Thelonious »Monk« Ellison ist Schriftsteller – und verzweifelt: Seine anspruchsvollen Bücher finden kaum Beachtung, während klischeebeladene »Ghettoromane« über Schwarze gefeiert werden. Aus Wut schreibt er selbst unter Pseudonym einen solch stereotypen, provokanten Roman mit dem Titel »Fuck«. Der Erfolg ist überwältigend. Doch mit dem Ruhm wächst auch das Chaos in Monks Leben. Denn der Literaturbetrieb lässt nicht locker: Welches anonyme Genie hat diesen so authentischen Roman geschrieben?
»Ausradiert« ist eine bissige, kluge Satire auf den Literaturbetrieb, kulturelle Erwartungen und die Frage, wer erzählen darf – und wie.
Kundinnen und Kunden meinen
4.1/5.0
hallobuch, Silke Schröder
aus Hannover
5/5
09.04.2026
Buch (Taschenbuch)
Ein kluger und schön ironischer Roman
In “Ausradiert” spielt Percival Everett mit den noch immer bestehenden Vorurteilen gegenüber der afroamerikanischen Bevölkerung in den USA. Im Mittelpunkt steht der Autor Thelonious »Monk« Ellison, der den unterschwelligen alltäglichen Rassismus mit treffsicherer Ironie offenlegt. Sehr sarkastisch beschreibt er seine überwiegend weißen intellektuellen Kollegen und Kolleginnen, die zwar alle Vorurteile weit von sich weisen, aber die weit verbreiteten, völlig klischeehaften Darstellungen der People of Colour in Büchern und Filmen für total authentisch halten. Selbst als Intellektueller wird er auf seine Hautfarbe zurückgeworfen, obwohl er immer glaubte, dass dies in seinen Kreisen kaum noch eine Rolle spielt. Dazwischen streut Percival Everett immer wieder kleine Exkursionen über andere Themen ein, wie etwa über das Fliegenfischen oder die Kunst der Holzbearbeitung, sowie Zwiegespräche zwischen Philosophen und historischen Personen.
So ist “Ausradiert” ein kluger und ironischer Roman und die darin eingeschlossene Geschichte “Fuck” eine herrliche Parodie über Klischees und Vorurteile, gegen die noch immer schwer anzukommen ist. Das englische Original „Erasure“ erschien übrigens schon 2001 – schön, dass es nun auch eine deutsche Übersetzung gibt.
Bewertung
aus Buchen
5/5
17.03.2026
Buch (Taschenbuch)
We's Lives In Da Ghetto
Der Roman eines Schriftstellers über einen Schriftsteller, und den Literaturbetrieb.
Thelonious Monk Ellison gilt als elitärer, anspruchsvoller Autor. Viel Erfolg oder Leser hat er nicht. Er ist enttäuscht und verbittert und schreibt unter Pseudonym eine Parodie auf die Art von afroamerikanischer Literatur, die er verachtet. Und genau damit hat er zu seiner eigenen Überraschung unglaublich viel Erfolg, so dass er seine fiktive Schriftstellerpersönlichkeit Stagg R.Leigh immer wieder spielen muss.
Eine andere Ebene zeigt Monks Privatleben. Sein Vater ist gestorben, seine Mutter hat Alzheimer und seine Schwester wurde ermordet. Das sind alles harte Dinge, mit denen er leben muss. Everettt schafft es beide Aspekte, die des Schriftstellers und die des Mannes deutlich zu zeigen und sie stehen im Einklang.
Das Buch ist schon 2001 entstanden, aber selbstverständlich immer noch gültig und lesenswert.
Das Buch ist sehr ironisch, oft witzig, auch ein wenig tragisch.
Zum Teil gelingt Everett seine Satire. Die Methoden des Literaturbetriebs wird er damit nicht ändern.
Bewertung
aus Speyer
5/5
17.03.2026
eBook (ePUB)
Opfer des eigenen Erfolgs
Eine der glücklichsten Fügungen in meiner Lesebiographie ist der Umstand, irgendwann über Percival Everett bzw. sein Werk gestolpert zu sein. Während sein neues Werk „Ausradiert“ schon auf Lektüre wartete, stolperte ich über einen Film, den ich abgebrochen habe, als mir bewusst wurde, dass es sich um die Verfilmung eben dieses Titels handelte. Hat der Abbruch gelohnt?
