Nach ihren gefeierten Romanen über Exil und postmigrantische Gegenwart legt Shida Bazyar eine literarische Archäologie der Heimat vor. In einer präzisen Tiefenbohrung der Provinz stellt sie die radikale Frage: Auf welchen Fundamenten bauen wir unsere Heimat?
Heimesbach im Hunsrück ist ein fiktiver Ort, an dem sich neunzig Jahre deutscher Geschichte in die Mauern und Biografien eingenistet haben. Es ist eine Gemeinde, die ihre Vergangenheit aktiv verschweigt und zugleich zum Zufluchtsort für diejenigen wird, die hier Geborgenheit suchen. Der Roman führt uns durch die Jahre und die Köpfe derer, die das Dorf prägten: von jüdischen Familien, die alles verloren, über NS-Profiteure, die sich als unschuldige Mitläufer neu erfanden, bis hin zu den Familien Sharifi und Karimpour, die Jahrzehnte später aus dem Iran flüchten.
Shida Bazyar gelingt ein virtuoses Erzählmosaik über die Last der Geschichte, die Lüge des Neubeginns und den Wunsch, endlich eine Heimat zu finden.
Kundinnen und Kunden meinen
4.1/5.0
Bewertung
aus Leipzig
5/5
15.10.2026
Buch (Gebundene Ausgabe)
Wenn Schweigen Geschichte schreibt
Wenn Schweigen Geschichte schreibt
Ein Buch, an dem man dieses Jahr wohl nicht vorbeikommt. Und das ist gut so. Denn es ist ein ganz außergewöhnliches und tolles Buch, das noch lange nachhallt.
Denn das Buch hat mich wirklich beeindruckt. Der Roman führt uns in das fiktive Dorf Heimesbach und erzählt fast ein ganzes Jahrhundert deutscher Geschichte. Dabei geht es um Verfolgung, Flucht, Ausgrenzung und die Frage, was passiert, wenn Menschen lieber schweigen, statt sich ihrer Vergangenheit zu stellen. Also ein Thema, das alle irgendwie in ihrer Vergangenheit tragen.
Besonders berührt hat mich, wie die Autorin zeigt, dass Geschichte nicht einfach verschwindet. Sie ist immer da. Immer um uns herum. Denn Taten von damals wirken bis in die Gegenwart nach. Während jüdische Familien verfolgt und vertrieben wurden, schauten viele weg oder machten mit. Und wenn wir nicht aufpassen, kommen wir wieder dahin. Wir müssen uns dem mehr als bewusst sein und etwas dagegen tun!
Jahrzehnte später müssen dann geflüchtete Familien aus dem Iran erfahren, wie schwer es sein kann, wirklich dazuzugehören. Die Geschichten liegen zeitlich erstmal weit auseinander und sind doch auf erschreckende Weise miteinander verbunden.
Es gibt viele Figuren, wechselnde Perspektiven und Zeitsprünge. Man muss aufmerksam lesen und sich auf die besondere Erzählweise einlassen. Es ist definitiv kein Buch für zwischendurch. Man muss sich voll und ganz darauf einlassen. Nach und nach fügen sich die einzelnen Geschichten dann zusammen.
Was mir besonders gefällt, ist die Art, wie Shida Bazyar das Schweigen, die Verdrängung und die alltägliche Ausgrenzung sichtbar macht. Sie zeigt, dass es nicht immer die lauten Täter sind, die Unrecht möglich machen. Auch Wegsehen und Mitlaufen haben Folgen. Das hat mich beim Lesen nachdenklich und stellenweise richtig wütend gemacht.
Das Buch fordert Aufmerksamkeit und Geduld. Dafür bekommt man eine vielschichtige Geschichte, die berührt und noch lange nachwirkt. Für mich ist dieser Roman ein wichtiges Buch über Erinnerung, Verantwortung und die Frage, was Heimat eigentlich bedeutet.
ISBN: 978-3462005011
Autorin: Shida Bazyar
Verlag: Kiwi
ET: 03.09.26
Umfang: 512 Seiten
Eva
5/5
13.10.2026
Buch (Gebundene Ausgabe)
Verzerrte Erinnerungskultur
Shida Bazyar ist ganz oben angekommen. Die Lücken ist ein sprachlich überzeugendes und inhaltlich hoch komplexes Werk, das individuelle Schicksale mit den Widersprüchen, Leerstellen und Brüchen der deutschen Geschichte verknüpft.
