1949: Als Elsa in Island ankommt, ist sie eine von vielen. Knapp dreihundert junge Frauen aus Deutschland sind dem Aufruf der isländischen Bauernpartei gefolgt, um dort ein Jahr auf Höfen zu arbeiten. Man hofft auf Arbeitskräfte sowie Heiratskandidatinnen, da viele Isländerinnen in die Städte abgewandert sind. Sprachkenntnisse können die Frauen nicht vorweisen, aber oft haben sie nichts zu verlieren. Auch Elsa schweigt. Sie ist nicht hier, um zu bleiben, und sie trauert um ihre Freundin Sola. Dennoch entsteht zwischen leuchtenden Wiesen und endlosem Meer ein Zusammenleben, das sich Elsa irgendwann nicht mehr vom Leibe halten kann. Allein ihre Anwesenheit verändert die Dynamik auf dem Hof – besonders die zwischen den Bauernsöhnen. Und dann ist da auch noch die verschwundene Tochter der Familie, über die niemand spricht und die für Elsa immer wichtiger wird … Katrin Zipse erzählt einfühlsam und lebendig anhand eines fast vergessenen Stücks Geschichte, was es heißt, zu einer neuen Sprache zu finden.
Kundinnen und Kunden meinen
4.4/5.0
Bettina Hertz Lesehertzen
aus Brandenburg
5/5
31.07.2026
Buch (Gebundene Ausgabe)
Moosland
Moosland von Katrin Zipse ist ein historischer Roman aus dem DuMont Buchverlag.
1949 reist Elsa mit vielen anderen jungen Frauen aus Deutschland nach Island, um für ein Jahr auf einem Bauernhof zu arbeiten. Ohne Sprachkenntnisse und gezeichnet von ihren Kriegserlebnissen fällt ihr das Ankommen schwer. Sie schweigt – einerseits, weil sie die Sprache nicht beherrscht, andererseits, weil sie tief traumatisiert ist. Erst nach und nach findet sie ihren Platz auf dem Hof und wächst in das ungewohnte Leben hinein.
Der Schreibstil ist eher ruhig, dennoch fesselnd. Katrin Zipse erzählt unglaublich atmosphärisch, die isländische Landschaft mit ihren Grassodenhäusern, weiten Wiesen und dem endlosen Meer wird so lebendig beschrieben, man erlebt es mit allen Sinnen.
Die Handlung wird aus Elsas Perspektive in der dritten Person erzählt. Ich brauchte zunächst etwas Eingewöhnung, zumal es auch kaum Dialoge gibt. Stattdessen begleiten wir Elsa durch unzählige Gedanken und Erinnerungen. In Rückblicken werden nach und nach ihre traumatischen Kriegserlebnisse und der Verlust ihrer Freundin Sola sichtbar. Der Schwerpunkt liegt jedoch auf Elsas Ankommen in Island und der Frage, ob sie dort eine Zukunft finden kann.
Im Mittelpunkt steht das Leben auf dem Bauernhof mit all seinen Herausforderungen. Die körperlich harte Arbeit, das vorsichtige Annähern an die Familie und das langsame Entstehen von Vertrauen untereinander. Während die beiden Söhne Elsa offen begegnen, bleiben die Bauersleute zunächst auf Distanz. Vom Knecht lernt sie die isländische Sprache – obwohl sie selbst lange Zeit kein Wort spricht. Mit der Zeit verändert ihre Anwesenheit das Familienleben.
Bis zuletzt war für mich offen, welchen Weg Elsa einschlagen wird. Genau diese Ungewissheit hat die Geschichte zusätzlich spannend gemacht.
Fazit: Moosland ist ein berührender, poetisch erzählter historischer Roman über Verlust, Neuanfang und das Finden eines neuen Zuhauses. Besonders der historische Hintergrund über die deutschen Frauen, die nach dem Zweiten Weltkrieg auf isländischen Höfen arbeiteten, war für mich neu und hat die Geschichte sehr interessant gemacht. Von mir gibt es eine große Leseempfehlung.
