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Was würden Sie tun, wenn Sie das Gefühl haben, dass Ihr Chef Sie gern loswerden möchte, in Ihrem Unternehmen aber leider die übliche Form der Entlassung nicht die Kündigung, sondern die Ermordung ist? Halten Sie es für besonders klug, einem Mafioso, der für seine Brutalität bekannt ist, ein Paket mit faulen Anleihen anzudrehen? Oder Ihrer Frau auszuplaudern, wer alles bei der Cosa Nostra nach Ihrer Pfeife tanzt, um Eindruck zu schinden? Federico Varese berichtet in seinem spannenden Buch vom Leben und Sterben der Mafiosi, das er so nah und privat erkundet hat wie kaum jemand vor ihm. Die Mafia…mehr

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Produktbeschreibung
Was würden Sie tun, wenn Sie das Gefühl haben, dass Ihr Chef Sie gern loswerden möchte, in Ihrem Unternehmen aber leider die übliche Form der Entlassung nicht die Kündigung, sondern die Ermordung ist? Halten Sie es für besonders klug, einem Mafioso, der für seine Brutalität bekannt ist, ein Paket mit faulen Anleihen anzudrehen? Oder Ihrer Frau auszuplaudern, wer alles bei der Cosa Nostra nach Ihrer Pfeife tanzt, um Eindruck zu schinden? Federico Varese berichtet in seinem spannenden Buch vom Leben und Sterben der Mafiosi, das er so nah und privat erkundet hat wie kaum jemand vor ihm. Die Mafia ist eine verschlossene Welt voller Gewalt und Härte, in die kein Außenstehender je Einblick bekommt. Hinter den Mauern des Schweigens aber gibt es eine Gemeinschaft mit eigenen Regeln und Werten – und es gibt das Mafia-Leben. Federico Varese hat sich tief ins Herz des organisierten Verbrechens gewagt und kennt Gangster in Italien, Russland, Hongkong und Japan. Sein Buch gibt einen intimen Einblick in die Lebensweise der Mafiosi: die bizarren Rituale und schmutzigen Geschäfte, das Familienleben und den beruflichen Stress, das Sexualleben und die unerfreulichen Todesarten jener Männer, die zu den gefährlichsten Menschen der Welt gehören.
  • Produktdetails
  • Verlag: C.H.Beck
  • Seitenzahl: 335
  • Erscheinungstermin: 15.02.2018
  • Deutsch
  • ISBN-13: 9783406700477
  • Artikelnr.: 50658036
Autorenporträt
Federico Varese ist Professor für Kriminologie an der Universität Oxford und ein Experte für das organisierte Verbrechen. Seine Arbeiten über die russische Mafia und über die Erschließung neuer krimineller „Märkte“ im Zeitalter der Globalisierung sind Standardwerke. Er hat John Le Carré mehrfach mit seinen Kenntnissen beraten.
Rezensionen
Besprechung von 10.03.2018
Wie man eine Volkswirtschaft in den Würgegriff nimmt

Sind doch auch nur Menschen: Federico Varese beschreibt die Machenschaften des organisierten Verbrechens mit kühler Wissenschaftlichkeit.

Von Ursula Scheer

Giovanni Falcone, der italienische Untersuchungsrichter, den die Cosa Nostra vor einem Vierteljahrhundert vor den Toren Palermos aus dem Leben bombte, sagte einmal: Die Mafia sei keineswegs unbesiegbar. Sie sei ein menschliches Phänomen. "Und wie alles Menschliche hat sie einen Anfang und ein Ende." So sieht es auch Federico Varese: Geburt, Wachstum, Niedergang und Tod sind die wichtigsten Stationen in seiner anthropologischen Geschichte des organisierten Verbrechens, die er mit seinem dritten Buch über die Mafia vorlegt.

