Zwei Weltkriege, ein Jahrhundert: ein eigenwilliges Leben voller Schönheit, Tragik und Widersprüche. Norbert Gstreins überwältigender neuer Roman – nominiert für den Preis der Leipziger Buchmesse 2026
Norbert Gstrein schenkt uns ein ganzes Menschenleben. Dabei ist jedes Leben zerbrechlich in diesem Roman, der mit einem Axthieb beginnt: Adrians Vater macht ihn als Jugendlichen untauglich für den Ersten Weltkrieg, rettet ihn so vielleicht. Der störrische, zärtliche Mensch, der von da an durch über achtzig Lebensjahre hinkt, ist das Wunder dieses Erzählens. Adrian sieht zweimal seine Welt untergehen, hat zweimal mit jungen Männern zu tun, die weniger Glück hatten als er, und erlebt im Alter die unverhoffte Liebesgeschichte eines Mannes, der zu allem erzogen wurde, bloß nicht zum Lieben. Wie leben im Schatten der Kriege und des Tötens? Mit einem furchtlosen Blick in die Vergangenheit stellt sich »Im ersten Licht« dieser großen Frage der Gegenwart.
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Großer Antikriegs-Roman
Bewertung aus Baden-Baden am 08.04.2026
Bewertungsnummer: 3102572
Bewertet: Buch (Gebundene Ausgabe)
„Adrian war selbst nicht im Krieg gewesen, aber dreimal im Lauf seines Lebens hatte er es mit jungen Männern zu tun, die im Krieg gewesen waren und die dann sein weiteres Leben jeweils für lange bestimmten.“ Mit seinem ersten Satz legt Norbert Gstrein gleich das alles bestimmende Thema seines Romans fest.
Mit Adrian, seinem Protagonisten, genau ein Jahr jünger als das Jahrhundert, geht der österreichische Autor durch die gewaltsame, von Kriegen bestimmente Geschichte des Zwanzigsten Jahrhunderts. Obwohl selbst kein Kriegsteilnehmer, ist Adrian Zeit seines Lebens vom Krieg fasziniert. Dass er nicht, wie die meisten seiner Generation, auf den Schlachtfeldern des Ersten großen Krieges kämpfen muss, hat er seinem Vater zu verdanken. Der, ein einfacher Postbeamter und überzeugter Sozialist, will seinen Sohn vor diesem Los bewahren und haut Adrian mit einer Axt in den Unterschenkel. „In den Krieg zu gehen war nur etwas für Dumme und nichts für seinen Sohn…“ Adrian hinkt seitdem und wird die fehlende Kriegserfahrung immer als einen mit Scham und Schuldgefühlen belasteten Mangel empfinden.
Die drei jungen Männer, die für Adrians Leben bestimmend waren, geben dem Roman Struktur. Chronologisch werden sie in den ersten drei Kapiteln vorgestellt.
Den Beginn macht Ernest Eller, Sohn einer wohlhabenden Adelsfamilie, der mit einer grauenhaften Gesichtsverletzung aus dem Krieg heimkehrt. Seine Eltern verstecken ihn mit ähnlich versehrten Leidensgenossen in ihrer Sommervilla im Salzburger Land und erklären ihn offiziell, auch für seine Verlobte, für tot. Adrian wird viele Tage in der Villa verbringen, wird zum Vertrauten des „ jungen Herrn“. Nach dem Suizid von Ernest Eller nimmt sich dessen aus England stammende Mutter um Adrian an und ermöglicht ihm ein Lehramtsstudium.
Später, als Adrian in Wien an einem Gymnasium Geschichte und Englisch unterrichtet, trifft er auf Martin Baumgartner, dem das mittlere Kapitel gewidmet ist. Bei ihm werden Adrians detaillierte und begeisterte Schilderungen der Schlachten des letzten Krieges auf fruchtbaren Boden fallen. Martin Baumgartner, in dem sich die Figur Kurt Waldheims spiegelt, wird aus Begeisterung für das Heer zum Nazi. Bei einem Fronturlaub besucht der ehemalige Schüler seinen früheren Lehrer und erzählt von Erschießungen im Osten, an denen er beteiligt war. Adrian wird so zu einem frühen Mitwisser von Kriegsverbrechen, doch er schweigt. Aber die Geschichte wird er nie mehr loswerden.