Thelonious Ellison ist Schriftsteller, und zwar ein ziemlich erfolgloser, was er auf zwei Umstände schiebt: seinen literarischen Anspruch (schließlich ist er auch Literaturprofessor) und seine Hautfarbe. Mit letzterer funktionieren wohl nur „typisch schwarze Bücher“ mit einfacher Sprache und klischeehafter „Nichthandlung“. Kurzerhand schreibt er genau so eines – unter Pseudonym und wird gefeiert. Doch damit beginnen die Probleme in Thelonious‘ Leben erst so richtig …
Spontan kann einem bei der Geschichte der Sinnspruch „Überlege gut, was du dir wünschst – es könnte in Erfüllung gehen“ in den Sinn kommen. Damit träfe man Teile des Buches schon gut, würde ihm aber noch nicht gerecht, denn so einfach ist es bei Everett nicht (natürlich kam die Frage auf, ob der Roman autobiographische Züge trägt). Thelonious kommt auch in seiner Familie eine Sonderrolle zu, ist er doch das einzige Kind, das nicht in die väterlichen Fußstapfen trat. Als er feststellt, dass seine Mutter unter Demenz leidet und seine Geschwister (nennen wir es, ohne zu viel vorwegzunehmen) „ausfallen“, kümmert er sich. Nur eine Erschwernis auf seinem Weg zum literarischen Olymp – den er sich selbst ebnen könnte, schließlich sitzt er in der Jury, die über das Werk seines Pseudonyms entscheidet. Doch all das (an sich schon Geschichten Füllende) ist nur die oberflächliche Handlung, auf der Everett um den Literaturbetrieb, die Rolle der Schwarzen, kulturelle Aneignung und so vieles mehr (Demenz, Rolle in der Familie, Homosexualität) kreist. Dabei legt er den Finger in so viele Wunden gleichzeitig, dass man meinen sollte, dass die Lektüre schmerzt. Au contraire … Everett erzählt mit einer Leichtigkeit, dass man manchmal nicht einmal bemerkt, wie tief seine Kritik reicht, und die Szenen, in denen Thelonious sich vor der Öffentlichkeit zu verstecken versucht, damit sein „Doppelleben“ nicht auffliegt, sind streckenweise gar brüllend komisch. An anderen Stellen bleibt einem das Lachen im Halse stecken. So geht Satire … Wenngleich die Sprache (gerade im unter Pseudonym geschriebenen „My Pafology“) sehr derb wird, geht sich das hier aus, weil Everett wohl zeigen will, wie klischeehaft wir denken und uns den Spiegel vorhält (etwa auch, wie viel wir für Erfolg opfern würden). Kleine Längen gibt es (Fliegenfischen, Holzarbeiten, deren Sinn für die Handlung sich mir nicht so recht erschlossen hat, aber vielleicht waren das nur Momente, die Thelonius nicht abgehoben scheinen lassen sollen), nichtsdestotrotz werden die 4,5 Sterne aufgerundet und demnächst geschaut, wie gut der Film die Vorlage umsetzt.
Bewertung
4/5
06.04.2026
Buch (Taschenbuch)
starkes Buch, authentisches Thema
Percival Everett lesen ist, wie eine Geschenkpackung zu öffnen: man weiß nie was einen erwartet. Dieses Buch hat mir wieder richtig gut gefallen, auch wenn ich die Erzählung, mit den verschiedenen Einschüben von Monks diversen Ideen nicht immer so ansprechend fand. Ist aber mal eine andere Art zu erzählen und es fiel mir leicht, mich darauf einzulassen, weil es in den Kontext der Geschichte des erfolglosen, aber ambitionierten Autors passt, der sich unbedingt abseits der Konventionen beweisen will.
Ich war überrascht wie sogartig mich die Erzählung rund um Thelonious direkt von Anfang an gefangen nahm. Ich gebe zu zum Beispiel den Inhalt seines Vortrag übersprungen zu haben, weil ich damit inhaltlich nichts anfangen konnte. Da dieser Exkurs aber, wie seine Romanideen losgelöst von der Handlung steht, macht es nichts aus. Und auch seine sonstigen Romanideen lesen sich nicht unbedingt ansprechend, was natürlich wieder den Kern der Geschichte untermauert, dass er einfach nicht für die Massen und nicht kommerziell genug schreibt. Ich fand das übergreifende Thema rund die Arbeit als Autor, der Erwartungshaltung der Leserschaft und dessen, was als kommerziell erfolgreich gilt, interessant angelegt.