Der Titel ist Programm. In "Mafia-Leben" eröffnet Varese, der aus Ferrara stammt und Kriminologie an der Universität Oxford lehrt, seinen Lesern Einblicke in das Alltagsleben von Mafiosi auf der ganzen Welt, um so von unten her aufzuschlüsseln, wie das geht - eine Parallelgesellschaft schaffen, Märkte beherrschen, die Politik infiltrieren, das Finanzwesen unterwandern, erst einen Block, dann eine Stadt, schließlich ganze Regionen. Oder Volkswirtschaften in den Würgegriff nehmen und Kontinente umspannende Verbindungen knüpfen.

"Mit diesem Buch möchte ich den menschlichen Aspekt krimineller Verschwörungen in den Vordergrund rücken", schreibt Varese in der Einleitung - und begibt sich auf einen Weg der Entzauberung, nicht der Einfühlung. Mafiosi, zeigt er anhand zahlreicher Beispiele, sind keine Supermänner. Ihr Leben ist nicht glamourös. Sie führen ein Dasein im Untergrund, beherrscht von erbarmungsloser Brutalität, der Angst vor Entdeckung und Gefängnisaufenthalten. Ihr Familienleben ist vergiftet von der Zugehörigkeit zu einer Verbrecherorganisation. Das gilt für Mitglieder der sizilianischen Cosa Nostra ebenso wie für jene der italo-amerikanischen Mafia, der japanischen Yakuza, der Triaden von Hongkong und die der russischen Wory.

Sie alle sind Gegenstand der Forschungen Vareses, und in "Mafia-Leben" unterzieht er ihre Riten und Praktiken einer vergleichenden Analyse. Aus zwei Quellen speisen sich seine Erkenntnisse: Aus Beweismaterial der Strafverfolgung, also Gerichtsakten zurückliegender Mafiaprozesse, darüber hinaus aus Interviews, die der Kriminologe mit Mafiosi geführt hat. Wobei er deutlich macht, dass er ihnen gegenüber zu seinem eigenen Schutz stets den "akademischen Simpel" markiert und niemals nach spezifischen Details fragt, also genau das vermeidet, was investigative Journalisten und Polizisten tun. Varese will bei seinem Gegenüber kein "Gefühl der Bedrohung" aufkommen lassen. Und keinesfalls dürfe man Abscheu zeigen, wolle man mehr als ausweichende Antworten bekommen.

Diese Arbeitsweise wird auch in der Temperatur des Buches spürbar. Varese beschreibt die Machenschaften von Verbrecherorganisationen mit der interessierten Kühle eines Wissenschaftlers, der sich ebenso gut mit tropischen Insekten befassen könnte - kenntnisreich, detailliert, emotionslos. Während die Schriften von Italiens wohl berühmtestem Mafia-Rechercheur Roberto Saviano vor innerer Beteiligung glühen und vom literarischen Talent ihres Autors zeugen, der Tatsachen mit Fiktionen amalgamiert, um kriminelle Strukturen sichtbar zu machen, und dabei Ross und Reiter nennt (was ihm Todesdrohungen der Camorra einbrachte), bietet Varese das denkbar schärfste Kontrastprogramm.

Er versammelt Fakten. Er schreibt sachlich, trotz eingestreuter Reportageelemente erzählerisch unambitioniert und zuweilen redundant. Dennoch lässt sich "Mafia-Leben" mit Gewinn lesen; zuweilen ist es sogar so kriminell poppig, wie der mit goldenen Mafia-Symbolen prunkende Einband verspricht. Varese entfaltet eindrucksvoll, wie sich die bizarren Rituale gleichen, mit denen neue Mitglieder als Mafiosi gleichsam "geboren" werden. Heiligenbilder verbrennen, sich tätowieren lassen: Ob in New York, Palermo oder Perm, pseudoreligiöse Symbolik und der Kult der Maskulinität verleihen einem Verbrecherbund pseudoreligiöse Scheinwürde. Absolute Unterordnung nach innen, absolute Verschwiegenheit nach außen, Bereitschaft zum Mord: Auch die Regeln und hierarchischen Strukturen ähneln einander, ebenso wie die Umgebung, in denen mafiöse Vereinigungen blühen.