Frauen spielen in diesem Buch, das so sehr den Krieg ins Zentrum stellt, eine Nebenrolle - was nicht verwundert. Kriegsführung war und ist auch heute noch vorrangig ein Handwerk der Männer, Frauen müssen deshalb am Rande bleiben. Außerdem ist Adrian ein Mensch, der sich nur schwer auf Beziehungen einlassen kann. Zögerlich und verstockt strapaziert er die Geduld der Frauen, mit denen er liiert ist. So verlässt ihn seine erste Freundin Karla, ebenso Ehefrau Elfriede. Sie, die wie Adrian auch Geschichte unterrichtet, lässt sich nach dem Krieg von ihm scheiden.
Erst mit Mitte Fünfzig erlebt Adrian eine späte Liebe zu einer Engländerin, die ihren, im Ersten Weltkrieg als Deserteur verurteilten und hingerichteten Bruder, rehabilitieren will. Um diesen Teddy geht es im dritten Teil des Buches. Der zeigt Adrian, „ dass es immer auch eine andere Möglichkeit gab, schließlich konnte man sich jederzeit entscheiden, nicht mehr mitzumachen, welches Risiko auch man dafür in Kauf nehmen musste.“
Die Gespräche mit Vivian und ihre gemeinsamen Spaziergänge in den Downs helfen den beiden, ihre eigenen Kriegstraumata hinter sich zu lassen.
Die Downs, auf die schon im vorangestellten Zitat von Virginia Woolf hingewiesen wird, ziehen sich als zentrales Motiv durch den Text. Für Frau Eller sind sie ein Sehnsuchtsort und Adrian spaziert im dritten Teil durch diese Landschaft. Sie ist als Kontrast zu den Schlachtfeldern zu lesen und ermöglicht Adrian einen Perspektivwechsel. Mit dem Blick übers Meer kann Adrian mit Abstand auf seine Heimat und dessen Geschichte blicken.
Der Text ist voller Andeutungen, Verweisen und durchgängigen Motiven. Auch der sprechende Name „Adrian Reiter“ ist wohl überlegt. Der Zugang zur Adria, zum Meer wird mit Weite, Weitblick, mit Leichtigkeit verbunden. Und das alles ist verschwunden nach dem verlorenen Krieg und dem Ende der k.u. k. Monarchie. „ Wenn uns wenigstens die Adria geblieben wäre. Das Meer würde uns zu sanfteren Menschen machen.“ heißt es gleich zu Beginn im Roman. Und der Nachname „Reiter“ für einen, der nie in einem Sattel saß, aber fasziniert war von der Eleganz der k.u.k. Kavallerie, passt gleichfalls.
Im titelgebenden „Ersten Licht“ waren sowohl die Angriffe im Ersten Weltkrieg, wie auch die Erschießungen im Zweiten und die Hinrichtung des englischen Deserteurs, allesamt schicksalhafte und tragische Momente im Morgengrauen.
Im Epilog besucht der 80jährige Adrian die Lesung eines jungen Autors, in dem man unschwer Norbert Gstrein erkennen kann. Der aber wird der Einladung von Adrian nicht nachkommen, obwohl ihm dieser seine Geschichte verspricht.
In diesem letzten Teil wird auch explizit der Bezug zu Kurt Waldheim hergestellt. Steht doch der ehemalige österreichische Bundespräsident für das Beschönigen und Verdrängen der Nazi- Vergangenheit.
Mit seiner Hauptfigur hat Gstrein einen ambivalenten Charakter geschaffen, keinen Sympathieträger. Und obwohl wir alles aus seiner Perspektive erleben, stellt sich keine Nähe zu ihm ein. Seine Fixierung auf Schlachten, Formationen und kriegerischen Entscheidungen ist nicht nur für seine Ehefrau unbegreiflich. Kann man vielleicht noch Verständnis aufbringen für seine jugendliche Schwärmerei für die Kavallerie, ist seine Verklärung des Krieges später nicht mehr nachvollziehbar . Denn er hatte doch mit den Kriegsversehrten in der Villa eindringlich vor Augen, welche verheerenden Folgen ein Krieg hat. Diese jungen Männer sind stolz und siegesgewiss in den Kampf gezogen und an Körper und Seele versehrt zurückgekehrt. Viele von ihnen werden sich davon nie mehr erholen und ihr Leben selbst beenden.
Wie kann Adrian als Lehrer seine Kriegsbegeisterung an Schüler weitergeben?
Adrian ist der typische Mitläufer, der durch Kriegsverherrlichung, Anpassung und Schweigen schuldig wird.