Bewertung
aus Quickborn
5/5
20.06.2026
Hörbuch-Download (MP3)
Fremde kann Heimat werden
Bis vorgestern kannte ich weder Katrin Zipse als Autorin noch kannte ich den Roman „Moosland“. Es war diesmal kein Tipp auf Instagramm, der mich zum Kauf verleitete, es war die Rezension des Buches in der FAZ vom letzten Donnerstag (18.6.26). Mein SuB wächst ständig, aber bei Hörbüchern hatte ich noch ein Plätzchen frei und begann sofort nach der Zeitungslektüre mit dem Hören. Und war mit den ersten Sätzen im Bann dieser Geschichte, die schon fast 80 Jahre zurückliegt. Die Autorin gibt im Nachwort interessanten Einblick in die historischen Fakten, das Buch selbst ist eine Fiktion. Und doch hatte ich bei Hören das Gefühl, diese Geschichte wäre so oder ähnlich passiert. Nach Kriegsende baten die Bauern auf Island um Hilfe, der Krieg hatte die Demografie ordentlich durcheinandergerüttelt und sie hofften, dreihundert junge Frauen würden helfen, das Defizit zu verringern. Dass diese jungen Frauen aus Deutschland überhaupt nicht vorbereitet waren auf das Leben und Arbeiten auf Island, dass sie die Sprache nicht verstanden und nicht einmal dem Klima angemessene Kleidung besaßen, das interessierte weder die isländischen Bauern noch die deutschen Beamten, Hauptsache, die Frauen waren jung, gesund und entnazifiziert.
Elsa ist eine von diesen 300 Frauen, die nach dem Schiff Elsy, mit dem sie anlandeten, die Elsy-Frauen genannt wurden. Sie wurden verteilt auf weit voneinander entfernt liegende Gehöfte, der Empfang war nicht gerade herzerwärmend. Und so ist der erste Eindruck, den Elsa hat, nachdem sie von ihrer Freundin Gerda getrennt auf den Hof einer Familie gebracht wird: „Bauer, Bäuerin, zwei Söhne. So hat es geheißen. Und ein Knecht. Der hat sie hergebracht. Die Frau mustert sie kurz, dann dreht sie sich zurück zum Herd und rührt weiter in ihrer Pfanne. Die Männer am Tisch regen sich nicht.“
Es dauert eine Weile, bis Elsa überhaupt versteht, was sie tun und lassen soll, die Bäuerin wird bis weit in den Roman hinein immer nur „die Frau“ sein, der Bauer ein stieseliger Griesgram, die beiden Brüder heißen Ólafur und Skúli, der Knecht Halldór. Zwischen den Brüdern entsteht ein leiser Wettbewerb um Elsa, sie versucht, so gut es geht, beiden auszuweichen. Aber gar nicht selten braucht sie auch die Hilfe der zwei und nimmt sie auch freiwillig an. Das Sprache lernen ist so schwer, wie der Umgang mit den gefürchteten Hühnern, aber mit der Zeit gelingt Elsa der Spagat zwischen Angst und Durchhaltewillen immer besser, sie beginnt das Land zu mögen, den Himmel, die Weite, auch der Frau kommt sie näher.
Immer wieder erscheinen Elsa in der Nacht und auch in Tagträumen Bilder von Sola, die sie vermisst, was genau geschehen ist, kann man mehr erahnen als lesen, aber das ist nicht schlecht, die eigene Fantasie wird immer wieder mit ins Geschehen gezogen. Auch auf dem Bauernhof gibt es einen blinden Fleck, der nicht berührt werden darf, und das ist Steinunn, die Schwester von Ólafur und Skúli, von der nicht gesprochen wird. Elsa glaubt, sie sei tot, ertrunken beim Angriff der Deutschen auf einen Passagierdampfer vor Island.
Mehr will ich hier nicht preisgeben, obwohl es schon mindestens 150 Rezensionen im Internet gibt, von denen einige sehr freigiebig mit dem Inhalt umgehen. Spoilern nennt man das wohl, ich halte es so, dass ich spätestens ab der Mitte eines Buches schweige wie ein Grab.
