Mit Fakten und Fiktion erzählt Titus Müller eine große Geschichte vor dem Hintergrund historischer Ereignisse
Asta arbeitet als Dolmetscherin im Kurhotel »Palace« in Mondorf-les-Bains, wo die US-Armee gefangengenommene Nazi-Größen interniert. Am 20. Mai 1945 reist ein neuer Gast an. Er bringt 16 Koffer, eine rote Hutschachtel und seinen Kammerdiener mit. Es ist Hermann Göring, Oberbefehlshaber der Luftwaffe und Hitlers designierter Nachfolger. Asta übersetzt bei den Verhören, reist dann mit nach Nürnberg zu den Prozessen und wird jeden Tag im Gerichtssaal anwesend sein, die abscheulichsten Dinge zu hören bekommen und sie zudem ins Englische übertragen müssen. Umso empfänglicher ist sie für Leonhard, ein junger, sensibler Mann, der ihr sanft den Hof macht. Doch seine Vergangenheit ist undurchsichtig und er stellt verdächtig viele Fragen zu den Prozessen ...
Kundinnen und Kunden meinen
4.7/5.0
AMCL
aus Wien
5/5
13.09.2025
eBook (ePUB)
Ausgezeichnet recherchierter Roman über den Nürnberger Kriegsprozess
Der deutsche Autor Titus Müller hat sich in seinem neuen Werk mit einem äußerst düsteren, aber umso wichtigerem Thema der deutschen Nachkriegszeit beschäftigt, nämlich dem Nürnberger Prozess und hat ihn geschickt aufbereitet.
Anhand der fiktiven, amerikanischen Dolmetscherin Asta, die gerade zu Göring ein anfangs ungeklärtes Naheverhältnis hat, wird die Geschichte der Nazigrößen, die sich zu Beginn in einem Kurhotel in Luxemburg befinden, bis zu ihren Verhandlungen im Nürnberger Prozess geschildert. Daneben gibt es noch andere Handlungsstränge, die ebenso spannend dargestellt werden. Mit dem Kind Robert, das im zerbombten Nürnberg ohne Vater aufwachsen muss, kommt eine berührende Note in den Plot von Kriegsverbrechern, Verhören und Geheimdiensten. Auch Asta arbeitet für einen Geheimdienst, verfolgt aber durchaus eigene Ziele, von denen sie sich trotz der aufkeimenden Zuneigung zu einem Gefangenen namens Leo nicht abbringen läßt. Er dagegen schleust sich bei einer Gruppe von Nazis ein, die Göring aus dem Gefängnis befreien möchte. Seine Absichten dabei sind noch unklar, was sein Verhältnis zu Asta belastet. Diese ist als Dolmetscherin bei den Prozessen sehr gefordert, vor allem das Auftreten von Göring, mit dem sie noch eine Rechnung offen hat, missfällt ihr. Dem amerikanischen Hauptankläger, Robert H. Jackson fällt es ebenfalls schwer, sich mit dem schillernden Göring auseinanderzusetzen, der sich wie alle anderen Angeklagten sich für nicht schuldig erklärt.
Der Handlungsstrang zur Verschwörung von Alfred Naujocks zur Befreiung Görings ist manchmal schwer zu lesen, da am Anfang des Kapitels oft nicht ganz klar ist, aus wessen Sicht die Geschichte weitererzählt wird, was aber die Spannung zusätzlich erhöht.
Asta dagegen wird in das sehr gefährliche Spiel des russischen Geheimdienstes hineingezogen, schlussendlich muss sie sich aber für die richtige Seite entscheiden. Sie ist nicht nur klug, sondern kann sich auch gegenüber den vielen Männern behaupten, die ihr nicht unbedingt trauen. Obwohl sie sympathisch und warmherzig ist, möchte sie dennoch aus persönlichen Gründen, die in ihrer Vergangenheit liegen, dass Göring verurteilt wird. Dass sie dennoch Görings Frau besucht, um ihr einen Brief ihres Mannes zu geben, obwohl diese am Tod ihrer geliebten Tante schuld ist, beweist, dass sie Herz hat und auch verzeihen kann.