Wann immer eine Gesellschaft von Umbrüchen erfasst wird, die ihre wirtschaftliche Ordnung erschüttern, die staatliche Macht schwächen und Märkte freigeben, in denen illegale, aber stark nachgefragte Waren gehandelt werden, schlägt die Stunde der Mafia. Das war in Russland nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion so, in Amerika zur Zeit der Prohibition, in Sizilien während des Untergangs des Feudalsystems und nach dem Zweiten Weltkrieg. Varese erklärt am Beispiel Italiens, wie die Mafia Einfluss auf Politiker nimmt, aber auch mit der Globalisierung kämpft. Wir lernen einen Triadenboss kennen, der einen Spielfilm über sich produzierte, und erfahren, welche Mafiafilme Mafiosi schätzen. Beispiele aus der Welt der Yakuza zeugen vom Aufstieg der Frauen im Geschäft.

Wie demokratische Staaten das System der Mafia austrocknen können? Durch hartnäckige Überwachung, Verhaftungen und ein effektives Justizsystem, durch Integration in eine Zivilgesellschaft, die niemanden zurücklässt, sagt Varese. Er weiß aber auch, dass es noch mehr braucht: Helden. Menschen, die sich Verbrechern entgegenstellen - wie der Aktivist Giuseppe Impasto, der einst im Lokalradio die Mafia anprangerte. 1978 bezahlte er dafür mit dem Leben.

Federico Varese: "Mafia-Leben". Liebe, Geld und Tod im Herzen des organisierten Verbrechens.

Aus dem Englischen von Ruth Keen und Erhard Stölting. C.H. Beck Verlag, München 2018.

353 S., Abb., geb., 24,95 [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Perlentaucher-Notiz zur Süddeutsche Zeitung-Rezension

Thomas Steinfeld lässt sich vom Soziologen und Kriminologen Federico Varese die Kooperation zwischen Staat und Mafia erläutern. Einerseits wissenschaftlich in der Analyse des organisierten Verbrechens, seiner Sozialstrukturen und Entscheidungsprozesse, bietet das Buch dem Rezensenten andererseits Anschauungsunterricht mit den Mitteln der literarischen Reportage. Vareses Fallgeschichten über die sizilianische, die russische, die britische, die japanische und die chinesische Mafia findet Steinfeld plastisch.  Hier erfährt der Rezensent unter anderem, wie sich Mafiosi ihre Verhaltensmuster aus Mafia-Filmen abgucken.

