Frustriert von den Mühlen der Bürokratie, trifft Franz Fiala eine »Lebensentscheidung« und wirft seinen Job bei der Europäischen Kommission hin. Als er seine Mutter zum 89. Geburtstag in Wien besucht, verschweigt er ihr jedoch seinen vorgezogenen Ruhestand. Und auch das Gespräch mit Nathalie, mit der er seit vier Jahren in Brüssel eine Beziehung führt, über die gemeinsame Zukunft misslingt. Dann treten wiederkehrende Schmerzen auf, die sich nicht länger ignorieren lassen. Der Befund: Krebs, unrealistisch, dass er noch ein Jahr lebt. Und mit einem Mal geht es allein darum, seine Mutter darüber zu täuschen, ihr den Schmerz zu ersparen, ihren Sohn sterben zu sehen:
»Überleben konnte für ihn nur heißen, seine Mutter zu überleben. Vor ihr, bis zu ihrem Tod, seine Krankheit zu verheimlichen. Es ging jetzt um einen Überlebenswettkampf. Das war jetzt die Lebensentscheidung.«
Kann man über sein Leben entscheiden? Nicht über das Ende, sondern mit Willenskraft über das Weiterleben, länger, als erwartbar wäre? Mit existentieller Wucht und dennoch leichtfüßig erzählt Robert Menasse in Die Lebensentscheidung von einem Wettlauf mit dem Tod. Leben und Sterben, Liebe und Familie, darum geht es in dieser raffiniert-kunstfertigen Novelle.
Kundinnen und Kunden meinen
4.2/5.0
Clara
5/5
01.03.2026
Buch (Gebundene Ausgabe)
Die Lebensentscheidung als Todeserklärung
Der dritte Teil, den Robert Menasse über die Existenz der Europäischen Union schreibt, ist leider ein trister, dunkler Teil. So, wie der Protagonist der Novelle, Herr Franz Fiala, hätten sich auch viele EU-Bürger*innen gewünscht, dass das Projekt eines gemeinsamen Europa ein konstruktives Miteinander der vielen so unterschiedlichen Staaten werden würde. Herr Fiala und auch sein Leidensgenosse Herr Schimmelpfennig, sind frustriert vom Vorgehen in den EU-Gremien und von ihrem Arbeitsleben. Sie wollen beide kein Karriereobjekt mit zwei, drei, vier, fünf oder mehr Fenstern in ihrem Arbeitsraum (was den Aufstieg in der Hierarchie entspricht) sein. Herr Fiala entscheidet sich, den Dienst zu quittieren und in den vorzeitigen Ruhestand zu gehen. Doch wo soll er dann bleiben? Wo und wie soll er leben? (Herrn Fiala geht es da wohl wie vielen, die in die Pension, also in den Rückzug gehen oder gehen müssen). Seine Zerrissenheit, möglicherweise Oberflächligkeit und Glücklosigkeit werden deutlich sichtbar. Von seiner Erkrankung ahnt er da noch nichts. Die Beziehung zur Jugendfreundin in Wien, die mit dem 2CV durch die Gegend fährt, ist für ihn am ehesten hilfreich, vertrauensvoll und unterstützend. Das enge Band zu Mutter ist nach wie vor aufrecht. Ihre Erwartungen sind in ihm noch immer tief verankert. Franz Fiala konnte sich trotz Studium und Aufstieg persönlich nicht wirklich ent-wickeln. Als er mit der Diagnose einer unheilbaren Krebserkrankung konfrontiert wird, gilt sein Denken nur noch der Mutter. Er versucht, seine Krankheit und den nahen Tod vor ihr zu verheimlichen. Dies ist natürlich ein aussichtsloses Unterfangen.
Eine vielschichtige und sehr berührende Lektüre.
Bewertung
aus Thun im Kanton Bern
4/5
22.05.2026
Buch (Gebundene Ausgabe)
gefällig
Das ist ein schönes Buch, das ich mit grossem Interesse und ohne den Hauch von Langeweile gelesen habe. Dem Lebensweg des alternden Protagonisten und seinen Gedanken zu folgen - was für ein Vergnügen, besonders wenn der Leser ungefähr im selben Alter steckt. Da lassen sich viele Aspekte der Geschichte spiegeln und auf die eigene Existenz übertragen. Dadurch gewinnt das Buch an Spannung und Interesse. Aber zwei Schwachpunkte meine ich trotz allen Lobes entdeckt zu haben: Zum einen ist das Buch thematisch ein Potpourri aus verschiedenen Themen, die nicht unbedingt zusammenspielen. Zum anderen fehlen im Thema des Todes Fragen zur Existenz, Fragen zur Bedeutung des Todes, Fragen zur Religion oder zum Weiterleben nach dem Tod usw. Der Autor behandelt das Thema Tod als wäre es ein Stück bürokratisches Bewältigungs-Problem. Damit will er vielleicht etwas zum Ausdruck bringen, Aber ich bezweifle, dass es möglich ist, beim bevorstehenden Tot „Existentielles“ derart auszuklammern, wie es in dieser Geschichte geschieht.