Der Roman fordert einiges von seiner Leserschaft, nicht nur auf emotionaler Ebene. Er zwingt zum Nachdenken, eröffnet immer neue Aspekte. Gstreins lange Satzbögen erfordern Aufmerksamkeit. Dabei ist der Text elegant erzählt und von sprachlicher Brillanz.
Trotz des historischen Stoffes ist der Roman mit seinen Fragen nach Schuld, Mitverantwortung und Mitläufertum angesichts jetziger Kriege erschreckend aktuell. Zeigt er doch, dass keiner unversehrt aus einem Krieg hervorgehen kann.
„Im ersten Licht“ reiht sich somit ein in die großen Werke der Antikriegsliteratur.
Große Leseempfehlung!
Im Krieg kann man nicht unbeteiligt bleiben
Eternal-Hope aus Österreich am 25.03.2026
Bewertungsnummer: 3088130
Bewertet: Buch (Gebundene Ausgabe)
Auf dem Cover ein Pferd, das seitlich nach hinten blickt. Auf der Rückseite die Information, dass es unter anderem um kriegsversehrte Männer geht in dem Buch. Ein erstes Hineinlesen und es beginnt gleich mit der Beschreibung schrecklicher Entstellungen im Gesicht. Ob das ein Buch für mich sein könnte? Da habe ich länger überlegt und war mir nicht so sicher.
Doch nun habe ich es gelesen und bin sehr froh darüber, denn es ist definitiv eines meiner Jahreshighlights! Diese Tiefgründigkeit, diese Sprache! Wie sich subtil und gleichzeitig wirkstark gewisse Metaphern immer wieder wiederholen, geschickt eingeflochten in den Fortgang der Erzählung. Von der Welt, die einmal so unschuldig gewesen war und es nie wieder sein würde. Von dem einst jungen Adrian, ein Jahr jünger als das Jahrhundert, nie als Soldat im Krieg gewesen, und doch würde auch er seine Unschuld verlieren. Vom titelgebenden ersten Licht des Tages, in dem die Ruhe der Nacht endet, in dem Kriege beginnen, in dem Verräter hingerichtet werden, oder doch Unschuldige?
Es ist ein Buch, das in mir gedanklich und emotional noch lange nachwirken wird - und ein eindringliches Plädoyer, die Schrecken der Kriege - aller Kriege! - niemals zu vergessen. Ein Thema, das gerade in der jetzigen Zeit erschreckend aktuell ist! Im ersten Weltkrieg wurden so viele Menschen verstümmelt oder getötet, ebenfalls im zweiten, in jedem anderen Krieg und auch jetzt passiert das jeden Tag!
Das Buch selbst ist in drei Teile gegliedert und jeder davon ist einem jungen Mann gewidmet, der das Leben von Adrian auf die eine oder andere Art stark geprägt hat.
Adrian Reiter - der selbst nie reitet, genauso, wie er nie in den Krieg ziehen muss - ist ein "Davongekommener", ein "Verschont-Gebliebener", oder nicht? Und heißt das gleichzeitig, er sei unschuldig geblieben und es klebe kein Blut an seinen Händen? Kann man unbeteiligt bleiben in solchen Zeiten, und wo beginnt die moralische, rhetorische, tatsächliche Mittäterschaft?
1901 geboren ist Adrian am Anfang des 1. Weltkrieges noch zu jung, um eingezogen zu werden, doch der Krieg dauert mehrere Jahre und der besorgte Vater, ein Kriegsgegner und Sozialist, sieht den Zeitpunkt, an dem auch sein Sohn einrücken würde müssen, immer näher kommen. Das will er unbedingt verhindern und sorgt mit einer Axt und mangelhafter Wundversorgung für eine Beinverletzung des Sohnes, die diesem ein lebenslanges Hinken bescheren, aber ihm gleichzeitig die Soldatenlaufbahn ersparen würde.
So begegnen wir kurz nach dem ersten Weltkrieg einem jungen Mann, der fröhlich mit seiner Freundin am Seeufer entlang marschiert und in einer Pension dort untergebrachte ehemalige Soldaten kennen lernt, die speziell im Gesicht schreckliche Entstellungen als Folge der Kriegsverletzungen aufweisen, einer davon Ernest Eller. Hier werden sie vor den öffentlichen Blicken versteckt, ihre Familien schämen sich für sie, manche täuschen lieber vor, der versehrte Sohn wäre am Schlachtfeld den Heldentod gestorben. Den Weg in die Gesellschaft zurück werden die wenigsten von ihnen wieder finden, fast alle werden sich früher oder später das Leben nehmen.
