He Hanqing ist eine unsichtbare Frau. Seit der Hochzeit lebt sie im Haushalt der Schwiegereltern, wo sie kocht, putzt, wäscht, Einkäufe erledigt und als Mädchen für alles stets zu Diensten ist. Ihre eigenen Bedürfnisse interessieren niemanden, selbst den Gang zur Toilette muss sie unterbrechen, wenn jemand anderes muss. Die vielen Aufgaben sind das eine, die fehlende Wertschätzung sind das andere. Bin ich denn für niemanden mehr als eine kostenlose Haushaltshilfe? Die Wucht, mit der Hanqing diese Frage ins Bewusstsein drängt, lässt sie einen folgenschweren Entschluss treffen, der überraschende Folgen hat.
Kundinnen und Kunden meinen
3.9/5.0
SimoneF
5/5
01.07.2026
Buch (Gebundene Ausgabe)
radikal direkt, beklemmend und berührend
Fang Fang hat mich schon mit „Glänzende Aussichten“ begeistert, so dass ich „Ich geh jetzt los und bring mich um“ unbedingt lesen wollte.
He Hanqing lebt in Wuhan im Haus ihrer Schwiegereltern, zusammen mit ihrem Mann und der Schwägerin. Ihr Sohn ist bereits erwachsen und studiert. Als Schwiegertochter ist sie ganz selbstverständlich für den gesamten Haushalt zuständig, die Familie behandelt sie von oben herab. Ihre eigenen Bedürfnisse zählen nichts, selbst beim Toilettengang muss sie anderen Familienmitgliedern Vorrang gewähren. Hanqings Verzweiflung wächst, und als die Demütigungen immer mehr werden, reift ein Entschluss in ihr.
Fang Fang schreibt klar, nüchtern und radikal direkt über eine patriarchal und hierarchisch geprägte Gesellschaft, in der das Individuum nichts zählt und ein Mensch nur nach seinem Nutzwert bemessen wird. In 160 Seiten packt Fang Fang die Auswirkungen der Kultur-Revolution, strukturelle ökonomische Probleme und Kritik an einer Gesellschaft, in der Frauen eine sozialen Kälte entgegenschlägt, die einen beim Lesen frösteln lässt.
Ich fand es spannend, Hanqings Gefühle und Gedanken zu folgen, die ihren Zwiespalt sichtbar machen: Sie ist gefangen zwischen den Wunsch, der familiären Ausbeutung zu entkommen, und ihrer Verwurzelung in den gesellschaftlichen Normen und traditionellen Erwartungen, die an sie gestellt werden.
Ein von Anfang bis Ende großartiger Roman, der sehr nachdenklich macht.
Frankenfrosch
5/5
01.07.2026
Buch (Gebundene Ausgabe)
Care-Arbeit
Fang Fangs Bücher berühren mich immer zutiefst, so intensiv beschreibt sie Frauenschicksale in China. Nicht die der 'modernen' Chinesin, sondern der einfachen Frauen, die noch im traditionellen Mustern verhaftet sind und womöglich noch die Kulturrevolution am eigenem Leib gespürt haben. Genau um eine solche Frau geht es in ihrem neuen Roman Ich gehe jetzt los und bring mich um'. He Hanqing ist jemand, die sich kümmert. Um ihre Schwiegereltern, um ihre Schwägerin, um ihre Mann. Sie ist für ihre Freundin da, hat verschiedene Putzstellen und wenn man sie braucht, hilft sie in der Nachbarschaft. Doch wo ist sie? Der Gedanke lässt sie nicht los und als sie bemerkt, dass sie nur noch Dienerin ist, will sie nicht mehr. Es ist nicht nur diese Unsichtbarkeit von Hanqing, die mich sehr berührte, sondern wieder einmal die klare, prägnante Sprache Fang Fangs. Sie beschreibt, ohne zu beschönigen, trifft den richtigen Ton, ohne in Sentimentalität zu verfallen und trifft damit genau ins Herz. Wieder ein lohnenswerte Buch von einer begnadeten Autorin.
Miro76
aus Wels
4/5
01.08.2026
Buch (Gebundene Ausgabe)
Eine unsichtbare Frau
He Hanqing lebt im Elternhaus ihres Mannes. Der Sohn ist zum studieren ausgezogen und Hanqin kümmert sich um alle Belange der Familie. Sie ist zuständig für den Haushalt, die Versorgung der Schwiegereltern und ebenso fürs Geldverdienen, denn ihr Mann widmet sich nur mehr der Kunstschnitzerei, seit er seine Arbeit in der Werkstatt verloren hat.
Hanqing führt ein äußert beschwerliches Leben, geprägt von mühevoller Arbeit und keiner Sekunde für sich. Sie ist außerdem eine liebevolle Person, die sich um die älteren Nachbarn kümmert, von denen sie immerhin auch mal ein gutes Wort bekommt. Von ihrer Familie wird sie nämlich nur ausgeschimpft und ist nie gut genug. Ihr wurde keine Bildung zuteil, aber sie meistert ihren Alltag mit Bauernschläue und ist sich dessen bewusst, dass auch dieses Wissen seinen Wert hat.
Doch irgendwann wird es He Hanqin zuviel und sie geht los, um sich umzubringen. Dieser Ausbruch aus ihrem Alltag birgt Überraschendes und endet, wie er enden sollte.