Ihre Liebe, Leo wird anfangs etwas blass geschildert, gewinnt aber im Laufe der Geschichte an Kontur, insbesondere im Wiedersehen zu seiner Frau und zu seinem Sohn Robert. Da seine Frau nicht auf ihn gewartet hat, wie so viele andere Soldatenfrauen, und sich einen Freund , der sie versorgt, zugelegt hat, ist seine Heimkehr von widerstreitenden Gefühlen überschattet. Seine Zuneigung zu Robert ist jedoch echt, er möchte ihm wieder ein Vater sein, was ihm angesichts des Auftrages, den er noch ausführen muss, schwer fällt. Immerhin möchte er die Befreiung Görings verhindern und riskiert dabei sein Leben.
Titus Müller ist es gelungen, ein äußerst spannendes Buch mit exzellent recherchiertem historischem Hintergrund zu schreiben, das beeindruckt und das viele Persönlichkeiten der Nachkriegszeit authentisch darstellt, ohne dabei belehrend zu wirken. Seine Sprache ist klar und deutlich, sein Schreibstil flüssig und er versteht es, die Leser in Atem zu halten. Das Nachwort und die Leseliste habe ich auch sehr informativ gefunden und hat mich dazu verleitet, mich mehr mit dem Thema zu beschäftigen -auch wenn es düster ist. Von vielen historischen Fakten habe ich gar nichts gewußt, wie z.B. wie der Krieg in Polen tatsächlich angefangen hat und über das Massaker in Katyn.
Das einzige was mir beim Schluss gefehlt hat, war die Reaktion Astas auf Görings Selbstmord, das wäre auch noch sehr interessant zu lesen gewesen.
Bewertung
4/5
07.12.2025
eBook (ePUB)
Die Dolmetscherin
Hätte ich nicht kurz vorher die Arte-Dokumentarserie über die Nürnberger Prozesse gesehen, hätte mir das Buch besser gefallen. So war vieles bekannt. Die Beschreibung des Elends im zerbombten Nürnberg hat mich sehr bewegt, und ich habe mit den Personen mitgelitten, insbesondere mit dem kleinen Robert auf seiner verzweifelten Suche nach dem verschollenen Vater.
Göring kommt gut rüber, Asta, die Dolmetscherin fand ich etwas blass.
Trotzdem 4 Sterne von mir
Monika Schulze
5/5
17.01.2026
Buch (Taschenbuch)
Eine klare Leseempfehlung
Mich fasziniert es immer, wie Autor*innen es schaffen, Fiktion mit Realität zu verbinden. So wie bei "Die Dolmetscherin" von Titus Müller aus dem Heyne Verlag.
Hier wird die fiktive Übersetzerin Asta als Dolmetscherin für die Nürnberger Prozesse eingesetzt. Natürlich wusste ich, was im Grunde in dieser Geschichte passieren wird, denn über diese Zeit und Ereignisse drum herum gibt es viele Berichte, aber für mich war es doch nochmal etwas anderes, das Ganze aus Astas Sicht zu erleben. Für mich war das genau das Richtige, denn dadurch hat man zum einen einen "Augenzeugen" zum anderen aber auch ein wenig Abstand, da Asta nicht real ist.
Trotzdem hat es mich erneut schockiert und verwundert, wie unterschiedlich die Reaktionen der Beteiligten doch waren. Die einen geben sich unwissend und weisen jede Verantwortung von sich, die anderen verteidigen sich oder sind immer noch der Meinung, das Richtige getan zu haben oder dass es doch gar nicht so schlimm war, wie behauptet. Titus Müller hat das in seinem Buch noch einmal gut herausgearbeitet und dem Leser*in nahegebracht. Mich hat es dabei wieder richtig geschüttelt und obwohl ich weiß, dass die Schilderung den Tatsachen entspricht, kann ich es trotzdem nie glauben. Wie konnten sie nur?!