Im zweiten Teil ist Adrian mittlerweile Lehrer für Geschichte (und Englisch) und der zweite Weltkrieg naht heran. Vermutlich als Kompensation dafür, selbst nie im Krieg gewesen zu sein, schwärmt er vor seinen Schülern in höchsten Tönen von militärischen Ehren, heldenhaften Kämpfen und dem Reiterbataillon, und macht sich damit mitschuldig, naive junge Menschen für den Krieg zu begeistern. Insbesondere sein Lieblingsschüler Martin Baumgartner meldet sich freiwillig (was dessen Vater dem Lehrer nie verzeihen wird), wird zum Soldaten, zum Täter, zum Verzweifelten. Sucht immer wieder den ehemaligen Lehrer auf, wenn er ein paar Tage aus dem Krieg nach Hause kommt, wie ein lebendiges Mahnmal für dessen Mitschuld.
Schließlich geht es im dritten Teil um die andere Seite. Die beiden großen Kriege sind vorbei, seit einigen Jahrzehnten herrscht Frieden, und Adrian reist nach England, besucht dort ehemalige Bunker und lernt Vivian kennen, die jüngere Schwester von Teddy Stephen, der sich nach öffentlicher Beschämung durch das Überreichen einer weißen Feder durch die Suffragetten freiwillig als Soldat im ersten Weltkrieg gemeldet hat, entsetzt in einer aussichtslosen Schlacht fliehen wollte und dafür als Deserteur von den eigenen Kameraden erschossen wurde, im ersten Licht des Tages. Wie ist das im Nachhinein zu beurteilen? War er ein Held? Ein Verräter? Einfach ein Mensch, dem alles zu viel wurde?
In diesem umfangreichen und tiefgründigen Roman betrachten wir die erschütterndsten Kriege des 20. Jahrhunderts durch die Augen von Adrian Reiter ein bisschen von außen und sind doch tief drinnen. Emotional zeigt das Buch, dass es nicht möglich ist, ganz außen vor zu bleiben, selbst wenn man nicht aktiv in den Krieg zieht. Wir sind immer Teil des Kollektivschicksals unserer Umgebung, dieses berührt uns, und wir haben eine Verantwortung für alles, was wir tun, unterlassen und bezeugen. Und Krieg ist es schrecklich, es gibt keine Sieger.
Es ist ein überwiegend männlich dominierter Blick auf das Kriegsgeschehen und im Zentrum stehen klar (mehrheitlich junge) Männer als Kriegsbegeisterte, Zwangsverpflichtete, Soldaten, Deserteure, Opfer, Täter, Mitläufer, Zuschauer. Die wenigen Frauen, die im Roman vorkommen, nehmen eher Nebenrollen ein, und das Leid, das der Krieg auch über Frauen bringt, ist nur sehr am Rande Teil dieses Romans. Das ist keine Schwäche des sehr guten Buches, da kein Buch alles behandeln kann.
Insgesamt ist es ein großartiges, vielschichtiges, bildendes und nachdenklich machendes Werk, für das man sich Zeit nehmen sollte, um es in seiner Tiefgründigkeit wirken zu lassen. Auf fast jeder Seite finden sich bemerkenswerte Gedanken und eine eingängige Sprache, das Buch ist äußerst dicht und reichhaltig an Querverbindungen und subtilen Bezügen. Man könnte damit problemlos ein ganzes Semester eines literaturwissenschaftlichen Universitätsseminars füllen, und hätte am Ende noch immer nicht alles Diskussionswürdige besprochen. Dabei schafft der Autor aber gleichzeitig den Spagat, so unterhaltsam zu schreiben, dass es nie langweilig wird - auch wenn es sich insgesamt schon klar um ein anspruchsvolles Werk der gehobenen Literatur handelt, dem ich viele Buchpreise wünsche!
Ich kann es allen, die sich für Zeitgeschichte und hochwertige Literatur interessieren, vor detaillierten Schilderungen von Elend und Verstümmelungen nicht zurückschrecken und sich auf ein besonderes Werk einlassen wollen, von Herzen empfehlen. Für mich war es das erste Werk dieses bemerkenswerten Autors, es wird aber sicher nicht das letzte gewesen sein!
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