© Perlentaucher Medien GmbH
Besprechung von 08.03.2018
Ehrenwerte Gesellschaft
„Der Clan der Kinder“: Roberto Saviano fiktionalisiert sein Wissen über die Mafia, und der Soziologe Federico Varese analysiert sie als modernen Betrieb
Im vergangenen Jahr erschien in Italien ein Buch über das organisierte Verbrechen. Unter dem einprägsamen Titel „La mafia siamo noi“ („Die Mafia sind wir“) widerspricht darin Sandro de Riccardi, ein römischer Journalist, der beliebten Vorstellung, die Mafia sei ein Krake, der eine eigentlich gute Gesellschaft umschlingt und auszehrt. Die Mafia beginne vielmehr in alltäglichen Verhältnissen, bei den kleinen Gefälligkeiten und Rücksichtnahmen, den „Netzwerken“ des Geschäftswesens, und von dort aus wachse sie bis sie in die Spitzen des Gemeinwesens hinein, vom Staat gleichermaßen bekämpft wie geduldet. Dabei nehme sie den Charakter einer geheimen Organisation an – die allerdings, eben weil sie in der Mitte der Gesellschaft lebe, nie so gefestigt sei, dass sie nicht der permanenten Bestätigung bedürfe. Deswegen schauten Mafiosi gerne Spielfilme über die Mafia, nicht nur aus dem einschlägigen Verbrecherkino, sondern auch die aktuellen Fernsehproduktionen, die unter der Rubrik „Anti-Mafia“ ausgestrahlt werden.
Begründer dieses Genres, in Buchform, ist der neapolitanische Journalist Roberto Saviano, dessen Werk „Gomorrha“ (2006), eine mit literarischen Mitteln arbeitende Reportage, eine neuartige und sehr erfolgreiche Auseinandersetzung mit der Mafia einleitete. Ihr aufklärender Charakter soll vor allem darin bestehen, dass sie einerseits das Wirken des organisierten Verbrechens in seinem ganzen Breite sichtbar macht, andererseits die Gewalt veranschaulicht, die, oft bis in Extreme von Sadismus und Blutrünstigkeit getrieben, die Geschäfte der Mafia begleitet. Die schlichte Erkenntnis, dass es diese Mafia gibt – gleichgültig, ob neapolitanisch, kalabrisch oder sizilianisch –, und eine Vorstellung davon, mit welcher Reichweite und Intensität sie auch nicht-mediterrane Gesellschaften durchdringt, zählen dabei zu den Erträgen der Lektüre. Ebenso die Einsicht, dass die Mafia zwar in ihrer Konkurrenz der Gewalt gegen den Staat Züge einer terroristischen Vereinigung, zugleich aber selber wie ein Staat funktioniert, mit festen Hierarchien, Gerichtsbarkeit, Bürokratie und Steuerwesen. Im Übermaß der Anschauung droht allerdings bei Saviano die Frage verloren zu gehen, warum es diese Einrichtung überhaupt gibt und ob man ihr mit Anschauung allein auf die Schliche kommen kann.
Die Frage erscheint als um so dringender, als nun Savianos erster Roman erschienen ist. „Der Clan der Kinder“ teilt den Gegenstand mit den Sachbüchern des Autors, handelt also vom organisierten Verbrechen in Neapel, aber nun übernimmt eine erdachte Handlung die Regie über das Material, die Geschichte von Aufstieg und Fall einer jugendlichen Bande. Tatsächlich rückt derzeit in den Zentren des organisierten Verbrechens, wo die traditionelle Mafia – vom Staat konsequenter verfolgt – zunehmend geschwächt ist, eine weniger streng verfasste, an keinen Ehrenkodex mehr gebundene und um so brutaler vorgehende Jugend nach – eine Jugend, für die es angesichts extrem hoher Arbeitslosigkeit nie einen Platz im bürgerlichen Leben gegeben hat. Die Frage aber bleibt: Weshalb die Fiktion?
Savianos Roman trägt unübersehbar Züge des „Giallo“, der italienischen Variante des Kriminalromans, wie des Verbrecherkinos. Zum „Giallo“ gehören die verworrene Handlung, die Neigung zur Brutalität und zu allerhand Unappetitlichem wie auch die Dominanz von Ambiente und Atmosphäre über Schlüssigkeit und Szenenfolge. Manche Passagen sind dem Genre der „exploitation“, der Darstellung von Gewalt um der schieren Schaulust willen, nicht fern, und der Übergang wäre vielleicht sogar vollzogen, wenn der Autor besser schriebe. Angesichts von spritzender Hirnmasse, explodierenden Katzen und ejakulierenden jungen Männern könnte man auf „Voyeurismus“ befinden und das Problem damit auf moralische Weise aus der Welt schaffen. Jedoch ist der Fall komplizierter: Abscheu und Faszination liegen hier eng beieinander, Albtraum und Wunschtraum sind innig miteinander verflochten, obwohl Roberto Savianos Gegnerschaft zur Mafia gewiss aufrichtig ist.
Für diese Dialektik gibt es Gründe, die in der Mafia angelegt sind und ihre Verhältnisse zugleich übersteigen. Die Mafia ist erstens eine deutliche Erinnerung daran, dass aller Kapitalismus, wie zivilisiert und vermittelt auch immer, auf Raub und Ausbeutung zurückgeht. Sie lässt zweitens sichtbar werden, dass der Schutz des Einzelnen vor physischer Gewalt nicht selbstverständlich ist, sondern durch ein staatliches Gewaltmonopol gewährleistet wird. Und drittens lebt in der Mafia, obwohl sie sich längst auch in den Zentren des Reichtums durchgesetzt hat, immer noch eine Geschichte der Armut fort, ein Wissen darum, dass man sich in der Not leichter behauptet, wenn man sich zu einer Bande zusammenschließt. Die Mafia ist ein Angriff auf die öffentliche Ordnung, in dem ein Wissen um das Prekäre dieser Ordnung enthalten ist – und der sich eben deshalb selbst als Ordnung gestaltet.