Die Lücken stehen für das Ungesagte, das Schweigen, das Schuldbehaftete, das lieber verschwiegen wird, in den einzelnen Biografien genauso wie gesamtgesellschaftlich. Die Auseinandersetzung mit dem Unrecht ist schmerzhaft, unbequem, denn sie steht der unbefleckten Zukunft im Weg. Trügerisch jedoch ist der Neubeginn, wenn er auf Verdrängung beruht.
In diese Lücke wirft Shida Bazyar ihren Text, benennt ganz nüchtern das, was geschehen ist. Als Erzählerin wählt sie eine verstorbene Geflüchtete, eine Außenseiterin, auserwählt, um die Geschichte zu erzählen. Es war und ist der Erzählern unmöglich, in Heimesbach Schutz zu finden, wie es auch für die jüdische Bevölkerung nicht möglich war.
Sie berichtet von den Zwangsenteignungen jüdischer Familien, den Deportationen, den Berufsverboten und Entmündigungen durch die Rassengesetze. Vom Wegsehen, Schweigen, dem Opportunismus, der Gewalt.
Alles wirkt bis heute fort. In offenem oder latentem Rassismus, im Umgang mit der Vergangenheit und den Menschen im Exil. Zurück bleibt eine versagende Erinnerungskultur, die Gedenkplakette für die Synagoge ist leicht zu übersehen, die NS-Devotionalien liegen auf Dachböden.
Die Figuren sind lebendig, die Sprache ausgefeilt, die Konstruktion raffiniert, die literarische Stimme souverän. Die Lücken benennt unerschrocken und bildgewaltig den Ursprung zeitgenössischer Missstände, zeichnet ein Panorama deutscher Kultur in all ihren Facetten und stellt äußerst unbequeme Fragen.
Shida Bazyar gelingt ein großer Wurf und reiht sich damit ein in eine Tradition großer Schriftsteller*innen. Das ist literarisch höchst bemerkenswert, kosmopolitisch, weitsichtig und ungeheuer aufregend. Die Lücken gehört in den Kanon moderner Klassiker.
Bewertung
5/5
09.10.2026
Buch (Gebundene Ausgabe)
Ein großartiges Buch
Die Lücken – Shida Bazyar
Deutscher Buchpreis 2026
Die namenlose Erzählerin reist im Traum zurück in das Dorf, Heimesbach, ein Dorf im Hunsrück, in dem sie nur 3 Jahre gelebt hat, „die Götter haben sie dort hingeschickt“, erzählt es ihrer 2 Jahre älteren Schwester Lou.
„Ich war 10 Jahre, als wir hierher flohen. Ich war dreizehn Jahre alt, als wir gingen, weil sie uns wegschicken wollten.“
„Entweder hat man uns versehentlich hierhergeschickt oder ich bin in der Hölle gelandet.“
In einer Reise durch die Jahre erfährt sie Dinge, die sie bisher nicht gewusst hat. Ihre Zeitreise beginnt in den 20er Jahren und verfolgt 100 Jahre Geschichte des Dorfes und seiner Menschen.
Lore und Johanna, einst unzertrennliche Freundinnen gehen getrennte Wege. Lore wird eines Tages erfolgreich für die Nationalsozialisten agieren, Johanna wird als Jüdin verfolgt und ermordet.
Und so wie Johanna ergeht es auch den anderen jüdischen Familien im Dorf, sie werden verfolgt, vertrieben, enteignet und ermordet in einem der Konzentrationslager der Nationalsozialisten.
Emil Ackermann, nach Israel geflohen vor den Nationalsozialisten, kehrt in seinen Geburtsort zurück und möchte entschädigt werden, aber: „Nach der Diktatur der Nationalsozialisten herrschte hier die Diktatur der Gleichgültigkeit.“
Und so bleiben in vielen Familien die Geheimnisse im Verborgenen, auch wenn die Enkelkinder in den 80er und 90er Jahren Fragen an die Großeltern stellen.
Gab es Juden in dem Dorf? Hast du welche gekannt? Was ist mit ihnen geschehen?
