirk Dabrunz: "Japans Unterwelt". Reisen in das Reich der Yakuza.

Dietrich Reimer Verlag, Berlin 2017.

312 S., br., 29,90 [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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