Ich konnte Asta nur bewundern (auch, wenn sie selbst fiktiv ist, gab es doch wirklich Menschen, die bei den Nürnberger Prozessen übersetzt haben), wie kann man bei dieser Arbeit neutral bleiben? Aber es war auch sehr interessant bei ihrer Tätigkeit hinter die Kulissen zu schauen. Und obwohl ich schon so viel vom Inhalt des Buches wusste, war es durch die Protagonistin doch spannend und ich konnte das Buch kaum weglegen, weil ich so vereinnahmt wurde.
Oliver_L
aus Wien
5/5
25.09.2025
Buch (Taschenbuch)
Zeitgeschichtlicher Thriller aus schwerer Zeit
Dieses Buch führt uns in eine zugleich düstere wie hoffnungsvolle Epoche: Nämlich die Zeit direkt nach der Kapitulation und dem Zusammenbruch des Dritten Reiches 1945/46. Schon aufgrund des Buchtitels ist klar, dass Asta, die titelgebende Dolmetscherin, die Hauptfigur ist. Recht bald wird angedeutet, dass sie Pläne hat, die übers Überleben und Übersetzen hinaus gehen; die Hintergründe werden nach und nach aufgedeckt. Meinem Eindruck nach überraschend früh erfährt man von ihrer Verbindung zum Geheimdienst der Sowjetunion, und bald auch davon, dass sie als Kind (mit ihrer Mutter) mal Göring begegnet ist, auf den sie es insbesondere ›abgesehen‹ hat. Warum, bleibt anfangs unklar.
Die zeitgeschichtlichen Hintergründe wirken gut recherchiert, und einiges wird am Schluss des Buches erklärt. Ein Großteil der Aussagen der historischen Figuren (Chefankläger Jackson, Gefängnisleiter Andrus und natürlich die gefangenen NS-Größen) beruhen offenbar auf historischen Aufzeichnungen bzw. Erinnerungen.
Unter den mehr oder minder befreiten Deutschen wird nur eine Handvoll namentlich und wohl exemplarisch eingeführt: V.a. Leo, ein desillusionierter Ex-Soldat, der sich aber seine Menschlichkeit bewahrt hat; außerdem der Junge Robert, der sich mit seiner Mutter Charlotte mehr schlecht als recht durch das Nachkriegs-Chaos durchschlägt und von dem sich recht bald herausstellt, dass er Leos Sohn ist.
Mit Leo tritt Asta bald in Kontakt: Anfangs ist er für sie Mittel zum Zweck, aber allmählich vertieft sich die Beziehung. Angesichts des unterschiedlichen Werdegangs von Mann und Frau entwickelt sich die Beziehung überraschend unkompliziert.
Beim Nürnberger Prozess muss Asta recht rasch das Synchron-Dolmetschen lernen, ein damals noch junges Verfahren. Recht geschickt werden dabei Ausschnitte aus der Verhandlung verknüpft mit Zwischenbemerkungen zu der Übersetzerin, die das Geschehen natürlich nicht unberührt lässt.
Im Hintergrund läuft unterdessen eine Verschwörung zur Befreiung von Göring, was etwas Action in die Sache bringt; in diese wird auch Leo als eine Art verdeckter Ermittler verwickelt. Alfred Naujocks, der Chef-Schurke, ist, wie mir Wikipedia verrät, tatsächlich eine historische Figur. Hier erinnert er mich an eine Schurken-Figur aus einem Dan-Brown-Buch: Brillant, bedenkenlos und leicht durchgeknallt … Nach und nach wird auch klar, worum es Astas Kontakten auf russischer Seite vor allem geht: Nämlich um die Hintergründe des Massakers von Katyn – beziehungsweise darum, diese unter den Teppich zu kehren oder den Deutschen die Schuld dafür in die Schuhe (bzw. in die Wehrmachts-Stiefel) zu schieben.