In dem ehemaligen „Gaumusterdorf“ wurde bereits 1927 die erste Ortsgruppe der NSDAP gegründet und viele fanden dort „Beachtung“ und eine „Heimat“.
In der Reichskristallnacht 1933 werden die Geschäfte der 3 jüdischen Inhaber zerstört, der Tierarzt und andere jüdische Menschen in Schutzhaft genommen, das Dorf macht mit oder schaut gleichgültig zu. Die Autorin schildert in makaberer Genauigkeit die Grausamkeit wie aus einem „Lehrbuch der Perversion“.
Resi, früher angestellte im jüdischen Kaufhaus der Familie Lichter, arbeitet auch weiter bei deren Nachfolgern, wird verfolgt von Erinnerungen und kann doch nicht darüber sprechen. „Ihre Schuld bestand ja aus dem, was sie nicht getan hatte (…).“
Man hatte herausgefunden, (…) „wie man es schaffte, von damals zu erzählen und gleichzeitig zu schweigen“ (…). Manche der „Alten“ trauern den guten Zeiten nach.
Die nachfolgenden Generationen sind politisch interessiert, engagiert oder desinteressiert.
In den 80er Jahren leben auch zwei geflüchtete Familien aus dem Iran im Dorf, es gibt freundliche Menschen, die ihnen helfen und sie unterstützen.
Und während noch die Elterngeneration verwirrt in diesem fremden kalten Land hadert, finden die Kinder Kontakte, Freundschaften, Beziehungen und Bildung.
Die Erzählungen über die Menschen, die Vielfältigkeit der Charaktere, ihre Familien, ihre Geschichte, laufen parallel, die einzelnen Erzählstränge müssen miteinander verknüpft werden, wobei jede einzelne Geschichte eine eigene Faszination hat, zusammen ergeben sie ein Mosaik.
Die Autorin beherrscht das Spiel mit der Sprache, passend zu den Menschen und der historischen Zeit.
Sie ist auch eine perfekte Beobachterin der „deutschen“ Rituale, vom „Kindergeburtstag“, „Kinderturnen“ bis zum „St.-Martins-Umzug“ über „Kneipengesprächen“ unter Männern“.
Das Buch ist eine große literarische Konstruktion über Ungesagtes, Verantwortung und Schuld, aber auch um Heimat, Verlust sowie Flucht und Vertreibung.
Mir gefällt besonders, wie meisterhaft die Autorin die harte Welt des deutschen Dorfes in persische Dichtkunst einbettet. Die Erzählerin, die über allem schwebt, fast traumhaft, distanziert, Grauenvolles beobachtend, die Puzzleteile des Erzählens, die ein Ganzes ergeben, das Unrecht an den jüdischen Menschen, der Schmerz, die Traurigkeit und Sehnsucht der geflüchteten Menschen aus dem Iran, ihre Suche nach Heimat und Menschlichkeit.
Die „Lücken“, die Leerstellen, das Ungesagte fordern uns auf, nachzudenken.
Shida Bazyar ist zu diesem fiktiven Roman inspiriert worden durch die Recherchen in dem „Gaumusterdorf“ Hermeskeil, ihrem Geburtsort.
Es ist ein großartiges Buch.
KiWi 2026
Bewertung
aus Graz
5/5
07.10.2026
Buch (Gebundene Ausgabe)
Hochverdienter Buchpreis
Sprachlich sehr interessant geschrieben. Der Roman nimmt sich Zeit und spielt nicht mit einem. Der Text öffnet einen Zeitgeschichte, ein exemplarisches Dorf, mit Menschen und Einzelschicksalen / Leben, die einem zu einem großen Ganzes führen. Das Ergebnis kennen wir. Auch die Botschaft des Romans ist im Grunde mit dem Cover schon klar gemacht. Die Kunst der Literatur liegt vor allem im Schaffen von Bildern und dem Benutzen von Sprache, die bei der Leserin im Herzen und der Seele hängen bleiben. Geschafft. Klare Empfehlung.
Bewertung
5/5
28.09.2026
eBook (ePUB 3)
Hervorragende Gesellschaftsanalyse
Was wir uns nicht eingestehen wollen und was wir vielleicht nicht verstehen und nicht richtig reflektieren... Das Buch ist ein Hammer und ein Aufmerksamkeits-Spot zugleich. Ich wünsche ihm den Deutschen Buchpreis.
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