Fang Fang widmet sich auch in diesem Buch den Schwierigkeiten eines Frauenlebens im traditionellen China. Ihre Protagonistin ist keine stille und ruhige Frau und doch lebt sie ein unsichtbares Leben, denn ihr wird ihr Wert abgesprochen. Für mich, als Europäerin, ist es schwierig, diesen Kulturkreis zu verstehen und vor allem zu mögen, denn die Bücher der Autorin sind nie einfache Kost. Da fühlt man sich gleich Hunderte Jahre zurückversetzt. Feminismus und Emanzipation scheinen dystopisch weit entfernt. Diese Buch ist wahrscheinlich nicht das Stärkste von Fang Fang, aber auch auch dieses zeigt auf, wie einsam eine Frau im Familienverband sein kann, wenn sie keine Wertschätzung erfährt.
Jürg K.
4/5
04.07.2026
Buch (Gebundene Ausgabe)
Beklemmende Frauengeschichte
Man nennt sie unsichtbar, doch Hanqing fühlt jede Berührung der Welt wie einen Stich. Seit der Hochzeit ist ihr Leben ein endloser Kreislauf aus Kochen, Putzen, Waschen ein Dienst, der keinen Namen trägt. Ihre Bedürfnisse sind unsichtbar wie die Staubkörner, die sie jeden Morgen vom Regal wischt, selbst der Gang zur Toilette wird zur Unterbrechung, zur Erlaubnis, die sie nie bekommt. Was mich an ihrer Geschichte so trifft, ist nicht nur die Arbeit, sondern die stille Demütigung. Das Gefühl, nur noch eine kostenlose Haushaltshilfe zu sein, ein Schatten im eigenen zuhause. Die vielen Aufgaben sind das eine, die fehlende Wertschätzung sind das andere. Bin ich denn für niemanden mehr als eine kostenlose Haushaltshilfe? Die Wucht, mit der Hanqing diese Frage ins Bewusstsein drängt, lässt sie einen folgenschweren Entschluss treffen, der überraschende Folgen hat. Ein Schritt, der das Gleichgewicht kippt und Folgen nach sich zieht, die niemand vorhersehen konnte. Es ist die Geschichte einer Frau, die lernt, dass Würde kein Geschenk ist, sondern etwas, das man sich zurückerobern muss. Mich bewegt an ihr vor allem die Mischung aus Verletzlichkeit und Entschlossenheit. Hanqing zeigt, wie eng Unterdrückung und Liebe manchmal verwoben sind und wie befreiend es sein kann, die eigene Stimme wiederzufinden, auch wenn der Preis hoch ist.
MarieOn
4/5
01.07.2026
Buch (Gebundene Ausgabe)
Pleasure People
He Hanqing will sich endlich erleichtern. Ihr Darm signalisiert ihr, dass es an der Zeit ist. Sie läuft zur Toilette und während sie die Tür öffnet, wird sie von hinten am Pulli festgehalten. Komm schnell mit, schreit Sanhuas Mann, ich brauche deine Hilfe. Sofort verstummt ihr Darm. „Meine Frau will sich umbringen.“ „Hast du wieder eine deiner Affären gehabt?“ Er verneint, er habe nur der Frau vom Friseursalon beim Tragen geholfen, die hatte ja keine Ruhe gegeben. Hanqing folgt ihm auf die Straße. Da schreit die Schwiegermutter nach ihrem heißen Wasser. Hanqing schreit zurück, dass ein Menschenleben vorgehe. Diese kaltherzige Alte, denkt sie.
Sanhua sitzt auf dem Bett und heult. Hanqing schwatzt sich die Zunge wund, bis Sanhuas Tränen versiegen. Ihr sei ganz egal, ob ihr Mann eine oder hundert andere Frauen habe, ihr Leben sei es, das sie nicht mehr aushalte.
Auf dem Weg nach Hause denkt Hanqing noch lange über die Worte nach. Und nein, Putzen, Kochen, Waschen, Einkaufen und ständige Verfügbarkeit -Hanqing mach dies, mach das – konnte wirklich nicht erstrebenswert sein.
Kaum ist sie zurück, ruft die Schwiegermutter nach ihrem Wasser. Hanqing setzt den Kessel auf den Herd und beobachtet, wie die züngelnden blauen Flammen am rußgeschwärzten Kesselboden lecken, als ihr Darm sich wieder regt. Sie läuft zur Toilette, stößt die Tür auf, die den Wischmopp zu Fall bringt. Sie greift danach, stößt gegen den Waschtisch, hält das Becken, damit er nicht umfällt und ein Schwall abgestandenes Rasierwasser der Alten schwappt über die Ärmel ihres besten Wollpullis, den sie sich vom Mund abgespart hat.
Fazit: Die wohl bekannteste Autorin Chinas hat den ermüdenden Alltag einer Protagonistin gezeichnet, die wohl am ehesten als „pleasure people“ bezeichnet werden könnte. Sie kümmert sich um ihren Mann, ihre Schwiegereltern und die Schwägerin mit allem, was zur Care-Arbeit dazugehört. Als ihr Mann seine Arbeit verliert, putzt sie nebenbei bei Nachbarn, um die Familie zu ernähren. Danken tut es ihr niemand, im Gegenteil, keiner rührt einen Finger um die gebeutelte Frau zu unterstützen. Man nennt sie faul, einfältig und ungebildet. Ein Bauerntrampel eben. Die Nachbarschaft weiß Hanqing zu schätzen, der sie zusätzlich mit Gefälligkeiten entgegenkommt. Die Autorin zeigt auf einfache Weise, wie Frauen im traditionsreichen, kommunistischen China sich für ihre Familien aufopfern und ausgebeutet werden. Ich muss zugeben, dass ich dem Schreibstil Fang Fangs nicht so viel abgewinnen konnte, das ist allerdings mein persönlicher Geschmack.
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