Wenn Federico Varese, Soziologe und Professor für Kriminologie an der Universität Oxford, sein Buch „Mafia-Leben“ mit Überlegungen zum Verhältnis von Mafia und Staat enden lässt, hat er dafür also gute Gründe. Denn die Geschäfte der Mafia setzen ihre Duldung, ja Förderung durch die Politik voraus, so wie umgekehrt die Mafia in nicht wenigen Fällen für das Gelingen von politischen Karrieren sorgt. Selbstverständlich bedeutet dieses Ineinander auch, dass der Staat unter gewissen Bedingungen auf prinzipielle Durchsetzung seines Gewaltmonopols verzichten kann, wie es in Italien bis in die Neunziger der Fall war. Damals diente die Mafia nicht zuletzt der Finanzierung der bürgerlichen Parteien, weil eine nach demokratischen, öffentlichen Kriterien vollzogene Finanzierung den Kommunisten (also vor allem: dem PCI) zugutegekommen wäre. Auch deswegen ist die Mafia „eine Herrschaftsform, die es vorzieht, ihre Macht im Rahmen eines bestehenden Staatsgebildes auszuüben“, wobei ihr demokratische Staaten eher entgegenkommen als totalitäre, der Mobilität des Personals wegen.
Obwohl Federico Varese Wissenschaftler ist, hat auch ihn die Dialektik von Abscheu und Faszination ergriffen, die das Schreiben über die Mafia offenbar ins Erzählen treibt. Als Autor tritt er in einer Doppelrolle auf, als Kriminologe und Journalist. Der Kriminologe bietet eine Art innerbetrieblicher Analyse des organisierten Verbrechens, wobei er insbesondere die Sozialstrukturen, die Entscheidungsprozesse und die Techniken des täglichen Überlebens im Blick hat. Der Journalist aber ist die eindrücklichere Figur, denn er verfügt über die Anschauung und arbeitet mit den Mitteln der literarischen Reportage.
Fünf Fallgeschichten erzählt Varese, je eine aus der sizilianischen, der russischen, der britischen, der chinesischen und der japanischen Mafia, und in jeder dieser Geschichten, die – nacheinander – den einzelnen Momenten im Leben eines Mafioso gewidmet sind, von der Geburt über die Arbeit, das Geld und die Liebe bis zum Tod, geht er in die plastischen Details. Ein Toter, so lernt der Leser, lasse sich am besten mit Säure entsorgen: „Die Leiche löst sich langsam auf, und am Ende bleiben nur die Zähne übrig, während alles andere, auch der Schädel, sich verformt.“.
Als in den späten Achtzigern und frühen Neunzigern das alte Italien unterging, der Staat, in dem die Christdemokraten herrschten und die Kommunisten die Opposition stellten, bildeten Staatsanwälte und Ermittlungsbeamte die Vorhut im Kampf gegen die Mafia, und sie taten es mit Erfolg und unter großen Opfern. Jetzt aber sind es die Journalisten, die diesen Konflikt zu führen scheinen, und zwar weniger mit den Mitteln der Investigation als mit denen der Reportage und der Erzählung. Ihnen folgen, mit noch mehr Anschauung, die Filmemacher.
Wenn sich die organisierten Verbrecher Siziliens nun gern Filme über die Mafia anschauen, handelt es sich deswegen nicht nur um Zeitvertreib, sondern auch um lebenspraktische Orientierung. Federico Varese berichtet, in welchem Maße Mario Puzos Film „Der Pate“ (1972) die real existierende Mafia mit Phrasen, Figuren und Verhaltensmustern versorgt hat. In Roberto Savianos Roman sind die filmischen Vorbilder allgegenwärtig. Für die Heranwachsenden in der Welt des organisierten Verbrechens gibt es hier weder Lehrer noch Paten. Alles, was sie über Raub, Erpressung und Mord wissen, wurde ihnen im Fernsehen und auf dem Computer vorgespielt. Sie dürften dabei auch auf Verfilmungen von Werken Savianos gestoßen sein.
So drehen sich die Dinge im Kreis, und alle Anschauung ist Bestätigung des Vorhandenen. Denn auch wenn die italienische Polizei alle paar Wochen Dutzende von Verdächtigen verhaftet, wachsen offenbar mindestens ebenso viele Mafiosi nach. Einerseits bedeutet diese Gegenwart, dass Italien nach wie vor weniger konkurrenzfähiges Kapital hervorbringt, als man zu produzieren imstande wäre. Andererseits scheint sich hier eine Staatszersetzung in Permanenz zu vollziehen, in deren Konsequenz die Mafia eine weitaus konkretere Realität darstellt als rechtlich geordnete Verhältnisse.
THOMAS STEINFELD
Roberto Saviano: Der Clan der Kinder. Roman. Aus dem Italienischen von Annette Kopetzki. Carl Hanser Verlag, München 2018. 414 Seiten, 24 Euro. E-Book 17,99 Euro.
Federico Varese: Mafia-Leben. Liebe, Geld und Tod im Herzen des organisierten Verbrechens. Aus dem Englischen von Ruth Keen und Erhard Stölting. Verlag C. H. Beck, München 2018. 336 Seiten, 24,95 Euro. E-Book 19,99 Euro.
Zum „Giallo“ gehören die
Neigung zur Brutalität und die
Dominanz des Ambientes
Auch wenn die Polizei immer
wieder Dutzende verhaftet,
wachsen genug Mafiosi nach
Roberto Saviano hat seinen ersten Roman geschrieben.
Foto: picture alliance
DIZdigital: Alle Rechte vorbehalten – Süddeutsche Zeitung GmbH, München
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über www.sz-content.de
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"Zeichnet ein detailreiches Bild der Mafia in ihren verschiedensten internationalen Ausprägungen - ganz objektiv, ohne Sensationsgier und auch frei von einer Romantisierung à la 'Der Pate'."
Penthouse, Jan Zumholz
"Seltene Einblicke hinter die Kulissen des verordneten Schweigens."
Simone Wermelskirchen, Handelsblatt, 1. Juni 2018