Mir ist dieses Buch sehr nahe gegangen, das lag sicher auch an der Umsetzung ins Hörbuch, die Sprecherin Maike Wördemann ist fantastisch, ich kann Elsas „Hühnerhaut“ spüren und ihre eiskalten Hände und Füße, ich sehe sie reiten, stricken und Fisch essen, so ist ein echtes Kopfkino entstanden. Der erzählende Stil ist mit den vielen kurzen Sätzen, die manchmal stakkatoartig durch Absätze getrennt sind, lebhaft und nachvollziehbar. So spricht und denkt das Mädchen Elsa, selbst die Versuche, das Isländische über die Lippen zu bringen, sind glaubhaft, es hörte sich so echt an, wie nur irgend möglich. Und ich dachte beim Zuhören an meine Mutter, die als vierzehnjähriges, sehr zierliches Mädchen im Krieg zum Pflichtarbeitsdienst auf einen Bauernhof musste. Die Umstände könnten ähnlich gewesen sein.
Das Cover ist zurückhaltend gestaltet, mich spricht es mit den nordländischen Farben sehr an, das Buch sieht einfach schön aus, ist sogar mit einem Lesebändchen versehen. Hätte ich es nicht schon gehört, würde ich es sofort auch noch kaufen.
Fazit: Katrin Zipse macht mit einem unbekannten historischen Geschehen bekannt und hat gleichzeitig einen hinreißenden Roman geschrieben über Verluste, Liebe, Ablehnung und Zuneigung, Fremdsein und Ankommen in einer neuen Welt. Ich empfehle diese Lektüre sehr, als Hörbuch ist sie aus meiner Sicht noch authentischer.
Diese Rezension gibt meine eigene Meinung wieder und wurde nicht mit Hilfe von KI erstellt.
anushka
aus Berlin
5/5
09.06.2026
Buch (Gebundene Ausgabe)
Atmosphärischer Islandroman über eine deutsche Landarbeiterin
Elsa war vier Jahre unterwegs, als sie 1949 endlich als Landarbeiterin in Island ankommt. Wie Hunderte andere deutsche Frauen nach dem Krieg folgt sie dem Aufruf der Bauernpartei, um in Island gutes Geld zu verdienen. Doch nicht nur ihre mangelnden Sprachkenntnisse lassen Elsa schweigen. Vom Krieg traumatisiert, trauert sie um ihre Familie und ihre Freundin Sola. Bei den isländischen Bauern ist alles fremd und Elsa muss die Familie, deren Dynamik, ihre Aufgaben und das Land kennen und verstehen lernen. Doch auch die Bauernfamilie hat ihre dunklen Flecken: da sind die anhaltenden Konflikte mit dem jüngsten Sohn, aber auch ein Bild, das eine junge Frau zeigt, über die niemand spricht.
Dieser Roman greift ein Stück Geschichte auf, das wenig bekannt ist. Nachdem zehntausende amerikanische Soldaten in Island stationiert waren und bei ihrem Abzug zahlreiche isländische Frauen mitnahmen, wurden Frauen aus Deutschland angeworben, um die Einheimischen als Arbeitskräfte und vielleicht sogar als Ehefrauen zu unterstützen. Die Geschichte ist ruhig, aber atmosphärisch erzählt, die Kargheit der Landschaft erwacht vor dem inneren Auge, fast spürt man den Wind der Küste. In diesem Buch spricht kaum einer mehr als das Nötigste, was manches Mal eher deprimierend wirkt, andererseits aber gut zur Lebenssituation der Familie passt. Das Tempo ist langsam, aber es zieht stetig an, wenn auch nicht im klassischen Sinn. Mich konnte das Buch schnell fesseln, auch wenn Elsa aufgrund ihrer Verschlossenheit nicht leicht zu mögen ist. Die Naturbeschreibungen ließen eine Verbindung zum Land aufkommen. Sympathisch fand ich auch, dass die isländischen Aussprüche zunächst lautmalerisch geschrieben sind, bis Elsa die Begriffe auf Isländisch sieht. Das erleichtert die Vorstellung, wie Dinge auszusprechen sind.
Ich bin sehr froh, diese eher kleine (etwas mehr als 200 Seiten), aber kraftvolle Geschichte voller leiser Töne gelesen zu haben. Mir wäre sonst ein wunderschöner Island-Roman entgangen.
ReadingFoxy
aus Leipzig
5/5
08.06.2026
eBook (ePUB)
Vergessene Zeiten
Vergessene Zeiten
Wir denken, wir wissen viel über unsere Vergangenheit. Doch dieses Buch zeigt mal wieder, dass dem nicht so ist. Denn ich wusste nichts von den Mädchen und Frauen, die nach dem Zweiten Weltkrieg in Island waren, um dort zu arbeiten.
