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Eine der größten literarischen Wiederentdeckungen der letzten Jahre
Sommer 1940: Die deutsche Armee steht vor Paris. Voller Panik packen die Menschen ihre letzten Habseligkeiten zusammen und fliehen. Angesichts der existentiellen Bedrohung zeigen sie ihren wahren Charakter …
Der wiederentdeckte Roman „Suite française“ von Irène Némirovsky wurde 2005 zur literarischen Sensation. Über 60 Jahre lag das Vermächtnis der französischen Starautorin der 30er Jahre unerkannt in einem Koffer – bis der Zufall dieses eindrucksvolle Sittengemälde aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs ans Licht brachte.
Kundinnen und Kunden meinen
5.0/5.0
Gabrielle
5/5
28.06.2022
Buch (Taschenbuch)
Zeitzeugenbericht über den 2.…
Zeitzeugenbericht über den 2. Weltkrieg im Herzen Frankreichs als Roman Eigentlich sollte dieser Roman Emigrantin Irène Némirovski, geboren im russischen Kaiserreich, eine Art literarische Suite auf ihre Wahlheimat Frankreich werden. Doch das Werk wurde nie beendet, da die schon lange in Frankreich lebende und berühmte Autorin 1942 von den französischen Behörden an die Deutschen verraten und ausgeliefert wurde, wo sie im KZ Auschwitz verstarb. Dieses Wissen ist beim Lesen besonders berührend, wenn man wahrnimmt, wie sehr Frau Némirovski in die Gesellschaft Frankreichs integriert war und dennoch in ihrem Roman die deutschen Besatzer als Menschen mit ebenfalls warmen Gefühlen darstellt. Was die Schilderung der Massenflucht der Pariser anbelangt, erkannte ich eine Verbindung zu dem Erlebnisbericht des ebenfalls französischen Autors Léon Werth in 33 Tage. Gewalt, Verzweiflung, Mangel an allem Lebensnotwendigen verändern unbestreitbar das Wesen der Menschen. Der kalte Egoismus zeigt sich plötzlich ohne Maske gegen das eigene Volk, ja gegen die eigene Familie und Schutzbefohlenen. Angst ist wirklich kein guter Lehrmeister, denn sie erdrückt die Liebe, ob Nächstenliebe oder Liebe zu den einst angestrebten Idealen. Der Tanz zwischen Liebe und Egoismus zeigt sich auch in den anderen Kriegsszenen, etwa als sich ein deutscher Offizier in eine unglücklich verheiratete Französin verliebt. Die verbotene Liebe zwischen den beiden wird als so zart und unschuldig dargestellt, dass sie an dem Hass ihrer Umgebung zerbrechen muss. Aber ich will nicht zu viel verraten. Die Autorin bewies sehr viel Einfühlungsvermögen und Menschenkenntnis in ihrem Roman. Ihre Schreibweise war außerdem sprachlich sehr ansprechend und fein. Die Sätze, trotz oder gerade wegen der Länge und den vielen Verschachtelungen ein Genuss beim Lesen. Ebenso interessant war für mich als Autorin der Anhang mit den Arbeits-Notizen von Frau Némirovski, sowie die Briefe, die ihr Mann auf der Suche nach ihr schrieb. Die ganzen Umstände um den Roman sind sehr berührend. – Im wahren Leben der Familie der Autorin wurden noch Jahre nach ihrer Deportation und Tötung ihres Ehemannes von den französischen Behörden die beiden kleinen Töchter Némirovski akribisch gesucht, um sie ebenfalls in ein Konzentrationslager zu bringen. Doch Freunde der Autorin versteckten die Kinder, die dieses Manuskript ihrer Mutter im Koffer hatten, immer wieder aufs Neue. Leider sind die geschilderten Szenen des Flüchtlingszuges der Franzosen vor dem Angriff der Deutschen auf Paris von einer erschreckenden Aktualität. Da der Mensch aus seiner Geschichte nichts dazulernt, bleiben solche literarischen Zeitzeugnisse leider immer aktuell. Unbedingt lesenswert!