Erzählt wird immer von einem allwissenden Erzähler, der aber sozusagen abwechselnd in die Köpfe der Haupt-ProtagonistInnen schlüpft und deren Gedanken wiedergibt. Das ist effektiv, wirkt aber manchmal etwas bemüht, wenn etwa von einem Absatz zum nächsten eine Szene erst aus der einen, dann aus der anderen Sicht wiedergegeben wird, etwa bei dem ersten Zusammentreffen von Naujocks und Andrus.
Nach und nach werden recht geschickt zeitgeschichtliche Fragen (Katyn und eben der Prozess von Nürnberg) verquickt mit den persönlichen Geschichten um Asta und Leo. Es gibt sogar einen regelrechten ›Showdown‹ samt Schießerei! Das Ende ist dann meinem Eindruck nach überraschend ungetrübt. Dass der Befreiungsversuch misslingt, ist sicher kein Spoiler und dürfte wohl selbst für die historisch unbedarftesten LeserInnen keine Überraschung sein; somit nimmt das naturgemäß etwas an Spannung. Diese wird dafür dadurch aufrechterhalten, dass Astas Motivation erst nach und nach aufgedeckt wird.
Hilfreich, wie gesagt, sind die historischen Anmerkungen am Schluss. Was mich noch interessiert hätte: Gab es jenes Vermögen, das Göring versteckt haben soll, wirklich, und wenn ja, wurde es gefunden?
Ich fand die Lektüre jedenfalls lohnend; das Buch liest sich flott, ist aber trotzdem alles andere als leichte, seichte Unterhaltung.
Jojo
5/5
17.09.2025
Buch (Taschenbuch)
Zwischen Schuld, Wahrheit und Verrat – ein Roman, der nachhallt
Mit „Die Dolmetscherin” legt Titus Müller einen eindrucksvollen historischen Roman vor, in dem er Fakten und Fiktion gekonnt miteinander verwebt. Die Geschichte handelt von Asta, die zunächst im Kurhotel „Palace“ in Mondorf-les-Bains für die Amerikaner als Dolmetscherin arbeitet und schließlich bei den Nürnberger Prozessen eingesetzt wird. Dort muss sie nicht nur die unfassbaren Grausamkeiten der Nazi-Verbrechen übersetzen, sondern auch ihr eigenes Gewissen prüfen.
Besonders gut haben mir die Einblicke in die Arbeit der Simultanübersetzer gefallen: die enorme Konzentration, die dieser Beruf erfordert, und die psychische Belastung durch die Grausamkeiten der Verhandlungen. Asta ist eine starke und zugleich empathische Frau, die sich in einer Männerwelt behaupten muss. Gleichzeitig spielt sie ein gefährliches Doppelspiel, denn auch der russische Geheimdienst fordert ihren Einsatz.
Die Begegnung mit Leonhard bringt eine weitere Ebene in die Geschichte: Vertrauen, Liebe und Verrat liegen nah beieinander und die Frage, ob er Freund oder Feind ist, bleibt lange bestehen. Besonders berührend fand ich zudem die Schilderungen rund um Leonhards Sohn Robert, der trotz seiner schwierigen Lebensumstände Hoffnung und Menschlichkeit verkörpert.
Titus Müller ist es hervorragend gelungen, die Atmosphäre der unmittelbaren Nachkriegszeit einzufangen. Durch die Verbindung von belegten Fakten und ausgedachten Handlungssträngen entsteht ein dichtes Bild, das fesselnd und erschütternd wirkt. Auch moralische Fragen nach Verantwortung, Schuld und Vergebung ziehen sich wie ein roter Faden durch das Buch.
Für mich war „Die Dolmetscherin” ein packender Roman, der nicht nur spannende Unterhaltung bietet, sondern auch zum Nachdenken anregt und lange nachhallt.
⭐️⭐️⭐️⭐️⭐️ von 5 Sternen – eine klare Leseempfehlung für alle, die historische Romane mit Tiefgang lieben!
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