Klaus Effing
aus Köln
4/5
07.03.2026
Buch (Gebundene Ausgabe)
Ein bewegendes Buch über Abschiede
„Die Lebensentscheidung“ von Robert Menasse (Suhrkamp) ist eine Novelle, die alles andere als leicht daherkommt. Auf rund 155 Seiten geht es um Selbstreflexion, um berufliche und private Lebensentwürfe – und auch um die Einsamkeit, die sich manchmal hinter einem scheinbar geordneten Leben verbirgt.
Franz Fiala, promovierter Mitarbeiter der Europäischen Kommission, gerät nach einer erschütternden Diagnose in eine Phase intensiven Nachdenkens über sein Leben. Dabei wird deutlich, wie oft wir nach außen ein Bild aufrechterhalten, in dem alles funktionieren soll. Schwierigkeiten werden verschwiegen – entweder, weil wir sie nicht benennen wollen, oder weil wir andere nicht damit belasten möchten.
Besonders berührend ist Franz’ Wunsch, seine Mutter zu schützen. Sie ist stolz auf ihren längst erwachsenen Sohn, und genau dieses Bild möchte er ihr nicht nehmen. Gleichzeitig zeigt die Novelle auch Enttäuschungen – sowohl im beruflichen als auch im privaten Leben – und die Einsamkeit, die daraus entstehen kann.
Es ist kein Buch, das besonders positiv stimmt. Vielleicht gerade deshalb eine passende Lektüre für den beginnenden Frühling – eine Zeit, in der man ohnehin öfter über Veränderungen und neue Wege nachdenkt. Menasses klarer, ruhiger Schreibstil macht diese nachdenkliche Novelle auf jeden Fall lesenswert.
Bories vom Berg
aus München
3/5
21.04.2026
Buch (Gebundene Ausgabe)
Politisch und medizinisch unheilbar krank
In seinem neuesten Werk, der Novelle «Die Lebensentscheidung», greift der österreichische Schriftsteller Robert Menasse ein schwieriges Thema auf, bei dem es um eine Mutter-Sohn-Beziehung geht, die auf eine extrem harte Weise auf die Probe gestellt wird. Angesiedelt ist diese Geschichte im Jahre 2024 im Milieu der Brüsseler EU-Zentrale, die vor neun Jahren auch das Setting für den Erfolgsroman «Die Hauptstadt» gebildet hat, dem ersten EU-Roman überhaupt. Der in verschiedenen Genres tätige, äußerst streitbare Autor beschäftigt sich intensiv mit den Verhältnissen in diesem Bürokratie-Monster und legt dabei einige der Hintergründe für den zweifelhaften Erfolg dieser europäischen Institution dar.
Als Protagonist dieser Novelle ist der EU-Beamte Franz Fiala derart frustriert von den meist erfolglosen Bemühungen seiner Behörde, deren sorgsam erarbeitete Gesetzes-Vorlagen nur zu oft an den Ränkespielen und Animositäten im Parlament und im EU-Rat scheitern oder nur stark verwässert umgesetzt werden. Besonders die europäischen Bauern nerven ihn, deren Beitrag zum Bruttosozialprodukt der EU nur 4 Prozent betrage, die aber 38 Prozent aller Fördergelder erhalten würden. Ein krasses Missverhältnis, das gegen jede Vernunft hartnäckig verteidigt wird, unterstützt mit medienwirksamen Protestaktionen aufgebrachter Bauern in Brüssel. Die verteidigen dort ihre ökonomisch völlig sinnlosen, üppigen Subventionen mit Zähnen und Klauen. Daniel, ein guter Freund und Kollege von Franz, der das genau so sieht, bestätigt ihm in einem langen Brief ausdrücklich, er handle richtig, wenn er den Job hinschmeißt. Und er schreibt von einem Meeting, bei dem alle Mitarbeiter von ihrem Direktor über den neuen Kurs der Kommission informiert wurden: «Es geht […] heute nicht mehr darum, die Union weiter zu entwickeln, sondern vordringlich darum, die Demokratie in den Mitgliedsstaaten vor den Rechtsextremen und den Nationalisten zu retten». Und auch Daniel strebt nun einen neuen Job an.