Susanna Wiedermann
aus Wien
5/5
25.04.2021
Buch (Taschenbuch)
Krieg als persönliches Erlebnis
Irène Nemirsovsky war eine bekannte Autorin im Paris der 30er-Jahre. Nach Ausbruch des Zweiten Weltkrieges und dem Einmarsch der Deutschen in Frankreich wurde sie 1942 nach Auschwitz deportiert, wo sie wenige Wochen später verstarb. Das Manuskript, das 2004 als Suite française erstmals veröffentlicht wurde, konnte von Nemirovskys Tochter auf der Flucht vor den Nazis gerettet werden. 60 Jahre später entzifferte die Tochter die Aufzeichnungen und ließ den Roman publizieren. Im Anhang dieser Ausgabe finden sich noch persönliche Notizen der Autorin sowie Korrespondenzen über den ungewissen Verbleib Nemirovskys nach ihrer Deportation.
Der Roman besteht aus zwei Teilen. Der erste Teil beschreibt die Massenflucht der Pariser Bevölkerung angesichts der einmarschierenden Deutschen. In der größten Not wird das wahre Gesicht der Menschen offenbart. Während die einen ihre Wohltätigkeit und Güte behalten, gilt für die anderen das Motto: Jeder ist sich selbst der Nächste. Der zweite Teil ist in einem besetzten Dorf in der Provinz angesiedelt. Die Einwohner müssen in ihren Häusern Platz für ihre Besetzer machen und auf engstem Raum zusammenleben. Die Dorfbewohner, stellvertretend für das besiegte Frankreich, zeigen ganz unterschiedliche Reaktionen auf ihre deutschen Besatzer. Während die einen mit völliger Ablehnung reagieren, versuchen andere auch die Menschen hinter der Soldatenuniform zu sehen.
Das Ende des Romans bleibt freilich offen, das Irène Nemirovsky selbst das Ende des Krieges nicht mehr erlebte.
Bewertung
aus Braunschweig
5/5
25.04.2021
Buch (Taschenbuch)
Packend und mitreißend
Es ist nicht nur ein historischer Roman - es ist eine Geschichte, in die der Leser eintaucht und die nicht mehr enden soll.
Ein Spiegel der Zeit - unterschiedliche Charaktere, die ein Stück ihres Lebens in den Wirren des zuende gehenden zweiten Weltkrieges begleitet werden. Die Fäden dieser Geschichten in der Geschichte führen immer wieder zusammen. Spannend und komplex.
Auch wer sich mit diesem Thema nicht wirklich anfreunden kann, wird mit diesem Buch seine große Freude haben.
Irène Némirovsky hat die Manuskripte noch weitergeführt, aber leider nicht mehr beenden können. Am Ende dieses Buches wünschte ich mir, dass sich jemand findet, der diese wunderbare, romantische, aber auch traurige Geschichte zu Ende schreiben wird.
C. Welser
aus Salzburg
5/5
25.01.2019
Buch (Taschenbuch)
Freund oder Feind
Ein wertvolles, berührend geschriebenes, leider unvollständig gebliebenes Romanfragment von Irène Némirovsky. Die Zeit während der deutschen Besatzungsmacht in Frankreich wird mit einem Blick fürs Detail geschildert, die Figuren bleiben jedoch im Fokus der Erzählung. Die Tragik der Zeit spiegelt sich stark in ihnen wider und macht die Geschichte zu einem sehr packenden Leseerlebnis.
