Drei Jahrhunderte, ein mächtiges, friedliebendes Geschöpf und die Lebenswege der Menschen, die von ihm angezogen sind. Iida Turpeinen erzählt in »Das Wesen des Lebens« ausgehend von der ausgestorbenen Stellerschen Seekuh von obsessiven Sammlern und rastlosen Wissenschaftlern, von begeisterten Naturschützern und den Frauen, die an Naturerforschungen immer schon beteiligt waren. Sie zeigt, wie wir Menschen vom unbedingten Begehren nach Erkenntnis angetrieben werden – und wie wir dafür die unwiderrufliche Zerstörung der Natur in Kauf nehmen. Ob auf Großer Nordischer Expedition in der Beringsee im 18. Jahrhundert, 100 Jahre später in der russisch-amerikanischen Kompanie in Nowo-Archangelsk in Alaska oder Mitte des 20. Jahrhunderts auf den Vogelinseln vor Helsinki: Turpeinen lässt uns mit ihrer berührenden Erzählkunst unsere Welt und das Wunder des Lebens mit neuen Augen sehen und verstehen, wie alles mit allem verbunden ist.
Aus dem Finnischen übersetzt von Maximilian Murmann
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Die Welt neu sehen
Wortwandeln am 25.03.2026
Bewertungsnummer: 3088883
Bewertet: Buch (Gebundene Ausgabe)
Wer gerne durch Naturkundemuseen streift und sich fragt, wie es dieses Skelett oder jenes Präparat sorgfältig aufgearbeitet in die Vitrine geschafft hat, welchen Weg es hinter sich gebracht oder welche Geschichte es zu erzählen hat, wird dieses Buch lieben.
Ein solches Exponat, das Skelett der Stellerschen Seekuh, verbindet die Protagonisten der 200 Jahre umspannenden Handlung, von Kamtschatka über Alaska bis ins Helsinki der 50er Jahre.
Die dort beheimatete Autorin Iida Turpeinen hat mit „Das Wesen des Lebens“ einen intensiven, sorgsam recherchierten Roman vorgelegt, der bildet, unterhält und aufwühlt.
Im ersten Teil, der in einem eher berichtenden, wissenschaftlich-distanzierten Stil abgefasst ist, steht der deutsche Arzt und Naturforscher Georg Wilhelm Steller im Mittelpunkt. Er hat es auf abenteuerlichen Wegen bis nach Russland gebracht und wird Teil von Kapitän Vitus Berings Zweiter Kamtschatka-Expedition. Hier, wo das menschengemachte Artensterben seinen Anfang nimmt,m geht es vor allem um die großen ethischen Fragen: ein unstillbarer Wissensdurst und Entdeckerdrang versus brutaler Zerstörung von Lebensräumen und der „Objekte“ des Interesses.
Als Berings Truppe auf einer Insel strandet, werden dort unbekannte, für nordische Gewässer überraschend große Manatis gesichtet. Steller erkennt den wissenschaftlichen Wert der massigen Tiere, doch er muss -wie der Lesende auch- ohnmächtig zusehen, wie die Mannschaft die sanften und wohlschmeckenden Riesen dahinmetzelt. Nach unsäglichen Strapazen verlässt Steller die Insel schließlich nur mit seinen Notizen und Zeichnungen, um der Welt von diesem Wesen zu berichten, das seinen Namen tragen, aber innerhalb weniger Jahre ausgerottet sein wird.
Das einzig erhaltene Skelett der Stellerschen Seekuh beflügelt die im 19. Jahrhundert verbreitete Sammelleidenschaft für „Exotisches“ und geht als Prestigeobjekt durch verschiedene Hände, bis es schließlich Mitte des vergangenen Jahrhunderts seinen Platz im Naturkundemuseum von Helsinki findet.
Damit verbunden lernen wir die restaurierenden Wissenschaftler und Künstler, fördernde Politiker und vor allem ihre interessanten und engagierten Frauen und Assistentinnen kennen, denen Iida Turpeinen hier gebührenden Respekt zollt. Ihre Geschichten auch des Liebens und Leidens, des Erkennens und Zweifelns, sind spannend und sprachlich geschmeidiger, mit mehr Sympathie für die handelnden Figuren erzählt.
Was die großen Themen angeht, entwirft Iida Turpeinen keine fiktiven Szenarien. Die brutale Ausbeutung ressourcenreicher Lebensräume durch eigens gegründete Handelskompanien, die ungeheuerliche Herablassung, mit der Kolonisten den abseits gelegenen Zivilisationen ihre Vorstellung von Kultur aufzwingen, das Abschlachten gewinnbringender Tiere, alles ist bis aufs letzte Robbenfell belegt. Als Lesende bewegt man sich durch ein Wechselbad der Gefühle, von Abscheu und Wut über Resignation angesichts all des Verlorenen hin zu Hoffnung und - was die Autorin am intensivsten weckt- einer unglaublichen Freude angesichts der Schönheit unserer Welt und des Lebens und dem Wunsch, ganz genau hinzusehen.
Wie wir über Leben und Vergänglichkeit nachdenken
Bewertung am 14.09.2025
Bewertungsnummer: 2596007
Bewertet: Buch (Gebundene Ausgabe)
In "Das Wesen des Lebens" verfolgt Turpeinen mehrere Erzählstränge über drei Jahrhunderte hinweg.
Ausgangspunkt ist die Stellersche Seekuh – ein Tier, das entdeckt wurde und dessen Geschichte später tragisch endet.
Parallel begleiten wir Menschen wie Wissenschaftler:innen, Künstler:innen und Alltagsleute, deren Leben und Denken durch diese Entdeckung und ihre Folgen beeinflusst werden. Es geht um das Verlangen nach Erkenntnis und Verständnis, um die Macht der Naturwissenschaft, aber auch um Verlust, Vergänglichkeit und die Verantwortung des Menschen gegenüber der Umwelt.
Was mich besonders berührt hat
Die verschiedenen Erzählebenen: Ich mochte sehr, wie Turpeinen durch die Zeitsprünge zeigt, wie sich Einstellungen zu Natur, Wissenschaft und Leben verändert haben, und wie manche Fragen, Gedanken oder Probleme trotzdem wiederkehren.
Die Balance zwischen Wissenschaft und emotionaler Tiefe: Es sind nicht nur Daten, Fakten und historische Ereignisse, sondern auch persönliche Geschichten, Zweifel, Hoffnungen. Das macht es nicht theoretisch oder kalt, sondern lebendig und nachdenklich.
Die Verbindung zur Gegenwart: Obwohl ein Teil historisch und wissenschaftlich angelegt ist, spürt man, wie relevant die Thematiken für unseren heutigen Alltag sind – Artensterben, menschlicher Einfluss auf Natur, ethische Fragen. Das regt zum Reflektieren an.
Fazit
Das Wesen des Lebens ist ein sehr gelungenes Buch, das mehr will, als zu unterhalten: Es fordert heraus, öffnet Blickwinkel, lässt einen nicht so leicht wieder los. Für alle, die Geschichten mögen, bei denen Wissenschaft, Geschichte und Menschlichkeit ineinander greifen – und die bereit sind, über Leben, Verantwortung und Vergänglichkeit nachzudenken – ist es eine starke Empfehlung.
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