Ein berühmter italienischer Tenor wird während der Aufführung von Puccinis "Tosca" auf offener Bühne erschossen.Die Kinder des Täters, die Zwillinge Patrice und Patricia, reisen nach Berlin, um zu verstehen, wie es zu dieser Tat kommen konnte. Schicht für Schicht legen sie die Beweggründe frei, die ihren Vater, einen legendären Klavierstimmer und glücklosen Opernkomponisten, zur Waffe greifen ließen.
Jahre zuvor waren sie vor ihrer inzestuösen Liebe in verschiedene Hemisphären geflohen. Ihr Wiedersehen und die zunächst unbegreifliche Tat des Vaters führen dazu, daß sie ihre Sprachlosigkeit beenden und aufschreiben, wie sie ihre einstige Intimität erlebt haben. Ein befreiender Prozeß des Erinnerns beginnt.
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Tiefsinnig, meisterhaft
Barbara aus Forch am 05.07.2023
Bewertungsnummer: 1974656
Bewertet: Buch (Taschenbuch)
Die ersten Kapitel empfand ich sehr langfädig, doch dann...! Der Aufbau des Romans ist hinreissend. Es geht um Zwillinge, eine Tochter, ein Sohn, die sich zu nahe stehen, zudem wird der Sohn von der Mutter grenzenlos vereinnahmt... Die entstandenen gegenseitigen Abhängigkeiten innerhalb der Familie wird so gross, dass Sohn und Tochter ausziehen, jeglichen Kontakt zu den Eltern und zueinander abbrechen. Um diese Trennung zu überstehen, schreiben sie sich Briefe, die sie nie abschicken. Diese Briefe enthüllen Schritt für Schritt die psychologische Not der Familie. Der Sohn beschreibt die tragische Lebensgeschichten der Mutter und ihrem Elternhaus, die Tochter die des Vaters und seiner Sippe. Als der Vater Jahre später einen Mord begeht, kommen die Zwillinge zurück nach Berlin und treffen sich wieder im Elternhaus. Da breitet sich das ganze Familiendrama aus, es kommt zur klärenden Auflösung. PM führt differenziert und spannend, die Entwicklung bis zur unglaublichen Tat, die man dem Vater kaum zugetraut hat. Die Fragen, was das Leben wertvoll und sinngebend macht, stellt sich dabei immer wieder und ist feinfühlig, psychologisch klar in den Verlauf des Romans eingewoben. Die Antworten dazu überlässt er den Lesern. Es ist schriftstellerisch, sprachlich ein Meisterwerk. Ein eher frühes Werk von PM, ein toller Roman.
Pascal Mercier, ein gnadenloser Fragender
Bewertung aus Norderstedt am 06.04.2020
Bewertungsnummer: 1312471
Bewertet: eBook (ePUB)
„ Die Fähigkeit, Erzählungen zu verstehen, statt sie nur zu konsumieren, ist die Fähigkeit, sich durch eine Erzählung verwandeln zu lassen: nach der Lektüre nicht mehr ganz der gleiche zu sein wie vorher, weil ich an anderen und mir selbst etwas Neues verstanden habe. Wenn ich diese Erfahrung mit einer Erzählung mache, erlebe ich sie als fesselnd.“
Diese Zeilen stammen aus der Feder der Philosophen Peter Bieri. Bekannt ist dieser Philosoph auch unter dem Namen Pascal Mercier.
Ich selbst habe bis jetzt nur drei seiner Romane („Das Gewicht der Worte“, „Perlmanns Schweigen“ und „Der Klavierstimmer“) gelesen. Dafür innerhalb kurzer Zeit und in Begleitung seiner anderen Bücher („Wie wollen wir leben“; „Das Handwerk der Freiheit“), die er als Philosoph Peter Bieri schrieb.
Das Motiv seiner Romane ist immer gleich. Weg vom Falschen Gesicht und somit Leben hin zum Richtigen Gesicht und somit Leben.
Die Melodie aber ist immer eine andere. Und das macht seine Romane so unwiderstehlich. Und lehrreich. Denn immer wieder stellt Pascal Mercier dem Leser sie selben Fragen. Immer und immer wieder fragt er: Bist Du Dir sicher, dass Du Dein Leben lebst? Bist Du Dir sicher, dass Deine Worte be-und gelebt und dadurch tatsächlich Deine sind, oder sind sie nur leere, nachgeplapperte Hülsen? Bist Du Dir wirklich sicher, dass Du Dich und Deine tatsächlichen Beweggründe für Dein Wollen und Tun kennst? Bist Du Dir sicher, dass Du nicht an Deinem Leben vorbeilebst? Bist Du Dir sicher, dass Du Dich kennst?
Selten habe ich einen so hartnäckigen Autor, der sich selbst und dadurch seine Leser nicht entkommen lässt, erlebt.
Seine Romane sind vom ersten bis zum letzten Atemzug durchkomponiert. Jede einzelne Note wurde bewusst gesetzt. Jede.
In seinem Roman „Der Klavierstimmer“ beschreibt uns der Autor einen Menschen, der in einem Heim aufwuchs und ein Großteil seines Lebens hofft, endlich den großen Durchbruch als Opernkomponist zu schaffen. Dafür sitzt er Tag für Tag, Jahr für Jahr in seinem Arbeitszimmer und komponiert eine Oper nach der anderen. Alle ohne Erfolg. Wie bekannt dürfte doch vielen diese Tragödie aus dem eigenen Leben vorkommen? Wie oft opfert man Lebenszeit um endlich den sättigenden Erfolg zu erzwingen?
Doch er kommt nicht. Und wenn er kommt, dann ist er alles, nur nicht sättigend.
Und plötzlich ist das Leben zu Ende. Aber war es auch das eigene Leben? Der Klavierstimmer erkennt seine Selbsttäuschung. Erkennt, dass das Komponieren eigentlich nie sein Weg war, sondern nur ein Mittel zum Zweck. Er erkennt, dass er nur ein einfacher, wenn auch sehr bekannter, Klavierstimmer ist. Aber was ist mit all den Jahren vor seinem Erkennen? Wo sind sie? Gab es sie überhaupt?
Es ist atemberaubend, wie Pascal Mercier es schafft, die Schwere dieser Tragik zu vermitteln. Nein, es sind nicht seine Worte. Es ist das Wie. Wie er es schafft, die Leben, die uns seitenlang begleiten und sich entfalten, Schritt für Schritt in einem rasanten Tempo komplett zu entleeren, bis zum Schluss fast nichts mehr von ihren Leben übrig bleibt.
Am Ende des Buches fragt man sich verblüfft: Und nun? Was sollte das Ganze? Eigentlich?
Und genau mit dieser entstandenen Leere, die sich jetzt im Leser gnadenlos ausbreitet, stellt uns Pascal Mercier vor einer unser größten Fragen:
Was ist der Sinn Deines Lebens?
Überleg!
Das Buch war fesselnd.
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