"Federico Varese hat sich tief ins Herz des organisierten Verbrechens gewagt (...) Sein Buch gibt einen intimen Einblick in die Lebensweise der Mafiosi."
Fachbuch Aktuell, 1. Mai 2018

"Ein erhellendes Sachbuch, das sich wie ein Krimi liest."
Literaturkurier, 1. März 2018

"Sannend zu lesen."
Wolfgang Hellmich, Neue Zürcher Zeitung, 28. Februar 2018

"His excellent contribution, Mafia Life, examines the structures of the world`s most prominent mafia organizations by looking at how Mafiosi lead their lives from cradle to grave."
Misha Glenny, TLS, 12. Januar 2018

"Federico Varese ist zwei Schriftsteller in einem: Der furchtlose Fakten-Jäger, der seine Spur mit dem Fieber des Vollblutjournalisten verfolgt, und der unbestechliche Wissenschaftler, der seine Beute mit schonungsloser Objektivität analysiert."
John Le Carré

"Excellent ... each chapter shines a new light on a fundamental aspect of mafia activity."
Misha Glenny, Times Literary Supplement

"An intoxicating narrative that tugs the reader from Hong Kong to Moscow, Salford to New Jersey, Tokyo to Sicily in search of the essence of Mafia Life. There is humour, pathos and poignancy amid stories of violence, corruption and intimidation. It begins and ends, festively, in a snowswept Russian graveyard. But it leaves you anything but cold."
Alistair Fraser, University of Glasgow
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