Franz Fialas Entschluss, vorzeitig seinen Dienst bei der Europäischen Kommission zu quittieren, ist eine Entscheidung, die sein ganzes Leben auf den Kopf stellt. Nicht nur, weil seine Freundin Nathalie ihm mutmaßlich nicht nach Wien folgen wird und ihre seit vier Jahren andauernde Beziehung letztendlich daran zerbrechen dürfte. Sein ungeschickt vorgebrachter Heiratsantrag ist jedenfalls gescheitert, eine gemeinsame Zukunft wird es wohl nicht geben. Die in seiner Geburtsstadt Wien lebende, an zunehmender Demenz leidende, 89jährige Mutter benötigt dort seine Hilfe, für ihn ist es selbstverständlich dass er sich um sie kümmern muss. Nur ihrer Hartnäckigkeit verdankt er, diese nach Brüssel führende, glänzende Karriere gemacht zu haben, sie hat ihn immer unterstützt dabei. Zu allem Übel treten in letzter Zeit bei ihm aber immer wieder Schmerzen auf, die langsam stärker werden, die er anfangs allerdings nicht so ernst nimmt. Als er dann schließlich die Diagnose Bauchspeicheldrüsenkrebs erhält, der ihm allenfalls noch sechs Monate Lebenszeit lassen dürfte, beschließt er gegen den dringenden Rat der Ärzte, keine Chemotherapie zu machen. Er will nämlich auch nicht, dass seine Mutter erfährt, wie es um ihn steht, die bekannten Folgen der Therapie würden es ihr ja deutlich zeigen. Und er will ihr vor allem unbedingt den Schmerz ersparen, dass ihr Sohn womöglich vor ihr stirbt. Eine harte «Lebensentscheidung» also in der Hoffnung, er wird seinen Tod mit Willenskraft lang genug herauszögern können, damit sie ihn nicht sterben sehen muss.
Diese an eine griechische Tragödie erinnernde Novelle läuft zielgerichtet auf ein tragisches Ende hinaus. In einer unprätentiösen Sprache wird die Mutter-Sohn-Geschichte, trotz absehbarer Dramatik, ohne Pathos locker erzählt. Nicht übersehbar dabei ist allerdings, was Brüssel angeht, eine schon in seinem EU-Roman vorherrschende, politische Besserwisserei des Autors, die immer wieder durchschimmert, so als sei die EU unheilbar krank! Auf Dauer jedenfalls stört das ziemlich, und auch wenn es womöglich satirisch gemeint ist, ist es nicht wirklich amüsant!
Bewertung
aus Speyer
5/5
27.02.2026
eBook (ePUB)
Lebenswettlauf statt EU-Bürokratie
Bereits die Lektüre des Klappentextes von Robert Menasses „Die Lebensentscheidung“ weckt unweigerlich Erinnerungen an Kafkas Texte. Kommt es so?
Franz Fiala ist Beamter – mit Haut und Haar. Sein Sujet: Entwicklung des Programms zum Green-Deal der EU-Kommission. Doch davon ist er inzwischen ziemlich genervt, nicht wegen des Themas an sich, sondern wegen der von seiner Arbeit gezeitigten Ergebnissen (quasi keine), und kündigt. In dieser ohnehin „krawallig-tristen“ Stimmung fährt er zu seiner Mutter, die Geburtstag hat (es könnte der letzte sein), ist über ihren Zustand geschockt und entscheidet, ihr seine Zeit zu schenken. Doch während er noch glaubt, seine größte Sorge sei es, seine Mutter über seine Kündigung zu täuschen, wird bei ihm Krebs mit kurzer Lebensprognose diagnostiziert. Wird es ihm gelingen, seine Mutter zu überleben, um ihr das Leid zu ersparen?
Wo beginnt man bei diesem Buch mit seiner Meinung? Vielleicht am einfachsten beim Genre: Ist es eine Novelle? Jain, zumindest nicht im „klassischen“ Sinne: Ja, in Franz‘ Kündigung könnte man zwar als das überraschende Moment sehen, aber letztlich kann das in der Gesamtanlage und von der Tragweiter her ja nur die Krebsdiagnose sein. Die kommt aber recht spät in der Handlung. Figuren bzw. Handlung: Franz und sein Dasein weisen definitiv kafkaeske Elemente auf (seine Resignation wegen der überbordenden Bürokratie, deren Teil er ist; die Gesamtanlage mit dem „Lebenswettlauf“ zwischen Mutter und Sohn; irgendwie auch Franz‘ Motive bzw. Kampf, zu überleben), aber wieder auch nicht, denn Menasse schreibt weniger deprimierend, sondern eher tragikomisch mit trockenem Humor. Womit wir beim Schreibstil wären: Die Geschichte liest sich nicht nur ihrer Kürze, sondern auch des lockeren Schreibstils wegen sehr schnell. Allerdings war mir der Stil streckenweise doch zu einfach (zahlreiche sehr kurze bis Ein-Wort-„Sätze“). Gesamterlebnis: Menasse bzw. „Die Lebensentscheidung“ konfrontiert seine Leserschaft auf erstaunlich leichtfüßige Art mit unangenehmen Themen: Was ist wichtig, entscheidet man wirklich selbst darüber, welches Leben man führt? Existentielle Fragen … 4,5 Sterne, die trotz des Schreibstils aufgerundet werden, weil der Text mich überraschen konnte (Wer hätte gedacht, dass man EU-Politik und den Sinn des Lebens in einem so schmalen Büchlein verquicken könnte?).
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