Bories vom Berg
aus München
5/5
08.08.2014
Buch (Taschenbuch)
Ein literarischer Live-Mitschn…
Ein literarischer Live-Mitschnitt Dieses posthum, mehr als sechzig Jahre nach dem Tode der jüdischen Autorin erstmals veröffentlichte Romanfragment wurde in Frankreich als literarische Sensation gefeiert, was erstaunlich ist, wird doch die «Grande Nation» darin alles andere als ruhmreich beschrieben. Irène Némirovsky lebte als russische Exilantin und Schriftstellerin in Paris, wo ihr 1929 mit dem Roman «David Golder» der Durchbruch als Autorin gelang. Ihr Opus magnum «Suite française» blieb unvollendet, fertig wurden nur die ersten beiden Teile des fünfteilig angelegten Epos über den Zweiten Weltkrieg aus französischer Sicht. Wie man ihren im umfangreichen Anhang des Buches abgedruckten Notizen entnehmen kann, hatte sie dabei durchaus auch Tolstois «Krieg und Frieden» im Blick, wobei sie ihren Roman allerdings als zeitnah entstehende und damit bestmöglich authentische Erzählung nicht im Nachhinein, sondern quasi als Live-Mitschnitt niederschreiben wollte. Sie arbeitete bis unmittelbar vor ihrer Verhaftung am 13. Juli 1942 an ihrem Manuskript, einen Monat später starb sie in Auschwitz. Der erste Teil des Romans mit dem Titel «Sturm im Juni» behandelt den bevorstehenden Einmarsch der deutschen Truppen 1940 in Paris. In Panik fliehen viele Franzosen Richtung Süden, wobei auf den heillos verstopften Fluchtwegen schließlich niemand mehr voran kommt, alles im Chaos versinkt. Némirovsky baut hier ein umfangreiches Figurenkabinett auf mit den verschiedensten Charakteren, die sie kapitelweise abwechselnd in etlichen parallel verlaufenden Strängen der Handlung auftreten lässt. Sie schafft damit ein großformatiges Panorama der französischen Gesellschaft, dargestellt speziell unter den moralischen Aspekten einer Ausnahmesituation wie der des Krieges. Vom einfachen Bauern über die verschiedenen Schichten der Bourgeoisie bis in höchste Kreise der Regierung hinein zeigen die Menschen ihr wahres Ich, sind Feiglinge oder Helden, Aufrechte oder Lumpen, der Exodus entlarvt allenthalben böse charakterliche Mängel. Und auch historische Gesichtspunkte sind im Spiel, wie man ihren Notizen entnehmen kann: «Niemand wird wissen, wie es zugegangen ist, es wird um alles eine solche Verschwörung aus Lügen geben, dass man daraus wieder einmal eine glorreiche Episode der französischen Geschichte machen wird». Unter dem Titel «Dolce» wird im zweiten Teil, ein Jahr später, im Sommer 1941, die Okkupation im Dörfchen Bussy beschrieben, wobei die von General de Gaulle denn auch prompt heroisch verklärte Résistance der Franzosen hier von der Autorin als kleinmütiges Wegducken, als bloßes Ignorieren und ängstlich verborgenes Verachten der deutschen Besatzer dargestellt wird, die man bauernschlau übervorteilt, wo immer es geht. Insgeheim, zuweilen auch offen, bewundert man aber die einquartierten Soldaten, sie werden als korrekte, nette und oft auch gebildete Männer geschildert, mit denen man bald schon gute Kontakte hat, mehr noch, es entstehen natürlich auch zarte Liebesbande. Mit der Kriegserklärung gegen Russland endet dieser Teil dann ziemlich abrupt, alle deutschen Soldaten werden an die neue Front verlegt. Dieser unter allen literarischen Aspekten großartige Roman ist ebenso aufwühlend wie das Schicksal der Autorin selbst, die ihren Tod voraussah, obwohl sie das Thema Judenverfolgung mit keiner Silbe erwähnt. «Gefangenschaft», «Schlachten» und «Frieden» sollten die drei folgenden Teile betitelt werden, wie wir aus ihren Notizen wissen, und dort sind auch ihre Überlegungen nachzulesen, wie sie die Fäden der Handlung zu verknüpfen gedachte, alles natürlich unter dem Vorbehalt der realen Entwicklung. Ein grandioses Werk zweifellos, die ergänzenden Informationen über seine Entstehung, die abenteuerliche Wiederentdeckung und seine Schöpferin aber machen es einzigartig.
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