Ein wundersamer, zärtlicher Roman über ein junges Mädchen, das sich mit seiner Rolle bei einem tragischen Verlust auseinandersetzt
Margaret Murphy wächst in einer Welt auf, in der die Wahrheit für ein kleines Mädchen zu viel ist, um sie zu ertragen. Ihre erste Erinnerung ist der Tag, an dem ihre Freundin Agnes starb. Seither denkt sie sich Geschichten aus, um mit der Erfahrung zurechtzukommen.
Niemand gibt Margaret die Schuld. Nicht öffentlich. Ihre Mutter beteuert gegenüber jedem, der es hören will, dass ihre Tochter an diesem Tag nicht einmal das Haus verlassen habe. Allein gelassen, um der Tragödie einen Sinn zu geben, willigt Margaret ein, diese unerträglichen Erinnerungen zu vergessen und sie durch erdachte Geschichten voller Glauben und Magie zu ersetzen, die immer glücklich enden. Doch dann taucht das Hirschtier auf: Ein seltsames und furchterregendes Wesen, das sich unaufgefordert in Margarets erfundene Geschichten einschleicht. Hirschtier wird nicht ruhen, bis Margaret sich der Wahrheit über ihre Vergangenheit stellt.
Herzzerreißend, hoffnungsvoll und mit kühner Fantasie erforscht »Hirschtier« den Weg zum Verständnis der Kinder, die wir einst waren, und der Geschichten, die wir uns selbst erzählen, um die schwierigsten Momente des Lebens zu bewältigen
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Einfühlsamer Roman über Trauerbewältigung!
Jadi aus Montabaur am 29.03.2026
Bewertungsnummer: 3092488
Bewertet: Buch (Taschenbuch)
. Ein außergewöhnlicher Roman über die leisen, oft verborgenen Wege der Trauer- und Traumabewältigung.
Unablässig stellt sich dabei jedoch die Frage, ob dieser Pfad der richtige ist oder nur ein notwendiger Umweg durch das Dunkel.
„Hirschtier“…
ein berührendes Werk, das nachhallt und behutsam ein neues Verständnis für die Eigenart und Tiefe kindlichen Denkens eröffnet. 4/5 ⭐️
. Was erwartet dich genau…
Margaret Murphy wächst in einer Welt auf, in der die Wahrheit zu schwer für ein Kind ist. Seit dem Tod ihrer Freundin Agnes flüchtet sie sich in erfundene Geschichten, die Schmerz in Magie verwandeln und stets glücklich enden.
Niemand gibt ihr offen die Schuld, doch im Verdrängen liegt ihr einziger Halt. Bis das Hirschtier erscheint…
ein unheimliches Wesen, das sich in ihre Fantasien drängt und sie zwingt, sich der Wahrheit zu stellen.
. In „Hirschtier“ folgen wir Margaret durch die erzählte Welt, so nah, als säßen wir in der ersten Reihe ihres Bewusstseins. Wir hören ihr zu, wenn sie sich in ihre Fantasiegeschichten flüchtet,
bis schließlich auch das „Hirschtier“ selbst Gestalt annimmt.
. Die Figuren erscheinen dabei von bemerkenswerter Lebendigkeit, mit all ihren Brüchen, Widersprüchen und Unebenheiten. Ihre Reaktionen auf das Geschehen sind nicht nur glaubwürdig, sondern wirken in ihrer jeweiligen inneren Logik schlüssig.
. Margaret begegnet uns wie ein Kind, das übersehen wird, nicht aus Mangel an Liebe, sondern aus einem Mangel an wirklichem Verstehen. Ihre Mutter und ihre Tante sind fürsorglich, beinahe zärtlich und doch scheint etwas Entscheidendes zu fehlen. Das Trauma, das Margaret prägt, wird von ihnen nicht wirklich benannt, nicht aufgearbeitet. Es wird umgangen, als hätte es nie wirklich existiert.
So nimmt eine ungewöhnliche Form der Bewältigung ihren Lauf. Es ist eine, die befremdlich wirken mag, vielleicht sogar erschreckend und doch erscheint sie erschütternd plausibel. Man ahnt, dass es auch außerhalb der Literatur Menschen gibt, die auf ähnliche Weise versuchen mit dem Unfassbaren zu leben.
. Einfühlsam und mit unbestechlichem Blick zeichnet Oshetsky den Prozess der Verdrängung nach! Das innere Verstummen eines Kindes, dem die Sprache für sein Leid fehlt, weil niemand sie ihm anbietet. In dieser Leerstelle erschafft sich Margarets Seele eine eigene Instanz…
das „Hirschtier“, eine Art inneren Erwachsenen, der das Unsagbare auffängt und zu ordnen versucht. Seine Methoden sind hart, grausam und doch tragen sie den Keim von Notwendigkeit in sich. Inmitten dieser Dunkelheit glimmt ein zarter Hoffnungsschimmer…
die Möglichkeit, dass Margaret eines Tages einen Weg zur Verarbeitung finden könnte.
. Obwohl Margaret im Zentrum der Erzählung steht, lohnt sich ein genauer Blick auf ihre Mutter. In ihren Gesten und Entscheidungen zeigt sich eine tiefe Überforderung, ein Ausweichen vor dem Schmerz, das sich darin äußert, dass sie ihre Zuwendung anderen gibt, jenen, die sie weniger herausfordern. So öffnet sich ein Raum für Fragen…
Ist auch dies eine Form von Selbstschutz? Eine eigene, unbewältigte Verletzung?