Ein genialer Kniff war für mich die Geschichte in der Geschichte. Und die ist, wenn auch sehr klischeehaft angelegt, echt packend, auch wenn Mona selbst das nicht unbedingt eingestehen will.
Es geht innerhalb der Story zwar viel um Thelonious Arbeit als Autor, trotzdem ist das Buch über weite Strecken auch einfach eine Familiengeschichte. Und Thelonious Familie hält einiges an Tragödien bereit, sodass der Leser eigentlich nie zur Ruhe kommt.. Zwischendurch bekommt man das Gefühlt die einzige Person bei Verstand ist die Haushälterin, die scheinbar noch gerade rechtzeitig den Absprung schafft.
Everett lesen ist für mich immer so ein kleines Erlebnis für sich. Die Geschichte hatte wieder einiges an Skurrilität, aber hat irgendwie auch einen Nerv getroffen. Fands gut, werde mir jetzt auch die Verfilmung ansehen.
esque
aus Darmstadt
4/5
27.02.2026
Buch (Taschenbuch)
Warum wir Percival Everetts „Ausradiert“ lesen müssen
Es ist ein literarisches Husarenstück, das uns Percival Everett mit „Ausradiert“ vorsetzt – eine intellektuelle Handgranate, getarnt als Gesellschaftssatire. Was der Roman sichtbar macht, ist das strukturelle Paradox eines Literaturbetriebs, der Authentizität einfordert – und dabei nur das als authentisch akzeptiert, was seinen Erwartungen bereits entspricht.
Im Zentrum steht Thelonious „Monk“ Ellison. Ein Name, der bereits das Programm diktiert: die radikale künstlerische Kompromisslosigkeit eines Jazz-Giganten trifft auf die intellektuelle Schwere eines klassischen Gelehrten. Monk ist ein Mann zwischen den Stühlen. Er schreibt experimentelle Prosa, liebt Aischylos und verweigert sich beharrlich dem Diktat des Marktes, der von ihm als schwarzem Autor das „authentische Ghetto-Trauma“ verlangt. Aber er verkauft keine Bücher.
Als dann Juanita Mae Jenkins mit ihrem Roman We's Lives in Da Ghetto einen Millionenerfolg landet, dreht Monk durch. Er schreibt, in weißer Wut und bitterem Sarkasmus, eine Parodie des Genres: My Pafology, später unter dem Pseudonym Stagg R. Leigh als Fuck veröffentlicht – und das Buch wird ein Bestseller.
Everett konstruiert hier ein Dilemma von existenzieller Wucht: Was passiert, wenn man als Individuum existieren will, die Welt einen aber nur als Repräsentanten einer Gruppe wahrnimmt?
Formal schichtet Everett Tagebucheinträge, literarische Collagen und die vollständige Binnenerzählung von „My Pafology“ übereinander. Dabei spiegelt die Struktur das Zerbrechen von Monks Identität wider. Er radiert sich selbst aus, bevor die Gesellschaft es für ihn tun kann. Manche Figuren in der Rahmenhandlung bleiben allerdings Schablonen, und das Familiengeschehen trägt stellenweise zu viel symbolisches Gewicht, ohne erzählerisch vollständig ausgearbeitet zu sein. Monk selbst ist als Figur brillant konzipiert, aber emotional manchmal auf Distanz gehalten, was den Roman kühl wirken lässt, wo er treffen könnte.
Aber die intellektuelle Überlegenheit, mit der er das alles verknüpft ist schon grandios. Er fragt uns: Wer darf wessen Geschichte erzählen? Und er gibt uns keine wohlfeile Antwort. Er lässt uns allein mit unserem Unbehagen. Dass dieser Roman aus dem Jahr 2001 erst durch die Verfilmung American Fiction (2023) seine verdiente Bühne fand, ist zudem die bitterste Pointe der Geschichte.
Manchmal muss man ein Buch schreiben, das man verabscheut, um das zu sagen, was man wirklich meint. Percival Everett hat genau das getan – und für mich dabei einen der scharfsinnigsten, wütendsten und komischsten Romane der amerikanischen Gegenwartsliteratur geschaffen.
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