Doch genau in diese Welt nimmt uns die Autorin mit.
Im Sommer 1949 reist die junge Deutsche Elsa nach Island, um wie viele andere Frauen für ein Jahr auf einem Bauernhof zu arbeiten. Während sie um ihre verstorbene Freundin Sola trauert und sich in der fremden Umgebung zunächst verloren fühlt, wächst sie langsam in das Leben auf dem Hof hinein. Dann wird Elsa zunehmend von dem Geheimnis um die verschwundene Tochter der Familie fasziniert, über die niemand sprechen möchte.
Ein Buch, das nicht laut ist, nicht auf Effekthascherei aus ist und auch nicht gefallen will. Es will uns die Geschichte rund um die etwa 300 bis 500 deutsche Frauen erzählen, die zwischen 1949 und 1951 nach Island gezogen sind. In Island fanden sie auf Bauernhöfen Arbeit und eine neue Perspektive, da dort viele Frauen fehlten.
Doch das war natürlich nicht leicht. Auch wenn es eine Perspektive gab, mussten Familie, Heimat und Freunde zurückgelassen werden. Und auch wenn man das durch den Krieg bereits verloren hatte, war da dieses komplett neue Land mit einer anderen Sprache.
All diese Emotionen und Erlebnisse erzählt uns also die Autorin aus der Perspektive von Elsa. Die am Ende für so viele Frauen steht, die das erlebt haben. Der Schreibstil ist angenehm und man kann die raue Landschaft und die Menschen dort fast schon greifen.
Auch die Protagonisten fand ich stimmig und ich habe sie beim Lesen eigentlich immer vor mir gesehen.
Ein Buch, nicht für jede Stimmung. Aber dennoch eins, das man gelesen haben sollte.
ISBN: 978-3755800712
Autor: Katrin Zipse
Verlag: Dumont
ET: 10.03.26
Umfang: 224 Seiten
Bewertung
aus Leipzig
5/5
08.06.2026
Buch (Gebundene Ausgabe)
Vergessene Zeiten
Vergessene Zeiten
Wir denken, wir wissen viel über unsere Vergangenheit. Doch dieses Hörbuch zeigt mal wieder, dass dem nicht so ist. Denn ich wusste nichts von den Mädchen und Frauen, die nach dem Zweiten Weltkrieg in Island waren, um dort zu arbeiten.
Doch genau in diese Welt nimmt uns die Autorin mit.
Im Sommer 1949 reist die junge Deutsche Elsa nach Island, um wie viele andere Frauen für ein Jahr auf einem Bauernhof zu arbeiten. Während sie um ihre verstorbene Freundin Sola trauert und sich in der fremden Umgebung zunächst verloren fühlt, wächst sie langsam in das Leben auf dem Hof hinein. Dann wird Elsa zunehmend von dem Geheimnis um die verschwundene Tochter der Familie fasziniert, über die niemand sprechen möchte.
Ein Buch, das nicht laut ist, nicht auf Effekthascherei aus ist und auch nicht gefallen will. Es will uns die Geschichte rund um die etwa 300 bis 500 deutsche Frauen erzählen, die zwischen 1949 und 1951 nach Island gezogen sind. In Island fanden sie auf Bauernhöfen Arbeit und eine neue Perspektive, da dort viele Frauen fehlten.
Doch das war natürlich nicht leicht. Auch wenn es eine Perspektive gab, mussten Familie, Heimat und Freunde zurückgelassen werden. Und auch wenn man das durch den Krieg bereits verloren hatte, war da dieses komplett neue Land mit einer anderen Sprache.
All diese Emotionen und Erlebnisse erzählt uns also die Autorin aus der Perspektive von Elsa. Die am Ende für so viele Frauen steht, die das erlebt haben. Der Schreibstil ist angenehm und man kann die raue Landschaft und die Menschen dort fast schon greifen.
Auch die Protagonisten fand ich stimmig und ich habe sie beim Lesen eigentlich immer vor mir gesehen.
Ein Hörbuch, nicht für jede Stimmung. Aber dennoch eins, das man gelesen haben sollte.
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