Zum Glück bleibt Margaret nicht vollkommen allein. In ihrer Tante findet sie eine Figur, die, so gut sie kann, versucht, ihr Halt zu geben und ihr gerecht zu werden.
So entfaltet sich „Hirschtier“ als weit mehr, als es zunächst scheint! Nicht nur als Geschichte über kindliche Traumabewältigung, sondern als vielschichtiges Familiendrama. Es zeigt, wie schnell Menschen in Muster des Verdrängens flüchten und wie existenziell wichtig es ist, dem Unsagbaren Worte zu geben.
. „Hirschtier“ ist ein berührender, hoffnungsvoller Roman über Erinnerung und Selbstschutz und über die Geschichten, die wir uns erzählen müssen, um zu überleben, wenn uns keine besseren Antworten zur Verfügung stehen.
Eine außergewöhnliche Erzählung
MarieOn am 03.02.2026
Bewertungsnummer: 3034444
Bewertet: Buch (Taschenbuch)
Penobscot ist eine Kleinstadt mit ungeteerten Straßen, vielen Kirchen, vielen Gläubigen und einer Papierfabrik. Dahinter Felder mit mehligen Kartoffeln, Farmen mit Milchkühen, Schweinen und Schafen. Dahinter der Wald, in dem Kinder spielen. Dort leben auch wilde Männer, die Kinder mit Rotwild verwechseln und auf sie schießen. Die Elche sind reizbar und wehrhaft. Wer unter ihre Hufe gerät, überlebt selten. Dort lebt auch eine Frau, stark, wütend – gut. Eine Kriegswitwe Florence und die liebt ihre Nachbarin Ruby. Florence arbeitet im Ort an der Mittagstheke, dort bezirzt sie die Männer, weil sie es noch nicht aufgegeben hat. Ihre Schwester Dolly arbeitet in der Papierfabrik. Beide leben in einem Haus und erziehen die kleine Margaret, Florences Tochter, die mit vier anfing, die ersten Engel zwischen Grashalmen zu sehen. Die Nachbarin Ruby Bickfort ist eine Gefallene. Ihr Mann haute ab, als Agnes gerade geboren war. Agnes ist Margarets beste Freundin und im Gegensatz zu Margaret ist sie energisch und standhaft wie ein Zinnsoldat.
Seit dem Tag der Schulhofüberschwemmung schreibt Margaret Geschichten, die gut enden. Nein, sie geht noch nicht zur Schule, denn sie ist ja erst vier. Sie kann lesen, weil sie Dolly schon ewig über die Schulter blickt, wenn die ihre Bibelverse vorliest. Margaret hat sich eine Geheimsprache ausgedacht. Sie schreibt in kleinen Zeichen, die nur sie versteht. Am Tag der Schulhofüberschwemmung hat Margaret Agnes Zuhause abgeholt und sie sind die Straße runtergelaufen. Agnes hat sich im Schlamm auf dem Schulhof gewälzt, aber Margaret wollte nicht mitmachen. Sie sind zu Agnes zurückgelaufen und haben sich in den Schuppen geschlichen. Agnes wollte unbedingt „Erwacht Prinzessin“ spielen und stieg in den alten Fischkühler. Margaret sollte den Deckel schließen, bis zehn zählen und dann die Prinzessin wieder herauslassen, aber sie bekam den Verschluss nicht mehr auf.
Fazit: Claire Oshetsky hat eine außergewöhnliche Geschichte geschaffen. Ihre Protagonistin Margaret verliert auf tragische Weise ihre beste Freundin. Sie kann mit niemandem darüber reden. Ihre Mutter hilft ihr aktiv das Ereignis zu verdrängen. Es bleibt ein diffuses Gefühl, einen großen Fehler begangen zu haben, das sie mit erfundenen Geschichten kompensiert. Für Agnes Mutter Ruby ist die Trauer überwältigend, bis sie Margaret beschuldigt, für den Tod ihrer Tochter verantwortlich zu sein und damit ein Hirschtier in Margaret zum Leben erweckt. Für Margaret war der psychische Zusammenbruch Agnes Mutter nicht fassbar. Ihre eigenen Gefühle spiegelten eher ein Vermissen wieder. Was mir gut gefallen hat, ist zu zeigen, wie sich ein Kind fühlt, das glaubt schuld am Tod der besten Freundin zu sein und dieses Hirschtier, das ihr ins Gewissen beißt, ganz alleine tragen muss. Ebenso hat die Autorin einen geübten Blick auf die Erwachsenen geworfen, die ihre eigene Verantwortung auf die damals Vierjährige abwälzen. Zu Anfang fand ich die einfache Sprache großartig, später nicht mehr so angemessen. Die Geschichten, die Margaret erfindet, hat die Autorin zum Teil mit der immerwiederkehrenden Anfangsszene eingeleitet, das fand ich hilfreich und gut gelöst. Dieser Linie ist sie aber nicht immer treu geblieben und das war für mich verwirrend. Eine sehr spezielle Geschichte mit einem soliden Grundgerüst über Trauma, Verlust und Schuld. Und sicher eine Herausforderung für die Autorin, die hiermit den Janet Heidinger Kafka Prize for Fiction 2025 gewonnen hat.
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